November 10, 2021Keine Kommentare

211110

44

Der Herbst ist eine gedrungene, vor sich hin meckernde Amsel. Blaue Stunde, du erinnerst gelegentlich, dass nicht alle darin schwimmen oder wissen, was das bedeutet. Was, wenn sich noch nicht mal unsere Schatten berühren können? Aber dann redest du mit dem Kopf und achtest nicht auf den herumpolternden Muskel in dir; vielleicht war es sowieso zu spät, das Jahr ist beinahe vorbei.

Irgendetwas hast du scheinbar ruiniert, und sei es nur ein Weiter.

Da wäre die aufgeräumte Stadt, die bei näherem Betrachten übersehene unschöne Ecken hat - ähnlich wie die durchaus auffälligen dunkler gefärbten Eckzähne sonst sehr weißer Zahnreihen. Das ist wie mit denen, die durch die Straßen brüllen als wären sie Marktschreier, suchen sie dabei jedoch nur eine Unterkunft und wissen nicht wohin. Sie zirkeln in der rapide angestiegenen Dichte an neueröffneten Supermärkten und sitzen schließlich doch auf den unbequemen Bänken im U-Bahnhof.

Ein Herauslösen aus der Zeit ist nicht wirklich möglich, weder für dich noch für irgendeine andere Person.

Der Herbst ist ein Mann, der sich Laubmatsch mit Hundekot sorgfältig am Bordstein zur Hauptstraße von den Lederslippern schabt.

Parcels - Somethinggreater

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November 2, 2021Keine Kommentare

211102

43

Berlin, das unterstellte Grau, eventuell meint man eher den betongrauen Himmel, wobei, das kann auch schlichtweg eine Beleidigung Beton gegenüber sein. Dabei gibt es an jeder Ecke Farben. Seien es die teilweise altertümlich anmutend lackierten Haustüren. Es finden sich hellgrau, hellblau, dunkelbraublau, knallgrün, ochsenblutrot umrahmt von Putz, der in den meisten Fällen schon längst etwas Aufmerksamkeit verdient hätte. Oft starren die Augen aber nur in die düster wirkende Leere hinter großen schweren Glastüren und Glasfassaden. Du spiegelst dich vielleicht darin, aber es bleibt oft nicht mehr als das, schließlich geht das Licht im Hausflur von Wohnhäusern, deren Miete sich wohl nicht viele leisten können, schnell aus.

Möglicherweise ist es das innere Grau, das mit der Stadt verwechselt wird, wenn Fremde zunehmend ihre Probleme offen nach außen spielen. Schreien, grundlos pöbeln. Vielleicht ist es diese unfassbare Schere zwischen Elend und Hilflosigkeit, welche man auf den Straßen sehen kann, und den spektakulären Sonnenuntergängen, mit Tönen in pink und orange, die kein Sommer kennt.

Es liegt hier ein Ast und dort ein Stück Taube, im Fenster ein paar Meter weiter hängt ein Saxophon. Am Ende warst du einfach traurig.

Twin Peaks - Blue Coupe

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Oktober 20, 2021Keine Kommentare

211021

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In Wohnungen die Bücherregale, als würde es nie wieder einen Auszug geben. Dielen, krumm und schief, kannst du dir da nicht leisten. Eine Bibliothek also, bestenfalls mit Leiter. Dabei sackt doch schon der Boden ein bisschen ab weil dein Bett im Raum steht.
Und es wackelt und wackelt und wackelt beim Wühlen der Maschinen und beim Graben der Tiefgaragen und dem Gesang der Rüttelplatten. Dein Herz märkischer Boden, ein wenig sumpfig, aber so, dass dort noch viel mehr drauf wachsen kann als auf normalem Grund.

Die Augen erneut öffnen, wie es manche vor einem machen konnten. Etwas erfahren, das jahrhundertelang erfahren werden konnte, aber ohne den Kontext der Zeit. Menschen und deren Rücken, keine Abkehr, ein Hinsehen viel mehr. Licht, das durch Fenster fällt und Räume erst zu diesen macht. Versatzstücke. Von diesen hast du viel gelesen, manchmal gesehen. Die in dir drin und die in den Dingen um dich herum.

