Dezember 31, 2017Keine Kommentare

171231

Du trägst Murmeln mit dir herum, sie klappern bei fast jedem Schritt. Eigentlich wollte ich dir noch von Günter erzählen und dem Ort da am Wasser am Bahnhof am Betonstrand, wieso weiß ich nicht genau. Eventuell, weil ich schon angefangen habe, darüber zu schreiben. Wenn ich mir selbst ein Echo gebe, geht es für mich um etwas, zumeist um meine Zeit, zumeist um eine Sektion meiner inneren Schichten. Davonlaufen oder stehenbleiben oder beides im gleichen Moment.
Du lässt das alte Jahr ausklingen, ich zeichne an gegen ein Vergessen, nur meinem eigenen Gehirn muss ich im kommenden Jahr noch etwas beweisen. Das meiste ist nur in deinem Kopf, Projektionen, die sich durch die Gesichter und Pixel ziehen, Bildschirmoberflächen und die Suche nach etwas tiefem. Aber dann gibt es da Webseiten und Profile und Menschen, die gleichzeitig existieren und dann doch nicht mehr. Du starrst weiterhin darauf, ich gehe sicher, dass noch alles da ist, ohne selbst etwas zu tun. Von meinem sich weigern, jemanden an die weichsten Stellen meiner Haut zu lassen, den man schnell durchschaut hat, wie bei den anderen, ich langweile mich schnell. Von einem Zeit nach oben zählen. 

Ich trage leise Fragen mit mir herum, irgendetwas zwischen unbekannt und seltsam vertraut, deshalb verschlucke ich mich so leicht an ihnen.
Aber dann: kein Fahren ohne Anfahren. Fahr bitte los.

"I'll take a rest from walking too slow
I'm running too fast"
(WEBERMICHELSON - We take it slow)

Dezember 27, 2017Keine Kommentare

171227

Als gäbe es ein Fass in mir drin, eines, das aufnimmt, was mich umtreibt. Wenn ich will, möchte, muss, kann ich einfach das, was ich fühlen will, denken. Ein Hineindenken als wäre da etwas wie eine wohlig warme Decke, eine, von der ich denke, dass ich sie aushalten und tragen möchte. Früher immer nur ein Hineindenken, heute ein Wollen.

Von einem Gehen und Werden und der Frage, was mein Gehen bedeuten würde, würde ich bleiben können, sollen, dürfen. Ein Herausfiltern eines vielleicht. The suspense is killing me.

"bring yourselves to me"
(Rhye - Count to Five)

Dezember 12, 2017Keine Kommentare

171212

Du lässt dir generell viel Zeit, denke ich weiter und beschäftige mich wieder mit Fragestellungen, die ich alleine nicht lösen möchte. Auf der Haut über meiner rechten Clavicula ein Leberfleck, ansonsten der große Wagen auf dem oberen Teil meines Brustkorbes. Ich frage mich, wie sich eine Berührung davon anfühlt.

Berlinmomente, die sich durch alle Beobachtungen ziehen. Hier ein wenig Psychose, dort etwas viel Einsamkeit. Du vermutest, dass das etwas mit dem Wetter zu tun hat und hastest voran. Splitt, wieder, unter den Sohlen, das Gefühl, als könntest du eigentlich jetzt schon mit dem Schlitten fahren. Über Steine oder Schnee: es ist dir herzlich egal, vielleicht läufst du aber doch lieber.

Deine Muskeln erinnern sich an das letzte Mal, als du sie benutzt hast, ein Wurf nach der länger verschwundenen Kondition hin und Kälte, wenn du dir dann nachts beim Schlafen doch wieder diesen einen Nerv einklemmst und beim Aufwachen lachen musst. So ein Moment.

Du verortest dich regelmäßig, täglich fast, du hörst aufmerksam zu, schreibst gelegentlich mit. Die Poesie der Zwischenzustände, alles auf dem Weg zum Anderen. Wenn du nach etwas Bestimmtem suchst, bist du auch nur an einem zukünftigen Zwischenzustand interessiert. Du weißt, dass du wirst, du weißt, dass du nicht aufhörst zu werden.

Dinge, von denen ich nicht wusste, dass sie durch meinen Kopf fliegen. Ich habe das Gefühl, ich muss mich wieder schreiben.

