September 8, 2018Keine Kommentare

180908

Zwölfter August

Tiergarten-Süd, 06:27
Bettflucht nach dem Vorabend. Finde Bilder, die ich nach dem Zuhause ankommen gemacht habe. Zeichne also Zellen mit und ohne Mikrovilli, wenn ich angetrunken bin. Nur der Golgi-Apparat sieht wie der lieblose Versuch eines Hundehaufens aus.

Neunzehnter August

Tiergarten-Süd, 21:14
Immer wenn ich Sehnsucht habe, beginnt mein Hirn auf Schwedisch zu denken. Ob es hilft „förlåt dig själv“ zu sagen?

Vierundzwanzigster August

Friedrichstraße, 17:30
Häuser von Pierre Koenig im Kopf. Stahl und Glas, Flachbau, Ausblick. Mehr als Quadrate, dann irgendetwas von Sibylle Berg, Meyerhoff und Teju Cole.

Siebenundzwanzigster August

Café Dix, 11:30
Berlinische Galerie und ich schaffe es nicht, nicht wütend zu sein, mich nicht zu schämen wegen meines Herkunftsbundeslandes.
E sagt „you’re a yummy pie, who wouldn’t want to have a piece of you“ und sie lacht dabei.

Achtundzwanzigster August

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 14:39
Bilder von Menschen, die Fremden, Bekannten oder Freunden beim Unterschlupf geholfen oder ihnen einen gegeben haben. Und ein paar hundert Kilometer weiter südlich haben sie Menschen durch die Straßen gejagt.

Neunundzwanzigster August

Tempelhofer Feld, 18:53
Wespen versus Naturradler. Die Südbahn hat mehr Läufer in meinem Tempo, Schnecke. Barfuss, Stroh in Kleinstteilen an meinen Socken.

Am Luftgarten, 20:19
Als würde der Himmel, dunkel, Sonnenuntergang, sich durch die Häuser bohren wie ein Sandsturm.
Panikattacke als Erinnerung an das, was ich vor Jahren hinter mir gelassen habe.

Einunddreißigster August

Sächsische Landesvertretung, 14:24
Zu sagen ich bin wütend ist eine Untertreibung. Im Teil einer Straße sein, in der man im Prinzip eingekesselt ist.

Ebenda, 15:17
Ein Mann mit Deutschlandfahne brüllt in die Redebeiträge der Demo, steht hinter den Polizeibussen. Manche schauen sehr panisch hinter uns alle, die Fotografen rennen. Ich glaube, ich habe Angst gesehen.
Dann erinnere ich mich an den Tag in Dresden, an dem Neonazis Pflastersteine nach mir und weiteren Passanten warfen, die Polizei untätig daneben.

Jungfernbrücke, 15:51
Um die Ecke der Landesvertretung ein alter DDR-Bau, ein paar Meter weiter der Kupfergraben. Zwei schwer bewaffnete Polizisten schauen einem Paar beim Angeln zu. Ein Fisch wird aus dem Wasser gezogen, die Polizisten direkt daneben, als würde gerade ein Schatz gehoben. So stehen sie mehrere Minuten da, die Anglerin lacht unentwegt, ich stehe gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals.

Friedrichstraße, 16:30
Ich sortiere LPs, die ich mag, grundsätzlich innerhalb ihres Fachs nach vorne. Vinyl-Guerilla. Bis heute lange nicht mehr wegen eines Liedes auf Anhieb geweint. Dreams can be so cruel sometimes.

Erster September

St. Paulus Kirche, 15:30
Das Brautpaar und meine Freunde und ich, im Slav Squat auf den Stufen vor der Kirche, der Priester macht mit. Danach stehen wir natürlich nochmal brav.

BrewDog, 22:13
Fremde Augen beißen sich am Tresen in mein Gesicht hinein, ich warte auf etwas anderes. Mein Telefon bleibt dunkel.

