Juni 13, 2021Keine Kommentare

210613

24

Da war früher die Entscheidung zum Sortieren mit Worten eher eine Notwendigkeit. Schreiben gelegentlich wie eine Blutblase an der Ferse. Irgendwann wurde das Teil deines Habitus, eine routinierte Tätigkeit, die tendenziell mit der Zeit mehr Text zur Folge hatte. Ein Einschnitt, du weißt nicht mehr wann, so halb hast du vergessen warum. Das Gegenteil: immer weniger Text, immer weniger Routine. Keine Notwendigkeit. War es ein Hinterfragen der Geschichte, die es zu erzählen galt? Die Art und Weise, auf die sich die Geschichten erzählen lassen, verschiebt sich. Die bevorzugten Medien ändern sich. Die Dichte der Fäden, die du zusammen webst, ändert sich ebenfalls.
Willst du etwas näher bringen, sodass andere Menschen es beinahe anfassen können?

Eines Morgens kurz vor sechs aufgewacht, hängt eine Frage, die du vor einigen Tagen gehört hast, in deinen Ohren. Was ist dein Lieblingsort? Schlaftrunken schreibst du die Antwort auf ein Stück Karton. Wieder einschlafen. Aufwachen, den Karton und die Antwort finden: my brain. Lachen. Im Ernst aber recherchierst du ein paar Stunden später Orte, überlegst, wie du was darstellen könntest, was genau du zeigen willst. Wie viel du dadurch von dir zeigst.
In deinem Kopf wohnt eine Elster. Ein Gedanke schöner als der andere, interessanter als der andere. Wurmlöcher, in Kombination mit dem fehlenden Verständnis für die Länge oder Kürze des Tages.

Joel Ray - River

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Juni 5, 2021Keine Kommentare

210605

23

Wo warst du vor exakt zwei Jahren? Schaust du gelegentlich noch durch die Fotos in deiner Mediathek, sind sie weit entfernte Erinnerungen an etwas, was du glaubst verloren zu haben? Was kommt wie wieder? Reflektierst du, was gern wiederkommen, was gern wegbleiben soll?

Du fährst in einem winzigen Shuttlebus zum Flughafen Tegel. An der Einfahrt, durch die du sonst nonchalant mit Taxi und Expressbus durchfahren konntest, Stacheldraht. Die Anzeigetafeln strahlen nichts mehr in den Tag.
Wie viele Menschen hast du hier abgeholt und wie viele zum Gate gebracht? Das Licht, das durch die Spalten im Beton fällt, das Licht, das durch die großen Fenster an den Gates von Terminal A fällt. Staub in der Sonne, der beinahe so aussieht wie Gold.

YACHT - You Fuck Me Up // YACHT - Psychic City (Classixx Remix)

Zwei Schlangen, eine davon so lang wie Terminal C. Ausnahmslos alle freundlich, die Sonne brennt durch die zu dunkle Kleidung hindurch. Manche mit extrem verstörendem Anspruchsdenken, du hörst ungewollt Gesprächen zu. Die meisten klammern sich an ihr Berechtigungsschreiben und ihren Personalausweis, als hätten sie mehr Krallen als Hände, die auch sanft sein können. Temperaturkontrollen, weitere Kontrollen, immer der pinken Linie folgen. Du wartest auf den ersten richtigen Checkpoint. Du sitzt und wartest auf einem Stuhl, über dem eine 5 hängt. Neben dir Plastikbambus, sich fein im Durchzug wiegend. Vor ein paar Jahren frühmorgens und angetrunken, direkt von einem Ausflug nach Dresden zurückgekommen, hast du schonmal hier gesessen, an exakt der gleichen Stelle, als du einen Ex-Partner zum Rückflug nach Skandinavien begleitet hast. Damals war es ein Restaurant. Du musst lachen.
Ab zum Gespräch, das deine Berechtigung abklopft. Sprechen über die ausgedruckten, ausgefüllten, unterschriebenen Anamnese- und Einwilligungsbögen. Dir wird nachträglich zum Geburtstag gratuliert. Das erste Mal seit längerer Zeit kommt dir der Trichter, dass, sollte irgendjemand mal über dich - unwahrscheinlich, aber ok - schreiben, dein Geburtsort mit Dresden, DDR, angegeben werden müsste. Auch wenn du keinen bewussten Bezug dazu über deinen alten Impfausweis hinaus hast, nur die Sozialisierung der Generationen vor dir um dich herum oder die Zusätze auf den Informationen der Rentenversicherung.
Linien auf den Böden, Hände sind wiederholt und oft zu desinfizieren, du beäugst ein paar Piktogramme und ziehst die Augenbrauen hoch. Schlangen. Vor dir ein sehr nervös umherlaufender Mensch, der nicht alleine sein kann. Heranwinken, lächeln mit vollem Gesichtseinsatz, Aufklärungsgespräch, Spritze. Weitere auf den Boden geklebte Führungslinien. Fünfzehn Minuten in einem großen Raum auf Stühlen mit Mindestabstand sitzen. Von Fremden mit Blicken ausgezogen werden wie auf einem verschwitzten Konzert. Betreten und mit augenrollendem Seufzen wegstarren. Neben dir weht wieder ein Plastikbambus im Wind.
Der winzige Shuttlebus bringt dich wieder zurück vor die Tore des früheren Flughafens. Du hörst beim Warten auf den Linienbus unfreiwillig einer älteren Frau dabei zu, wie sie über „die Jugend“ schimpft und zetert und pöbelt: warum solidarisch denen gegenüber sein, mir haben die noch nie was Gutes getan. Ein Mann pflichtet ihr bei, zieht sich hektisch durch drei Zigaretten in kürzester Zeit; ihr Rauch und Geruch zieht dank Windböen in deine Richtung, durch deine Maske. Er lasse sich das Rauchen nicht verbieten, es sei ja nicht schädlich, weil nicht alle deswegen an Lungenkrebs sterben. Du denkst an ihre Rente, anderweitige Generationenverträge, dein Recht auf körperliche Unversehrtheit und bist kurz davor wütend Feuerbälle in deine Maske zu kotzen. Egal, das ist es jetzt auch nicht mehr wert.