"it's unfortunate but when we feel a storm"
(Massive Attack - Paradise Circus)

Dezember 3, 2017Keine Kommentare

171203

Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen. Um die Ecke eine Straße, die den Namen meines Geburtsortes trägt. Bist du verwebt in die Textur des Wissens, das du dir hast aneignen müssen seit deiner Geburt, wo fangen die Versatzstücke an, hast du Sollbruchstellen? Wo beginnen deine intertextuellen Bezüge, gibt es da etwas, das größer ist als alles, was du hättest werden wollen?
Vielleicht habe ich von etwas erzählt, aus Versehen, etwas, an das ich mich selbst nicht erinnern kann und will; 256 Varianten von allem. Momente, in denen die Stadt mir näher ist, als ich es gebrauchen kann. War das fahrlässig? Das Paar, das zu einem schief singenden älteren Herren über den leeren Columbiadamm tanzt, Menschen, die sich um die Hälse fallen. Ich laufe jede Rolltreppe sehr schnell hoch, fast so als wäre ich eine Fata Morgana gewesen.

Beim Fotofachhändler meines erzwungenen Vertrauens hassen sie mich, die Alte Schönhauser Straße mag ich nur bei Regen und untergehender Sonne. Hedwig, nicht zu weit entfernt, thront in Ruhe zwischen den Häusern, gelegentlich kann man noch die Synagoge sehen. Das Haus mit den Einschusslöchern, das am Zugang zur Kirche, verlangt nach meiner Berührung. Ich verlange ebenso nach Berührung. In der S-Bahn riecht es noch wie vor drei Jahren.

Vielleicht bist du aber wie eine Pipette, lernst, alles in dir aufzunehmen. Vereinzelte Glanzmomente und dann doch die Prognose von Herrndorf, die dich auch damals schon getroffen hat. Du stellst dir vor, wie er in der Klinik am CCM in seinem Pinguinkostüm sitzt und wartet. Um ihn herum alles still.
Lese mich dementsprechend ein paar Tage später durch die verschiedenen Neoplasien des Körpers und deren WHO-Klassifikation. Ich bekomme den Kopf nicht frei. Hier bauen sie Weihnachtsbäume auf, etwas schief, etwas off-centre. Für mehr Herzlichkeit, für ein Rückbesinnen auf sich selbst, ich mag es nicht, wenn ich zu aufgeregt bin.

Ich beobachte zwischendrin den Fluss der Menschen auf der Straße an dem Bordstein, auf dem ich gerade noch stand, mir ist kalt. Ein bisschen versagt mir die Stimme und ich stelle lieber Fragen. Schon Hölderlin warnte davor, dass man auch in die Höhe fallen kann, ich rieche dein Waschmittel, in dir drin scheinbar auch ein stetes Beben.

"oh you think so much and live so little"
(Kraków Loves Adana - American Boy)

November 16, 2017Keine Kommentare

171116

Sauen I, Brandenburg, 2017

Das meiste könntest du dir noch nicht einmal ausdenken, selbst wenn du es wolltest. Wie du dich verortest und dir einen Zeitrahmen gibst. Ein Hin- und Herhangeln durch Nachrichtensendungen, all die kleinen Dinge, die du nicht mitbekommst, trotz alledem. Vielleicht ist der Wald in Brandenburg die Antwort auf alle Fragen, vielleicht willst du alles zu sehr und befürchtest, du willst nichts so richtig. Dir selbst eine Heimat sein, heimisch sein im eigenen Körper und doch oft schwer verstehen, was die Hülle und ihre Innereien von dir wollen. Blood, in mint condition, leider nicht mehr neu, nicht mehr OVP, nicht mehr so klein wie am Anfang.
Du fragst dich, wer die Kapitelseiten der Dualen Reihe gestaltet und beschließt, wieder mehr zu lernen. Wortwolken, freie Assoziation, du fragst dich, was das Leser interessieren soll. Du siehst dabei zu, wie die Menschen sich von sich selbst emanzipieren und die gleichen Mittel und Medien nutzen wie du. Die Angst vor Sartre, vor unausweichlichem Existenzialismus. Du beißt auf ein hartes Stück Plätzchen, der eine Zahn will nicht mehr ganz so sehr wie du.

Das waren einfach andere Bilder, da waren Bilder in dir drin, deren Inhalt nie exakt so sein kann wie in einem anderen Kopf. Die Einsamkeit der zentralen Nervensysteme.

Aber dann bist nicht nur du unsicher, dann sind es auch alle anderen. Denn nicht nur an deinen Ausgängen ist es immer frisch gestrichen, auch an denen von allen anderen und an allen anderen Stellen. Minimalinvasiv als Versprechen.