Vierter September

Tiergarten-Süd, 07:12
Ein Traum, verquer. Eingeschlafen zu Podcasts, aufgewacht, nachdem in meinem Traum ein Hubschrauber mit seiner Kufe am Atomium hängengeblieben ist. Es kippt um. Bin bisher weder in Brüssel gewesen noch habe ich in einem Hubschrauber gesessen.

Fünfter September

Kurfürstendamm, 14:21
Das Buch mit den sechshundert Seiten bewegt Menschen dazu, offensiv ihre Hälse zu renken, zu nicken. Manchmal wollen sie den Titel sehen und fragen danach, weil sie ihn wegen meiner Hand nicht lesen können. Bin verwundert, dass Genetik Leute so zu interessieren scheint.

Sechster September

Mitte/Kreuzberg - 18:17
Im Park so lange auf der Bank sitzen und lesen bis es zu dunkel ist. Dann so richtig einatmen.

Siebter September

Potsdamer Straße, 20:34
Mein Kiez ist sehr rau, denke ich, irgendetwas zwischen Schmirgelpapier und Kärcher. Dann ein Mann in Lederjacke, groß und stämmig, der auf einmal laut „I Wanna Dance With Somebody“ singt. Presse in meinem Kopf „Joy as an Act of Resistance“ in die Melodie des Refrains und kann bis zur Wohnungstür nicht aufhören zu lachen. Laufe konsequenterweise in einen der Poller vor unserem Haus.

Achter September

Tiergarten-Süd, 08:12
Die drei Notizhefte, die ich mit Joy, Love und Time beschriftet habe, als ich über die letzten Monate sinniert habe und der Brief der Rentenversicherung, der mir meine bisher gezahlten Beiträge zeigt. Denke an M, der mir gestern sagte, meine witzige Seite sei die, die man erst beim genauen Hinschauen bemerkt, nach der emphatischen, aber die Mischung mache es so besonders. Ich frage mich, ob ich zu loyal bin, ob das überhaupt geht.
In meinem Gesicht klebt Surgical Tape.

"I can go with the flow
but don't say it doesn't matter anymore"
(Queens Of The Stone Age - Go With The Flow)

Juli 12, 2018Keine Kommentare

180712

Vierter Juli

Berlin-Schönefeld, 18:40
Der Flughafenbus sieht aus wie ein kleiner Wal, dessen oberer Teil noch aus dem Boden schaut.

Wien -

S7 21:07
Gegenüber sitzt ein Mann, der genervt seinem Telefon dabei zuschaut, wie es klingelt. Er regt sich darüber auf, dass er die Person am anderen Ende nicht hören kann. Sein Klingelton ist der nervigste, den man aus den Klingeltönen auswählen kann.

S7 Zentralfriedhof
Ich weiß noch nicht, ob die Raffinerie, an der wir vorbeigefahren sind, das für mich malerischste ist, das ich bisher gesehen habe.
Maria wartet auf mich am Ende des Gleises. Ich weine gleich. Ich wünsche mir absurderweise zu hören „bitte bleib“ auch wenn es das alles nicht besser macht.

S7 21:10
Wir stehen in einem Tunnel, an dessen Wand „I just want to see you“ steht und fühle viel, das ich mir mittlerweile nicht mehr erklären kann. Wir fahren weiter, langsam. Ein paar Meter weiter hat jemand „Sehnsucht“ an die Wand gesprüht.
Der Mann mit dem Telefon starrt lange ins Nichts, mein linker Fuß ist eingeschlafen.

S7 20:13
An den Türen steht „Bei Versagen drücken“ und kann nicht aufhören zu grinsen, was ist mit mir los, verdammter Scheiß.