Im Volkspark am Weinberg dann ist es so, als wäre alles schon vorbei. Du kannst nicht aufhören mit dem Kopf zu schütteln: du dachtest, alle hätten gelernt aus den letzten Monaten. Dabei sehnst du dich selbst so sehr nach einem Sein ohne Maske, einem mit Reisen, Konzerten, und ein wenig Unvorsichtigkeit, die nicht direkt bestraft wird. Noch ein bisschen durchhalten, noch ein bisschen warten. No one is safe until everyone is safe. Vor einhundert Jahren haben sie es auch geschafft.

Jungle - Talk About It

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

Mai 28, 2021Keine Kommentare

210528

22

Ein Fallbeispiel bist du, eine Variation, eine Variante eines Themas, das eine Art Mosaikstein zum Gesamtbild beitragen kann. Womöglich hilft es, genau das wieder in der Konzeption deiner Arbeiten umzusetzen. Theoretisch einschränkende, aber deine Umsetzungen und Kreativität fördernde Elemente.

Es gibt ein paar Dinge, auf die dich wenige hinweisen, solltest du dich auf die Reise begeben wollen; du wirst beginnen sie für dich zu sammeln. Du wirst die Summe an Geld hinterfragen, die du über die Jahre in "kreative" Ablagesysteme, Kalender, Produktivitäts-Hack-Bücher, Apps, die dir dein Leben und deinen Kopf klarer sortieren sollen, und Büromaterial investiert hast. Du wirst in Büchern - die du gern hast - Sätze lesen wie make time for what matters; du wirst mehr den Begriff Zeit als den der Bedeutung hinterfragen. Du wirst alte Sätze von dir lesen wie ich will leben, ich will nicht nur in dieser Schwebe sein, dieses Beinahe-Leben, brauche keinen Brandbeschleuniger. Nie habe ich etwas anderes gemacht, immer gebrannt, es hat selten jemand gesehen. Du wirst Sätze von Freunden im Ohr haben, Sätze, die dich beschreiben, und Sätze, die du über dich seit Jahren sagst. Du denkst daran zurück, wie du dir immer gewünscht hast, es wäre möglich eine Art Diktafon für Gedanken zu haben, denn deine schießen mindestens mit Lichtgeschwindigkeit durch deinen Kopf.
An Besuche in Buchhandlungen, Buchtempeln beinahe, wirst du dich erinnern, an das Durchblättern von Büchern deiner Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Aus einem Roman von Sibylle Berg zwei Seiten lesen und dann ganz dringend das Buch zurück ins Regal stellen: dein Notizbuch herausholen, unbedingt jetzt schreiben müssen, das Gefühl haben, eine Stimmung greifen zu können. Du wirst dich nur vereinzelt an Sätze erinnern die Berg schrieb, vielmehr bleibt die Stimmung der ersten beiden Seiten als Ansetzen und Drang loszulaufen in dir zurück. Das Gefühl ist leider so plötzlich weg, wie es gekommen ist - auch, wenn du weißt, wie du wieder zu diesem zurück findest. Bei der Diagnostik wirst du nach Szenarien befragt, du hörst dich sagen, dass du in jedem Raum deiner Wohnung mindestens eine Schreibmöglichkeit liegen hast, für den Fall der Fälle; du siehst die MFA schnell mitschreiben.

Es wird Momente geben, in denen du unfassbar wütend sein wirst, jetzt schon. Vor einer Diagnose. Wütend wirst du sein auf den Schwebezustand, in dem du dich unweigerlich befindest, darauf, dass dir diese Fragen niemand vorher gestellt hat. Stinksauer wirst du sein darauf, dass es im Zweifel schon wieder etwas ist, das du erklären musst, obwohl es etwas ist, das vieles von dir erklärt.
In anderen Momenten wiederum wirst du das Konzept von Krankheit und Gesundheit noch mehr hinterfragen als ohnehin schon. Du wirst auf der anderen Seite in Wellen das Bedürfnis haben zu lachen: das Gehirn ist dein Steckenpferd, dein Lieblingsthema, das, was du am liebsten zeichnest, das, was du schon immer am dringendsten verstehen wolltest. Das, über das du dich am meisten beliest und dich in seinen Facetten fasziniert. Die Ironie darin.
Mehrere Bücher liegen auf der leeren Seite deines Bettes (ein paar weitere stehen im Regal), manche schon angestrichen, alle noch nicht zu weit gelesen:
- Matthew Cobb - The Idea of the Brain: A History
- David Eagleman - Livewired: The Inside Story of the Ever-Changing Brain
- Gina Rippon - The Gendered Brain: The new neuroscience that shatters the myth of the female brain
- Mark Solms - The Hidden Spring: A Journey to the Source of Consciousness

