November 20, 2016Keine Kommentare

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Ich habe die Bücher gezählt über diese eine alte Stadt; ich kam auf zwei. Dann diese andere Stadt, die von früher, Regalreihen voll, als hätte jemand dafür bezahlt, als hätte jemand sich Mühe machen müssen. Dann also diese eine alte Stadt mit den zwei Reiseführern, da irgendwo, eingequetscht von Land und Wasser.
Man kann fast alles erfahren, denn im Winter sehen die Leute in den Verkehrsmitteln bestimmt alle gleich aus, sie starren sowieso zumeist auf ihre Telefone und einander nicht mehr in die Augen.

An manchen Stoffen hängt viel Faden herab, so, als wäre das gewollt, aber dann sind die Züge wieder zu voll und ich kann dir nichts erzählen, aufzeichnen, aufschreiben, das von nachhaltiger Natur wäre, schließlich passiert gerade nichts. An sich ist das in Ordnung, schließlich ist eine Stadt per se nicht aufregender als die andere, es geht um die Menschen, mit denen du sie teilen willst.

Am Halleschen Tor stehen sie auf der anderen Seite und schauen mir beim Schreiben zu. Anschlussverbindungen und Leute, die sich ihre Rücken einrenken, der Geruch von Restalkohol und frisch Erbrochenem.
In das Dunkle starren, das tagsüber ein Park ist, könnte auch ein Tunnel sein, wüsste ich es nicht besser.

(Local Natives - Wide Eyes)

November 17, 2016Keine Kommentare

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Am Ende meiner Straße steht das Wasser in einem Graben, Fahrräder rollen durch den Schlamm. Jeden einzelnen Beleg aufgehoben, ähnlich wie die Fotos davon, hiervon. (Und die Metaebene, die prangere ich an.)
J, der sagt, dass man mehr geben als nehmen sollte. Sich bei dem Gedanken zu ertappen, dass sich das Geben potenziert. Sehen, dass Netze funktionieren, die man begonnen hat zur Sicherheit aufzuspannen, vor langer Zeit. Für den Fall der Fälle.

Wollte schreiben, da in der U-Bahn, konnte nicht, auf einer Karte sieht das alles sehr klein aus, als könnte man alles zu Fuß erreichen, als könnte ich das alles mit dem Finger nachfahren, irgendwo, an einem anderen Fluß.

(Alex Cameron - Happy Ending)

November 15, 2016Keine Kommentare

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ein sehr schmaler Grat in meinem Kopf
zwischen
sie wissen nicht was sie sagen sollen und
sie wollen nichts sagen

das Ergebnis bleibt das gleiche

(Caspian - Some Are White Light)

November 14, 2016Keine Kommentare

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In dem Haus, da am Fluss, da in der Nähe der früheren Mauer, der Grenze, da am jetzigen Hauptbahnhof, in dem Haus, das aussieht wie eine Reise nach Hogwarts, wie eine Reise in dieses andere ähnlich dreinschauende Gebäude auf dem Campus der TU Dresden: Stille. Organe und Fehlbildungen und Krankheiten in Glasbehältern, in Aufbewahrungslösung. Ich lerne: es gab ein Spürwildschwein bei der Polizei, ich denke: dann kann auch ich alles sein.

So langsam wissen, welche Orte gemieden, vermieden werden müssen, an welche man ganz dringend gehen muss. Es treibt mich immer stärker wieder in die Arme von Bahnhöfen, früher verflucht, weil kalt und widerlich, jetzt wie in der anderen Hauptstadt an einem anderen dreckigen Fluss: verweilen um die Sehnsucht zu stillen nach Orten und Geräuschen, die nicht hier sind. An Bahnhöfen fragt niemand, wieso man da ist, man kann sehr lange alleine auf Bänken sitzen, Menschen zusehen, wie sie rennen, wie sie sich begrüßen, wie sie sich verabschieden, Sonntags einkaufen, man könnte sie zeichnen, man kann kathedralenartige Architektur verfluchen, kann Musik hören, der Bundespolizei beim Patrouillieren zusehen, man muss kein Ziel haben, man kann Fernweh haben oder Heimweh, je nachdem, wie sehr man den Ort schätzt, an dem man ist.
Am Ende aber, glaube ich, war das dieser eine Blick, vermutlich dieser eine Blick, der in meiner Erinnerung so langsam beginnt zu verblassen, weil ich nicht genau weiß, was dieser Blick mir sagen will. Ich habe noch immer nicht gefragt, ich nehme an, es ist sowieso zu spät dafür.

Zumindest gehe ich alleine vor die Tür. Als hätte ich wochenlang niemanden gesehen, eigentlich habe ich wochenlang niemanden gesehen, aber der Kopf muss frei werden.

Dann laufe ich in ihn hinein und am Ende laufe ich an ihm vorbei. Ein Seufzen entwischt mir unter der lauten Klimaanlage neben den zugigen Fenstern. Es ist alles gut, es riecht ein wenig nach Staub, ich bin noch nicht einmal traurig. Da war auch nichts.

Am Eingang der Dauerausstellung höre ich zwei Frauen laut reden. Sie sitzen auf einem vereinfachten Modell eines Anatomischen Theaters.
“But did you break his heart?”
“Yes, I did, he was so… claustrophobic around me. He would make me feel guilty about doing things without him.”
“Did you love him?”
“Why would I feel bad about it if I didn’t?”
Ich kann sie noch immer hören, da, vor den historischen Gerätschaften früherer Augenärzte, auch noch kurz vor der Hörsaalruine, in der sie Stühle umräumen und bei denen ich mich frage, wieso sie sie unbedingt in einem Sitzkreis arrangieren wollen.

