Oktober 15, 2021Keine Kommentare

211015

41

Wie scheinbar kaum ein Ort dich so wirklich vorbereitet auf das, was kommen kann. Kaum einer. Wie möglicherweise daher das Gefühl kommt, dass du das, was du tust, nicht so wirklich kannst. Oder du den Erwartungen, denen du dich ausgesetzt siehst, nie ganz gerecht wirst. Denkst du. Wie es zumindest keine Institution kann.

Wie du immer weiter immer wieder weiter lernst, wie es das braucht, wie es das Leben sowieso so will. Wie du immer wieder zurückkehrst zu den Gedanken, die du dir während deiner Ausbildung, deines Studiums immer wieder in deinen Kopf gelassen hast. Kann ich? Darf ich? Werde ich? Wirst du. Du wirst Tage leben, an denen es sich so anfühlt, als wäre deine Stimme nie deine eigene gewesen. Als wäre das nur eine Art Scharade gewesen, als könnte sie nie deine sein oder werden. Diese Tage werden im Vergleich zu all deiner Zeit selten sein. Erinnere dich daran, wenn die Fragezeichen versuchen deine Finger hochzuklettern.

Aber dann: du sagst gelegentlich und meinst die ganze Zeit. Und doch meinst du etwas Anderes als deine Fragezeichen.

Pudeldame - Sécurité // Yin Yin - One Inch Punch

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Oktober 13, 2021Keine Kommentare

211013

40

Du liest dich durch erzählte Geschichte, ein paar Worte könntest du unterstreichen: gelegentlich je Zeile, manchmal je Seite. Als hätten Menschen Zeit gehabt sich mit sich selbst zu konfrontieren, wenn es ums Nach-Vorne-Sehen ging, dabei gab es immer mehr, das es sich gelohnt hätte zu betrachten.
Eventuell ist das ähnlich innerer Bergabgänge, da ist ein wenig Erdrutsch, der sich verselbständigt, mit immer mehr Geschwindigkeit nach unten schießt und als Lawine im zerbrechlichsten wüten kann. Wie soll es sonst auch sein.
Berlin im Herbst, generell, deine Städte im Herbst, wie die einen maulen über das Grau, das an jedem Ort absolut hässlich sein kann. Liegt es daran, ob man eine Stadt als selbstredend anerkennt oder weist man ihr Eigenschaften zu, um für sich sagen zu können, dass man immer gehen kann? Gehen können. Eher gehen wollen.

Ein paar Wege kannst du nachzeichnen in den Büchern, die du momentan liest. Kannst aus anonymisierten Berichten Schreibender erkennen, wo genau sie leben. Der Drang zu schreiben also, diese für manche unverständliche Tätigkeit. Belvedere, abgestanden. Du lachst ein wenig. Ein Text, den so gut wie niemand je zu Gesicht bekam. Einer, den du geschrieben hast, ohne je irgendein Belvedere zu kennen. Ein Text, der so alt ist, dass du dich nur noch an die beinahe unerträgliche Dichte eines beschriebenen Schweigens zweier Personen erinnern kannst. Das Schweigen ist immer am lautesten, Stille für die einen die einfachere Reaktion, hier und da zählst du dich zu diesen einen. Für die anderen nicht auszuhalten, wie ein frischer Mückenstich auf feiner, dünner Haut, unter der Kniekehle, am inneren Oberarm.
Dichtes und überhöhtes Erzählen, um fühlbar zu machen, wie schwer gleichzeitige An- und Abwesenheit wiegen kann. Aber du bist immer nicht da gewesen. Aber du hättest doch immer gehen können, du hättest dich nur so wirklich, so richtig, so nachhaltig dafür entscheiden können. Du hättest das, dein, diese Pflaster kurz und schnell, wenn auch schmerzhaft, abziehen können. Jedoch ziehst du noch immer, ziehst seit Monaten, möglicherweise sogar seit Jahren. Hättest du dich dann nicht auch dafür entscheiden müssen, dass es ein Stattdessen als Ausblick hätte geben müssen? Gut, nimm dich ein wenig zurück, zu kryptisch willst du nicht sein.

