Januar 15, 2021

210115

3

Genau das ist es, sagst du, du brauchst Leute in deinem Leben, die wollen, dass du für dich selbst, zu dir selbst besser bist, auch, wenn sie nichts davon haben. Du denkst an Frau N zurück und Herrn C. An all die kleinen Sätze, die du schon immer über dich geschrieben hast, an die Dinge, an denen du arbeitest und arbeiten willst. Wie du immer gebrannt hast und es selten andere sahen, das Nicht-Wissen um Zeit und ihr fehlendes Fassen-Können.

Sie haben die Charité abgesperrt, ein Mobilzaun, bewacht, der all das so wirken lässt, als wäre es mehr Baugebiet als Klinikgelände. Du denkst an die Schneisen, auf denen du sonst gestanden hast, auf die du geschaut hast. Kunst am und im Bau. Radiologie, Präsentationsräume voller Büsten von Mediziner:innen, ich und du in gespiegelter typographischer Form. Kurze Wege, trotzdem Labyrinthe, Hogwarts. Charité heißt Barmherzigkeit.

Sharon Van Etten - I Don't Want to Let You Down

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Kodak UltraMax 400

Bibliographie:

Adams, R. (2021, January 7). University College London Apologises For Role In Promoting Eugenics. The Guardian. https://www.theguardian.com/education/2021/jan/07/university-college-london-apologises-for-role-in-promoting-eugenics
Criado Perez, C. (2019, June 21). Yentl Syndrome: A Deadly Data Bias Against Women. Longreads. https://longreads.com/2019/06/21/yentl-syndrome-a-deadly-data-bias-against-women/
Levitin, D. (2019). This Is Your Brain on Music: Understanding a Human Obsession. Penguin Random House UK.
Sedgwick, J. A., Merwood, A., & Asherson, P. (2019). The positive aspects of attention deficit hyperactivity disorder: a qualitative investigation of successful adults with ADHD. ADHD Atten Def Hyp Disord11(3), 241–253. https://doi.org/10.1007/s12402-018-0277-6

Januar 8, 2021

210108

2

Vom Organisieren des Lebens um einzelne Begebenheiten herum, vom Entwickeln von Strategien, die alles zusammenhalten. Wie es dann Dinge gibt, die erarbeitete Gleichgewichte aus der Balance bringen.
Wie die alte Briefwaage der Großmutter von der Hebelwirkung erzählte. Und wie du dich fragst, ob du wieder- und weitersehen wirst. Wie die Türen offen stehen, wie die Zeit vergeht.

Widowspeak - The Good Ones

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Kodak UltraMax 400

Januar 1, 2021

210101

1

Darum geht es: etwas nicht nur für das Jetzt sondern vor allem für das Später machen.

Fleet Foxes - Can I Believe You

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Kodak UltraMax 400

Bibliographie:

Elliott, J., Johnston, A., Husereau, D., Kelly, S. E., Eagles, C., Charach, A., Hsieh, S.-C., Bai, Z., Hossain, A., & Skidmore, B. (2020). Pharmacologic treatment of attention deficit hyperactivity disorder in adults: A systematic review and network meta-analysis. PLoS ONE15(10), e0240584. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240584
Film Supply Club. (2020, November 13). Tyler Shields Interview // Intentionality With Photography. YouTube. https://youtu.be/Uizuh5S3bVE
Gordon-Levitt, J., & TED. (2019, September 12). How Craving Attention Makes You Less Creative | Joseph Gordon-Levitt. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=3VTsIju1dLI
Honigsbaum, M. (2018, October 25). Why The 1918 Spanish Flu Defied Both Memory And Imagination. Wellcome Collection. https://wellcomecollection.org/articles/W7TfGRAAAP5F0eKS
Li, T., Franke, B., AriasVasquez, A., & Mota, N. R. (2020). Mapping relationships between ADHD, genetic liability, stressful life events, and ADHD symptoms in healthy adults. Am J Med Genethttps://doi.org/10.1002/ajmg.b.32828
Myronuk, L. D. S., Weiss, M., & Cotter, L. (1996). Combined Treatment With Moclobemide and Methylphenidate for Comorbid Major Depression and Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Journal of Clinical Psychopharmacology16(6), 468–469. https://doi.org/10.1097/00004714-199612000-00018
Nesse, R. M. (2020). Good Reasons for Bad Feelings: Insights from the Frontier of Evolutionary Psychiatry. Penguin Random House UK.
Skloot, R. (2019). The Immortal Life of Henrietta Lacks (Picador Classic). Picador Classic.
Windsor, J. (2019, October 28). Wabi-sabi: When BAD PHOTOS Are BETTER. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=gyCumQ78ZoI

Dezember 22, 2020

201222

21

Seit 2010 alljährlich: und da erst war mir aufgefallen, dass wir gerade die längste Nacht des Jahres überstanden hatten.

The British Expeditionary Force - All Those Demons

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

Dezember 15, 2020

201215

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Rationalisieren und Substantivieren als großes Gespann. Du hättest das früher früher erwartet, hättest auf etwas zyklischeres spekuliert, ähnlich Jahreszeiten, hättest eventuell sogar den gleichen Zeitrahmen erfürchtet. Das Befürchten war immer irgendwo im Hinterkopf, zuletzt sehr klein. Gewundert hast du dich beinahe schon, dass du bis zum Ende des Novembers gut durchgekommen bist. Irgendjemand sagte - du weißt nicht mehr wer - Resilienz kommt von positiven Beziehungen; du nickst deswegen immer wieder. Genau deshalb pflegt man seine engsten Netze, schützt sie ähnlich gut wie die Haut im Auge.