(Corrina Repp - Lost At Sea)

Mai 22, 2017Keine Kommentare

170522

Dann war da noch der Mann vor dem Eingang der Klinik und wie er begann zu krampfen und zusammenbrach, als ich zu ihm gelaufen war. Wie niemand da war, weil sie wohl alle Kaffeetrinken waren und ich dachte, dass mir gleich die Stimme versagt, der Mann war viel zu schwer, als dass ich ihn auch nur zehn Zentimeter hätte bewegen können. Wie sie dann gerannt kamen, wie ich mich hilflos fühlte, wie ich einfach nur wissen wollte, wie ich helfen kann, aktiv. Wie ich dann an Herrn C. denken musste, an das, was er vor zwei Jahren sagte. Adrenalin und ein kleines Stück Dissoziieren, als Schutz von früher, früher immer passiv. Es reicht mit passiv.
In dem einen Raum im Keller, in dem ich häufig sitze, die Fenster auf Höhe des Fußwegs draußen, viele Bäume, grün, Ruhe. Manchmal kann ich gar nichts hören vor lauter Stille. An diesem Tag aber, ganz dringend, musste ich in die Sonne, nach oben, um zu beobachten, was lebt.

Du bist nicht wie eine Wand, du bist wie Stargate, sagte J und ich musste sehr laut lachen. Alles davon, eigentlich immer wahr. Vorgenommen etwas deutlich zu sagen, das hatte ich. Dann zu Linien zusammenklebende Rapsfelder, Weinberge und der Main in etwas Entfernung. Es brodelt in mir drin und ich weiß nicht wohin damit, obwohl ich genau weiß wo es hin müsste.
Und dann denken sie, es fiele mir leicht, ständig zu erzählen, was mich umtreibt, wieso ich es vorziehe, lieber allein geblieben zu sein als in einer Partnerschaft mit irgendjemandem zu sein. Die Romantisierung und Idealisierung von Schlussfolgerungen, die für mich überlebenswichtig waren, mein Unverständnis, wenn man nicht zum gleichen Schluss kommt. Zwei Schritte zurückgehen. Denken an den Mann, der mich über mein Privatleben ausfragt, der mir sagt, dass man sich an mir emotional gut abarbeiten könne; mein Innerstes also als Sparringspartner für die eigene Weiterentwicklung. Zwei Schritte vorgehen. An sich ist alles gut, es brodelt, es lebt. Mein Gehirn wird nur langsam ungeduldig mit dir; es langweilt sich schließlich schon, wenn ich es nicht mit genug Informationen versorge. Eigentlich ist es aber viel ungeduldiger mit mir, ist ständig zehn Schritte vor mir und allem um mich herum.
Welche Engramme von dir sind eigentlich schon vorhanden?

you fill my eyes with your smiles
my brain with your chemicals
(Big Scary - The Opposite of Us)

März 23, 2017Keine Kommentare

170323

(1)

Wirst du manchmal auch unruhig, wenn du an dieses eine Ding von vor Monaten denkst? Geisterst du in Köpfen herum oder geistert jemand in deinem eigenen hin und her? Kommst du voran, wenn du an deine Zukunft denkst, traust du dich überhaupt, dir eine solche auszumalen? Hat sie Farben, wenn ja, welche, ist sie monochrom, ist sie nur ein schwarzes Loch? Hängt sie dir im Hinterkopf, machst du sie zu einem Schwert des Damokles?

Fährst du manchmal noch über die Wunden von früher, hier über die Windpockennarbe, dort über die Hinterlassenschaft der einen herrischen Katze oder über die Stelle am Handgelenk, die dir sagt, dass du dich am Backofen verbrannt hast mit neun Jahren? Findest du noch im Dunklen die Narben auf deinem Bauch, dort, wo es einst Muttermale gab, siehst du bei Tageslicht noch die Narbe, von dem Ort an dem einst eine Zecke Borreliose übertragen hatte, ein Geschenk zu deinem achtzehnten Geburtstag?

Wünschst du dir manchmal nicht auch, dir würde jemand durch die Haut hindurchsehen können, tief in deinen Kern? Erinnerst du dich an die Zeit, als du all deinen Schwermut nicht mehr kontrollieren konntest? Wovor genau läufst du eigentlich weg: vor den weichen Stellen in dir drin, denen, die jeder oder keiner sieht, vor den harten Stellen, den Krusten, den Schichten, den Stellen in dir drin, die, so glaubst du, niemand zu verstehen wagt?