Donaukanal, ca 23:00
„(...) Herrje. Hinter mir spielen sie Easy Baby von Wanda und essen Torte. Weiß nicht, ob das Klischee-Wien ist (...).“ 
Hinter uns streiten sie nun leidenschaftlich in einer Gruppe über Außen- und Innenpolitik, es fällt mir schwer, mich auf das Gespräch vor mir zu konzentrieren. Ich möchte dem einen Mann, der lautstark antieuropäisches und dazu noch populistisch und ausländerfeindlich motiviertes vor sich hinbrüllt, abfällig anspucken. Unsere Seite der Sitzbank: Cola, Cola und Bier. Alle fünf Minuten fährt einer auf dem Fahrrad an uns vorbei und fragt, ob wir Bier kaufen wollen. Fühle mich komisch, weil ich nur Pfandsammler kenne. Unter dem Brückenbogen auf der anderen Seite des Kanals kommt irgendein furchtbares Lied. Ich denke an die Antilopengang, schlafe fast ein. Ich erwarte keine Antwort und doch trifft es mich. 

Fünfter Juli

Dritter Bezirk, 10:30
Ein Mann grantlt sehr laut am Telefon vor sich hin. Ein Oaschloch sei der am anderen Telefon, er brüllt bald, sagt, dass er ohne Auto nicht auskommt. Die Frage danach, wie manche hier so sehr warm sein können während andere hier kälter sind als der kälteste Punkt auf der Erde. Die Frau an der Kasse von Billa ist sichtlich ernüchtert, sie wundert sich, dass man sie anlächelt. Flaschen nur ohne Pfand.

Sehr viele von der Stadt gebaute Wohnhäuser, es steht sehr stolz außen an der Fassade. Manchmal größer, manchmal kleiner. Der Putz fällt an manchen Häusern ab, auch wenn sie im gleichen Jahr gebaut wurden und nur zehn Meter voneinander entfernt stehen, könnte der Unterschied teilweise nicht größer sein.

Aber hier leben, denke ich, gern.

Sechster Juli

Messe Wien, Medizineraufnahmetest, 9:00
Um mich herum ein paar sehr junge Menschen, die mich sehr lange ansehen. Auf meinem T-Shirt steht etwas, das sie zu entziffern versuchen. Immer zu ausgeprägte Schlangen vor den Damentoiletten. Fühle mich weniger alt, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren war.

Nach dem Test, ca. 17:00
Vor der Messe sind in einer Art Installation ein paar Betonstelen aufgebaut, auf ihnen kann man sitzen. Sie sind darüber hinaus auch scheinbar über sehr lange Schrauben im Boden verankert. Eltern warten auf ihre Kinder und nehmen sie in den Arm oder machen ihnen Vorwürfe. Gesprächen zuhören, die erahnen lassen, dass manche etwas machen müssen, auf das sie keine Laune haben. Es fällt oft das Wort Budapest, gelegentlich das Wort Privatuniversität. Ein paar Eltern demotivieren ihren Nachwuchs mit der Aussage „du bist halt dumm“ - ich frage mich, wie viele Menschen hier eine Psychotherapie akut gebrauchen könnten.

Siebter Juli

AKH, 19:24
Bin wohl Motte und Flamme zugleich. Überall der gleiche Name, Pastell, Rolltreppen heißen hier Fahrsteige.

Achter Juli

U3 Simmering 14:50
Signalfarben und der Gedanke ans Pastell des AKH. Generell - in der Charité fast alles weiß bis gerade so gelb-beige. In der U-Bahn rote Sitze. Türgriffe, an denen man kurz (und stark) ziehen muss. Ich habe leider meine Bleistifte vergessen und hätte einfach länger bleiben sollen.

Es ist sehr still, ich will gern an der U6 wohnen. J. sagt, der vierte Bezirk würde gut zu mir passen; ich bin gespannt, wie der so aussieht.

Neunter Juli

Zwischen Bosch und Henkel, 1:14
Als würde ich endgültig Hautschichten, zusammenhängend, ablegen, vielleicht gekoppelt an ein gehauchtes endlich. Frau N sagte schon vor Jahren, gelegentlich bin ich vielleicht wie ein Hund, der an der Wohnungstür sitzt und darauf wartet, dass die anderen Bewohner wieder zurückkommen. Ich wollte eigentlich viel lieber eine Katze bleiben.

Wien Flughafen 11:04
„Koffer als Handgepäck“ Armada. Schließe mich ihnen wohl bald an. 