Dann die Erkenntnis: du kommst nicht an dich heran. Du fühlst dich in Stimmungen, versuchst es, artikulierst es gelegentlich dir selbst gegenüber. Es schlägt sich Bahn, die Knochen in deiner Schulter und Halswirbelsäule knacken gelegentlich, das Rumpeln muss doch kilometerweit zu spüren sein. Die innere Richterskala, du siehst anderen dabei zu, wie sie die Sprache nicht finden. Du stehst gerade zwischen Gedanke und Gefühl und versuchst, die eine Augenbraue nicht hochzuziehen. 

Liz Lawrence - None of My Friends

Die eine weiße Strähne legt sich halb über dein Gesicht, als hätte sie etwas, was sie dringend erzählen wollte. Dann die Augen, immer noch grün.

Das Beginnen zu Erzählen von dem, was ist. Generell, es ist was es ist, was du daraus machst.

Du spürst dich hinein in den Druck, den dein Mantel auf deinen Po ausübt, wie er über den Rücken fällt, wie deine Schultern tragen, wie das Gewicht des Mantels vorher in deiner Hand lag. Eigentlich wolltest du länger in der Sonne spazierengehen; Müdigkeit beiseite schieben, aber erst hat es geregnet, dann war es beinahe schon dunkel.
Frühlingskinder, seit September das Warten auf den März, jedes Jahr das Sich-Fragen wie die dunkle Jahreszeit zu überstehen ist; du liebst das Licht aber besonders im Winter. Dir fehlt Berührung.

Immer und immer wieder beschreiben was ist. Immer und immer wieder den Duktus suchen, der zweite Haut sein könnte. Immer und immer wieder fragen, was hätte sein können. Vermutlich sammeln sich auch da, auf der zweiten Haut und im Konjunktiv, schnell blaue Flecke. Mit den meisten kannst du leben.

Isola Music - Splinter (feat. Insa Rudolph)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

Bibliographie:

Bausenhardt, J. (2019, October 24). Why I Quit Social Media - My Advice For Artists And Creatives. YouTube. https://youtu.be/31yF8eJJ8z0
Cinema Therapy. (2020, August 21). ARAGORN Vs. Toxic Masculinity. YouTube. https://youtu.be/pv_KAnY5XNQ
Cover, R. (2012). Performing and undoing identity online: Social networking, identity theories and the incompatibility of online profiles and friendship regimes. Convergence18(2), 177–193. https://doi.org/10.1177/1354856511433684
Die Heimreise - Auf Der Suche Nach Der Vergangenheit | Doku & Reportage | NDR. (2020, November 24). YouTube. https://youtu.be/Oq-tvCoscN0
Duhigg, C. (2020, November 23). How Venture Capitalists Are Deforming Capitalism. The New Yorker. https://www.newyorker.com/magazine/2020/11/30/how-venture-capitalists-are-deforming-capitalism
Exley, H. (2020, November 20). We Need To Talk About Grind Culture In The Illustration Industry. YouTube. https://youtu.be/Opo755EKQH4
Harris, J., Domokos, J., & The Guardian. (2020, December 4). Tiers, Fears And What We Lost In Lockdown | Anywhere But Westminster. YouTube. https://youtu.be/P7sIqzr9Nic
Odell, J. (2019). How to do Nothing. Resisting the Attention Economy. Melville House.
Schulz, O., & NDR. (2019, December 6). Olli Schulz Im Seniorenheim: Kümmelschnaps Aufs Leben | Die Geschichte Eines Abends | NDR Doku. YouTube. https://youtu.be/-KK5aPQ3XKw
Struthless. (2020, December 1). Imposter Syndrome: Why You Have It & How To Overcome It. YouTube. https://youtu.be/VHkfEoc-3mk
The Studio Rats. (2020). Interview With Touring Musician Jack Duxbury. https://itunes.apple.com/podcast/id1463539023
Trash Theory. (2020, September 18). Before Loveless: How Shoegaze Became Shoegaze. YouTube. https://youtu.be/7XFB4gl1Iok
Tweedy, J. (2020). How to Write One Song. Faber & Faber.
van der Kolk, B. (2015). The Body Keeps the Score. Mind, Brain, and Body in the Transformation of Trauma. Penguin Books Ltd.

Oktober 25, 2020

201025

17

Das hat sich so in der Zeit festgesetzt. Du weißt schon, dieses Licht, das von den Fenstern in Mitte auf den Asphalt und gelegentlich auch auf dich fällt. Die ruhigen Orte in einer Stadt, aus der alles in Wellen nach außen schwappt. Du siehst den Schatten der Kräne dabei zu, wie sie über dich ziehen, manche haben ihre inneren Kräne nummeriert.

