November 14, 2016

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In dem Haus, da am Fluss, da in der Nähe der früheren Mauer, der Grenze, da am jetzigen Hauptbahnhof, in dem Haus, das aussieht wie eine Reise nach Hogwarts, wie eine Reise in dieses andere ähnlich dreinschauende Gebäude auf dem Campus der TU Dresden: Stille. Organe und Fehlbildungen und Krankheiten in Glasbehältern, in Aufbewahrungslösung. Ich lerne: es gab ein Spürwildschwein bei der Polizei, ich denke: dann kann auch ich alles sein.

So langsam wissen, welche Orte gemieden, vermieden werden müssen, an welche man ganz dringend gehen muss. Es treibt mich immer stärker wieder in die Arme von Bahnhöfen, früher verflucht, weil kalt und widerlich, jetzt wie in der anderen Hauptstadt an einem anderen dreckigen Fluss: verweilen um die Sehnsucht zu stillen nach Orten und Geräuschen, die nicht hier sind. An Bahnhöfen fragt niemand, wieso man da ist, man kann sehr lange alleine auf Bänken sitzen, Menschen zusehen, wie sie rennen, wie sie sich begrüßen, wie sie sich verabschieden, Sonntags einkaufen, man könnte sie zeichnen, man kann kathedralenartige Architektur verfluchen, kann Musik hören, der Bundespolizei beim Patrouillieren zusehen, man muss kein Ziel haben, man kann Fernweh haben oder Heimweh, je nachdem, wie sehr man den Ort schätzt, an dem man ist.
Am Ende aber, glaube ich, war das dieser eine Blick, vermutlich dieser eine Blick, der in meiner Erinnerung so langsam beginnt zu verblassen, weil ich nicht genau weiß, was dieser Blick mir sagen will. Ich habe noch immer nicht gefragt, ich nehme an, es ist sowieso zu spät dafür.

Zumindest gehe ich alleine vor die Tür. Als hätte ich wochenlang niemanden gesehen, eigentlich habe ich wochenlang niemanden gesehen, aber der Kopf muss frei werden.

Dann laufe ich in ihn hinein und am Ende laufe ich an ihm vorbei. Ein Seufzen entwischt mir unter der lauten Klimaanlage neben den zugigen Fenstern. Es ist alles gut, es riecht ein wenig nach Staub, ich bin noch nicht einmal traurig. Da war auch nichts.

Am Eingang der Dauerausstellung höre ich zwei Frauen laut reden. Sie sitzen auf einem vereinfachten Modell eines Anatomischen Theaters.
“But did you break his heart?”
“Yes, I did, he was so… claustrophobic around me. He would make me feel guilty about doing things without him.”
“Did you love him?”
“Why would I feel bad about it if I didn’t?”
Ich kann sie noch immer hören, da, vor den historischen Gerätschaften früherer Augenärzte, auch noch kurz vor der Hörsaalruine, in der sie Stühle umräumen und bei denen ich mich frage, wieso sie sie unbedingt in einem Sitzkreis arrangieren wollen.

Manche fahren über meine Freunde hinweg wie LKW, halten danach gelegentlich an und schauen sich um. Manche fahren einfach weiter. Die Angst davor, selbst auch wieder überfahren zu werden und die Erkenntnis, dass ich nur begrenzt etwas dagegen tun kann.

(Lea Porcelain - Warsaw Street)

November 8, 2016

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Dienstag.
Ihre rechte Unterlippe sei taub, nun könne sie auch spüren, wenn es schlechtes Wetter gibt, ähnlich wie es die alten Leute erzählt haben in Verbindung mit Kriegsverletzungen. Mitten ins Trauma hineingesprungen, wir beide, sie hat selbst aber dazu nicht allzu viel gesagt.

Donnerstag.
Dann, Routine, fast, eigentlich, Herzstillstand, Intensivstation, ich will am liebsten sofort in den Norden. Stattdessen in Wartezimmern weinen zwischen Hustenden und Schniefenden und mit Blick auf den Anmeldetresen. In meiner Erinnerung ist alles eine Frage der Perspektive, am Ende aber ist es kein Loch, keine Tür, eine Falltür vielmehr.

Freitag.
Glück im Unglück, Fahrigkeit, über uns saugt jemand Staub oder versucht, die kleinen Abstände zwischen allem zu füllen. Jetzt ein Bohren, jetzt ein Flächenbrand im Kopf, Migräne, eine verquere Form von Selbstverständnis. Einfach alle Server neustarten.
Ich spüre, wie sich alles abnabelt, weil ich nichts fragen kann.

Samstag.
Endlich, die Beiden. Die Züge fahren sehr langsam vor der Klinik in Richtung Hauptbahnhof. Rauch und offenstehende Dachluken. Wir lachen im REWE Center, das zwei ehemaligen Fußballern gehört.

Sonntag.
Still, die Wohnung. Sich verlaufen in den langen Gängen eines einzigen Hauses auf der Suche nach der Cafeteria. Immer in Kapellen oder Räume der Stille gehen, wenn sie geöffnet sind. Herzsprung.
Hauptbahnhof, es riecht nach einer Mischung aus Bratwurst und Franzbrötchen. Am Eingang zur S-Bahn stehen und weinen, weil es nicht anders geht. Das erste Mal seit Monaten fühle ich mich so allein wie vor zwei Jahren, damals, als ich in der Klinik war. Aber das kann man auch niemandem sagen, ein “Du, ich glaube, ich hätte dich gern hier.”

Montag.
Intermezzo. Langes Gespräch in der Nacht, Freunde, die einen vom Boden wieder auflesen.

Dienstag.
Selbstkontrolle als Endgegner. Herr C. sagt, ich sei gerade in einer Schlaufe, das geht wieder vorbei. Ich möchte nicht, dass sich alles nur um mich dreht. Gerade, ein großes Mitteilungsbedürfnis. Manche nennen das Hilflosigkeit.
Sich verorten im Fortschritt und die Grausamkeiten, die ich in Regelmäßigkeit im Elternhaus an den Kopf geknallt bekomme. Ich glaube, du hättest auch geweint.

(The British Expeditionary Force - The Engine)

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