"Words are full of indecision
They evince the troubled nimble wit
Oh, nothing in return"
(Lower Dens - I Get Nervous)

April 18, 2018Keine Kommentare

180418

Du lächelst dich zu dem einen Lied, dessen Video du vor Jahren großartig fandest, durch den Abend. Irgendwo da drüben Gewitter, Unwetter. Du bist der feine Regen, aber du weißt, dass das nichts zu bedeuten hat. Vielleicht bist du von Anfang an ein Frühlingsgewitter gewesen. Von dir erzählen, ist das möglich? Die kleinen feinen Nuancen, die dir aufgefallen sind, Kopfbewegungen, Muster, Spieltriebe. Du fragst dich, was du gewesen bist.

Dann der Mann, der Blumen verkauft, Rosen, rot, im Bündel, zwei Pakete. Deine Fersen hast du blutig gelaufen. Fleischwunde, Blase, irgendetwas war zu klein. Ein roter Streifen aus Grind, die Möglichkeit einer Insel, die Möglichkeit einer Möglichkeit. Rosen, pink, der Mann, der sowieso nie kommt und die roten Zeichen, die die U-Bahn fast überfahren hätte. Ausstieg links.

Dir fällt auf, dass man überall verloren gehen kann, auch und vor allem in sich selbst. Du hast damit aber schon aufgehört, mit Leidenschaft.
Auf der Straße um die Ecke, genauer auf dem Bürgersteig, drei junge Männer vor einem kleinen Tisch mit einem noch kleineren Fernseher, je eine Flasche Gösser - dessen Geschmack du nie ganz nachvollziehen konntest, aber was weißt du schon, in London hast du immer Bananenweizen getrunken - und ein Kabel, das in ihre Wohnung zu führen scheint. Ein paar Meter weiter an dem einen Ufer, das Namen trägt, bei denen du gelegentlich schluckst, Ruhe. Es könnte fast die Côte d'Azur sein, wenn du die Augen schließt und nur lange und fest genug daran glaubst. Von dem großen Feld mit den beiden langen Betonbahnen klingeln dir noch die Ohren. 
Die Stadt hört sich für dich ganz anders an, vor allem, wenn du genau hinhörst. Bewusster, weniger selektiv wahrgenommen, du wählst die einzelnen Klangscheibchen aus, als würdest du bei einer Datei die eingefügten Formen der Reihe nach abklopfen.
Dann bemerkst du: an manche Stimmen kannst du dich nicht mehr erinnern, sie klingen nicht mehr nach in deinem Kopf, wenn du Worte der dazugehörigen Personen liest. Vielleicht noch ein Lachen, ein Einatmen. Normalerweise bist du sehr gut darin, in diesem Erinnern. Günter Litfins Grabstein steht alleine am Humboldthafen, manchmal setzt sich jemand neben ihn und hat ihn doch schon längst vergessen.

"we choose the way we'll be remembered"
(Her - We Choose)

März 30, 2018Keine Kommentare

180330

Du hast damit vor Jahren schon angefangen. Hase, Reh, Löwe, was auch immer gerade nötig war. Haken schlagen kannst du mit Leidenschaft, egal, in welcher Form. Der Geruch von halbstehendem Wasser, die Sonne brennt auf deine eingepackten Beine. Irgendetwas zwischen Warten und Losgehen, du denkst an all das davor, nein, das Davor, denn manches musst du mit Großbuchstaben versehen, auch wenn es das eigentlich nicht verdient hat.

Ein, zwei Momente überlegst du, das sind dann die Momente zu viel, in denen dich so ein Heureka-Erlebnis hätte überkommen können oder deine ganz persönliche Katharsis. Gelegentlich stehst du in Gedanken noch auf diesem Bordstein, dem vor dem Fußgängerüberweg, der mit den gelben Streifen und der Ampel. Du fragst dich, wie viel Feinstaub deine Lungen eingefärbt haben wie Schoko-Streusel Yoghurt. Aber nein, du bist laktoseintolerant und manchmal wachst du nachts lachend auf, einfach so, selten weinst du und wenn, dann sitzt da etwas in deinem Hinterkopf.

