Februar 11, 2018Keine Kommentare

180211

Das waren die Spuren im so halb frisch gefallenen Schnee und die Lichter in deren geschmolzener Version, da auf den Straßen zwischen der Treppe zur U1 und dem kalten Wind in meinem Rücken.

Als hätte ich das alles nur geträumt mit dem Leben hier, ein wenig viel Schönes, der Blick aufs LSD siebenuhrdreißig, Bülowstraße, Bögen, als wäre ich gerade erst hier angekommen; da in dem Transporter neben meinem Vater, Autobahnabfahrt Innsbrucker Platz, zweitausenddreizehn. Nicht viel Freiraum, Holz, Möbel, Waschmaschine, das erste Mal Ochsenblutdielen und die Holzssplitter in meinen Fußsohlen vom Abschleifen, das nie passiert ist.
Das Gefühl, als müsste ich ganz dringend, sofort, anfangen zu rennen. Vielleicht in deine Arme, vielleicht an einen Ort, von dem ich noch nicht so viel weiß. Du weißt, du stehst immer dann fest mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn du nicht überlegst, wo du jetzt gern lieber wärst.
Du beginnst den Abschied in Raten zu feiern. Das letzte Mal Winter, das letzte Mal Sibirische Steppe. In London hat es dich härter getroffen, da war das Bewusstsein, dass du immer wiederkommen aber nie wieder so ankommen würdest. Andere Menschen in deinem Zimmer, ein Beobachten der Hausfassade, andere Menschen dort, wo du einst standest, in Uniform und mit weißem Hemd. Um die Ecke noch die Bloomsbury Ambulance Station.

Einige Brücken lässt du brennen, über brennbares Material hinaus, als gäbe es noch etwas zu sagen oder etwas wiedergutzumachen; aber du hast niemandem bisher gesagt, dass die Brücken immer Plätze und nie Personen waren. Als könnte man Erinnerungen ausradieren oder das Vergessen beschleunigen. Stattdessen fällst du, wenn schon nicht über deine Füße, dann wenigstens aufs Herz oder den Kopf. Im besten Fall kein Herzinfarkt, keine Gehirnblutung, im schlimmsten Fall ein gebrochenes Herz und das Scatterbrain, das alles will und zwar sofort, aber zugleich dann doch wieder nichts. Du weißt, dass manches dauert und mit Dauer weißt du um deine Fahrlässigkeit dir gegenüber. Ist schließlich nicht wie mit den roten Blutkörperchen, die Leber oder Milz nach einhundertzwanzig Tagen voller Kernlosigkeit abbauen. Dabei hast du doch deinen Kern nie verloren.

Am Ende aber denkst du mit Leidenschaft an diesen einen Satz, den J zu dir über dich sagte und den du an alle spiegeln möchtest, die deinen Weg kreuzen. Manche Menschen haben einen unglaublich schönen Verstand. Du fügst in Gedanken etwas hinzu: manche Menschen gehen weit darüber hinaus.

"for we owe it to ourselves
to bury yesterday and leave it quaking in the earth"
(Son Lux - Aquatic)

Februar 1, 2018Keine Kommentare

180201

Du wunderst dich über ihren Gesundheitszustand und schaust beschämt an deinem Körper herunter. Offener Mantel, immer, außer bei Minusgraden und stechender Brise. Die Hände werden schon rot und rau, je nachdem, wie der Wind steht. Das warst du dann aber auch mit den Quadratmetern und den Worten, fünfuhrdreizehn, du hast genau auf dein Telefon gesehen, bevor du auf den blauen Pfeil getippt hast, am anderen Ende einer Stadt kann es eigentlich nicht viel kälter sein.
Doch dann die Befürchtung, noch nicht einmal eine Fußnote zu sein, zu werden, kein sanftes Betätigen einer Klingel. Rainald Goetz hatte Unrecht, nicht wütend schrittst du voran, du taumelst vielmehr. Weswegen, worin und wohin kannst auch du nicht sagen.

Generell lässt du dir exorbitant viel Zeit, denke ich, denkst du vielleicht ebenso, ein Spiel aus Internalisierung und Externalisierung. Blauer Mond, Supermond und Blutmond in einem, in dir drin nichts verregnet, ein Perspektivenraster womöglich. Alle neunzehn Jahre ein Lebensabschnitt, das hält doch niemand so lange aus.
Aber gibt es nur cool und uncool und wie man sich fühlt und die, die fragen und antworten, und die, die es nicht tun. Stille oder Bewegung zwischen zwei Punkten. Das geht schon alles vorbei, mehr oder weniger, dabei habe ich noch nicht einmal einen Plan oder ein Ziel, das bis zur nächsten Mondkonstellation von irgendetwas hätte erzählen können.