Parcels - Comingback

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Oktober 15, 2021Keine Kommentare

211015

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Wie scheinbar kaum ein Ort dich so wirklich vorbereitet auf das, was kommen kann. Kaum einer. Wie möglicherweise daher das Gefühl kommt, dass du das, was du tust, nicht so wirklich kannst. Oder du den Erwartungen, denen du dich ausgesetzt siehst, nie ganz gerecht wirst. Denkst du. Wie es zumindest keine Institution kann.

Wie du immer weiter immer wieder weiter lernst, wie es das braucht, wie es das Leben sowieso so will. Wie du immer wieder zurückkehrst zu den Gedanken, die du dir während deiner Ausbildung, deines Studiums immer wieder in deinen Kopf gelassen hast. Kann ich? Darf ich? Werde ich? Wirst du. Du wirst Tage leben, an denen es sich so anfühlt, als wäre deine Stimme nie deine eigene gewesen. Als wäre das nur eine Art Scharade gewesen, als könnte sie nie deine sein oder werden. Diese Tage werden im Vergleich zu all deiner Zeit selten sein. Erinnere dich daran, wenn die Fragezeichen versuchen deine Finger hochzuklettern.

Aber dann: du sagst gelegentlich und meinst die ganze Zeit. Und doch meinst du etwas Anderes als deine Fragezeichen.

Pudeldame - Sécurité // Yin Yin - One Inch Punch

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Oktober 13, 2021Keine Kommentare

211013

40

Du liest dich durch erzählte Geschichte, ein paar Worte könntest du unterstreichen: gelegentlich je Zeile, manchmal je Seite. Als hätten Menschen Zeit gehabt sich mit sich selbst zu konfrontieren, wenn es ums Nach-Vorne-Sehen ging, dabei gab es immer mehr, das es sich gelohnt hätte zu betrachten.
Eventuell ist das ähnlich innerer Bergabgänge, da ist ein wenig Erdrutsch, der sich verselbständigt, mit immer mehr Geschwindigkeit nach unten schießt und als Lawine im zerbrechlichsten wüten kann. Wie soll es sonst auch sein.
Berlin im Herbst, generell, deine Städte im Herbst, wie die einen maulen über das Grau, das an jedem Ort absolut hässlich sein kann. Liegt es daran, ob man eine Stadt als selbstredend anerkennt oder weist man ihr Eigenschaften zu, um für sich sagen zu können, dass man immer gehen kann? Gehen können. Eher gehen wollen.

Ein paar Wege kannst du nachzeichnen in den Büchern, die du momentan liest. Kannst aus anonymisierten Berichten Schreibender erkennen, wo genau sie leben. Der Drang zu schreiben also, diese für manche unverständliche Tätigkeit. Belvedere, abgestanden. Du lachst ein wenig. Ein Text, den so gut wie niemand je zu Gesicht bekam. Einer, den du geschrieben hast, ohne je irgendein Belvedere zu kennen. Ein Text, der so alt ist, dass du dich nur noch an die beinahe unerträgliche Dichte eines beschriebenen Schweigens zweier Personen erinnern kannst. Das Schweigen ist immer am lautesten, Stille für die einen die einfachere Reaktion, hier und da zählst du dich zu diesen einen. Für die anderen nicht auszuhalten, wie ein frischer Mückenstich auf feiner, dünner Haut, unter der Kniekehle, am inneren Oberarm.
Dichtes und überhöhtes Erzählen, um fühlbar zu machen, wie schwer gleichzeitige An- und Abwesenheit wiegen kann. Aber du bist immer nicht da gewesen. Aber du hättest doch immer gehen können, du hättest dich nur so wirklich, so richtig, so nachhaltig dafür entscheiden können. Du hättest das, dein, diese Pflaster kurz und schnell, wenn auch schmerzhaft, abziehen können. Jedoch ziehst du noch immer, ziehst seit Monaten, möglicherweise sogar seit Jahren. Hättest du dich dann nicht auch dafür entscheiden müssen, dass es ein Stattdessen als Ausblick hätte geben müssen? Gut, nimm dich ein wenig zurück, zu kryptisch willst du nicht sein.