Bombay Bicycle Club - I Can Hardly Speak

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

Bibliographie:

ARTEde. (2020, October 12). Überlebende In Srebrenica | ARTE Re: YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=4u6hnPhp2J8
Gostic, K. M., Bridge, R., Brady, S., Viboud, C., Worobey, M., & Lloyd-Smith, J. O. (2019). Childhood immune imprinting to influenza A shapes birth year-specific risk during seasonal H1N1 and H3N2 epidemics. PLoS Pathog15(12), e1008109. https://doi.org/10.1371/journal.ppat.1008109
Iwasaki, A., & Omer, S. B. (2020). Why and How Vaccines Work. Cell183(2), 290–295. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.09.040
Kolubinski, D. C., Nikčević, A. V., & Spada, M. M. (2020). The Effect of State and Trait Self-Critical Rumination on Acute Distress: An Exploratory Experimental Investigation. J Rat-Emo Cognitive-Behav Therhttps://doi.org/10.1007/s10942-020-00370-3
Mason, P. (2014, November 23). Let’s Go Claustrum-hunting. The Brain Is Sooooo Cool! https://thebrainissocool.com/2014/11/23/lets-go-claustrum-hunting/
Milia, C., Kolubinski, D. C., & Spada, M. M. (2020). The effects of self-critical rumination on shame and stress: an experimental study. Behav. Cogn. Psychother., 1–15. https://doi.org/10.1017/S1352465820000727
Morens, D. M., & Fauci, A. S. (2020). Emerging Pandemic Diseases: How We Got to COVID-19. Cell182(5), 1077–1092. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.08.021
Mukherjee, S. (2020). Before Virus, After Virus: A Reckoning. Cell183(2), 308–314. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.09.042
National WWI Museum and Memorial, & Spencer, M. (2018, August 16). Influenza, 1918. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=XYQnL_XRgzk&t=2951s
Worobey, M., Cox, J., & Gill, D. (2019). The origins of the great pandemic2019(1), 18–25. https://doi.org/10.1093/emph/eoz001

Oktober 15, 2020

201015

16

Plattentektonik VI

Es gibt manches zu dem es sich ruhigen Gewissens lohnt zurückzukehren. Große Schritte der vergangenen Jahre in ungeordneter Reihenfolge: das Ablegen der Alter Egos und Annehmen des eigenen Namens, von in dichter, massiver Fiktion gebetteten verarbeiteten Eindrücken zu dem puren Beschreiben von Leichterem. Ein Nachzeichnen von Licht, ein Abkehren vom Schreiben als Du, dann ein Schreiben hin zum Ich. Und jetzt ein Zurückkehren zum Du. Genau das ist es dann aber, dieses Weiterschreiben, das Sehen, das Lernen des Sehens alter Dinge, eingestaubter. Das Aufschreiben von Gedanken, das Beschreiben, sich Erinnern-Wollen der Worte, die Andere vergessen festzuhalten. Die legst du stattdessen in eine Schale, eine aus Papier oder Pixeln, sodass sie sich lesenden Augen zuneigen können wie die Pflanzen auf dem Fensterbrett zur Sonne.
„Methodik“ des Schreibens. Aber auch du musst warm werden, üben, das ist wie beim Illustrieren oder Musizieren. Ist es dann aber die Hand, die du warm schreiben musst oder ist es das Hineindenken oder Hineinfühlen in die Lage? Gelegentlich will es einfach nicht, dann schmeißt du Papier durch die Gegend, gehst eine Runde, atmest durch und lässt einfach wieder geschehen. Vielleicht ist das der Unterschied.

Vielleicht ist ein weiterer Unterschied, was genau beschrieben werden soll. Wie viel Knausgård kann jemals in dir anspringen? Wie ist es mit der Sicht nach draußen, durch wie viele und welche Schichten siehst du? Sind da zwei alte Flügelfenster mit starren Griffen, bei denen es lohnt, sie bald in Terpentin einzulegen und die es mit einigermaßen Aufwand aufzumachen gilt oder braucht es nur den Plastikfenstergriff, dessen Quietschen sich nachts durch die Innenhöfe lärmt?Das Trennen von Werk und Schreibenden. Wie sehr ist das überhaupt möglich, wenn Sprache viel, wenn nicht gar das Meiste, von dem formt, was ist. Was „man“, „ich“ ist? Wie sehr formt das, was an Worten in dir ist, in welcher Sprache auch immer, das, was du bist? Folgt die Sprache dem Charakter oder ist es umgekehrt?

Der Wurf zum Schreiben hin als Wurf zum Verstehen.

Was hat dir das Gehen durch Krankenhäuser gefehlt. MNS mindestens, sonst OP-Masken überall. Du lächelst Andere mit deinen Augen an, über dem einen Eingang klebt noch RUHE BITTE über der Glastür, ausgedruckt als je ein Buchstabe pro DIN A4 Blatt. Teilweise stehen die Türen offen für Fachgespräche der Radiologie. Denken an den Dozenten mit den Büsten im Raum auf dem anderen Campus und wie er, während die Vorlesung zu Notfall- und Katastrophenmedizin lief, leise hinter den Vortragenden zu seinem ein wenig schief stehenden Schrank ging und sich seine Kleidung herausholte. Nur um in voller Fahrradfahrermontur in die winterliche Dunkelheit zu verschwinden.
Immer und immer wieder der Wunsch nach dem Beginnen, nach guter Lehre. Das Sich-Selbst-Motivieren als Gang in Bibliotheken, als das Sitzen an Schreibtischen, als das Gedanken-Verloren-Sein und Starren darauf, wie Licht durch die Souterrainfenster fällt und an den teilweise leeren Metallregalen durch den nach Druckerzeugnissen unterschiedlichen Alters riechenden Raum wandert.
Dein Blick wandert zuhause zwischen Bildschirm, dem kleinen Spiegel hinter dem Bildschirm, der dir erlaubt, dir in die Augen zu sehen, und einem kleinen Zettel, auf dem „DON’T SELF-SABOTAGE“ in roter Schrift geschrieben ist, hin und her.