Du drehst also deine Runden, stet und bebend, eine Lichtglocke hängt über Berlin, selbst hier. Selbst hier.
In ein paar Monaten gehen die Feuerwerke wieder hoch, aber schon jetzt rieche ich nach Baum, nach Blüten, nach Frühling, doch davon wirst du nichts wissen, egal, wie sehr sich unsere Kreise berühren.

"tell me what's next
tell me what's best"
(Kraków Loves Adana - Rapture)

Januar 15, 2018Keine Kommentare

180115

Vor Jahren diese aberwitzige Idee, einen Roman über Berlin zu schreiben, kein Berlin Alexanderplatz, kein Roman über den Prenzlauer Berg, keine Grausamkeiten, keine Morde. Diese aberwitzige Idee hast du dann eine Zeit lang dir gegenüber verteidigt, nur um sie nach längerer Recherche mit einem Seufzen abzuschließen. Du hast festgestellt, dass sie in all der Zeit, die du schon in dieser Stadt wohnst, sich in all deine Worte, deine Musik, deine Fotografien, deine Zeichnungen gelegt hat wie ein futuristischer Roman, den man nicht unbedingt greifen kann. Eine Art Zettelsammlung, ein Albtraum für jeden Nachlassverwalter, sollte dieser irgendwann einmal irgendetwas von dir zu verwalten haben. Du klaubst dir also diese kleinen Stücke Berlin zusammen, sitzt am Humboldthafen, denkst daran zurück, wie sie in Hedwig wollten, dass du durch den Monbijoupark joggst und du sie nur ungläubig ansahst, spürst die Momente in dir, in denen du genau wusstest, dass diese Metropole gut zu dir ist und du im Umkehrschluss gut zu ihr und ihren Einwohnern.

Wenn du durch dieses hunderte Seiten dicke Buch von Döblin blätterst, bemerkst du die Ortsverweise, die du dir angestrichen hast. Du bemerkst, dass du dich von allein an diese Orte hast ziehen lassen. Vielleicht hat dich einfach nur Mitte in seine Mitte zitiert. 
Du denkst an Sauen und den Sauener Wald und einen Absatz, über den du immer noch lachst und der für dich irgendwie mehr mit Berlin zu tun hat als du es verstehen kannst: August war ein ziemlicher Badass Motherfucker, bevor er Nazi-Sympathisant wurde. Ich hätte mir keine Nadel in die Wirbelsäule in einem Selbstversuch gerammt, nur um herauszufinden, ob da ne Anästhesie möglich ist. Charité heißt Barmherzigkeit.

Du hast deinen eigenen Takt, du beginnst, nicht mehr zu spät zu kommen, du verstehst den Takt manch anderer Menschen nicht. Beschäftigst dich seit Zuzug noch viel mehr mit Anwesenheit und Abwesenheit, mit Sprachlosigkeit. Du beobachtest, wie schnell sich Haltungen und Gefüge ändern können, manchmal sogar innerhalb von wenigen Tagen. Du rennst nicht mehr so sehr hinterher, willst aber anfangen zu joggen, schließlich läufst du schon schnell, da fehlt nicht mehr viel.

Grundsätzlich rennst du aber zumindest nicht mehr nach der U-Bahn.

"I was a ghost
Hunted and fled"
(RY X - Only)

Dezember 31, 2017Keine Kommentare

171231

Du trägst Murmeln mit dir herum, sie klappern bei fast jedem Schritt. Eigentlich wollte ich dir noch von Günter erzählen und dem Ort da am Wasser am Bahnhof am Betonstrand, wieso weiß ich nicht genau. Eventuell, weil ich schon angefangen habe, darüber zu schreiben. Wenn ich mir selbst ein Echo gebe, geht es für mich um etwas, zumeist um meine Zeit, zumeist um eine Sektion meiner inneren Schichten. Davonlaufen oder stehenbleiben oder beides im gleichen Moment.
Du lässt das alte Jahr ausklingen, ich zeichne an gegen ein Vergessen, nur meinem eigenen Gehirn muss ich im kommenden Jahr noch etwas beweisen. Das meiste ist nur in deinem Kopf, Projektionen, die sich durch die Gesichter und Pixel ziehen, Bildschirmoberflächen und die Suche nach etwas tiefem. Aber dann gibt es da Webseiten und Profile und Menschen, die gleichzeitig existieren und dann doch nicht mehr. Du starrst weiterhin darauf, ich gehe sicher, dass noch alles da ist, ohne selbst etwas zu tun. Von meinem sich weigern, jemanden an die weichsten Stellen meiner Haut zu lassen, den man schnell durchschaut hat, wie bei den anderen, ich langweile mich schnell. Von einem Zeit nach oben zählen. 