Ja, du merkst schon wieder, wie die Themen zu dir finden. Oft sind es die gleichen, die dich seit Jahren, Jahrzehnten fast, heimsuchen. Nur deine Art sie mitzuteilen ändern sich. Auch da gibt es Unterscheidungen, wie mit ihnen zu verfahren wäre. Schließt du dich denen an, die weitermachen, weiterarbeiten, feiner herausarbeiten, ums Thema Kreise ziehen, die modellieren, oder bist du bei denen, die aufhören, abschließen, Endpunkte sehen, die an die Wand werfen, was sich überholt hat?
Wie auch immer du dir die Fragen stellst, wie sehr du in dein persönliches Solo gehst, wie sehr du vergisst, worüber du gerade vor anderen Menschen gesprochen hast: irgendetwas findet sich im Lauf der Dinge immer wieder. Was das bedeutet, bedeuten kann, weißt nur du.
Was ist das letzte, das du begonnen, das letzte mit dem du aufgehört hast? Und würdest du dich erneut so entscheiden?

BADBADNOTGOOD - Love Proceeding (feat. Arthur Verocai)

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Oktober 7, 2021Keine Kommentare

211007

39

M fragt dich, ob du das reflektierend rausschreiben könntest. Nein, sagst du, schließlich schreibst du in solchen Fällen eher in die Kerbe hinein. Ziehen in Kreisen, du kannst noch nicht mal gemein über eine andere Person schreiben, so wirklich will dir das nicht über die Fingerspitzen.
Irgendetwas ist gekippt, so fühlt es sich an. Eine Art Selbsterkenntnis, ein Auf Wiedersehen, ein neues Selbstverständnis. Gewisse Dinge lösen sich ab, das ist so wie bei alten Stickern, die seit Jahren auf Oberflächen kleben, die es erst abzupulen gilt um dann frustriert festzustellen, dass da manches bleiben wird. Um die nun freigewordene Fläche hat die Zeit genagt, wobei, meist eher das Licht und der Gilb und die, die um sie herum gewohnt haben.

Die Schuhe sind zu groß für den relativ feinen Fuß, einen, der einen sehr feinen Knöchel unter dem viel zu weiten Hosensaum erahnen lässt. Immer wieder steht die Ferse viel zu hoch, du kannst beim Gehen auf dem Bahnsteig nicht aufhören auf den Menschen vor dir zu sehen. Überhaupt, der Tunnel unter den Straßen über die die LKW donnern, mal mit Absicht, mal aus der Not heraus; du erwartest, dass bei all dem neuen zusätzlichen Gewicht der neuen Häuser doch irgendetwas anfangen müsste zu wackeln.
Wie der Belag auf der Kreuzung auf halber Länge deiner Straße absackt, immer und immer wieder, wie es die Platten der Gehwege ebenfalls tun. Dann stolpert ein Jemand, meist irgendjemand über die Kanten, nur damit die Platte neu verlegt wird, Sand inklusive, dann kriecht der Regen ebenso hinein wie der Winter und einige Zeit später sackt die gleiche Platte wieder ab, reißt die eine oder andere mit sich und das Spiel beginnt von vorn.

Die Stadt, nein, die Erde, arbeitet also unter allem, mit dem, dem sie ausgesetzt, ausgeliefert ist, bebt gelegentlich vor sich hin. Das kannst du auf verschiedensten Erdbebenwebsites lesen, teilweise kurz nach dem Beben. Ein sich durch Zeit und Raum schieben also, du denkst daran, wie sich der Mittelatlantische Rücken weitet, denkst an deine bei Katzenbuckel hervorstehenden Wirbelfortsätze und Island.
Zu denken, dass irgendetwas so wirklich, so richtig still stehen bleibt, als Wunsch einzelner, der nie erfüllt werden kann. Zu denken, dass es gut ist, nicht still stehen bleiben zu können. Du weißt schon. Das keine Wurzeln schlagen können, das nicht festhalten können. Die Befürchtung sich nicht mehr richtig oder adäquat erinnern zu können. Ist es das? Möglicherweise. Oder aber es ist das Verwachsen einzelner Erinnerungen, das diese nicht unbedingt verfälscht.