Es wird Winter, Skizzenbuch-Zeit. Sich freischreiben, festschreiben, freizeichnen, festzeichnen und den Finger auf den wunden Punkt legen. Du bist mehr Stargate als Maneater, noch immer.

alt-J - Hunger of the Pine

September 4, 2020

200904

15

Plattentektonik V

Ich glaube, irgendwo kann man für manches von der Frequenz der Dinge auf deren Besonderheit Rückschlüsse ziehen. Etwas Spektakuläreres hatte ich mir jedoch vorgestellt: alle fünf- bis sechstausend Jahre an der Erde vorbeiziehend, dieses Mal also während einer Pandemie, die dem Kometen da oben so ziemlich egal sein dürfte, wirkt es jetzt so, als würde dieser durch den Baum vor meinem Haus stürzen. Wie wir auf der einen Bank an der Kreuzung sitzen und mir Grashüpfer konstant aus der Kastanie in die Haare fallen, während mir der Trichter kommt, dass es nicht die beste Idee ist mit Kurzsichtigkeit und ohne Vergrößerung einen Himmelskörper beobachten zu wollen.
Sehr hänge ich in meinem Kopf. Dann viel nahes Phäomelanin und weiche Haut.

Björk - Cocoon

Das Sortieren und Ordnen von hier nach da. Es braucht meist ein wenig Zeit für mich und Schreiben, bis ich etwas so für mich verarbeitet habe, dass ich weiß, wie ich es für mich einordnen kann. Ein Kopf mit Gedanken auf Concorde-Niveau und mit Themen Ping-Pong spielend. Gil Scott-Heron kratzt in meinen Ohren. I'm new here, I think.
Ein paar Tage später prelle ich mir wieder diese eine Stelle am Unterarm, während an meinen Oberschenkeln blaue Flecke auftauchen und durch meine linke Hand abwechselnd Taubheitsgefühle und Missempfindungen toben.
Das mit dem Licht ändere ich schnell, verdunkle nun meine Fenster, schlafe auf einmal tiefer und erholter. Die Vorhänge sind so schwer wie der Sommer sich anfühlt und auf den Kreuzungen der Stadt liegt. Durchzug in der Wohnung, als wäre der Luftstrom ein tiefes und sehr langsames Ein- und Ausatmen des gesamten Seitenflügels.

Aus Häusern herausstieben als wäre man selbst Staub, der feine, nicht der grobkörnige, der schlagartig durch die Luft schwebt. Sich nach Regen sehnen und sich erinnern, wie es zu Orkanen im Park am schönsten ist. Denke wieder an J und ihre Worte und wie sie immer noch so sehr recht haben - manche haben einen unfassbar schönen Verstand.

IDLES - A HYMN

Es fühlt sich alles sehr nach Warten an, es ist etwas, das ich nicht mag, vor allem, wenn ich mich auf etwas freue, aber kann, wenn ich es muss. Viel zu lernen gab es über mich in den letzten Jahren, vor allem den letzten drei. Was hat aufgehört, wohin zieht es mich zu sehr, worin und wobei bin ich ungeduldig und warum?

Ich sehe meinem Daumen dabei zu, wie er zuckt. Erst an der rechten, dann der linken Hand, dort bleibt danach ein Gefühl von Reizung übrig. Als hätte man zu seichten Muskelkater nach zu viel Zerknüllen von Papierbällen. Oder als hätte ich gerade einen Baumwollpullover an meinen Haaren gerieben und hole mir beim Greifen nach einer Metalltür einen Schlag. Nur, dass es kribbelt und schmerzt, fast einen Tag lang. Dabei lerne ich synonym verwendete neue Fachbegriffe: Dysästhesie und Parästhesie.

The British Expeditionary Force - Back of the Hand

Mein Leben ist ein Leben auf achtzehn Quadratmetern, plus etwas Küche, Bad und Flur. So langsam schwärmt es aus, schleicht, nein, läuft, nein, rennt aus der Zimmertür, findet den gesamten Flur, das gesamte Bad, die gesamte Küche, die gesamte Wohnung mit dem freigewordenen Zimmer.
Schon hunderte Male in diesem Raum gewesen, im Prinzip als Gast, da war ein anderes Leben drin, da war immer etwas gefüllt mit Sein. Sich in Wellen freuen und zwischendrin anfangen zu lachen. Wie lange wird es dauern, bis dieser Raum nach mir riecht (und wie rieche ich eigentlich für jemand anderen)? Wie lange dauert es, bis er so ist, wie ich ihn mir vorstelle?
Wie eignet man sich also einen Ort an, wie verorte ich mich?