Dann denkst du an J zurück und wie sie dir sagte manche Menschen haben einen unfassbar schönen Verstand. Und dann denkst du an das Zitat zurück, das du für deinen in der Bella Triste veröffentlichten Bildteil gewählt hast, es ist eines von Anton Corbijn: your handicap is your biggest asset. Because that's what really determines your style - or what is called style - in the end. Es wird dir den Haltegriff geben, den du in manchen Momenten dringend brauchst: nichts war und ist umsonst.
Auch wenn es dich jetzt schon aufregt, hast du das Gefühl, bei einer Diagnose wieder gegen ein Stigma arbeiten zu müssen. Schreibend, illustrierend, gestaltend, animierend, fotografierend: was auch immer, wie auch immer. Wie genau, weißt du noch nicht. Es regt dich auf, weil es sich so anfühlt, als wärst du Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft, nur, dass diese hierbei in den Köpfen nicht betroffener Menschen stehen.

Es werden Fragen bei dir auftauchen, die in die Meta-Ebene gehen. Wie viel und wie sehr bist du dein Gehirn? Was bist du und was sind am Ende (gestörte) neurobiologische Prozesse? Du wirst keine zufriedenstellende Antwort darauf finden.

Was für ein immer noch irritierend klares aber unwirkliches Konzept das Altern und die Relation von dir selbst zum Vergangenen ist. Dreiunddreißig nennt man das also mittlerweile. Du sichtest nicht nur im Kontext der Diagnostik deine früheren Texte und Fotos. Ein Anschreiben gegen die Zeit, ein Festhalten von Eindrücken, Feststellungen und den kleinen Wetteränderungen in den Menschen um dich herum. Wie du es früher gleichgesetzt hast mit einem Ausbluten, wie du nicht mehr leiden wolltest nur um schreiben zu können. Wie du unveröffentlicht - ohne ISBN - bliebst, nur, weil du dich lieber fragmentiert ausdrückst und deswegen nie wirklich ein Leben-Wollen vom Schreiben forciert hast. Wie du jetzt ein du ansprichst, nur, weil du Lesende dazu bringen möchtest, andere Perspektiven mindestens in Betracht ziehen zu können.
Wie dir auffällt, dass du dich Berlin über drei Jahre lang genähert hast wie eine Person auf Durchreise, egal ob beim Schreiben oder Fotografieren. Die Dinge wieder wie zum ersten Mal sehen können, eventuell wird das das größte Geschenk der Pandemie.

Radiohead - High and Dry // Jóhann Jóhannsson - A Sparrow Alighted upon Our Shoulder

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Mai 21, 2021Keine Kommentare

210521

21

Du siehst den ICE gen Süden unter den Park tauchen, manchmal ist es auch nur ein IC. Die U2 liegt wie immer in der Kurve, du atmest dir die Brillengläser undurchsichtig; im Hintergrund Türme im Home Office.

Die einen nennen es Diagnostikbogen, die anderen nennen es vorgehaltenen Spiegel mit Selbstreflexion. Wie dich deine Familie nicht oder nicht mehr kennt, vielleicht auch noch nie kannte; wie es dich kurz trifft und es dir dann fast schon egal ist. Du schriebst jemandem vor Monaten, dass man fordernd und gleichzeitig passend sein kann; du meintest nicht das Negative, vielmehr das gute Intensive, nach dem man greifen mag. Jetzt schaut es dich selbst und wieder in Papierform an. Die Fragebögen vor ein paar Jahren waren etwas sanfter, netter, und du damit auch etwas netter zu dir. Kommt irgendwann auch eine echte Schippe Erleichterung, so, wie sie dir damals in der Hohen Straße in Dresden entgegenkam? Hast du danach auch auf die Gleise gestarrt, die gen Hauptbahnhof führen und dir gewünscht, du könntest jetzt wirklich einfach wegfahren? Nicht, um vor dir selbst zu fliehen, eher, um mehr zu dir zu kommen. Eventuell schreibst du en Detail über all das, all das von heute, der Woche.

Die Ruhe nach dem Ausatmen, die Sonne zieht wie erwartet in schönsten Strahlen über die roten Dielen mit den viel zu großen Zwischenräumen. Du wirfst die billigen Pinsel aufs Papier, ziehst noch nicht mal wütende Linien mit Tusche nach oben und unten. Die wirklich wütenden Linien, die du in JAH Form aufs Papier geschmissen hast, weil du keinen Bock darauf hattest für umsonst einen Teil zur Schul-C.I. beizutragen, werden immer noch als das Logo deines früheren Gymnasiums verwendet. Du musst weiterhin darüber lachen, selbst sechzehn Jahre später.