Sam Fender - Get You Down

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Oktober 3, 2021Keine Kommentare

211003

38

Ich falte mich zusammen, denkst du dir, das geht ganz einfach. In einer Abfolge legst du eine deiner Kanten an eine andere, legst Ecken auf- und übereinander.  Am Ende ist es wie mit den kleinen Kisten, die du aus einem Blatt Papier gemacht hast. Deckel drauf. Diese Miniaturkisten konntest du für die wenigsten Dinge gebrauchen, aber du fängst die kleinsten Dinge auf, sammelst vor dich hin. Mal mit Hilfe von Tinte, mal digital, mal auf Film, mal als Mitschnitt deiner Stimme. Es krächzt an manchen Tagen, fast, als würde die Ever Given auf deinen Stimmbändern liegen.
Bauch an Oberschenkel, gelegentlich ist da eine Fußsohle, die noch den Hinterkopf erreichen kann. Menschen, die vor offenen Türen stehen und kaum wagen, hindurchzugehen.

Du wolltest immer gehen. Hast deswegen nie in die Wände neben dir gebohrt, nicht zu viel angesammelt. Nur schnell weg können, immer wieder von vorn. Als könntest du Städte und ihre Kapitel abstreifen wie Morgenmäntel. Du spachtelst Löcher zu, die andere hinterlassen haben, inklusive Dübel. Die für Rigips kriegst du kaum aus dem Loch. Der Backstein hinter der weißen Farbe bröselt dir hie und da entgegen; da ist ein sich auf Leitern stellen gepaart mit deiner ausgeprägten Höhenangst, die kickt, sobald du unter deinen Füßen keinen festen Boden siehst. 

Ankommen will gelernt sein. Manche Zwanziger werfen sich in die Zeit oder die Zeit in sie. Die einen schreiben darüber oder zeichnen es, die anderen vertonen und die nächsten singen es, mal lauter, mal leiser. Fliehen in Vergangenes oder Zukünftiges, nur um nicht in der Gegenwart, einem Jetzt zu sein. Hörst du damit auch irgendwann auf, setzt dich mit dir hin und bist mit dir und allem, was du bist, angenehm wie unangenehm?
Was ist jetzt? Was ist jetzt, wenn du nicht weißt, wie lange Zeit dauert? Was kommt, was wird jetzt, wenn du nicht weißt, wie weit entfernt ein Später ist?

Courtney Barnett - Before You Gotta Go // alt-J - U&ME

September 17, 2021Keine Kommentare

210917

37

Sich an die Wand spielen bis es nicht mehr geht, darüber denkst du ziemlich oft nach. Du könntest schreiben auch mit einem anderen Ausdruck deiner Wahl ersetzen, darum geht es nicht. Hast zu oft Zitate gelesen, die du Jahre später aus heiterem Himmel wieder erinnerst und erst dann einschätzen kannst.
Du stehst mit K in einem Buchladen einer gefühlt kleinen Stadt, draußen Sonnenuntergang, musst beinahe sagen, dass es viel zu schön ist. Ihr geht die Buchrücken vor euren Augen durch, du siehst ein paar, ziehst den Schluss, dass es die eine oder andere schreibende Person im Regal stehend gibt, die die gleichen Konflikte immer und immer wieder beschreibt. K erwähnt, dass das die meisten machen; sie hat recht, irgendwie machst du das auch, macht exakt das jede Person. Bis es gut ist. Als würdest du einen Film sehen, in dem Matroshka um Matroshka auftaucht. Whack-a-Mole, nur krasser.
Du stellst dir fast jeden Tag eine Frage, verpackt als „wirf eine Münze“; deine aus der Antwort kommende Freude, Gleichgültigkeit oder Enttäuschung zeigt dir, wie sehr du eine gewisse Antwort mehr schätzt. Bis es gut ist. Eventuell ist es gut. War es schon immer, mindestens im Grund der Dinge. Du denkst an deine früheren Städte, da fiel wirklich sehr viel sehr gut an seinen Platz, trotz allem.