Talking Heads - This Must Be The Place (Naive Melody)

Das erste Mal seit drei Jahren führe ich nicht das gleiche Gespräch mit der Frau, die mir bei meinem Parfümeur die Nachfüllflaschen verkauft. Sie ist nett wie immer, aber ein großes Schweigen geht durch den Raum. Am Ende frage ich sie, wie es für sie ist, so als Person, die viel mit dem Geruchssinn zu tun hat (abgesehen von den Plastikblumen, die, wie ich beim Warten vor dem Eingang lerne, seit 1926 Teil des Firmenkonzepts sind). Roter Teppich, rotes Kordelabsperrband, alles als wäre Berlinale. Sie zieht schlussendlich die Schultern hoch wie ich und erzählt wie sie jetzt Proben auf Papierstreifen mitgibt. Wie immer aber wickelt sie meinen Flakon ein in Geschenkpapier, fragt mich wie jedes Mal, ob es für mich sei, ich antworte dieses Mal einfach ja, anstatt mir irgendeine Geschichte auszudenken, wie ich Freundinnen und Freunden etwas schenken will. Auch damit scheint sie zufrieden. Alles Gute für die Woche wünsche ich ihr und sie bleibt allein in dem aus der Zeit gefallenen Laden zurück, der in seinen Anfängen nicht in Charlottenburg war sondern um die Ecke von mir, in meinem Kiez.

Nation of Language - The Wall & I

Ich schwappe also in Leere hinein, das kenne ich sonst nur von Räumen, kurz bevor ich sie verlassen habe. Generell, fast immer dieses Wegwollen, Gehen-Wollen, Wegrennen-Wollen, eventuell war and suddenly I feel like running auch eine Version davon. Nun aber ein Bleiben-Wollen, Tiefer-Wollen, Eruieren-Wollen, an meinen Beinen wieder blaue Flecke.

Youth Group - Shadowland

Bibliographie:

Haynes, J. D. (2015). An Information-Based Approach to Consciousness: Mental State Decoding. Open MIND: 17https://doi.org/10.15502/9783958570276
Kitboga. (2020, August 3). Scammer Left Speechless When Caught ($4,200 Fail). YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=KuJsHVXCkJc
Kuhlen, A. K., Allefeld, C., Anders, S., & Haynes, J.-D. (2015). Towards a multi-brain perspective on communication in dialogue. Cognitive Neuroscience of Natural Language Use, 182–200. https://doi.org/10.1017/CBO9781107323667.009
Moalem, S. (2020). The Better Half: On the Genetic Superiority of Women. Allen Lane.
Sansom, P. (2020). Female Mosaicism: The Stronger Sex? https://itunes.apple.com/podcast/id527187069

Juli 7, 2020

200707

14

Plattentektonik IV

Ich wühle mich weiter durch zehn Jahre Filmnegative, das sind also alle davon, einige absolut nicht gelabelt. Meist Farbfilm, meist Kleinbild, selten ISO 3200. Voll ins Schwarze getroffen nach dem zweiten Griff. Kann ich alten Arbeiten den passenden Raum über Archivierungsordner hinaus geben, wenn ich nicht ausnahmslos alles erneut sichte, scanne, bewerte, veröffentliche?
Es gab da früher ein Death to my Hometown, aber ich meinte wirklich eher Suburbia. Sich versöhnen können mit einer Stadt, die sich die Hänge hinaufzieht nach, bei, wegen, dank zweieinhalb Jahren, sechseinhalb Jahre später.

Otha - One of the Girls

Entfremdung ist ein Schwelbrand im Moor. Nicht alle können Glutnester gleich gut sehen.

Kraków Loves Adana - Faces Replaced

Zyklisch komme ich an exakt den gleichen Punkt mit fast exakt gleichem Gedanken. Ich hinterfrage, warum ich für Plattformen, die mir nicht gehören, täglich kostenlos Arbeit leisten, Inhalte gestalten und zeitgleich meine Stimmung potentiell in den Keller rasseln lassen soll. Wiederholt kann ich mich selbst zitieren. "Dann aber: dass man in dem Dilemma steckt, dass man als Künstler nur sichtbar ist, wenn Andere deine Arbeiten sehen. Das Dilemma, dass man nicht nur die eigene Arbeit ist sondern diese eine Ebene von einem darstellt - und nur das."

Das Medium, auf dem ich mich mitteile, ist meist nur Mittel zum Zweck, bestimmt schließlich jedoch potentiell zu viel durch seine Form. Zu Beginn gut zum Austauschen mit und Kennenlernen von Menschen hunderte Kilometer entfernt von mir (oder zwei Straßenecken weiter), sind soziale Netzwerke später und jetzt impliziertes FOMO, Dopaminkicks und Disconnect. Das Internet muss im Kontext von historisch-kritischen Ausgaben ein Albtraum sein.

Ich will, dass die von mir selbst geschaffenen und gestalteten Räume die sind, in denen meine Hauptarbeit sichtbar ist, ich will mich nicht weiter abhängig machen müssen von einem Algorithmus, der qua Konzeption biased ist. Lachen über die kleinen Dinge und Zeichnungen, hinterlassen als Notizzettel in den Bibliotheksbüchern, durch die ich mich gerade arbeite. Irgendjemand sagte mal du willst doch nur gefunden werden und ich musste nicken und dann hinterfragen, ob es etwas anderes ist, wenn ich in meiner Lieblingsbuchhandlung vor einer Wand aus Buchrücken stehe und ein mir fremdes Buch aussuche, dessen Inhalt ich unmöglich kennen kann. Ist das nicht etwas, das versucht werden kann mit den kleinen Nischen, die ich ausfüllen möchte, egal ob beruflich oder zum Vergnügen?