Animal Collective - My Girls

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Kodak Portra 400

Mai 14, 2021Keine Kommentare

210514

20

Es könnte eine Bestandsaufnahme sein. 12-Kanal-EKG, alles ok, die Abdrücke der Elektroden siehst du wie damals in der Klinik noch lange Zeit später, vor allem an den Knöcheln. Die Nieren frei, beide, alles gut, kein Grund zur Sorge. Blutabnahmen und wie du interessiert dabei zusiehst, wie das Blut durch die Kanülen in die Entnahmeröhren fließt. Es sind ein paar. Die MFA spricht dich nach einiger Zeit auf dein Tätowierungen an, dass sie meint, dich zu erkennen, eben wegen dieser. Du erinnerst dich nicht.
Diagnostikbögen, mit denen du dich das erste Mal so wirklich beschäftigst, lassen noch mehr von deinem früheren Lachen im Hals stecken. Zumindest das Labor ist in Ordnung.

Big Scary - Wake

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Mai 13, 2021Keine Kommentare

AWIS 002

all weather is process 002

Wie bereits erwähnt: seit Anfang / Mitte 2014 führe ich Skizzenbücher. Früher alles in mehreren gleichzeitig, seit Berlin ist alles zumeist in einem Buch. Erst sehr klein, Typ Reisepassgröße, später A5, seit einigen Jahren im Moleskine-Hybridformat kurz vor A4 (seit kurzem gibt es diese endlich auch tatsächlich als DINA4). Auf der einen Seite liegen da unfassbar viele Ideen verteilt auf mehrere Seiten Papier, auf der anderen Seite bemerke ich beim Durchblättern natürlich, welche verschiedenen Stadien ich durchlaufe(n habe), was mich interessiert (hat) und vor allem, wie viel ich schon komplett und fertig konzipiert habe, ohne das meiste davon fertigzustellen.
Serienansätze, vollkommen ausgearbeitet, Übungen, bei denen ich selbst noch mit Abstand sehen kann, wie viel besser ich in relativ kurzer Zeit geworden bin. Meinen Themen bin ich dabei meist sehr treu geblieben: Anwesenheit, Abwesenheit, Krankheit, Gesundheit, (neuro-)biologische Prozesse, fast alle Aspekte der Human Condition (Surprise). Neunundzwanzig Schatzkisten mit mindestens fünftausendfünfhundert Seiten. Das Sichten ist unfassbar inspirierend und auch wenn mir bewusst ist, dass das alles Arbeiten von mir selbst sind, ist es, als würde ich in ein ganz anderes Leben eintauchen als das, in dem ich mich momentan befinde. Unabhängig von den derzeitigen Umständen. Dazu kommt jedoch etwas, das ich zu Beginn des letzten Beitrags schon erwähnt hatte: Frust. Frust, Missmut, geringe Frustrationsschwelle - wie auch immer man das auch nennen mag. Perfektionismus beim Lernen und/oder Auffrischen von Skills ist nicht gerade eine hilfreiche Eigenschaft, ist aber hoffentlich eine, die ich zeitnah lernen kann zu relativieren.

Vor einigen Monaten habe ich mich in diesem Zug auch schon damit beschäftigt, wie andere Kreative mit Frust, Motivation und Projektarbeit umgehen. Bei einem David Bowie Feature, dessen Namen mir mittlerweile entfallen ist, kam im Rahmen der Arbeit mit Brian Eno und Tony Visconti an "Heroes" das Kartenspiel Oblique Strategies zur Sprache. Mit dem Untertitel Over One Hundred Worthwhile Dilemmas besteht es aus verschiedenen Prompts, die im weiteren und/oder engeren Sinn direkt mit kreativer Arbeit verbunden sind. Sie zielen darauf ab, Blockaden zu lösen, indem man aufgefordert wird, um die Ecke zu denken. Es gibt verschiedene inoffizielle Versionen davon mit unterschiedlichsten Iterationen und Erweiterungspacks, das Original gibt es direkt bei Brian Eno. Eventuell findet ihr eine Version, mit der ihr selbst gut arbeiten könnt. Da einiges davon Musiker:innen-spezifisch ist, habe ich für eigene Zwecke angefangen, abstrakte Prompts zu notieren, die für multidisziplinäre Künstlerinnen und Künstler passen, aber was am Ende daraus wird, ist eine andere Sache (siehe oben).