Ja, du merkst schon wieder, wie die Themen zu dir finden. Oft sind es die gleichen, die dich seit Jahren, Jahrzehnten fast, heimsuchen. Nur deine Art sie mitzuteilen ändern sich. Auch da gibt es Unterscheidungen, wie mit ihnen zu verfahren wäre. Schließt du dich denen an, die weitermachen, weiterarbeiten, feiner herausarbeiten, ums Thema Kreise ziehen, die modellieren, oder bist du bei denen, die aufhören, abschließen, Endpunkte sehen, die an die Wand werfen, was sich überholt hat?
Wie auch immer du dir die Fragen stellst, wie sehr du in dein persönliches Solo gehst, wie sehr du vergisst, worüber du gerade vor anderen Menschen gesprochen hast: irgendetwas findet sich im Lauf der Dinge immer wieder. Was das bedeutet, bedeuten kann, weißt nur du.
Was ist das letzte, das du begonnen, das letzte mit dem du aufgehört hast? Und würdest du dich erneut so entscheiden?

BADBADNOTGOOD - Love Proceeding (feat. Arthur Verocai)

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Oktober 7, 2021Keine Kommentare

211007

39

M fragt dich, ob du das reflektierend rausschreiben könntest. Nein, sagst du, schließlich schreibst du in solchen Fällen eher in die Kerbe hinein. Ziehen in Kreisen, du kannst noch nicht mal gemein über eine andere Person schreiben, so wirklich will dir das nicht über die Fingerspitzen.
Irgendetwas ist gekippt, so fühlt es sich an. Eine Art Selbsterkenntnis, ein Auf Wiedersehen, ein neues Selbstverständnis. Gewisse Dinge lösen sich ab, das ist so wie bei alten Stickern, die seit Jahren auf Oberflächen kleben, die es erst abzupulen gilt um dann frustriert festzustellen, dass da manches bleiben wird. Um die nun freigewordene Fläche hat die Zeit genagt, wobei, meist eher das Licht und der Gilb und die, die um sie herum gewohnt haben.

Die Schuhe sind zu groß für den relativ feinen Fuß, einen, der einen sehr feinen Knöchel unter dem viel zu weiten Hosensaum erahnen lässt. Immer wieder steht die Ferse viel zu hoch, du kannst beim Gehen auf dem Bahnsteig nicht aufhören auf den Menschen vor dir zu sehen. Überhaupt, der Tunnel unter den Straßen über die die LKW donnern, mal mit Absicht, mal aus der Not heraus; du erwartest, dass bei all dem neuen zusätzlichen Gewicht der neuen Häuser doch irgendetwas anfangen müsste zu wackeln.
Wie der Belag auf der Kreuzung auf halber Länge deiner Straße absackt, immer und immer wieder, wie es die Platten der Gehwege ebenfalls tun. Dann stolpert ein Jemand, meist irgendjemand über die Kanten, nur damit die Platte neu verlegt wird, Sand inklusive, dann kriecht der Regen ebenso hinein wie der Winter und einige Zeit später sackt die gleiche Platte wieder ab, reißt die eine oder andere mit sich und das Spiel beginnt von vorn.

Die Stadt, nein, die Erde, arbeitet also unter allem, mit dem, dem sie ausgesetzt, ausgeliefert ist, bebt gelegentlich vor sich hin. Das kannst du auf verschiedensten Erdbebenwebsites lesen, teilweise kurz nach dem Beben. Ein sich durch Zeit und Raum schieben also, du denkst daran, wie sich der Mittelatlantische Rücken weitet, denkst an deine bei Katzenbuckel hervorstehenden Wirbelfortsätze und Island.
Zu denken, dass irgendetwas so wirklich, so richtig still stehen bleibt, als Wunsch einzelner, der nie erfüllt werden kann. Zu denken, dass es gut ist, nicht still stehen bleiben zu können. Du weißt schon. Das keine Wurzeln schlagen können, das nicht festhalten können. Die Befürchtung sich nicht mehr richtig oder adäquat erinnern zu können. Ist es das? Möglicherweise. Oder aber es ist das Verwachsen einzelner Erinnerungen, das diese nicht unbedingt verfälscht.