Ich denke an die Leben - Kunst - Lebenskunst Vorlesungsreihe von Professor Porombka, die ich mir an der UdK angehört habe. Frage mich, wo und wie künstlerische Praxis beginnt, wo sie endet und wieso sich manche früher sehr künstlerisch tätige Menschen von ihr entfernen - sofern das überhaupt so richtig nachhaltig möglich ist. Der Kreis schließt sich wieder zum Gedanken an das nicht leben wollen im Traditionellen, Konventionellen. Wie gesagt: zyklisch komme ich an exakt den gleichen Punkt mit fast exakt gleichem Gedanken.

The Kills - Goodnight Bad Morning

Lesen und Gehen und das Erzählen vom Tag. Aus der Literatur gelernt, ebenso wie aus früheren Krisen, Aufsätzen, dem Studium Generale. Wie du dich durch den Alltag bewegst, sagt mir genauso viel über dich wie deine Reaktionen auf die traurigsten und dramatischsten Dinge. Wie fühlt sich an, was dir gefällt?
Ist das der Moment, an dem du merkst, was das Eigentliche ausmacht? Hast du deshalb aufgehört? Hast du dir gedacht, dass es nichts mehr zu erzählen, zu sagen, zu singen, zu beschreiben gibt? Musst du denn so dringend ein Fontane sein oder deine Sätze so langgezogen wie in den Buddenbrooks?
Was ist erzählenswert? Was ist das, was du in Büchern liest? Ist es wirklich nur das Besondere, das mit den Ver- und Zerwürfnissen, ist es das Klischee, das sich durch die Feuilletons und überhypten Romane zieht? Entwickeln sich diese Romane ähnlich schnell zu Trivialliteratur wie die Bücher der Schriftsteller, die in den frühen 1900er Jahren mit dem Literaturnobelpreis bedacht wurden?

Und ist vor dem, was du liest, nicht ebenso ein Filter? Woher die Überzeugung, dass das Alltägliche nicht erzählenswert, teilenswert ist? Was erzählst du sonst deinen Freunden? Hält euch nur Drama zusammen und kennen sie dich ohne dieses überhaupt? Sind die Katastrophen deines Lebens das, was du als erzählenswert betrachtest? Oder geht es nicht vor allem darum, was du wie siehst und ist nicht das erst recht erzählenswert?

Mattiel - Keep The Change

Das Telefon vibriert, all das kenne ich schon. Ich beginne laut zu lachen, gehe duschen und sehe dabei dem Schatten des Laubs auf der Hauswand gegenüber beim Tanzen zu. Auf dem Fensterbrett schiebt sich ein neues Blatt aus dem alten Blattstiel. Man kann sehen, dass es wiederum schon ein neues auf dem Rücken trägt.
Eventuell ist das immer so und manche gefangen in einer Repeat 1 Schleife. Ich treffe Menschen lieber dort, wo sie gerade sind. Innen wie außen. Mehr als anbieten kann man es nicht.

Two Door Cinema Club - What You Know

Lektüre:

Johnson, Uwe. Mutmassungen über Jakob. Edition suhrkamp 1818, Suhrkamp, 1959, doi:9783518118184.
Rippon, Gina. The Gendered Brain: The New Neuroscience That Shatters the Myth of the Female Brain. The Bodley Head, 2019, doi:9781847924766.
Silbernagl, Stefan, and Florian Lang. Taschenatlas Pathophysiologie. 6th ed., Georg Thieme Verlag, 2020, doi:9783132429130.

Juni 30, 2020

200630

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Plattentektonik III

Als wäre alles ein Fiebertraum gewesen. Als hätte es die letzten Wochen, Monate nicht gegeben. Ein "Sense of Urgency," wie er sonst nur zu Jahrestagen durch die Gegend schleicht. Ich habe es mir so eingerichtet, dass ich immer wieder eine kleine Stelle in mir neu entdecke. Da werden die Fensterbretter freigeräumt, der Staub unterm Bett weggesaugt, da wühle ich mich durch alte Abzüge, besprühe meine Pflanzen. Eine Art Ritual. Zehn Minuten Yoga morgens im Bad und trotzdem bekomme ich den Druckschmerz unter dem einen Schulterblatt nicht mehr weg.

