Mai 22, 2022Keine Kommentare

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V

Der erste Herbst war ein Rohbau, da vorne an der Ecke. Der Weg zu den Linden war Frühling; der erste Sturm, der erste tiefgreifende Petrichor schon Sommer. Du bist nicht nur der feine Sommerregen, auch der starke, deutlich vor seiner Zeit kommende, aber du weißt, dass auch das nichts zu bedeuten hat. Nein, falsch - es bedeutet mehr als du zugibst.
Gelegentlich das Bedürfnis, lieber noch ein wenig darin zu baden anstatt darüber zu schreiben. Haubentaucher und Orte und Gefühle, die verspätet kommen.

Vielleicht haben wir uns falsch ausgedrückt, missverständlich. Kurz vor der Kasse Eso-Synth CDs zu Orten, an denen du nie warst. Inseln, auf dem Cover übertrieben in Nebel gelegt, zu ungerechtfertigt friedvoller Pan-Flöte. Ein Meme als Beschreibung der Welt. Oh Brasch, was ist da nur verlorengegangen.

Irgendwo, immer: viel zu kleine schwere Handtaschen, die in Ellenbogenbeugen hängen. Du stellst das nach mit schweren Einkaufsbeuteln und lachst, während du die Straßenseite wechselst.

 Max Richter - The New Four Seasons - Vivaldi Recomposed: Summer 1 (2022)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

Mai 14, 2022Keine Kommentare

220514

IV

J fragt, ob es schon mal die Idee gab „ein Buch zu schreiben“ und während es immer Worte gibt, in die man sich einwickeln mag, blieb es dann doch bei dir meist fragmentarisch, wenn es ums Veröffentlichen ging.

Du, vor dem Bücherregal, Wolf oder Berg oder Tokarczuk, Hein dazu; Zutrauen kein Unding, Liebe kein Phantom1. Wie es - alles - sich aufeinander aufbaut, Stein für Stein, wie mit Worten. Später merkst du, wie du es in allem mittlerweile als gesund empfindest: das Leise, das schöner wirkt als das Laute. Flaggenmasten voller roter Fahnen braucht es nicht mehr. Zeit nehmen willst, musst du dir, Zeit. Angenehm, warm.

Was hast du früher gewütet, bist losgestiebt, was konntest du deine Eindrücke und Empfindungen dann nicht mehr auseinanderhalten, was hast du gebrannt, dann beinahe sofort. Was hast du dir nur damals verwehrt zu lernen: das ist nicht wie mit dem Schreiben in einem Rausch; wie konntest du das früher als gut für dich empfinden. Als wäre es für dein Gehirn ein Nahkampf mit Elstern um das Glänzendste, Aufregendste, und Kurzweiligste. Um etwas, dem du dadurch zu wenig Bedeutung schenkst. Zurücknehmen, dich, um dem um dich herum gerecht zu werden. Atmen, tief; beobachten, zusehen, mit den Fingerkuppen die Formen nachfahren, gelegentlich bis dabei neue entstehen; glauben können. Dinge nehmen, wie sie sind und kommen wollen.

1 Wolf, Christa. Kein Ort, Nirgends. Suhrkamp BasisBibliothek, Suhrkamp, 2006, p. 66.

Der Prozess einer künstlerischen Interpretation von Purkinje Neuronen. Sichtbar sind drei Zellkörper mit ausgiebigen Dendritenbäumen, gezeichnet mit schwarz auf beigem Zeitungspapier.

Menschen, die dich nach vorne treiben, nicht nur ermutigen, genau die. Die Paroli bieten und Anstöße geben. Die, die dich inspirieren weniger apologetic zu sein für all deine unterschiedlichen Interessen, die, die antreiben. Die die überhöhte - am Ende aber rhetorische - Frage nach dem guten Leben, die für die einen oder anderen immer wieder am Horizont erscheint, mit dem Vorweisen des eigenen beantworten können. Schwierigkeiten und andere Fragestellungen hin oder her. Die, denen du in ihrem Drive auf deine Art folgen willst. Mehr davon. Ein nachhaltiger Wurf hin zum Tun, der auch wahrgenommen werden will.

Kleine Klickmomente, und sei es nur darum. Genau das, genau dafür, immer wieder.