Nach dem Gang vor die Hunde.

Ruhe, dann, das Nachhaken, als hätte niemand von uns so richtig gewusst wie das geht. Hier einer, der tanzt: im Hintergrund Jazz, oder so ähnlich. Die Zwanziger, dann Dreißiger, im Theatereingang eine übrig gelassene leere Flasche. ICE, S-Bahn-Bogen, ein Mann ohne Obdach in einer Schneise aus Backstein.
Uringeruch peitscht durch die Nase. Gelegentlich sind 0,1µm zu wenig.

Das Grün hinter dem Haus der Eltern, du erinnerst? Diese Art der Stille, glaubst du, genau diese. Die Schächte und Bahnhöfe könnten die gleichen sein. Und manche Menschen ebenso, ja, so wie Schmirgelpapier nach außen und doch ganz viel Blut im Inneren; wie ich. Wie du.
Wie beschäftigt alles sein kann, wieder dieses viel zu laute Zerren auf Schienen. War das so, wie du es dir vorgestellt hast? Klingt es so, wie du dachtest, dass U-Bahnen klingen?
Ist es so wie an der engen, der furchtbaren Kurve an der Zwinglistraße? Stockt es gelegentlich noch so?
Der eine fährt in der beklebten Dunkelheit seinen eigenen Film, die andere schreit ins Telefon um verstanden zu werden, wenn schreiben einfacher wäre. Wieder ein anderer durchsucht die Stadt nach Kleinanzeigen.
Holz, nicht dunkel, VEB Deutsche Werkstätten Hellerau, gut erhalten. Die Ruhe, wenn etwas vorbei ist und das ohrenbetäubende Ziehen und Klirren der viel zu alten Neonröhren. In der Maske hängt ein paar Meter weiter fest, wie es nach Bratfett oder schlecht gedrehten Zigaretten gerochen hat.

Es will einfach nicht aus dem Kopf heraus. Verdammt nochmal, Erich. Du bist diese Sehnsucht nach deiner Geburtsstadt nicht mehr gewohnt.

Victor Solf - I Don‘t Fit

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September 8, 2021Keine Kommentare

210908

35

Vielleicht ist es deshalb so wichtig die Worte abzufeilen bis nur noch die tragenden Elemente übriggeblieben sind. Mehr Substanz, mehr Authentizität; und dann siehst du dabei zu, wie Filter deine Haut weichzeichnen und dein Dentin fliesenweiß machen wollen. Sollen. Nein. Nein danke. Das hat nichts mit dir zu tun, du gibst nicht vor zu sein: du bist.

Starrst du noch auf die Bögen, die du schlägst, bist du dir der Wellen und Teilchen bewusst? Das Fischen nach einem roten Faden vor lauter Gleichzeitigkeit. Auf einmal wieder dieser fast unstillbare Drang danach nach Hause gehen zu wollen. Sehnsucht, das hochgeschätzte, arg verfluchte Gefühl.

