Dezember 27, 2017Keine Kommentare

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Als gäbe es ein Fass in mir drin, eines, das aufnimmt, was mich umtreibt. Wenn ich will, möchte, muss, kann ich einfach das, was ich fühlen will, denken. Ein Hineindenken als wäre da etwas wie eine wohlig warme Decke, eine, von der ich denke, dass ich sie aushalten und tragen möchte. Früher immer nur ein Hineindenken, heute ein Wollen.

Von einem Gehen und Werden und der Frage, was mein Gehen bedeuten würde, würde ich bleiben können, sollen, dürfen. Ein Herausfiltern eines vielleicht. The suspense is killing me.

"bring yourselves to me"
(Rhye - Count to Five)

Mai 7, 2017Keine Kommentare

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Am Gleisdreieck fliegen die Pollen zwischen meinen Füßen hindurch, sie knüllen sich zu einem Haufen, bleiben liegen in der einen Ecke in der Sonne, da an der Mauer, die gen Süden zeigt und an die ich mich gerne anlehne, wenn ich auf etwas warte oder einfach nur durchatmen will. Ich höre die Züge der U2 und U1 im Haus hinter mir vorbeidonnern, der Boden vibriert etwas, die Backsteine an meinem Rücken ebenso. Selten warte ich hier auf irgendetwas. Ich hasse es zu warten, ich habe achtundzwanzig Jahre gewartet, egal auf was oder auf wen, vielleicht komme ich deshalb immer zu spät.

Sie sagen, die Farben in meinen Augen haben unterschiedliche Tiefen, mindestens unterschiedliche Ringe, mindestens ein Wechseln wie die Jahreszeiten. Die einen sagen, ich sei tough, die anderen sagen, ich sei wie eine Wand, die nächsten ziehen Vergleiche zu Stargate um zu verdeutlichen, dass manches in mir in eine andere Dimension zu gehen scheint, während ich unbeweglich bleibe.
Das alles registriere ich schon. Feine Seismographen in mir drin, manches Mal sogar etwas zu fein. Dann: manches, zu dem ich mich gar nicht artikulieren kann, weil ich die Gefühle sortieren muss, jenes, zu dem ich mich nicht artikulieren will und es trotzdem mache, obwohl es schmerzt wieder zurückzugehen in die letzten zwei Jahre. Man denkt, es sei einfacher, sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Aber im Endeffekt ist es nur ein kleines bisschen Dunkelheit.
Wenn man allerdings einmal durch sie hindurch ist, durch den tiefsten Dickicht - anderes Licht, wie in Wäldern mit Nebel und Lichtungen und Sonnenaufgängen.

Dann die Fragen an mich: warum hängst du eigentlich immer noch an all diesen Eventualitäten? Weil ich, wenn ich etwas wirklich will, nicht einfach so ablasse. Und wenn es dir nicht gut tut? Dann schreibe ich darüber und lasse irgendwann los. Wann ist irgendwann? Wenn ich anfange meinem früheren Gemütszustand hinterherzurennen. Was ist der? Der sagt, ich sei nicht wichtig - heute jedoch weiß ich, dass ich für mich alleine genug bin. Fein bin.

Im Haus gegenüber steht das Dachgeschoss leer. Kleine Fenster, man kann die Balken sehen. Treppen, darüber der Himmel und auf den Fensterbrettern Spikes gegen die Tauben.

“You’re not what you ache.”
(Corrina Repp - Live for the Dead)

April 10, 2017Keine Kommentare

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Das mit dem Atmen hatte ich nicht gewusst. Genauso wenig wie das mit den Knochen und dass das Skelett eines Erwachsenen nach zehn Jahren einmal komplett umgebaut ist. Dann ein Denken an den ersten Satz aus „Sterben“ von Karl-Ove Knausgård: „Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, so lange es kann.“

Vor zehn Jahren habe ich mich gefragt, warum manche Mitt-/Endzwanziger so dringend beschreiben müssen, wie es ist, Mitt-/Endzwanziger zu sein; wir alle und die Ideen, die wir davon hatten, wie man in einem gewissen Alter sein sollte, weil man sich danach sehnt, endlich fertig zu sein, so fürchterlich fertig. Weil einem niemand gesagt hat, dass man niemals jemals fertig ist, außer, man ist tot und selbst dann bleibt man nicht so, man bleibt nicht erhalten, nicht so, wie es manche Büsten versprechen oder Denkmäler.
Jetzt bin ich selbst in diesem Lebensabschnitt und möchte meinem zehn Jahre jüngeren Ich versichern, dass es nicht schlimm ist, nie fertig zu sein: in vielem beginne ich gerade erst und ich sträube mich doch davor, habe Angst, hätte doch eigentlich ein Konzept haben sollen. Meine biologische Uhr tickt nicht lautstark in meinem Kopf, ich wohne in einer Wohngemeinschaft, freue mich über Socken zu Weihnachten, weiß, dass man sich nicht selbst kasteien muss, um ein Recht zu haben, zu sein und weiß, dass das Bauchgefühl eins ist, auf das es häufiger zu hören gilt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich anziehen wie ein Magnet, dass das Angst macht und dass die Angst meist sagt „hier geht es lang“, wenn man einmal richtig in sich hinein hört.

Ich war sechs Jahreszeitenzyklen damit beschäftigt, mich von der Angst aus den ersten zwanzig Jahren meines Lebens zu erholen, zu befreien, freizurennen, freizuatmen, freizudenken. Da war ein „es wird alles gut“ und ein „es wird alles scheiße“ und mittlerweile überwiegt das erste, weil die Auswirkungen des zweiten mich nicht, genauer gesagt niemanden definieren und jetzt wird alles gut. Auch du hast viel zu geben; da waren Menschen, die mich nicht kannten und mir das Leben retteten und solche, von denen ich nicht möchte, dass sie mich je wieder so sehen müssen, wie sie es taten. Manches bleibt in dir drin, manche waren da, ohne, dass du es wusstest, manche werden dich von Zeit zu Zeit daran erinnern, wie es war. Von manchen wirst du die traurigsten Erlebnisse hören. Manche werden sie dir erzählen, weil du selbst herzzerreißendste Erinnerungen kennst, manche, weil sie wissen wollen, wie du reagierst.

Weißt du, in mir drin ist ein stetes Beben und je mehr ich daran zeichne und mich erprobe und je mehr ich in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt habe, wie es ist zu fühlen, desto mehr wünsche ich mir, mich daran zu erinnern, dass ich nicht verlernt habe, wie es ist, die Beine in die Hand zu nehmen und zu rennen, weg, wie damals, vor zehn Jahren. Beine in die Hand nehmen und in ein anderes Land fliegen, mitten in mein Ich hinein, nur um festzustellen, dass ich nie weg war, nur der Fokus ein anderer. Ich weiß ganz genau, wie sich das anfühlt, aber da dachte ich eben auch, dass ich fertig sein kann. Fürchterlich fertig. Final. Ende.
So wirklich wegrennen will ich nicht, aber es zwiebelt und drückt und vielleicht ist das einfach nur die nächste Schicht Haut aus der ich wachse, weil mir die alte zu klein geworden ist, ich gewachsen bin, ich nicht nur erahne, was ich will sondern es aufschreiben und formulieren und aussprechen kann. Früher etwas weniger als ein Entwurf, etwas weniger als eine Idee, heute ein anfangs verstörendes Wissen.

(Der Herr Polaris - Uns Verbindet)

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