(2)

Ich war damals wach, ich dachte, man müsste doch meinen rasenden Puls durch alle Schichten hindurch merken.

(3)

Manchmal laufe ich an mir vorbei, an Spiegeln, an Reflektionen in einer Tram, an Glastüren, an Fliesen und bin dankbar, zu sein, wenn auch gerne nicht mehr in einer Stadt, die versucht einen kantig zu machen. Der Luxus, einen Ausblick zu haben. (Vergessen zu haben, wie gut Licht tut in den oberen Etagen eines Hauses - früher immer in der Sonne gesessen wie ein Gecko.)

(4)

Das hier ist weder ein Unfall noch bin ich eine exotische Topfpflanze oder ein Fabelwesen; es gibt Menschen, die nur das Beste für einen wollen, ein Gleichgewicht. (Hinterfragen ist in Ordnung, wir stolpern alle von Zeit zu Zeit über Stufen.)

(5)

Alles ist, alles wird.

(DYAN - Looking For Knives)

März 15, 2017Keine Kommentare

170315

Sie verbringen hier viel Zeit in Zügen, an Stationen, strenger durchgetaktet, denken an die M10 und sonstigen Metrolinien, sich wundern. Rund fünfundvierzig Minuten von Stadt X nach Stadt Y, kürzer als von mir zu Hause zu meiner Uni. Eine halbe Weltreise innerhalb einer Woche, die Zeit gleich mit mindestens zweimal quer durch Deutschland im ICE fahren. Zwei Stunden pro Tag, mal drei, manchmal vier, sechs bis acht pro Woche, an Orte fahren, die Elfenbeintürme sind.

Da war vor ein paar Jahren eben Waterloo Station, später das beruhigende Geräusch der Straßenbahn, wie sie in unsere Straße einbog, jetzt das Rattern der U-Bahnen am Gleisdreieck und das Starren vom Sterbeort von Günter Litfin auf den Hauptbahnhof, das mich wie ein Ufo zurück anstarrt.

Hauptwache, Blick auf das Haus mit Loch, das quasi auch nur so aussieht wie viele andere Häuser in anderen Städten (nicht zu laut sagen), es ist auch mit ähnlichem gefüllt. Im Rücken die Türme, leider habe ich es verpasst, den Marsch der Menschen mit Aktenkoffer zu beobachten. Samstag, die Gegend fast wie leergefegt, vereinzeltes Kopf in den Nacken legen. Es knackt in meinem Gebälk.

Eine Stadt, die man zu Fuß erlaufen kann, Echos in hohen Räumen, kühl, wohlig warm, blaue Fenster in verschiedensten Schichten und Schatten auf altem Sandstein, etwas da oben auf der Höhe und diese Graffiti Tags, die ich in Schreibschrift nie ganz lesen kann. Ein einziges Foto und ich weiß noch nicht einmal wieso nur eins. Man könnte es auch wohlfühlen nennen, die Kamera früher als Schutz und Distanzobjekt, später hatte ich immer Angst, zu viel zu sagen damit (bis heute immer zu viel damit gesagt). Ein Sänger, etwas off, Balkon und Echo auf Plätzen, Repräsentanz in den kleinen Dingen.

Alexanderplatz, alles voll, frage mich, wo der Fluss hin ist, den es hier auch definitiv gibt. Wasser erdet mich mehr als Betonwüsten, fast sofort der Drang zurück, aber ich stecke fest in Überforderung und Ratlosigkeit und Fieber und Stille. Ich glaube, ich bin bald wieder dort.

(Howling - Phases)

März 2, 2017Keine Kommentare

170303

Dienstag
all meine kleinen Teile
Dinge en Detail sehen, die es gilt nicht zu übersehen, die es wert sind gesehen zu werden / als hätte man keine bessere Sache auslösen können; etwas kleines und etwas großes zugleich: man muss die Tatsächlichkeit sehen, mitbekommen

Mittwoch
sie bauen mit einer bemerkenswerten Ruhe an Ein- und Ausgängen, jahreszeitenlang und darüber hinaus; aber es gibt mich hier, wenn man die Tür aufschließt