Eventuell liegt es daran: also dieses "sich nicht trauen". Diese Unterstellung dir selbst gegenüber, dass es nichts gäbe, das du erzählen könntest. Es kann eher sein, dass du dich noch nicht gewagt hast, die Geschichten in dir zu sortieren, zu verorten. Alle haben etwas zu erzählen, sei es "nur" ihre Geschichte. Kollidiert sie mit der Vorstellung eines ordentlichen Lebens? Überhaupt, was ist das? Wie viel Schneid gehört dazu zu erzählen, was du in dir trägst? Mit welchen Ausreden redest du dir das, dein, dieses Leben klein? Wie sehr bist du davon überzeugt, dass in deinem Alltag, deinem Leben nichts passiert? Ist es immer das Extravagante, sind es die Abenteuer, die du mit denen von Anderen, Fremden abgleichst? Welchen Maßstab legst du dabei tatsächlich an?
Dich interessiert umso mehr, was in den Momenten geschieht, die sonst keine Person sieht. Wie lange starrst du das Licht nach dem Aufwachen an, wie dehnst du dich, was musst du ganz dringend tun? Wie lange sitzt du schweigend neben deinen Freunden, oder mit dir? Oder hast du all das verlernt wertzuschätzen?

Da war dann dieser eine Text von vor Jahren. Hast geendet mit dem Schneider von Ulm, dir ein richtiges Hinlesen gewünscht, ein Wissen um die Bedeutung. Aber auch dieses Hinlesen will gelernt sein. Ähnlich ist es da mit dem, nach dem du strebst, was dich antreibt: Ausdruck. Eine, deine Form, eine voller Liebe und Wissen. Ein Berühren, ein tiefes in die Seele sehen. Alle wollen gesehen werden, so sehr, dass es im Inneren überschwappt. Du genauso. Wie unangenehm sich das allerdings erstmal anfühlt, wenn es unerwartet passiert, hat dir niemand gesagt. Das erfährst du für dich, wirst es erst so richtig genießen können, wenn du mal die Angst davor beiseite schiebst.

The Chemical Brothers - The Darkness That You Fear // Dead or Alive - You Spin Me Round (Like A Record)

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September 4, 2021Keine Kommentare

210904

34

J sagte vor einem Jahr, es reicht, etwas Kleines zu verändern um die gesamte Stimmung angenehmer, wohnlicher zu machen. Also hängst und arbeitest du seit einem Jahr. Fragst nicht um Hilfe bei Dingen, die nur deinen Wohnraum betreffen, denn am Ende hast in deinem Kopf nur du etwas davon. Dass du dich im Haushalt noch nicht schwer verletzt hast, grenzt an Wunder. Du lachst darüber.

Drei deiner Haare hängen noch an einem der Gelbsticker fest, die du in Pflanzenerde stecken sollst. Die, die man nutzt um diese kleinen Fliegen zu fangen, derer sich sonst die eine Spinne, die pro Zimmer zugelassen ist, habhaft machen würde.
Überhaupt, sich jemandes oder etwas habhaft machen. Als könnte da jemand einfach einen, ihren, seinen, deinen Namen an eine andere Person kleben und als wäre diese dann eine, ihre, seine, deine Person.

Eventuell hat man mit dir nichts anderes getan, hat dir einen Namen gegeben, dessen du habhaft werden solltest. Einen, dessen Klang deines Körpers habhaft wurde. So sehr, dass dieser mit dir gleichzusetzen ist. Was für ein absurdes Konstrukt: einen Körper zu haben und gleichzeitig einer zu sein. Einen Namen haben, für andere ein Name sein.

Leben, aber mit Reverb.

GoGo Penguin - Murmuration // Flavien Berger - microsono

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September 2, 2021Keine Kommentare

210902

33

Wie du früher einfach nur schwingen konntest in Buchstabenform, wie du es mit dir ausgemacht hast, wohin du gehen willst. Wie du für dich jetzt merkst: verdammt, alles davon ist greifbar, war es immer. Gelegentlich lohnt es sich, für sich selbst genauer hinzusehen. An manchen Tagen lohnt es sich nicht alles in sich zu genau zu betrachten. Alle wollen den Schmetterling, keiner die Raupe.

Dein Kopf eine Petersburger Hängung. Das wäre dann dein ausgelagertes Gehirn, eins in Papierform, durch das man sich arbeiten kann, wenn die Muße es zulässt.