Um ehrlich zu sein waren meine letzten Wochen geprägter von anderen, prävalenteren Themen in meinem Leben als die Arbeit an meinem künstlerischen Output, siehe Diagnostik. So sehr ich mich auch weigere, "Produktion" (ist für mich Musikproduktion oder etwas in der Filmbranche) oder "Content" (sehe ich als beliebig in den Äther gespülten Inhalt, der auch als beliebig wahrgenommen wird, egal, wie viel Energie dort hineingesteckt wurde) in den Mund zu nehmen, was meine Illustrationen und andere Arbeiten angeht, merke ich schon, dass es mir sehr gut tut, etwas fertigzustellen und mit meinem Namen in Verbindung zu bringen. Fertigstellen könnte wiederum für den einen oder die andere etwas anderes heißen als für mich.
Fertiggestellt ist etwas - für mich - erst, wenn es entweder bei einem Kunden oder einer Kundin angekommen ist (innerhalb der Deadline) oder, wenn es sich um etwas handelt, das ich für mich gestalte, wenn ich eine Arbeit veröffentlicht habe. Das kann in Printform, digital hier auf dem Blog und/oder in dem Play- oder Portfolioteil (Spoiler und schon wieder "Surprise", wird Work heißen) meiner Website sein. Gelegentlich versuche ich mit Menschen aus meinem Freundeskreis verschiedene Deadlines auszumachen (funktioniert meist nicht, da dann keiner nach den Deadlines fragt) und diese Freundinnen und Freunde helfen mir in Gesprächen sehr, andere Perspektiven einzunehmen. Das ist vor allem dann für mich greifbar, wenn es um Ansätze geht, die ich für mich selbst verfolgt habe, was meine Ambitionen angeht. Dass es überhaupt erst eine Pandemie braucht, damit mir bewusst wird, was für und wie viele Skills, Assets und Talente ich eigentlich habe und was ich damit auch für andere anbieten kann, ist auf der einen Seite witzig, auf der anderen Seite stellt sich dann die Frage, warum man sich bisher herunterskaliert hat. Hoffentlich finde ich darauf irgendwann eine adäquate oder mindestens zufriedenstellende Antwort für mich.
Ich weiß noch, wie ich mir mitten im VK-Studium an der KH Weißensee vorgestellt hatte, mindestens zwei Monate im Jahr in einer anderen Stadt leben, arbeiten, illustrieren zu können und damit meinen Drang nach Reisen, das Aufsaugen neuer Orte und Stimmungen und (orts-)unabhängigeres Arbeiten zusammenbringen zu können. Auch hier hat die Pandemie gezeigt, dass es sehr wohl geht sich mit digitalen Hilfsmitteln abzusprechen. Nüchtern betrachtet könnte ich bereits an dem von mir anvisierten Punkt sein, auch wenn ich schon darüber lachen muss, wenn ich - alleine oder mit Freunden - verreise und gefühlt wie ein LKW "ein paar" für mich wichtige Dinge mitnehme (Skizzenbuch, einige Zeichenutensilien, mindestens zwei Kameras und Filme dazu), die mein Gepäck gleichzeitig beschweren. Jedoch ist das weiterhin ein Ziel auf das ich hinarbeite, denn so sehr ich es schätze, einen oder mehrere Orte als Homebasen zu haben, liebe ich es neue Eindrücke sammeln und verarbeiten zu können. Nur lasst mich dabei nicht zu sehr in Plattenläden abhängen, sonst braucht es tatsächlich einen Schwerlasttransporter um all das wieder zurück nach Hause bringen zu können.

Darüber hinaus gibt es natürlich ein paar andere Aspekte, die eventuell verstärkt werden durch die momentan geschlossenen Orte, an denen ich mich sonst bewegen würde. Mir fehlt schlichtweg eine Art Kollektiv, bei dem Menschen mitmachen (wollen), die ebenfalls multidisziplinär arbeiten, sich auf gemeinsame Deadlines für persönliche Projekte einigen können und der anderen Person auch Feedback geben. Natürlich sollte es mit diesen menschlich gut passen; bei Einzelnen habe ich das auch schon erwähnt. Der ominöse Begriff Accountability Buddy (oder gar Mentorship) lugt da wiederum aus einer dunklen Ecke hervor. Selbst gebe ich sehr gern Feedback, frage konsequent bei anderen Menschen nach wegen deren Deadlines, für mich selbst ist das mit verschobenem bis nicht vorhandenen Zeitgefühl eine Sache für sich. Auch hier hoffe ich, zeitnah ein paar Strategien erarbeiten zu können, die für mich funktionieren.


An sich lerne ich gerade wieder / erneut von der Pike auf und von/mit anderen Illustrator:innen und Gestaltenden, wie die Programme, mit denen ich sowieso schon arbeite, funktionieren, um das Impostor Syndrome zu vertreiben, um meine Arbeitsprozesse zu beschleunigen, eventuell sogar zu optimieren und um timen zu können, wie lange ich wofür brauche. Das tracke ich unter anderem mit Extensions, die direkt auf meinem Mac laufen, und die eigentlich für Zeiterfassung genutzt werden, um am Ende ordentlich aufgeschlüsselte Rechnungen erstellen zu können.
Ich arbeite mit einer Version, bei der ich für mich ein Projekt angelegt habe, das mit einem von mir vorher festgelegten Stundensatz arbeitet und mit dem ich für mich selbst und in Zukunft weiterarbeiten möchte. In diesem Projekt finden sich verschiedene Tasks, die ich u.A. unterteilt habe in: Research, Brainstorming, Skizze, Reinzeichnung (inkl. Koloration) und Skill Work. Skill Work beinhaltet alles, was das Erlernen neuer Fertigkeiten, sowie deren Auffrischen angeht und darüber hinaus gibt das Verknüpfen mit dem Stundenlohn dem ganzen eine neue Form von Wertigkeit. Damit meine ich wiederum nicht yay, Kapitalismus, sondern ich trickse mit sehr einfachen Mitteln mein Gehirn aus. Anstatt zu sagen "hab ein bisschen vor mich hingelernt" (die Früchte dieses Lernens kommen einem ja meist erst deutlich später zugute) sehe ich, wie lange ich Zeit in mich gesteckt habe.
Eine weitere - für mich - gute Geschichte ist dabei, dass ich wie weiter oben beschrieben, damit feststelle, wie lange oder eher wie kurz ich für gewisse Teilaspekte meiner Arbeit brauche. Mir ist bei all dem natürlich auch klar, dass die meiste Arbeit, also Denkarbeit, außerhalb der fixen Tätigkeiten geschieht, aber so wird das zumindest für mich deutlich greifbarer. Denn ohne ein wirkliches Zeitgefühl kann es nämlich schwierig sein, von vornherein Zeiten im Kalender zu blocken. Ihr wollt sonst auch nicht wissen, wie viel Geld ich schon aus dem Fenster geschmissen habe für spezialisierte Terminkalender, Planer, Termin Apps, nur um diese dann doch nicht zu nutzen.