Dann trifft es dich doch, dieses berühmte Backstein–im–Gesicht–Gefühl und du schlägst neue Haken, weil du jetzt manches ganz anders vernetzen kannst. Wie bei diesen Nagel–und–Faden–Kunstwerken an den Wänden in fremden Wohnzimmern, solchen, die du als Kind immer Stube genannt hast. Heute denkst du an deine Großmütter, weißt nicht, ob sie beide schon im Sterben liegen oder ob sie wohlauf sind.
Deine Mitochondrien hast du sowieso geerbt von der Linie mütterlicherseits und du weißt oft nicht, wozu dich das macht, schließlich wolltest du seit du denken kannst, nicht so werden oder sein wie deine weiblichen Vorfahren. Dafür ist das alles in dir drin manchmal viel zu schwer, also eigentlich nur noch, wenn du davon erzählen musst. Irgendwie tanzt du gerade viel durch den Alltag, aber nicht so als würdest du taumeln, sondern als wüsstest du genau, was du da gerade tust. Jeder Schritt ins Ungewisse gewollt, manche Berührung erwünscht; du weißt jetzt, wo in der Bibliothek die bequemen Stühle stehen, wo die meiste Ruhe ist, wo die Sonne hinein scheint und du immer Steckdosen hast. Eine Steckdose willst du nicht sein.

Die eine Gesichtshälfte ist deine Lieblingshälfte, da ist die Augenform wie die einer Mandel, deine Lippen fahren auf die Mundwinkel in einem Bogen zu. Du fragst dich, wieso du das all die Jahre nicht gemerkt hast und immer nur auf den Leberfleck in Island–Form gestarrt hast, der auf der Innenseite deines rechten kleinen Fingers von der Haut verwirbelt wird. Teil davon sein, trotzdem unter dem Einfluss von den umgebenden Umständen sein. Und dann schwirrt dir alles der letzten Monate durch den Kopf und du hast das dringende Bedürfnis zu sprinten, nicht wegzurennen, einfach nur zu sprinten, eine Art Fast Forward Taste, eine, die bei dem Radio deines Vaters, mit dem du von einem Radiosender die Top 20 sonntags auf Kassette aufgenommen und überspielt hast, wöchentlich, kaputt war. 

In die Dusche hast du einen Spiegel gestellt und das zu einer bestimmten Uhrzeit reflektierte Sonnenlicht fällt dann auf deine Beine. Morgenlicht, gebrochen von Glas, generell Morgenlicht fehlt dir sehr. Ein Eingang mit wenig Verhandlungsmöglichkeit.
Dann stehst du in Gedanken wieder an dem Bordstein, in der Nähe der Straße, die deinen Geburtsort als Namen trägt und schaust nach links und denkst dir, oh, da bist du. Und lachst.

"I know you wanna, say you wanna
I never said I was a saint, I was sent again
Sin again and then a sinner
Again, again, again, again"
(Young Fathers - In My View)

März 12, 2018Keine Kommentare

180312

E. sagt, wenn sie an dich denkt, denkt sie an Knoppers und hat dir knoppersartige Waffeln aus Wien mitgebracht. Eigentlich lachst du, dann stellst du dir vor, wie du dir bald ein angemessenes Kleid kaufen musst. Wie du dich beim letzten Mal so gefühlt hast wie ein im Dunklen leuchtender Weihnachtsbaum, alternativ wie ein Vampir.

Du denkst daran, wie sie dir sagen, deine Haut sei sehr weich, du denkst daran, wie du dich früher durch die Gegend geschleppt hast wie eine offene Wunde. Warst verwundert, als nichts mehr wehgetan hat; wann es aufgehört hat wehzutun, weißt du nicht, vielleicht vor einem Jahr. Du lernst neu zu sehen, machst das seitdem fast wie Malte Laurids Brigge. Kein Panther mehr sein.
Ein paar Klicks auf einer Website und du beginnst ungläubig zu weinen, obwohl gerade erst alles beginnt. Vielleicht weinst du, weil es um etwas geht. Generell hat man ja eher Angst, wenn es so ist. In dir drin bebt es immer noch, du willst immer noch nichts und niemanden verpassen, was und der etwas in dir anspricht, von dem du in der Art nichts wusstest. In deinem Kopf Ebenen, denen du gelassen entgegensiehst. Das muss dieser Moment nach dem Sturm sein, dem in einem selbst.