Mall Grab - Love Reigns / Max Richter - The New Four Seasons - Vivaldi Recomposed: Spring 1 (2022)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

April 11, 2022Keine Kommentare

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III

Du fragst dich wie viel Leben in wie wenige Jahre gestopft werden kann, wie viel täglich verlorengeht an dem, was hätte werden können. Das kann niemand mehr gut trennen von dem Alltag, der für gewöhnlich alles überdeckt, was auch nur im Ansatz nach Weltereignis schreit. Es bleibt nun wieder, wie seit Wochen: die Worte gibt es, nur die Sprache fehlt. Ein Vorhang fällt nach unten, er hebt sich nicht mehr komplett. 
Eventuell sollte exakt jetzt geschrieben werden. Schreiben als Muss, als Beschreibung, wie all die Zeit zuvor schon. Du denkst an Nünning, denkst dir, dass das doch von allen nur als unzuverlässig erzählte Geschichte bewertet werden kann. Falscher Pathos hat nun keinen Platz. Wenn schon keine Worte, dann wenigstens Zeichnungen: mechanisch, Schema, genau, mit weniger Emotionen verbunden. Mindestens, immerhin das, etwas allgemein gültiges, das alle betrifft, alle gemein haben, in allen so oder so ähnlich funktioniert. Wenn sie leben.

Da in der Straße, in der zwei Adler direkt nebeneinander liegen, unironisch jeweils um I und II erweitert, werden derzeit die Spuren von Jahrzehnten entfernt. Stammhaus Lieblingscafé, ein bisschen alter Glanz, das riecht nicht nur in den Toiletten so, das sieht man im Alter der Spiegel; im Sommer der alte feine Schotter in den Schuhen, hohe Decken. Ginge es nach Etagenhöhe, hätte deine Wohnung ein Grand Hotel werden können. Meter weiter Fassaden mit Glas über zwei Etagen, die im Beton verankerten altmodisch ausschauenden Heizkörper ähnlich hoch. Kisten, die sich in der Spiegelung des Sonnenlichts der in die Jahre gekommenen Häuser gegenüber auftürmen. Ein paar Meter weiter noch die Reste von Liebe, Sex und Träumen, ein heruntergekommener Industrie-Hinterhof, der so gar nicht mehr in die Gegend passen will. Eine Krähe hackt einer Taube eben doch ein Auge aus.

Träge schiebt der Frühling sich selbst an, die Mäntel noch farblos vor lauter Kälte. In der Sonne sitzen, da an der Ecke, wieder, die Notizbücher in den Taschen. Backstein, gelegentlich. Und es weht das Moos vom Dach, kein Asphalt mehr aufgebrochen von Eis, der Kanal ruhig, beinahe müde. In Kreisen ziehen, den Radius erweitern, die großen Zehen außerhalb des Gewohnten. Von Altem Abschied nehmen, im Guten, es in sich arbeiten lassen, weitermachen. Eine Idee, wie das Leben, das du erreichen, dir erarbeiten willst, gelebt werden will, hast du schon länger. Checklisten, die dich daran erinnern. Du, wie du dich daran erinnerst: du hast lange genug gewartet. Aber ein Beginn will eben ebenso angefangen werden. Things do accumulate.

Get Well Soon - Mantra

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

März 23, 2022Keine Kommentare

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II

Das ist wie mit den Zugvögeln. Ein Hin und Her, lieber warm, manchmal ahnen die Leute, wenn du wieder zurückkommst, kündigst dich laut an, in der Nacht die Gänse, wie du. Sie erzählen nichts über dich, haben dich vielleicht in der Luft gesehen. Von oben, durch eines der wie Augen in die Himmel starrenden Fenster, von der Seite, vorbeirauschend der Zug.
Lernen, dass alles einen Takt hat, nur den fürs eigene Leben gilt es selbst zu finden, zu bespielen, zu begründen. Wie die Wellen am Strand, immer wieder, zuverlässig wie die Jahreszeiten, mittlerweile mehr oder weniger ausgeprägt. Da ist kein Packeis mehr unter den Füßen. Der Fünf-Minutentakt der U-Bahn, Haltestellen, Linien, Strukturen, andere Orte mit Namen, die du lernst auszusprechen. Ein neuerliches Überrascht-Sein, auch hier ein Zurückkehren, mit weniger Begründung. Welche Worte solltest du auch finden können dafür.