Sam Fender - Get You Down

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Oktober 3, 2021Keine Kommentare

211003

38

Ich falte mich zusammen, denkst du dir, das geht ganz einfach. In einer Abfolge legst du eine deiner Kanten an eine andere, legst Ecken auf- und übereinander.  Am Ende ist es wie mit den kleinen Kisten, die du aus einem Blatt Papier gemacht hast. Deckel drauf. Diese Miniaturkisten konntest du für die wenigsten Dinge gebrauchen, aber du fängst die kleinsten Dinge auf, sammelst vor dich hin. Mal mit Hilfe von Tinte, mal digital, mal auf Film, mal als Mitschnitt deiner Stimme. Es krächzt an manchen Tagen, fast, als würde die Ever Given auf deinen Stimmbändern liegen.
Bauch an Oberschenkel, gelegentlich ist da eine Fußsohle, die noch den Hinterkopf erreichen kann. Menschen, die vor offenen Türen stehen und kaum wagen, hindurchzugehen.

Du wolltest immer gehen. Hast deswegen nie in die Wände neben dir gebohrt, nicht zu viel angesammelt. Nur schnell weg können, immer wieder von vorn. Als könntest du Städte und ihre Kapitel abstreifen wie Morgenmäntel. Du spachtelst Löcher zu, die andere hinterlassen haben, inklusive Dübel. Die für Rigips kriegst du kaum aus dem Loch. Der Backstein hinter der weißen Farbe bröselt dir hie und da entgegen; da ist ein sich auf Leitern stellen gepaart mit deiner ausgeprägten Höhenangst, die kickt, sobald du unter deinen Füßen keinen festen Boden siehst. 

Ankommen will gelernt sein. Manche Zwanziger werfen sich in die Zeit oder die Zeit in sie. Die einen schreiben darüber oder zeichnen es, die anderen vertonen und die nächsten singen es, mal lauter, mal leiser. Fliehen in Vergangenes oder Zukünftiges, nur um nicht in der Gegenwart, einem Jetzt zu sein. Hörst du damit auch irgendwann auf, setzt dich mit dir hin und bist mit dir und allem, was du bist, angenehm wie unangenehm?
Was ist jetzt? Was ist jetzt, wenn du nicht weißt, wie lange Zeit dauert? Was kommt, was wird jetzt, wenn du nicht weißt, wie weit entfernt ein Später ist?

Courtney Barnett - Before You Gotta Go // alt-J - U&ME

September 17, 2021Keine Kommentare

210917

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Sich an die Wand spielen bis es nicht mehr geht, darüber denkst du ziemlich oft nach. Du könntest schreiben auch mit einem anderen Ausdruck deiner Wahl ersetzen, darum geht es nicht. Hast zu oft Zitate gelesen, die du Jahre später aus heiterem Himmel wieder erinnerst und erst dann einschätzen kannst.
Du stehst mit K in einem Buchladen einer gefühlt kleinen Stadt, draußen Sonnenuntergang, musst beinahe sagen, dass es viel zu schön ist. Ihr geht die Buchrücken vor euren Augen durch, du siehst ein paar, ziehst den Schluss, dass es die eine oder andere schreibende Person im Regal stehend gibt, die die gleichen Konflikte immer und immer wieder beschreibt. K erwähnt, dass das die meisten machen; sie hat recht, irgendwie machst du das auch, macht exakt das jede Person. Bis es gut ist. Als würdest du einen Film sehen, in dem Matroshka um Matroshka auftaucht. Whack-a-Mole, nur krasser.
Du stellst dir fast jeden Tag eine Frage, verpackt als „wirf eine Münze“; deine aus der Antwort kommende Freude, Gleichgültigkeit oder Enttäuschung zeigt dir, wie sehr du eine gewisse Antwort mehr schätzt. Bis es gut ist. Eventuell ist es gut. War es schon immer, mindestens im Grund der Dinge. Du denkst an deine früheren Städte, da fiel wirklich sehr viel sehr gut an seinen Platz, trotz allem.

Nach dem Gang vor die Hunde.

Ruhe, dann, das Nachhaken, als hätte niemand von uns so richtig gewusst wie das geht. Hier einer, der tanzt: im Hintergrund Jazz, oder so ähnlich. Die Zwanziger, dann Dreißiger, im Theatereingang eine übrig gelassene leere Flasche. ICE, S-Bahn-Bogen, ein Mann ohne Obdach in einer Schneise aus Backstein.
Uringeruch peitscht durch die Nase. Gelegentlich sind 0,1µm zu wenig.