Donnerstag
ein paar Meter weiter oben kommen ein paar Minuten mehr an Lebensqualität dazu, gepaart mit Zeit, die ich aus dem Fenster starre und Flugzeuge zähle, die in Richtung Tegel donnern; wenn ich durch mich, durch dich hindurchschauen könnte, wäre ich schlauer, etwas, leider fehlen mir dafür die Instrumente und die Maschinen für die entsprechenden bildgebenden Verfahren und dafür die Arbeitserlaubnis
darüber reden, als wäre es tatsächlich möglich / darüber nachdenken, als würde es sowieso nicht klappen / so tun, als wüsste ich genau, was ich wie will
aber: der Versuch, alles so hinzukriegen, dass es auch wirklich funktioniert

und wie viel nimmt man dann mit in Städte, die man nicht so gut kennt, eigentlich gar nicht, die man aber nicht so viel mehr kennt als die eigene Stadt? (hinter jeder Fassade ein neues Leben, vielleicht ist es endlich mal etwas weniger schroff)

Freitag
um dein Herz herum muss nicht immer Grind übrig bleiben
noch nicht einmal eine nässende Wunde von wer weiß wann
wer willst du sein, in mir drin?

(Sylvan Esso - Die Young)

Januar 5, 2017Keine Kommentare

170105

Fast alle meine Sätze fangen mit “und” an. Als könnte eine Konjunktion, nein, nicht die Große Konjunktion, sondern die am Anfang von etwas und kurz nach dem Ende von etwas anderem, zwei Dinge so zusammenfügen, dass nichts weiter in Frage zu stellen ist.
Das ist so wie die unendliche Frage nach der Sehnsucht nach etwas, was anders ist als das, was du kennst - wie viele Orte gibt es, in dir drin, aus wie vielen Ländern in dir wolltest du schon ausreisen? Hattest du deinen Reisepass nicht dabei oder hast du lediglich die Landkarte vergessen, das Navigationsgerät, das Smartphone? Hast du schon den Kompass gefunden, der zeigt, wo du hinwillst oder schaust du lieber auf die Rinde der Bäume im Wald, wo das Moos dir sagt, wie du dich orientieren kannst?
Erinnerst du dich auch stumm, wenn es sein muss auch mal laut, hast du begonnen zu versuchen die Engramme, die von bestimmten Orten und Personen herrühren, zu zählen? Fragst du dich dann auch, wo exakt du bist, wo und wie oft du bist in den Gehirnen anderer Leute oder in meinem, dem, das sich nicht gern in die Karten schauen lässt, es sei denn man ist tot, im OP oder liegt im CT oder im MRT?

Der Vielzahl potenzieller Dus und Ichs gegenüberstehen und sich fragen, wohin all die Zeit verschwunden ist, die du, man, ich nutzen wollte für das Elementare. Aber was du dir, man sich und ich mir lange nicht gesagt habe, was man uns, jedem und jeder einzelnen nicht mitgegeben hat, sodass es so fest in einem sitzt, dass man es immer im Hinterkopf hat: es geht nicht um das, was du noch nicht kannst oder nicht so gut, es geht um das, was geht, was rollt, was klappt, das, über das du dich freust, was funktioniert.
Bei mir ist da viel, bei dir auch, mindestens. Manches fällt mir leicht. Nämlich Menschen in mir drin ein Zuhause geben, wenn sie einziehen wollen, gern auch auf Zeit. Dann jedoch: sich selbst zusehen, in Retrospektive, wie man sich gegen die Wand fährt, um dann wieder auszusteigen, den Dreck und Schutt abzuklopfen, nur um dann so auszusehen, als wäre nie etwas gewesen.
Es wird auch nie etwas gewesen sein, weil nichts aufhört zu werden.

Dann sind da Tage, da möchte ich dir die traurigsten Dinge erzählen um ausgleichend fragen zu dürfen, was dich umgetrieben hat als Kind, was dein verquerster Traum war, woran du dich erinnern kannst, das dich, auch Jahre oder Jahrzehnte später so sehr zum Lachen bringt, dass du denkst, dir reißt der Bauch auf vor Glück. Möchte all die Fragen stellen, vielleicht sogar in einem Katalog, die mir durch den Kopf gehen, deren Antworten ich wissen will. Dann möchte ich, dass all das bleibt, dass die Reinkarnation der Dus und Ichs aufhört, dass Weglaufen keine Option ist, dass das irgendwann einmal ein Ankommen ist, dass Stabilität in selbstgewählter Intensität den Unterschied macht. Multiple Choice auf Dauer hat noch nie irgendjemandem gut getan.

Später. Dieser auf Selbsterhaltung getrimmte Apparat aber, den jeder von uns für sich allein bewohnt, zwickt mich kurz in die Seite um mich daran zu erinnern, dass meine Batterie ausreichend geladen ist.

(Cat Power - Sea of Love)

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