Ich trage leise Fragen mit mir herum, irgendetwas zwischen unbekannt und seltsam vertraut, deshalb verschlucke ich mich so leicht an ihnen.
Aber dann: kein Fahren ohne Anfahren. Fahr bitte los.

"I'll take a rest from walking too slow
I'm running too fast"
(WEBERMICHELSON - We take it slow)

Dezember 27, 2017Keine Kommentare

171227

Als gäbe es ein Fass in mir drin, eines, das aufnimmt, was mich umtreibt. Wenn ich will, möchte, muss, kann ich einfach das, was ich fühlen will, denken. Ein Hineindenken als wäre da etwas wie eine wohlig warme Decke, eine, von der ich denke, dass ich sie aushalten und tragen möchte. Früher immer nur ein Hineindenken, heute ein Wollen.

Von einem Gehen und Werden und der Frage, was mein Gehen bedeuten würde, würde ich bleiben können, sollen, dürfen. Ein Herausfiltern eines vielleicht. The suspense is killing me.

"bring yourselves to me"
(Rhye - Count to Five)

Dezember 12, 2017Keine Kommentare

171212

Du lässt dir generell viel Zeit, denke ich weiter und beschäftige mich wieder mit Fragestellungen, die ich alleine nicht lösen möchte. Auf der Haut über meiner rechten Clavicula ein Leberfleck, ansonsten der große Wagen auf dem oberen Teil meines Brustkorbes. Ich frage mich, wie sich eine Berührung davon anfühlt.

Berlinmomente, die sich durch alle Beobachtungen ziehen. Hier ein wenig Psychose, dort etwas viel Einsamkeit. Du vermutest, dass das etwas mit dem Wetter zu tun hat und hastest voran. Splitt, wieder, unter den Sohlen, das Gefühl, als könntest du eigentlich jetzt schon mit dem Schlitten fahren. Über Steine oder Schnee: es ist dir herzlich egal, vielleicht läufst du aber doch lieber.

Deine Muskeln erinnern sich an das letzte Mal, als du sie benutzt hast, ein Wurf nach der länger verschwundenen Kondition hin und Kälte, wenn du dir dann nachts beim Schlafen doch wieder diesen einen Nerv einklemmst und beim Aufwachen lachen musst. So ein Moment.

Du verortest dich regelmäßig, täglich fast, du hörst aufmerksam zu, schreibst gelegentlich mit. Die Poesie der Zwischenzustände, alles auf dem Weg zum Anderen. Wenn du nach etwas Bestimmtem suchst, bist du auch nur an einem zukünftigen Zwischenzustand interessiert. Du weißt, dass du wirst, du weißt, dass du nicht aufhörst zu werden.

Dinge, von denen ich nicht wusste, dass sie durch meinen Kopf fliegen. Ich habe das Gefühl, ich muss mich wieder schreiben.

"it's unfortunate but when we feel a storm"
(Massive Attack - Paradise Circus)

Dezember 3, 2017Keine Kommentare

171203

Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen. Um die Ecke eine Straße, die den Namen meines Geburtsortes trägt. Bist du verwebt in die Textur des Wissens, das du dir hast aneignen müssen seit deiner Geburt, wo fangen die Versatzstücke an, hast du Sollbruchstellen? Wo beginnen deine intertextuellen Bezüge, gibt es da etwas, das größer ist als alles, was du hättest werden wollen?
Vielleicht habe ich von etwas erzählt, aus Versehen, etwas, an das ich mich selbst nicht erinnern kann und will; 256 Varianten von allem. Momente, in denen die Stadt mir näher ist, als ich es gebrauchen kann. War das fahrlässig? Das Paar, das zu einem schief singenden älteren Herren über den leeren Columbiadamm tanzt, Menschen, die sich um die Hälse fallen. Ich laufe jede Rolltreppe sehr schnell hoch, fast so als wäre ich eine Fata Morgana gewesen.