Das Grün hinter dem Haus der Eltern, du erinnerst? Diese Art der Stille, glaubst du, genau diese. Die Schächte und Bahnhöfe könnten die gleichen sein. Und manche Menschen ebenso, ja, so wie Schmirgelpapier nach außen und doch ganz viel Blut im Inneren; wie ich. Wie du.
Wie beschäftigt alles sein kann, wieder dieses viel zu laute Zerren auf Schienen. War das so, wie du es dir vorgestellt hast? Klingt es so, wie du dachtest, dass U-Bahnen klingen?
Ist es so wie an der engen, der furchtbaren Kurve an der Zwinglistraße? Stockt es gelegentlich noch so?
Der eine fährt in der beklebten Dunkelheit seinen eigenen Film, die andere schreit ins Telefon um verstanden zu werden, wenn schreiben einfacher wäre. Wieder ein anderer durchsucht die Stadt nach Kleinanzeigen.
Holz, nicht dunkel, VEB Deutsche Werkstätten Hellerau, gut erhalten. Die Ruhe, wenn etwas vorbei ist und das ohrenbetäubende Ziehen und Klirren der viel zu alten Neonröhren. In der Maske hängt ein paar Meter weiter fest, wie es nach Bratfett oder schlecht gedrehten Zigaretten gerochen hat.

Es will einfach nicht aus dem Kopf heraus. Verdammt nochmal, Erich. Du bist diese Sehnsucht nach deiner Geburtsstadt nicht mehr gewohnt.

Victor Solf - I Don‘t Fit

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September 11, 2021Keine Kommentare

210911

36

Ein Spätnachmittag, du bist in Begleitung deiner Mutter und Großmutter in der Gegend um das Familienhaus unterwegs. Ihr holt den Familienhund ab, der schwankt ein wenig, hatte zur Beruhigung etwas vom Hundesalon ins Leckerli gemischt bekommen, sonst hätte man ihm das Fell nicht scheren können. Ein schon immer zutiefst verängstigtes Tier, und aggressiv wenn verängstigt. Das kam alles durch Misshandlung der Vorbesitzer. Er beißt in jeden Staubsauger, hat Angst vor allen lauten Geräuschen, kann nicht gut mit anderen Hunden, ist ruhig um Mitglieder der Familie herum, legt sich über Jahre hinweg ruhig und um dich zu beruhigen an deine Füße, wenn du alleine leise vor dich hinweinst. 
Er war noch jung als er zu euch kam. Aus irgendeinem Grund nanntet ihr den Hund Bobby, er bestand wirklich nur aus Fell. Als ihr ihn zu euch gebracht habt, kotzte er das gesamte Auto inklusive Familienmitglied voll. Die Züchter hatten ihn Andy genannt; wie kann man einen Hund Andy nennen dachtest du dir immer.
Der Hund kippt beim Markieren seines Gebiets immer wieder auf dem unbefestigten Weg um, ihr lacht, etwas hilflos. Ihr richtet ihn wieder auf und geht fast im Schneckentempo den leichten Hang zu eurem Haus hinauf. Wie passend, die Häuser liegen in der Form eines Schneckenhauses angeordnet in einem Neubaugebiet. 
Es regnet, die Tropfen prasseln auf deinen Regenschirm, Bobby riecht nach Hundeshampoo, das du olfaktorisch kaum ertragen kannst. Dir ist schlecht. Du bist dreizehn Jahre alt und freust dich darauf, dass du nicht in der Schule sitzen musst und stattdessen gleich wieder das im gleichen Jahr erschienene Daft Punk Album hören kannst.

Du trittst durch die Haustür, hörst entfernt den Fernseher. Deine Mutter und du gehen ins Wohnzimmer, deine Schwester und dein Vater sitzen im Raum. Die Stimmung ist komisch. Ihr schaut alle auf den Bildschirm. Du siehst, wie ein Flugzeug ins WTC fliegt, einer der Türme brennt schon. Ein paar Minuten später eine Schaltung nach Arlington. Danach siehst du beim Kollaps zu. Es regnet weiter. Das Geräusch von Regen hat dich schon immer beruhigt, auch jetzt hörst du mehr auf dessen Prasseln auf die Überdachung der Terrasse. Du erinnerst nichts weiter von dem Tag außer dein ungläubiges Kopfschütteln.
Das alles war etwas, das du dir nicht hättest vorstellen können. Du erinnerst Gespräche Tage danach mit Mitschülern und Mitschülerinnen deiner Jahrgangsstufe, du erinnerst, wie du im Vorraum der Schule standest. Schulgebäude in H-Form, Durchgang, es riecht nach Herbst. Als würde etwas vor deinen Augen gären.