Sonst brüte ich an meinem Logo, versuche immer noch mir selbst hinterherzuzeichnen - wir erinnern uns, 3 Jahre Illustrationen wollen erneut gezeichnet werden oder zumindest mein Grundstock an Assets will wieder aufgearbeitet werden. Mal funktioniert das besser, mal schlechter, aber ich nehme an, auch das gehört dazu. Denn das ist eines der Dinge, die ich davon gelernt habe, wieder umambitioniert Klavier zu spielen: kleine Schritte, dann große, am Ende belohnt man sich selbst. Vor einem halben Jahr hätte ich die Person schallend ausgelacht, die mir gesagt hätte, dass ich zu großen Teilen jetzt schon Merry Christmas, Mr. Lawrence von Ryuichi Sakamoto spielen werden kann. Nebenbei ist meine Hand-Augen-Koordination beim Zeichnen so viel besser geworden, dass ich selbst nur drüber staune. Und dann? Zeichnen macht mehr Spaß, Klavier spielen sowieso. Aber vermutlich wiederhole ich mich deswegen schon.

Metronomy - You Could Easily Have Me

Mai 10, 2021Keine Kommentare

210510

19

Eine Festung willst du sein. Keine, die nur bei Schönwetter schützt. Eine mit Graben, ohne Wasser, mit Zugbrücke. Einer Zugbrücke, die du nicht hochziehen musst. Eine Festung willst du also sein, eine mit Armen und Beinen, vor allem mit offenen Armen und Beinen, die nicht sofort wegrennen.

Da sind Rillen im Paperback-Buchumschlag, die du ähnlich oft mit deinen Fingerkuppen entlangfährst wie die Rillen mancher deiner Fingernägel. Es gibt Bücher, in denen du Sprache findest, die du immer um dich haben möchtest. Dabei geht es mehr darum wie etwas gesagt wird, nicht nur was beschrieben wird; du findest dich dann dort wieder, wo das Beschriebene und deine Erinnerungen, mindestens die gesicherten, eine Schnittmenge finden. Eine Art Venn Diagramm in Textform.
Erst denkst du, dass der Ort, in dem du aufgewachsen bist, in dem du dich befindest, etwas mit dir macht. Nur um festzustellen, dass es die ganze Zeit andersherum war. Das kannst du erst deutlich später sehen. Das ist so wie mit dem Wunsch, dass du nicht nur über die Häuser schreibst, in denen du wohnst sondern sie ebenfalls von dir erzählen. Oh, wie sie es bereits die ganze Zeit schon tun. So in etwa wie das Vorbeigehen an Orten, an denen du einmal warst, gewohnt hast oder gern öfter sein würdest. Sind deine Vorhänge zugezogen, steht das Fenster offen, und bist du im Innenhof, auf der Straße, auf dem Gehweg vor dem Haus zu hören? Hört man dich beim Singen in der Dusche? Stolperst du über die eine Treppenstufe, fällst du gegen viel zu wuchtige Eingangstüren, atmest du durch, wenn du im Hausflur stehst, auf dem Weg nach draußen oder nach Hause, je nachdem, wie es dir geht?

Du legst die Schultern nach hinten wie deinen Kopf, bis zum Anschlag, es knackt. Das war das Sternum, denkst du dir. Da hast du Resusci Anne vor Augen, wie sie vor dir auf dem Boden liegt und gar nichts richtig knacken kann, auch wenn du dich wie gefordert mit den Händen dreißig Mal auf ihre Brust stemmst. Dafür eine Art schnaufendes Geräusch, so wie es eben nur klingen kann, wenn man mit Plastik und etwas Widerstand CPR simuliert. Besser so als aus dem Stehgreif ein Knacken wie das, was dein Brustkorb macht.

Aber sag, fängst du irgendwann mal wieder an? Bist du irgendwann wieder da?

Metronomy - The Look

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

April 30, 20211 Kommentar

210430

Eine grüne Vase mit weißen Tulpen auf einem weißen Fensterbrett. Vor dem Fensterbrett steht eine Monstera deliciosa. Die Stimmung ist ruhig.