Dem Mann am anderen Ende der Kreuzung siehst du dabei zu, wie er sich über den Bauch streichelt, du denkst an Viszeralfett, an Stammfettsucht und betrachtest dein Profil in einer dieser unsäglichen Werbetafeln, die in der Nacht meist aufhören zu leuchten. Du kannst kaum noch zeichnen, du beginnst in Fachbegriffen zu denken.
Dann der Jahrestag der großen Flut und wie diese eine dreiköpfige Familie in ihr verschwand und du seitdem ihre Briefe nicht mehr in die Hand nehmen kannst. Du willst den ganzen Abend über mit niemandem reden, eine Art Schuldgefühl kriecht dir die Haut von den Lenden zum Hals entlang; keine Gänsehaut, nicht einmal das, etwas verwandtes.

Im Buchladen suchst du nach Namen, die du schonmal hast durchblättern wollen, bei dem einen kleben die Seiten zusammen, bei dem anderen lachst du schon auf der ersten Zeile vor Hilflosigkeit und ein bisschen selbst erlebter Fremdscham. Der dringende Wunsch zu schreiben, gleich, also dann in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Die laute Stadt erreicht dich, bevor du genug Ruhe gefunden hast; ein paar Muster dieser Hauptstadt und ihrer Einwohner haben sich in dein Bewusstsein gedrängt. Die Frage, ob das Angst oder etwas ähnliches bis anders gelagertes ist. Du weißt es nicht, traust dich aber auch nicht nachzuhaken.

Du beobachtest die Mikrobewegungen der Muskeln in deinem Gesicht, eine Reihe aus Neugier und Reaktion auf die Musik, die im Hintergrund läuft. Im Treppenhaus Spuren von den Leuten, die sich mit dir ein Gebäude teilen - du siehst sie selten; an der Wand neben dir Aufnahmen deines Gehirns, dem, von dem du manchmal gerne wissen möchtest, wieso manches sich unnötig verkompliziert und wieso es so lange gedauert hat, zum jetzigen Stand zu kommen, von dem du nicht weißt, was du über ihn erzählen kannst, weil du ihn erst seit kurzem als so angenehm wahrnimmst.

Dann wieder Bilder der großen Flut, du tanzt dich aus der Starre hinaus, hast kaum jemandem davon erzählt, weder damals noch jetzt. Nicht alles ist so eineindeutig wie der Tod einer Person.

Der Herbst wirkt wie eine Drohung. Irgendwann fragst du all die Fragen, die du fragen willst. Frag sie doch vielleicht jetzt schon, die Zeit beeilt sich zu sehr.

(The Tallest Man On Earth - The Wild Hunt)

Dezember 27, 2017Keine Kommentare

171227

Als gäbe es ein Fass in mir drin, eines, das aufnimmt, was mich umtreibt. Wenn ich will, möchte, muss, kann ich einfach das, was ich fühlen will, denken. Ein Hineindenken als wäre da etwas wie eine wohlig warme Decke, eine, von der ich denke, dass ich sie aushalten und tragen möchte. Früher immer nur ein Hineindenken, heute ein Wollen.

Von einem Gehen und Werden und der Frage, was mein Gehen bedeuten würde, würde ich bleiben können, sollen, dürfen. Ein Herausfiltern eines vielleicht. The suspense is killing me.