Beim Fotofachhändler meines erzwungenen Vertrauens hassen sie mich, die Alte Schönhauser Straße mag ich nur bei Regen und untergehender Sonne. Hedwig, nicht zu weit entfernt, thront in Ruhe zwischen den Häusern, gelegentlich kann man noch die Synagoge sehen. Das Haus mit den Einschusslöchern, das am Zugang zur Kirche, verlangt nach meiner Berührung. Ich verlange ebenso nach Berührung. In der S-Bahn riecht es noch wie vor drei Jahren.

Vielleicht bist du aber wie eine Pipette, lernst, alles in dir aufzunehmen. Vereinzelte Glanzmomente und dann doch die Prognose von Herrndorf, die dich auch damals schon getroffen hat. Du stellst dir vor, wie er in der Klinik am CCM in seinem Pinguinkostüm sitzt und wartet. Um ihn herum alles still.
Lese mich dementsprechend ein paar Tage später durch die verschiedenen Neoplasien des Körpers und deren WHO-Klassifikation. Ich bekomme den Kopf nicht frei. Hier bauen sie Weihnachtsbäume auf, etwas schief, etwas off-centre. Für mehr Herzlichkeit, für ein Rückbesinnen auf sich selbst, ich mag es nicht, wenn ich zu aufgeregt bin.

Ich beobachte zwischendrin den Fluss der Menschen auf der Straße an dem Bordstein, auf dem ich gerade noch stand, mir ist kalt. Ein bisschen versagt mir die Stimme und ich stelle lieber Fragen. Schon Hölderlin warnte davor, dass man auch in die Höhe fallen kann, ich rieche dein Waschmittel, in dir drin scheinbar auch ein stetes Beben.

"oh you think so much and live so little"
(Kraków Loves Adana - American Boy)

November 16, 2017Keine Kommentare

171116

Sauen I, Brandenburg, 2017

Das meiste könntest du dir noch nicht einmal ausdenken, selbst wenn du es wolltest. Wie du dich verortest und dir einen Zeitrahmen gibst. Ein Hin- und Herhangeln durch Nachrichtensendungen, all die kleinen Dinge, die du nicht mitbekommst, trotz alledem. Vielleicht ist der Wald in Brandenburg die Antwort auf alle Fragen, vielleicht willst du alles zu sehr und befürchtest, du willst nichts so richtig. Dir selbst eine Heimat sein, heimisch sein im eigenen Körper und doch oft schwer verstehen, was die Hülle und ihre Innereien von dir wollen. Blood, in mint condition, leider nicht mehr neu, nicht mehr OVP, nicht mehr so klein wie am Anfang.
Du fragst dich, wer die Kapitelseiten der Dualen Reihe gestaltet und beschließt, wieder mehr zu lernen. Wortwolken, freie Assoziation, du fragst dich, was das Leser interessieren soll. Du siehst dabei zu, wie die Menschen sich von sich selbst emanzipieren und die gleichen Mittel und Medien nutzen wie du. Die Angst vor Sartre, vor unausweichlichem Existenzialismus. Du beißt auf ein hartes Stück Plätzchen, der eine Zahn will nicht mehr ganz so sehr wie du.

Das waren einfach andere Bilder, da waren Bilder in dir drin, deren Inhalt nie exakt so sein kann wie in einem anderen Kopf. Die Einsamkeit der zentralen Nervensysteme.

Aber dann bist nicht nur du unsicher, dann sind es auch alle anderen. Denn nicht nur an deinen Ausgängen ist es immer frisch gestrichen, auch an denen von allen anderen und an allen anderen Stellen. Minimalinvasiv als Versprechen.

(Corrina Repp - Lost At Sea)

Mai 22, 2017Keine Kommentare

170522

Dann war da noch der Mann vor dem Eingang der Klinik und wie er begann zu krampfen und zusammenbrach, als ich zu ihm gelaufen war. Wie niemand da war, weil sie wohl alle Kaffeetrinken waren und ich dachte, dass mir gleich die Stimme versagt, der Mann war viel zu schwer, als dass ich ihn auch nur zehn Zentimeter hätte bewegen können. Wie sie dann gerannt kamen, wie ich mich hilflos fühlte, wie ich einfach nur wissen wollte, wie ich helfen kann, aktiv. Wie ich dann an Herrn C. denken musste, an das, was er vor zwei Jahren sagte. Adrenalin und ein kleines Stück Dissoziieren, als Schutz von früher, früher immer passiv. Es reicht mit passiv.
In dem einen Raum im Keller, in dem ich häufig sitze, die Fenster auf Höhe des Fußwegs draußen, viele Bäume, grün, Ruhe. Manchmal kann ich gar nichts hören vor lauter Stille. An diesem Tag aber, ganz dringend, musste ich in die Sonne, nach oben, um zu beobachten, was lebt.

