März 2, 2017Keine Kommentare

170303

Dienstag
all meine kleinen Teile
Dinge en Detail sehen, die es gilt nicht zu übersehen, die es wert sind gesehen zu werden / als hätte man keine bessere Sache auslösen können; etwas kleines und etwas großes zugleich: man muss die Tatsächlichkeit sehen, mitbekommen

Mittwoch
sie bauen mit einer bemerkenswerten Ruhe an Ein- und Ausgängen, jahreszeitenlang und darüber hinaus; aber es gibt mich hier, wenn man die Tür aufschließt

Donnerstag
ein paar Meter weiter oben kommen ein paar Minuten mehr an Lebensqualität dazu, gepaart mit Zeit, die ich aus dem Fenster starre und Flugzeuge zähle, die in Richtung Tegel donnern; wenn ich durch mich, durch dich hindurchschauen könnte, wäre ich schlauer, etwas, leider fehlen mir dafür die Instrumente und die Maschinen für die entsprechenden bildgebenden Verfahren und dafür die Arbeitserlaubnis
darüber reden, als wäre es tatsächlich möglich / darüber nachdenken, als würde es sowieso nicht klappen / so tun, als wüsste ich genau, was ich wie will
aber: der Versuch, alles so hinzukriegen, dass es auch wirklich funktioniert

und wie viel nimmt man dann mit in Städte, die man nicht so gut kennt, eigentlich gar nicht, die man aber nicht so viel mehr kennt als die eigene Stadt? (hinter jeder Fassade ein neues Leben, vielleicht ist es endlich mal etwas weniger schroff)

Freitag
um dein Herz herum muss nicht immer Grind übrig bleiben
noch nicht einmal eine nässende Wunde von wer weiß wann
wer willst du sein, in mir drin?

(Sylvan Esso - Die Young)

November 1, 2016Keine Kommentare

161031

Noch einhundertvierzehn Kilometer bis Berlin, Felder und langgezogene Wiesen, vielleicht mit Kohl, dem grünen, das sieht man so schlecht beim schnellen Vorbeifahren: noch nie so viel Wild auf einmal gesehen. Der Bus ist wie ein Raumschiff, das Schluckauf hat, ein stetes wellenförmiges Bewegen. Auf den Leitungen sitzen die Habichte und Sperber und Adler, Schneisen geschlagen durch die hart gezogenen Baumreihen.
Als hätte irgendetwas aus mir eine Scheibe herausgeschnitten (Autobahnkilometer achtundneunzigkommafünf) und eine Lücke, eine Leerstelle fast, bleibt. Weit entfernt ein Mann, der seinen Hund frei laufen lässt. Es schlafen fast alle, Gänse fliegen in Formation gen Süden. Ziemlich spät, wie ich finde. Dann: plötzliche Sehnsucht, ich kann nichts dagegen tun (wieso sollte ich das auch wollen). Die Laubbäume in den Nadelwäldern stehen vereinzelt und sind klein, Nebel liegt auf allem.

Dreiundzwanziguhrzwölf, ein bisschen Weinen, das ist okay und natürlich und gesund, das Wochenende fällt langsam von mir ab. Das dringende, überwältigende Bedürfnis alles zu ordnen, alles aufzuräumen, alles einzusortieren, damit der Kopf freier wird. Ich will auf einmal einen Schuhschrank, als könnte der verhindern, dass mich meine Kindheit von Zeit zu Zeit heimsucht, wenn ich es am wenigsten erwarte, ich will einen geordneten Schreibtisch, will die Fortsetzung davon in meiner Sprache und meiner Gelassenheit.
Dabei will ich doch nur alles, in exorbitant unverschämter Größe, so zwei mal drei Meter mit Rauschen und Körnung; und dann meine Lippen, rot geschminkt aber nicht zu voll, weil beim Burger essen sonst die Hälfte meiner Unterlippe an meinem Kinn klebt und ich das nicht mögen kann, wenn einem die wenigsten sagen, dass man Brokkoli und Spinat zwischen seinen Zähnen hängen hat.

Erkenntnis: ich hätte mehr zeichnen sollen und weniger trinken, aber dann hätte ich mehr gefühlt von allem. Nächste Male laufen mir nicht weg.

(Kraków Loves Adana - For Those Who Think Young / Porcelain)

© 2020 Anke Grünow / Impressum & Datenschutz