18

Ich schaue aus dem Fenster wie den meisten Teil des Gesprächs, der Himmel ist so blau. Ich sage ihm, dass ich lange auf den Termin gewartet habe. Fast fünf Monate. Dass es sich wie ein riesiger Berg oder eine zähe undefinierte Masse Zeit angefühlt hat zum Zeitpunkt des Buchens. Wie für immer und weit entfernt, aber dass auch das nicht fassbar war als so und so lange. Dass ich aber sowieso nicht sagen kann, ob das eine lange Zeit ist, jetzt erst recht nicht, wo ich in dem Termin sitze. Es hätten auch fünf Tage sein können. Wurden es eben fünf Monate. Er lacht kurz. Ich schaue den Vögeln zu, die hinter seinem Kopf wie wild über der Kreuzung vor der Praxis ihre Runden drehen.
Vor dem Termin hatte ich große Angst. Nicht vor dem Inhalt an sich, nicht wegen dem, wegen dem ich mich vorstelle, sondern wegen der Umstände. Nicht wegen der Umstände der Zeit, wegen früherer Erlebnisse. Wir schauen uns das gemeinsam an, er sieht die Indikation eine Diagnostik anzustoßen. Fast weinend und unfassbar erleichtert verlasse ich die Praxis. Es ist viel zu früh am Morgen und ich bin übermüdet, weil ich Nachts erst spät einschlafen kann. Schließlich ist es dann ruhig und es gibt weniger Ablenkung und die Ideen kommen.
Ich gehe nach Hause mit sehr viel Informationsmaterial zu ADHS und einem Fragebogen, einem weiteren Wochen entfernten Termin zur Diagnostik und einem neuen Grund - Laborwerte - zu meiner Hausärztin zu gehen.

Also geht die Reise los.
Sollte man darüber schreiben - in ich-Form - oder es sein lassen? Die Frage schwebt im Raum seit Wochen. Vor neun Jahren habe ich über meine Depression, die Diagnosestellung und die darauf folgende Therapie geschrieben. Die meisten meiner Freunde hatten bis zu dem Zeitpunkt, wo ich Hilfe brauchte, keinen Kontakt mit psychischen Erkrankungen. Ich bei anderen Menschen auch nicht bis fast gar nicht. Momente, vor dem Abitur und danach, wo es mir nicht gut ging, wo ich hätte schon einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren sollen, verstrichen, ohne, dass mich jemand beiseite nahm und darauf hinwies, weder Familie noch Freunde. Ich kann es niemandem vorwerfen und konnte es damals auch nicht. Ab 2011 passierte das Hinweisen - mit Menschen, die eben schon mit psychischen Erkrankungen in Kontakt kamen.
Das Schreiben darüber war Teil meines Verarbeitens, öffnete Verständnis und Austausch mit einigen, die wegen der Erkrankung den Zugang zu mir verloren hatten. Manchen gab es einen Haltegriff, so wie ich ihn mir damals gewünscht hätte. Groß aufgezogen habe ich das nie, wollte ich auch nicht. Das Label "depressiv", das zu oft disrespektierlich und stigmatisierend von nicht Betroffenen verwendet wurde und heute teilweise noch wird, hat mich angewidert. Ich hatte schlichtweg keinen Bock auf Stigma. Genauso wenig wie ich es heute einsehe, für andere Zwecke meine frühere Erkrankung instrumentalisiert zu sehen von Menschen, die sich sonst im Stil von "sei halt einfach glücklich" äußern. Die ihre Reichweite vorher nie genutzt haben für mehr Kassensitze für psychotherapeutische Behandlungen um die bei psychischen Erkrankungen gefährliche viel zu lange Wartezeit zu reduzieren (je länger man unbehandelt bleibt, desto schwerwiegender die Ausmaße des dann zu behandelnden). Die sich nicht dafür einsetzen, dass angehende Therapeuten und Therapeutinnen auch während ihrer Ausbildung und psychotherapeutischen Arbeit ein angemessenes Gehalt erhalten.

Auch jetzt habe ich keine Laune auf Label. Oder die Unterstellung, ich würde mich damit profilieren wollen. Das habe ich schon vor neun Jahren nicht und will ich jetzt erst recht nicht. Ich will kein „es ist schon wieder etwas“ oder überhaupt ein „schon wieder“ - ich will etwas beschreiben, von dem ich viel zu wenig Ahnung hatte, vor allem nicht insofern, was zu tun ist. Wo finde ich zuverlässige Informationen, gibt es Unterschiede bei der Manifestation zwischen Mann und Frau, an wen kann ich mich wenden, warum ist das alles so mit Nebel versehen? Und was resultiert daraus? Wo hat das angefangen?