Ripple-Effekte. Das Banale überlagert in deiner Erinnerung Weltereignisse. Es kann sogar sein, dass deine Schwester gar nicht vor dem Fernseher saß und es nur dein Vater war.
Nichts ist wie es einmal war. Ab diesem Zeitpunkt wird in deiner Erinnerung Krieg live übertragen. Du erinnerst Nachtaufnahmen von den Attacken auf Baghdad.

2012 stehst du am WTC Memorial, du bist den Tag zuvor vierundzwanzig geworden und genießt die Stadt. Dieses merkwürdige Gefühl, diese Stadt mit Loch, der Kloß im Hals. Du bekommst auch da die Bilder von dem Spätnachmittag fast elf Jahre zuvor nicht zusammen mit dem Bild und Leben direkt vor deinen Augen.
Auch heute liebst du Regen, gehst am liebsten genau dann spazieren.

Placebo - Twenty Years

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September 8, 2021Keine Kommentare

210908

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Vielleicht ist es deshalb so wichtig die Worte abzufeilen bis nur noch die tragenden Elemente übriggeblieben sind. Mehr Substanz, mehr Authentizität; und dann siehst du dabei zu, wie Filter deine Haut weichzeichnen und dein Dentin fliesenweiß machen wollen. Sollen. Nein. Nein danke. Das hat nichts mit dir zu tun, du gibst nicht vor zu sein: du bist.

Starrst du noch auf die Bögen, die du schlägst, bist du dir der Wellen und Teilchen bewusst? Das Fischen nach einem roten Faden vor lauter Gleichzeitigkeit. Auf einmal wieder dieser fast unstillbare Drang danach nach Hause gehen zu wollen. Sehnsucht, das hochgeschätzte, arg verfluchte Gefühl.

Eventuell liegt es daran: also dieses "sich nicht trauen". Diese Unterstellung dir selbst gegenüber, dass es nichts gäbe, das du erzählen könntest. Es kann eher sein, dass du dich noch nicht gewagt hast, die Geschichten in dir zu sortieren, zu verorten. Alle haben etwas zu erzählen, sei es "nur" ihre Geschichte. Kollidiert sie mit der Vorstellung eines ordentlichen Lebens? Überhaupt, was ist das? Wie viel Schneid gehört dazu zu erzählen, was du in dir trägst? Mit welchen Ausreden redest du dir das, dein, dieses Leben klein? Wie sehr bist du davon überzeugt, dass in deinem Alltag, deinem Leben nichts passiert? Ist es immer das Extravagante, sind es die Abenteuer, die du mit denen von Anderen, Fremden abgleichst? Welchen Maßstab legst du dabei tatsächlich an?
Dich interessiert umso mehr, was in den Momenten geschieht, die sonst keine Person sieht. Wie lange starrst du das Licht nach dem Aufwachen an, wie dehnst du dich, was musst du ganz dringend tun? Wie lange sitzt du schweigend neben deinen Freunden, oder mit dir? Oder hast du all das verlernt wertzuschätzen?

Da war dann dieser eine Text von vor Jahren. Hast geendet mit dem Schneider von Ulm, dir ein richtiges Hinlesen gewünscht, ein Wissen um die Bedeutung. Aber auch dieses Hinlesen will gelernt sein. Ähnlich ist es da mit dem, nach dem du strebst, was dich antreibt: Ausdruck. Eine, deine Form, eine voller Liebe und Wissen. Ein Berühren, ein tiefes in die Seele sehen. Alle wollen gesehen werden, so sehr, dass es im Inneren überschwappt. Du genauso. Wie unangenehm sich das allerdings erstmal anfühlt, wenn es unerwartet passiert, hat dir niemand gesagt. Das erfährst du für dich, wirst es erst so richtig genießen können, wenn du mal die Angst davor beiseite schiebst.

The Chemical Brothers - The Darkness That You Fear // Dead or Alive - You Spin Me Round (Like A Record)

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