Du bist nicht wie eine Wand, du bist wie Stargate, sagte J und ich musste sehr laut lachen. Alles davon, eigentlich immer wahr. Vorgenommen etwas deutlich zu sagen, das hatte ich. Dann zu Linien zusammenklebende Rapsfelder, Weinberge und der Main in etwas Entfernung. Es brodelt in mir drin und ich weiß nicht wohin damit, obwohl ich genau weiß wo es hin müsste.
Und dann denken sie, es fiele mir leicht, ständig zu erzählen, was mich umtreibt, wieso ich es vorziehe, lieber allein geblieben zu sein als in einer Partnerschaft mit irgendjemandem zu sein. Die Romantisierung und Idealisierung von Schlussfolgerungen, die für mich überlebenswichtig waren, mein Unverständnis, wenn man nicht zum gleichen Schluss kommt. Zwei Schritte zurückgehen. Denken an den Mann, der mich über mein Privatleben ausfragt, der mir sagt, dass man sich an mir emotional gut abarbeiten könne; mein Innerstes also als Sparringspartner für die eigene Weiterentwicklung. Zwei Schritte vorgehen. An sich ist alles gut, es brodelt, es lebt. Mein Gehirn wird nur langsam ungeduldig mit dir; es langweilt sich schließlich schon, wenn ich es nicht mit genug Informationen versorge. Eigentlich ist es aber viel ungeduldiger mit mir, ist ständig zehn Schritte vor mir und allem um mich herum.
Welche Engramme von dir sind eigentlich schon vorhanden?

you fill my eyes with your smiles
my brain with your chemicals
(Big Scary - The Opposite of Us)

März 23, 2017Keine Kommentare

170323

(1)

Wirst du manchmal auch unruhig, wenn du an dieses eine Ding von vor Monaten denkst? Geisterst du in Köpfen herum oder geistert jemand in deinem eigenen hin und her? Kommst du voran, wenn du an deine Zukunft denkst, traust du dich überhaupt, dir eine solche auszumalen? Hat sie Farben, wenn ja, welche, ist sie monochrom, ist sie nur ein schwarzes Loch? Hängt sie dir im Hinterkopf, machst du sie zu einem Schwert des Damokles?

Fährst du manchmal noch über die Wunden von früher, hier über die Windpockennarbe, dort über die Hinterlassenschaft der einen herrischen Katze oder über die Stelle am Handgelenk, die dir sagt, dass du dich am Backofen verbrannt hast mit neun Jahren? Findest du noch im Dunklen die Narben auf deinem Bauch, dort, wo es einst Muttermale gab, siehst du bei Tageslicht noch die Narbe, von dem Ort an dem einst eine Zecke Borreliose übertragen hatte, ein Geschenk zu deinem achtzehnten Geburtstag?

Wünschst du dir manchmal nicht auch, dir würde jemand durch die Haut hindurchsehen können, tief in deinen Kern? Erinnerst du dich an die Zeit, als du all deinen Schwermut nicht mehr kontrollieren konntest? Wovor genau läufst du eigentlich weg: vor den weichen Stellen in dir drin, denen, die jeder oder keiner sieht, vor den harten Stellen, den Krusten, den Schichten, den Stellen in dir drin, die, so glaubst du, niemand zu verstehen wagt?

(2)

Ich war damals wach, ich dachte, man müsste doch meinen rasenden Puls durch alle Schichten hindurch merken.

(3)

Manchmal laufe ich an mir vorbei, an Spiegeln, an Reflektionen in einer Tram, an Glastüren, an Fliesen und bin dankbar, zu sein, wenn auch gerne nicht mehr in einer Stadt, die versucht einen kantig zu machen. Der Luxus, einen Ausblick zu haben. (Vergessen zu haben, wie gut Licht tut in den oberen Etagen eines Hauses - früher immer in der Sonne gesessen wie ein Gecko.)

(4)

Das hier ist weder ein Unfall noch bin ich eine exotische Topfpflanze oder ein Fabelwesen; es gibt Menschen, die nur das Beste für einen wollen, ein Gleichgewicht. (Hinterfragen ist in Ordnung, wir stolpern alle von Zeit zu Zeit über Stufen.)

(5)

Alles ist, alles wird.

(DYAN - Looking For Knives)

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