Aber dann gibt es für alles einen Ort. Einen, wo die Dinge hingehören, die Decken und Erinnerungen und die Straßen zu eben diesen. Es wird sie wieder geben, wenn nicht gar am gleichen, nicht demselben Ort.
Der beinahe unerträgliche Schmerz, wenn der Fingernagel zu schnell von Haut befreit wird, ein Hineinschieben in den Nagelfalz, damit man den Mond sehen kann, zumindest sagte das deine Großmutter immer, wenn sie mit ihren viel zu spitzen Nägeln die Welt gen Handgelenk zu schieben schien.
Was hast du dich immer gefragt, wie viel Hände erzählen würden, wenn sie es könnten. Du weißt schon, Object Permanence und das Vergessen. Ein Körper, an einem Ort, vor einem vielleicht, irgendwann wieder.

Das Erleben eines Ausschnittes einer Perspektive. Einer, die unzählige Andere ebenso gesehen haben müssen. Vorhang, Struktur, Abstraktion, Intellektualisieren, jedes Mal von vorn. Entscheiden, später Orkan zu sein, jetzt lediglich sein Auge. Die Waldränder werden zur Genüge vor sich hin stehen, Zeugen sein, still. Doch was haben wir alle nur gesehen, wenn niemand da war um zuzusehen.

Selbstverständlichkeiten und Trauma, sie gehen Hand in Hand. Auf diese Worte wartet niemand. Noch nicht einmal du.

Still stehen, ruhen. Dann blickst du mit Pupillen, die noch nie so sehr sehen mussten, voran. Selektives Sehen, das sich niemand leisten darf.

Metronomy x spill tab - Uneasy / Metronomy - Right on Time

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

Januar 24, 2022Keine Kommentare

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I

Das darf alles nicht nur als Bild vor einem geistigen Auge bleiben, das muss raus, aufs Papier, mindestens eben an einen Ort, der dem Bild gerecht wird. Einem, der nicht nur einem riesigen Teig an Ideen gleichkommt, in dem nicht mehr unterschieden werden kann, wo die eine Idee beginnt oder aufhört. Nein, ein Ort muss es sein, an dem die einzelnen Töne auseinander zu halten sind.

Die meisten deiner Jahre hast du damit verbracht dich zu sehnen. Mal leidenschaftlich, mal ruhig, mal traurig, mal relativ gefühllos. Nach dem Licht da am Ende der Straße, kurz vor den Schottersteinen, bevor sich der Weg entlang der Bäume wie ein Nackenkissen um die offene riesige Wiese legt, Geburtsstadt im Rücken. Nach dem Blick aus dem Fenster des ersten Gymnasiums, der ein wenig Weite versprach, inmitten von Plattenbauten, die Türme blau und trotz der Anzahl ihrer Einwohner merkwürdig leer bis einsam. Sich an Orten befinden, an denen man letztlich nicht ist, sich dessen bewusst sein.
Andere Straßen, andere Plätze, andere Menschen, gelegentlich schildern sie ein vergleichbares Gefühl. Inmitten voller Städte die Anderen vor lauter zugewandter rennender Rücken nur dann sehen, wenn man stehenbleibt. Kurz, tief einatmen, die nächste S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn, der nächste Bus, all das in kurzer Zeit, zwei, fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten. Ein nicht enden wollender Strom an Richtungen, selten ein Hakenschlagen. Das ist nicht so wie in Filmen, unabhängig davon, wie sehr einzelne Szenen in deinen Gedanken bereits, gelegentlich wiederholt, aufgetaucht sind. Es ist egal und dann doch wieder nicht.

Einige Orte, nach denen es sich zu sehnen lohnt, dehnen sich in deinem Empfinden aus, andere ziehen sich zusammen. Ebbe und Flut. Da werden wenige Wochen wichtiger als Jahre, dir wohlbekannte Orte auf einmal kleiner als sie es je sein konnten. Ein normales Leben in einem großen Leben, umgeben von einem noch viel größeren. Matrjoshka, du kennst es nicht anders. Fein bemalt und doch abgegriffen. Die, die neben überdimensionierten Murmeln aus Marmor bei deiner Großmutter ihren Platz fanden, auf weißen Spitzendeckchen auf Beistelltischen, an deren überraschende Kühle du immer wieder denken musst.

DYVN - Reset / Shout Out Louds - Sky and I (Himlen)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

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