"bring yourselves to me"
(Rhye - Count to Five)

November 16, 2017Keine Kommentare

171116

Sauen I, Brandenburg, 2017

Das meiste könntest du dir noch nicht einmal ausdenken, selbst wenn du es wolltest. Wie du dich verortest und dir einen Zeitrahmen gibst. Ein Hin- und Herhangeln durch Nachrichtensendungen, all die kleinen Dinge, die du nicht mitbekommst, trotz alledem. Vielleicht ist der Wald in Brandenburg die Antwort auf alle Fragen, vielleicht willst du alles zu sehr und befürchtest, du willst nichts so richtig. Dir selbst eine Heimat sein, heimisch sein im eigenen Körper und doch oft schwer verstehen, was die Hülle und ihre Innereien von dir wollen. Blood, in mint condition, leider nicht mehr neu, nicht mehr OVP, nicht mehr so klein wie am Anfang.
Du fragst dich, wer die Kapitelseiten der Dualen Reihe gestaltet und beschließt, wieder mehr zu lernen. Wortwolken, freie Assoziation, du fragst dich, was das Leser interessieren soll. Du siehst dabei zu, wie die Menschen sich von sich selbst emanzipieren und die gleichen Mittel und Medien nutzen wie du. Die Angst vor Sartre, vor unausweichlichem Existenzialismus. Du beißt auf ein hartes Stück Plätzchen, der eine Zahn will nicht mehr ganz so sehr wie du.

Das waren einfach andere Bilder, da waren Bilder in dir drin, deren Inhalt nie exakt so sein kann wie in einem anderen Kopf. Die Einsamkeit der zentralen Nervensysteme.

Aber dann bist nicht nur du unsicher, dann sind es auch alle anderen. Denn nicht nur an deinen Ausgängen ist es immer frisch gestrichen, auch an denen von allen anderen und an allen anderen Stellen. Minimalinvasiv als Versprechen.

(Corrina Repp - Lost At Sea)

Oktober 10, 2017Keine Kommentare

171010

In meinem Pass steht etwas von blau-grau, ein paar Nummern unten und oben rechts. Ich frage mich, was die Handwerker, die unsere Heizung repariert haben, die ganze Zeit machen. Das Wasser plätschert jetzt nur so durch den Heizkörper.
Gelegentlich das Gefühl, alle finden bald heraus, dass ich das, was ich kann, eigentlich nicht richtig kann. Hochstapler-Syndrom, nichts da mit ICD-10 oder dem DSM-V. Lebensgefühl, Lebensbefürchtung. Seit fast fünf Monaten medikamentenfrei, im Kopf allerdings schon lange an einem anderen Ort.
Ich dünste Gemüse, kaufe frisch ein, halte Ordnung. Morgens wache ich auf ohne mich zu fühlen als hätte ein Traktor mich überrollt. Meist stehe ich nicht auf, wenn ich das erste Mal meine Lider für den Tag öffne. Auf meinem Nachttisch ein Wecker, der meinen Vornamen trägt und unangenehm laut tickt und noch viel schlimmer klingt, wenn er läutet.
Die Frage früher, also damals, wie die normalen Leute planen und sich motivieren und wie sie erkennen, dass sie Ziele haben. Ich möchte wissen, wie es denen geht, die ich kurz kannte. Jahrestage, die sich überschlagen, Besuche, Bedauern, Retraumatisierung, ein geplatzter Knoten. Zwei Bücher in Erinnerung. Eines, da war ich vier und konnte Fraktur lesen und schreiben - Märchen; eines, da war ich sechs und wollte mir die ganze Zeit Krankheitsbilder ansehen, auch wenn ich von den Erläuterungen eigentlich nichts verstand: Psychrembel. Jetzt bedeutet elf Auflagen später.