Sind deine Gedanken mal ruhig, wollen sie nicht irgendwann auch mal etwas Neues entdecken, lernen, erfassen?
Wie ist es mit der Dünnhäutigkeit? Besucht dich von Zeit zu Zeit noch dieser oder jene kränkende Umstand? Kannst du auch in zehn Kilometer Entfernung den Unterschied zwischen Selbstironie und Self-Depreciation riechen? Hast du gelernt, dass der Raum, den du einnimmst, nur von dir so eingenommen werden kann? Weißt du um die Verletzlichkeit in allen und allem drin? Macht dich das weicher oder härter? Kapselst du ab, was dir unangenehm ist? Wie steht es um den Garten in dir? Um die Räume, in die nie jemand anderes gehen können wird?
Hättest du das früher als Anlass zur Panik gesehen? Ist dieser jetzt dem Wunsch gewichen, das alles nach außen zu tragen?

Aber wie lernst du dann das Vergessen? Wie lernst du das Aufhören? Wie tief sinkst du in deinen Morast ein, wenn du zulässt, dass er dich umkippen lässt wie einen See? Hast du dann doch lieber all den Staub in dir weggekärchert, die letzten dich drangsalierenden Splitter abgeschliffen, natürlich nur mit dem feinen, nicht dem groben Sandpapier? Kannst du denn jemals so richtig, so wirklich, so nachhaltig vergessen, oder gerät das alles nur in einen Hintergrund? Einen, den du im besten Fall gut bewältigen und im schlechtesten nicht aushalten kannst? Wer bringt dir all das bei, wenn nicht jede einzelne Begegnung, der du dich am Ende doch stellst?

Am Ende kannst du noch so viel planen, noch so viel kontrollieren wollen, perfektionieren wollen, beherrschen wollen - es fehlt das wichtigste Element, dein Zufall.

Auf einmal ist die Stadt. Und wütet (so) laut, schreit fast.

The Düsseldorf Düsterboys - Teneriffa // Robert Parker - Sweet Nothings

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August 17, 2021Keine Kommentare

210817

Licht eines Sonnenuntergangs spiegelt sich in der inneren Wand des U-Bahnhofs Gleisdreick in Berlin.

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Die einen reden von Kintsugi, du musst dir das bildlich vorstellen, als hätte da jemand Gold oder mindestens Goldfarbe in deine Schmisse und Risse gekippt. Als hätte dich jemand damit wieder zusammengeklebt.
Das Konzept der Sollbruchstellen; Verschleißteile und die fehlenden Ausbesserungsmöglichkeiten. Du verlierst mit jeder Teilung ein paar Stückchen deiner Telomere, gräbst dich ohne dein Zutun mehrfach im Leben um. Zugkraft, Trabekel, Knochen, Kanäle, du verstehst schon. Du hoffst es, du hoffst auf ein Messen deinerseits in Zellform.

Irgendwann hört das eine oder andere auf, du hast dieses fertige Bild, inklusive Atmosphäre und Gefühl direkt vor dir, kannst es fassen, siehst selbst den Staub durch das Licht fliegen. Du packst nacheinander die richtigen Schritte auf Papier. Braindump nennt sich das für dich, eine Art Herausbrechen deines Gehirns, keine richtige Halde, kein Abfall.

Hast du dich ertappt gefühlt? Wolltest du eigentlich etwas anderes sagen? Was sagst du, wenn dich andere Menschen versuchen zu lesen oder zu spiegeln? Rennst du weg? Stellst du dich dir? Kannst du dich selbst ohne das Erleben deinerselbst durch Menschen, die nicht du sind, fassen? Wo fängt dein Normal an, wo hört es auf?
Wie lang ist ein Jahr?