Mitte Mai lande ich auf einmal und unvorbereitet im Corona-Wartezimmer meiner Hausarztpraxis. Das Zimmer, in dem ich warten soll, hat mich selbst früher zum Arztgespräch begrüßt, mein Körper erinnert sich an die Hände, die inmitten von Koliken durch meine Flanke getastet haben. Unklarer Bauch als Lebensmotto. Jetzt höre ich so halb die Gespräche aus dem Nachbarraum; es erschrickt sich der Mann vor mir, der just am Empfang direkt neben mir stand.
Dann raschelt es ein Zimmer weiter: ich höre, wie sich der Arzt seine Schutzkleidung überzieht, Handschuhe überstreift, wie die Gummis, die die FFP3-Maske an seinem Gesicht halten sollen, gegen seinen Hinterkopf knallen. Das Geräusch von Schiebetüren, vor mir steht eine weiße Gestalt, so müssen doch auch Lackierer aussehen, denke ich mir. Wir setzen uns, ich versuche durch Maske und ohne Stimme zu schildern, was zu schildern geht. Vorsorge, aha. Alles aus meiner Krankenakte seit 2013 strahlt uns vom Monitor aus an. Er sieht den Vermerk zu meiner Depressionserkrankung, fragt, ob alles noch aktuell sei. Seit 2017 bin ich gesund und brauche keine Behandlung mehr. Ich huste, schildere die Symptome meines Infekts und wie das Fieber langsam sinkt. Er fragt, wie ich das wegbekommen habe. Mit Ibuprofen, sage ich, und Wadenwickeln. Die Depression meinte ich, erwidert er. Ich lache kurz, entgegne dann Therapie, Therapie, Therapie, Selbstkonfrontation, an sich arbeiten. Er finde das schön, murmelt er so leise, dass er es nochmal halb schreiend wiederholen muss, damit ich es richtig hören kann.
Die Probe nimmt er tief aus meinem Rachen. Dinge tief im Rachen kann ich nicht leiden - ich würge mir das Lachen also ebenso hoch wie die Ernüchterung über das Biohazard-Zeichen auf dem Probenbeutel. Gedanken an 28 Days Later.
Es ist Freitag, ich soll in Selbstisolation bis das Testergebnis da ist. Geht man jetzt noch einkaufen? Geht man noch irgendwo hin? Kann man die Briefmarke anlecken für den Briefumschlag für die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung? Kann ich Pakete annehmen? Geht der Lieferdienst? Wie mache ich diesem einen Paketdienst deutlich, dass ich dort wohne, wo ich wohne, seit sechseinhalb Jahren am Stück? Ich finde die Kilopakete Nudeln wieder, die ich von meiner Familie zu Weihnachten geschickt bekam, sehe all das Porridge, das Tiefkühlgemüseimperium, denke Wohngemeinschaft und schließe seufzend die Tür zu meinem Zimmer hinter mir. Selbstisolation mit Sagrotan als ständigem Begleiter.
Montag der Anruf: negativ. Ich freue mich an meinem Geburtstag vor die Tür treten zu können, ich werde sowieso nicht feiern. Ohne Familia ist es nur mein 11688. Tag auf der Erde, nicht mehr. (Ich werde nicht vor die Tür treten, dafür aber eine Benjamin Blümchen Torte essen, wie es zum Zweiunddreißigsten angemessen ist.)

LCD Soundsystem - Dance Yrself Clean

Freunde, die sagen, meine Umarmungen seien qualitativ hochwertig und würden ihnen fehlen. Die erste, die ich nach zwei Monaten bekomme, überwältigt mehr als ich dachte. Seit meiner früheren Bekanntschaft mit Depression weiß ich, dass Menschen Berührungen versuchen mit Wärme auszugleichen und mehr baden. Ich reihe mich bei der Gruppe ein, die, egal bei welcher Außentemperatur, selbst versucht Wärme durch heißeres kurzes Duschen zu regulieren (Studie hier), ähnlich wie Lichtwecker beim morgendlichen Aufwachen helfen oder wie sehr es hilft, von Pflanzen umgeben zu sein. Vielleicht entdecke ich meinen Nachnamen neu, den, den ich, seit ich mich erinnern kann, perspektivisch und langfristig loswerden wollte. Generell entdecke ich einiges über mich, lerne, dass ein Leben, das für andere verlockend klingt, eines, das traditioneller gezeichnet ist, für mich keines ist, das ich leben kann und will. Dieses Traditionelle sieht man nicht unbedingt umrandet mit rotem Stift und Grenzen und klarem Auftrag.
Kurz denke ich an den Mann zurück, der genau das wollte und als ich dem widersprach, den Wunsch äußerte, mir beide Handgelenke zu brechen. Ich bin froh, gegangen zu sein.

Morgens ist die Stimmung in der Wohnung am wenigsten greifbar, die Mauersegler fehlen und die Geräusche der Stadt über die Geräusche der U-Bahn hinaus. Es legt sich in die Kurve, hinter dem Haus sanieren sie eine alte Garage, hinter dieser war mal ein öffentliches Gebäude. Kräne umkreisen das, was jetzt Freifläche ist als wären es Krähen. Um die Ecke stehen die Raucher dicht an dicht um windgeschützt zu sein. Irgendjemand scherzt, dass das eher zwanzig Zentimeter als zwei Meter seien, ich drehe die Musik lauter, damit ich ihr betretenes Lachen nicht hören muss.
Die letzten Wochen verschwimmen zu einem großen Klumpen, ähnlich zusammengeknüllten Taschentüchern, die man nach der Wäsche in den Hosentaschen findet. Montag ist, wenn die Elster im Innenhof dir die frisch gefangenen Mäuse auf den Kopf fallen lässt.
Den Tritt wieder finden, die überreizte Lunge schonen, flacher atmen. Ich bin eine noch schlechtere Texterin als vorher schon geworden, die Benachrichtigungen sind zum größten Teil ausgeschaltet. Ich vergesse oft mich zurückzumelden. Als würde ich endlich dazu kommen, das Vergangene zu verarbeiten, als würde etwas in mir gären, als würde man wie bei neu gekauften Farbeimern erst die oben lose schwimmenden Lösungsmittel wieder mit der eigentlichen Farbe vermischen müssen. Das wird irgendwann wieder, im Zweifel braucht es einfach Zeit. Bisher bin ich immer wieder da gewesen.