Manche fahren über meine Freunde hinweg wie LKW, halten danach gelegentlich an und schauen sich um. Manche fahren einfach weiter. Die Angst davor, selbst auch wieder überfahren zu werden und die Erkenntnis, dass ich nur begrenzt etwas dagegen tun kann.

(Lea Porcelain - Warsaw Street)

November 10, 2016Keine Kommentare

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Ich habe mir Push-Benachrichtigungen eingerichtet, damit ich mitbekomme, wenn die ISS über meinen Kopf hinweggleitet. Ein wenig Sicherheit in dem da draußen. Wäre ich mal doch lieber nach London geflogen vor ein paar Monaten.

Es geht hier nicht um mich, man kann mich nicht lesen, das höre ich eines Nachts, manche Dynamiken verstehe ich nicht, davor habe ich Angst. Herr C. redet von früheren Überlebensstrategien, ich will aus meinem Kopf heraus.

Mit vier konnte ich lesen und schreiben, Fraktur, da kann man nicht alles verstehen, wenn man die Schriftform nicht gewohnt ist. Achtundzwanzig Jahre lang gelernt, wie ich alles konkret sagen kann, ohne, dass die Kryptik fehlt. Du könntest auch nach dem Schlüssel fragen. Auf der anderen Seite ist es für die Anderen einfacher - ich bin keine Kunstfigur, ich liege schon lange da, offen, man kann in mir blättern, durch mich scrollen und durch das, was ich denke und mich bewegt, bin buchstäblich fast nackt und ihr seid, du bist angezogen. Weiß nur nicht, ob das bei dir ein T-Shirt ist oder ein Wintermantel, unter diesem noch vier weitere Lagen. Diese auszuziehen tut nicht weh, im Gegenteil, das musst du aber alleine, von alleine, sofern du das willst, das macht niemand für dich.

(Meine Laken und mein Bettzeug habe ich geweißt und ich verschwinde darin ein bisschen, alles viel zu groß und zu klein. Ich brauche Menschen in meinem Leben, die damit umgehen können, wenn ich mal traurig bin und die dann nicht einfach verschwinden.)

Früher habe ich mit Liedern geantwortet. Vielleicht dazu auch noch der Versuch, Worte zu verwenden, eigene. Sich vornehmen, nachzuhaken, wenn man etwas nicht versteht, wenn etwas irritiert. Ich gewöhne mich zu schnell an Menschen und Konversationsintensitäten, im Innenhof haben sie vergessen, das Spielzeug aus dem bald gefrorenen Sand zu nehmen.

(Youth Group - Skeleton Jar)

November 9, 2016Keine Kommentare

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irgendwann habe ich einfach
aufgehört
wegzubröseln
und angefangen
zu bleiben

November 2, 2016Keine Kommentare

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In den U-Bahnen kann man nicht sehen, wie sich die Brustkörbe der Menschen heben und senken, und viele möchten allein mit ihrem Gepäck auf zwei Plätzen sitzen. Gepäck heißt: kleine Handtasche und Lackschuhe, deren Spitzen gewebt sind und dadurch aussehen, als wären sie aus Schlangenleder. Aus der Tasche blinken Zettel hervor, auf denen “Mietkonzept” steht und ich frage mich, wie die Leben der Menschen sind, die nach diesen Konzepten Räume füllen. Auf einmal bekomme ich keine Luft mehr und ich kann mein Herz bis in die äußersten Ränder meiner Ohren schlagen spüren. Nachwehen des Wochenendes. Ohne die beruhigenden Atembewegungen der Anderen rollt etwas über mich hinweg. Ich muss aussteigen.
Der Wunsch nach uneingeschränkter Rückendeckung, vor meinen Augen der Marmor des leeren U-Bahnhofs Mohrenstraße. Schließlich bleibe ich eine halbe Stunde lang sitzen und beginne wieder zu spüren. Der schmale Grat zwischen einem zu viel und einem zu wenig (Denken an Virginia Jetzt und „ich geb immer zu wenig und will immer zu viel“).

Je mehr Türen eine U-Bahn hat, desto mehr können kaputtgehen. Danach fährt der Zug schneller. Auf den Grundstücken über uns ein großes Bewegen und Treiben, selten Ruhe. Es ist leicht, sich jetzt allein zu fühlen.
Das Licht in der Klosterstraße ist kein Normlicht, weit entfernt von 5000 Kelvin und einer Farbe, die Kameras nicht zu etwas machen, das in keinem Fall dem entspricht, was das Auge sieht.

Im Psychrembel findet sich die Steinlaus mit einer Zeichnung von Loriot, eine Seite nach dem Stakkatohusten, der mich an Tom Waits denken lässt und an die schon länger aufzufrischenden Impfungen. Ein alter DDR-Impfpass als Referenz und die Entwicklung meines Gewichts von Geburt an bis zum ersten Lebensjahr.

Man kann alles so sehen, als wäre es das erste Mal, man kann alles so beschreiben, als hätte noch nie jemand darüber geschrieben. Je öfter sie mich fragen, ob es mir gut geht, desto mehr spuken meine Augen in grüner Farbe.
Das war zu erwarten gewesen, schließlich ein Kopfsprung in die Traumata, um die ich mich lange nicht mehr kümmern wollte. Nachwehen, am Nachmittag Migräne und Angst, fast sieben Stunden Schlaf und der bleibende Wunsch nach nachhaltiger, uneingeschränkter Rückendeckung (ein unbewusstes Sabotieren tritt stattdessen ein).

(Choir of Young Believers - Hollow Talk)

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