Home - Head First

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August 8, 2021Keine Kommentare

210808

31

Aber du hast so oft am liebsten nach oben gesehen. Irgendeine Formation muss da schon irgendwo zu sehen sein, Punkte, die sich verbinden lassen wie auf Haut, wie auf Papier, wie an Hauswänden. Da war auf einmal der Große Bär auf deinem Oberkörper, Brustkorb, Sternum, du weißt schon. Wer hat so wirklich hingeschaut?

Es ist irgendwie immer etwas zu finden, das es neu zu wissen gilt.

Nicht nur etwas anschauen sondern tatsächlich bemerken, was vor oder neben einem ist. Hinsehen, so richtig. Wiedergeben von Begebenheiten in Fragmenten, deine Lieblingsdisziplin. Sammelst scheinbares Trivia, das du in den Raum werfen kannst, wenn es dir angebracht scheint. Sternschnuppen, langgezogene, am Firmament. Irgendein Sitzen auf Holzbänken oder Bänken aus massivem Stein, sie strahlen noch die Wärme des vorhergegangenen Tages aus.

Es hätte dir gut gefallen können. 

Beginnen, wieder das erste Mal von irgendetwas. Als hättest du vergessen, als könntest du nicht überschreiben. Vielleicht würdest du generell bei einigem gern von vorn anfangen. Formationen, Pulsar. Pluto. So wirklich tote Punkte gibt es nicht, weder unter deinen Fingerspitzen, auf deinem Brustkorb, noch vor dir. Nicht nur das Gefühl, alles erneut und neu zu erleben, vielmehr der Wunsch danach. Wie viele Osteoklasten haben sich durch deine Knochen gearbeitet, wie viele Osteoblasten haben sie wieder aufgebaut?

Lass einfach so vieles und ein paar Menschen von Neuem kennenlernen.

Ora the Molecule - The Ball

Den Geruch von metallischem Staub hattest du lange nicht mehr in der Nase. Da war erst ein einsturzgefährdeter Kellerraum, oft unter Wasser oder nicht betretbar, weil dort unerwünscht. Später irgendeine Garage, dann irgendein leerstehendes Haus, dann bei manchen ein gut eingerichtetes Studio, vielmehr ein Teil Wohnraum.
Ein paar Jahre früher und Etagen weiter oben brüllt deine Musiklehrerin auf dich ein, weil du keine Geduld hast für die Tasten vor dir oder eher für das, was sie von dir hören will. Dich beruhigt all das schon, stellt dich emotional ein, aber eben nicht so sehr und unmittelbar wie Worte, von denen du denkst, dass du sie nicht so sehr erklären musst. Also hörst du auf auf Tasten zu starren. Nur was für ein Irrtum das mit dem Erklärenmüssen bleibt, egal in welchem Medium. Musik als für dich wichtiger Stimulus ohne Doppelbelegung. Arbeit mit Händen und Kopf, gelegentlich ist da noch ein Drang übrig. Du weißt, was du magst, warum du es magst, kannst das selbst aber nicht, du lässt Gefühle gern in dir auslösen und steuerst dich so, kuratierst, entscheidest, wie leicht du in deinen persönlichen mehrere Stunden andauernden Flow hineinkommen kannst. 
Das tatsächliche Machen überlässt du lieber denen, die gut darin sind oder sein wollen.

Jahrelang hast du stattdessen irgendwelche Interpretationen, Atemübungen, Chorfahrten mitgesehen und mitgemacht. Du fühlst dich meist viel zu laut. Konsequenterweise hältst du dir bei den Proben zuhause lieber Kissen vor den Mund, anstatt andere zu stören, und wählst Musik trotz Spaß und guter Note vorm Abi ab. Schließlich kannst du kein Instrument spielen. Du musst nicht in allem gut sein, nicht in allen Bereichen eine Jackie of All Trades. Das kann man sich heute auch öfter sagen. ii-V-I. Scheinbar priorisierst du anders.

LCD Soundsystem - All My Friends (Franz Ferdinand Version)

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Film: Fotoimpex CHM 400

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