Joy Division - Transmission

Stille als lautestes Geräusch. Im Innenhof plätschert der Regen vor sich hin, eine Antwort in den Blättern, keine wirkliche Sprache. In Worte zu schieben versuchen, was noch keine Beschreibung gefunden hat. Ich lege eine Liste an. Das Gefühl, als würde man ganz dringend beginnen wollen zu rennen. Als würde der Schnee unter den Schuhen nicht fürs Schlittenfahren reichen. Als würde gleich etwas wundervolles geschehen. Als würdest du gerade alles zum allerersten Mal sehen. Als würdest du Bruchstellen in allem erahnen können. Das Gefühl, dass ein Kapitel beginnt und du gleichzeitig vergessen hast, beim Kassettendeck auf Record zu drücken. Als würde dir etwas nicht greifbares durch die Finger rinnen.

Acht Minuten und sechsundvierzig Sekunden. Das Büchlein über das Böse neben meinem Kopfende.

Mutmaßungen über. Mutmaßungen zwischen den Zeilen. Aber was soll man auch erwarten: nicht alle Monate sind wie üppige Flügeltüren mit frisch geputzter Verglasung, durch die das Licht fällt, wie es das in Filmen von Roger Deakins macht.

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons - Summer 2

Wir werden einander verzeihen müssen - ich denke daran, wie manches sich so anfühlt, als wären wir alle viel zu lange im Urlaub gewesen. Oder ein Orkan hätte uns überrollt. Oder irgendetwas anderes greifbareres hätte hinter der Aussage von Spahn gesteckt.
Da ist der sommerliche Wolkenbruch, der so herrlich neu wirkt, als hätte ich wirklich gerade alles zum allerersten Mal gesehen. Normalerweise würde ich jetzt in den Park schaukeln gehen, aber sie haben die Sitzflächen von den Schaukeln entfernt. Nachdenken über das Wort normal. Ich gehe meine Notizen durch, frage mich, wie oft sich dort dieser Ausdruck findet (momentan finde ich ihn unerträglich). Stattdessen finde ich lose Texte ohne Datum, nur mit Zeit.

02:01
Schaue mir Pflanzenvideos an. Für alles gibt es eine Nische. Mir fehlt Linguistik. 

04:07
Flüsse, die im Hochwasser immer wieder zu ihrem alten Flussbett finden.

19:57
Ich sortiere alle Lesezeichen neu, die sich über die Jahre in meinem Browser angesammelt haben und ich seit 2008 mit mir mitschleppe. Mir fehlt meine alte Universitätsbibliothek und wie angenehm ich zwischen den Mediävistik-Regalen schlafen konnte.

02:47
Der Spam Ordner meiner Email ist gefüllt mit Angeboten für OP-Masken. Von aus Versehen gefundenen Millionen von Dollars aus Nachlässen auf irgendwelchen inexistenten Konten, die man mir großzügigerweise hinterlassen wollte, über Erpressungen wegen und mit Pornos und Malware zu unseriösen möglichen Großbestellungen von PPE. What a world. Irgendein Heinz-Christoph schickt mir immer einen Newsletter für Türzargen zu.

13:57
Sich zu jeder Jahreszeit neu daran gewöhnen, wie Fremde starren.

01:32
„Da wussten wir nämlich noch nicht, dass die Scheiße den Ventilator trifft.“ (Wahrscheinlich ein Zitat aus einem der Podcasts, die ich gelegentlich zum Einschlafen höre, wenn ich nicht zur Ruhe komme. Seit Domian beruhigen mich Stimmen im Hintergrund.)

Marie Madeleine - Swimming Pool

Weniger schreiben, aber mehr davon. Skizzenbücher voll.
Ich sitze auf dem Sessel in der Küche, dem am Fenster, dem mit den Heizungsrohren im Rücken, schaue den Flur entlang. Vor ein paar Tagen habe ich das erste Mal alleine meinen Vorhang abgenommen. Höhenangst und viel zu hohe Decken. Das Licht also am Morgen. Ruhe, in mir drin. Viel davon, da kriecht doch eben alles in den letzten Extrazellularraum. Bald wird alles davon ein Ort für mich sein. Endlich ein Ort, von dem ich erzählen will, mein Ort zum Ankommen, zum Anfangen. Ich kann nicht aufhören mich zu freuen.

Maribou State - Beginner's Luck

Lektüre:

Eddo-Lodge, Reni. Why I’m No Longer Talking to White People About Race. Bloomsbury Publishing, 2019, doi:9781635572957.
Koolman, Jan, and Klaus-Heinrich Röhm. Taschenatlas Biochemie Des Menschen. 5th ed., Georg Thieme Verlag, 2019, doi:9783132417403.
McCulloch, Gretchen. Because Internet. Understanding the New Rules of Language. Riverhead Books, 2020, doi:9780593189566.
Swanson, Larry W. The Beautiful Brain. The Drawings of Santiago Ramón y Cajal. ABRAMS, 2017, doi:9781419722271.

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