Auf meinem Ausweis steht etwas von blau-grau, ich frage mich, ob sie nie richtig hingesehen haben. Mein Gesicht als Hologramm, daneben, Haare wie ein Helm. Im Spiegel ist da Wald und an einigen Tagen in besonderem Licht auch Beton, am anderen Ende von diesem Kranz um den Lichtstrahl wohl vom Namen her mehr waldartiges.
Ein Jahr und letzte Stufen Abgrund bevor die Genesung so richtig einsetzen konnte. Teilweise Fremden dabei zusehen, wie sie über meine klar gezogenen Grenzen trampeln, sich fragen, was Menschen dazu berechtigt, dass sie in Leben preschen. Ein Jahr, in dem ich auf die harte Tour gelernt habe, was toxisch ist, was auf die Rückbank gehört und irgendwann zu vergessen ist. Denken und sich lieber erinnern an das und die, die nie nur Dickicht oder eine exotische Topfpflanze sahen.
Weißt du, in meinem Gehirn gibt es einen eineindeutigen Ort, in dem du wohnst, im besten Fall lebst du in mehreren. Vielleicht ist das der Spuk, von dem manche sprechen. Deine Ecken und Kanten konnte ich nie ganz ausloten, meine waren eher wie der Marianengraben. Weißt du, der Konjunktiv ist niemandes Freund, aber besser ein Lernen im Großen und Kleinen als ein langsames Ablösen.

Weißt du, große Fenster sind mein Fluch und mein Segen zugleich. Möglicherweise ist das hier das größte Fenster, das ich habe. Früher, beinahe ein von außen auf mich selbst sehen, eine Rekonstruktion von Teilchen, die in Chronologie nicht immer ein Ganzes bilden.
Ich wollte dir hier in Regelmäßigkeit etwas hinterlassen, eine Art Haltegriff, eine Art warme Decke. Weißt du, es gibt mehrere Versionen von dir, du bist alle Personen, die ich kenne, du bist nur eine Person davon.

a thousand vacant stares won’t make it true
(Andrew Bird - Roma Fade)

August 27, 2017Keine Kommentare

170827

Ich wünsche mir ein Haus, von dem ich erzählen will, keinen Kokon, der mich traurig macht. Keinen, in den ich schon lange nicht mehr hineinpasse. Das ist wie mit einem Handschuh, der einem zu klein ist und dessen Nähte sich in die Nagelbetten der Fingerkuppen einschneiden, kurz vorm Bluten.
Manchmal braucht es eine andere Stadt um zu sehen, dass die Stadt, in der ich lebe, wie ein Buch ist, das mir nichts mehr sagt.

Du weißt schon: das geht bestimmt alles weg vom Herzen und dann wiederum irgendwann zurück dahin.

Hurray for the Riff Raff - Hungry Ghost

August 25, 2017Keine Kommentare

170825

Erdbeben in mir drin, die Plattentektonik der Ziele. Letztendlich bewegt sich alles, schon immer, in gewissen Bahnen. Nur haben viele andere darum schon immer gewusst. Wie fühlt es sich an, auf dem richtigen Pfad zu sein, was ist Motivation? Da war nicht nur Pulver, da gab es keine Mosaike, da waren etwas größere Puzzleteile - nicht die 5000 Teile Puzzles, die Fotos von Himmeln darstellen sollen und an denen man verzweifelt, weil partout nichts passen mag.

Der Jahre verschlingende Irrtum, man sei kaputt, ein tiefer Graben, ein schwarzes Loch. Eines, das lebenslang darauf angewiesen ist, Medikamente zu nehmen, in Therapie zu sein. Ich bin mein eigener Atlas, kann alleine, kann selbständig gehen. Bin oft auf mein Steißbein gefallen und habe mich gewundert, wieso da nie etwas gebrochen war. Aufgestanden mit Hilfe, wenn es von allein dann doch nicht mehr ging.

Machen, was man macht, weil es für einen selbst ist, nicht, weil man jemand anderem nacheifert.
Der Wunsch nach einer geradlinigen Biographie, das vielleicht, weil alle es wollen und suchen in allen Ecken; die Vorstellung, dass das trotzdem nicht passen wird. Die Herausforderung, sich nicht zu sehr in die Ängste hineinzusteigern. Das Aufbäumen gegen die Pathologisierung von allem. Spezielles und Ups und Downs und der Wunsch, Wege zu gehen, von denen ich jahrelang nicht wusste, dass ich sie gehen muss.

In mir drin immer noch ein stetes Beben.

HELMUT - Silence Suits You

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