Vor ein paar Monaten sprach ich mit einer Bekannten. Wir sprachen über die Psyche allgemein, dann über die allgemeine Stimmungslage, dann über ein Früher, dann über Diagnosen. Depression und soziale Phobie, Panikattacken unter Menschen (früher häufig, heute kaum) und meine von anderen als "bist ja nur kreativ" verklärten Schwierigkeiten. Dann sprachen wir über die Schwierigkeiten, über die ich mich oft geschämt habe zu sprechen. Meine Bekannte fragte mich dann, ob ADHS bei mir mal als Differentialdiagnose in Betracht kam, viele haben oft auch zusätzlich Erkrankungen, unter Anderem diese, die ich hatte. Ich lachte und meinte "ich und ADHS, ach was, ich war doch nur depressiv". Sie wies darauf hin, aus einer Familie voller ADHSler zu kommen, sie als einzige ohne Diagnose, dass ich ja nicht hyperaktiv sein müsse, vielleicht sei es ADS. Ich lachte nicht mehr, wehrte es aber eher ab, ich kannte nur ADHS, nicht ADS, aus eigenem Erleben. Sie legte mir nah, mich mal zu belesen. Wer mich kennt, weiß: sag mir das zu wissenschaftlichen Themen und ich lese.
Mein früheres verlegenes Lachen blieb mir relativ schnell im Hals stecken - spätestens bei der Adult ADHD Self-Report Scale der WHO. Dann lesen bei Selbsthilfenetzwerken, Fachgesellschaften, noch häufiger das frühere Lachen im Hals stecken haben, ich lese mich dort in Beschreibungen. Also abklären lassen. Psychiatrische Praxen, die sich auch auf ADHS bei Erwachsenen spezialisiert haben, zu finden, neue Patienten und Patientinnen aufnehmen und nicht zu lange Wartezeiten haben, gestaltet sich selbst in Berlin als unfassbar schwierig. Wenn, dann bin ich bisher so weit gekommen nicht wegen sondern trotzdem. Was auch immer herauskommt.
Also sitze ich eben Monate später im Sprechzimmer und erzähle und schaue dabei aus dem Fenster. Und nun sitze ich vor dem Fragebogen und finde mich wieder. Ich bin gespannt, wie die Reise weitergeht. Angst ist da nicht mehr.

Black Pumas - Colors

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

April 16, 2021Keine Kommentare

210416

16

Atherosklerose versus Arteriolosklerose, Knochen und Knorpel und Wirbelsäulen. Du zeichnest Hände, Referenzen überall. Rillen an den Nägeln und Pigmentnävi, die aus der Leistenhaut auftauchen.
Du musst dich nicht vor anderen profilieren, du willst Austausch.

Du wirfst wieder die Sprachen durcheinander. Willst etwas auf französisch schreiben und bringst schwedische Worte aufs Papier. Eingesprenkelt nur noch ein paar japanische Floskeln.

La Femme - Le sang de mon prochain

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 14, 2021Keine Kommentare

210414

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Das hier ist ein Fiebertraum, verteilt auf mehrere Tage. Noch mehr als sonst, ein Becken voller verschiedenster Strömungen. Ganz so, als hätte es das gebraucht, als wäre es nie anders gewesen. Du hinterfragst die gängigen Karrierekonzepte, die, die aus Einzelsträngen bestehen; eine Art dünnes Seil, nein, eher mehr Faden als das. Nein, nicht der rote, den nur man selbst sehen kann.

Moneybrother - Blow Him Back Into My Arms // Bilderbuch - Taxi Taxi


Interlude. Ich.

Zeit mal wieder zurückgedreht. Es ist der dritte März, spät am Abend, und ich denke das erste Mal sie haben einfach resigniert, sie werfen uns vor und unter den Bus und dabei kennen sie die Modellierungen, sie kennen Langzeitfolgen, die jetzt schon übervollen Rehas. Nach einem Symposium, das direkt vor der MPK stattfand, habe ich viel zu lange auf etwas gewartet, das bis heute nicht kam: ein konkretes Ziel, konkrete Umsetzungen von Vorschlägen, Langfristigkeit, Verbindlichkeit. Stattdessen Kurzfristigkeit. Es heißt allerdings nicht Economy vs Health, das sagen nur die, die es noch immer nicht verstanden haben. Es heißt fucking Economy thanks to Health.
Die Wut kriege ich wochenlang nicht aus dem Kopf, eigentlich bis heute nicht.
Ich stelle mir vor, wie manche aus der Wissenschaft insgeheim irgendetwas auseinandernehmen wollen. Stattdessen arbeiten sie und forschen weiter. Ich war lange Zeit kurz davor eines dieser unsäglichen J. Schweizer Erlebnisse für mich zu kaufen, das mich Autos auf Schrottplätzen verprügeln lässt. Natürlich mache ich das nicht. Ein bisschen Stolz bleibt bei mir immer übrig.

Da ist mein Freundeskreis, der sich wie ich auch an Regeln hält, mit dem ich mich seit Monaten virtuell treffe. Nur das eine Mal, wir erinnern uns, bin ich im November in echt in den Armen meines besten Freundes zusammengebrochen. Ich, wie ich dank der Anpassungsstörung weinend nicht aufhören konnte zu sagen ich weiß nicht, was gerade mit mir geschieht. Das war eine der wenigen Umarmungen seit Mitte November. Dafür dusche ich derzeit länger und heißer.

Ich verstehe die bräsigen Emotionalisierungsversuche Level "aber die Ostereier" oder das Feiern angeblich guter Entwicklungen dank Feiertagen nicht. Ich verstehe nicht, wie kognitive Dissonanzen existieren können, die das Erleben von Menschen im Gesundheitswesen negieren und trotzdem die Endverantwortung bei ihnen abladen. Ich denke an Londoner Freunde, die nach der Zeit im Dezember mit PTBS vom Feinsten zu tun haben, die sich trotzdem die Schuld dafür geben, dass sie nicht helfen konnten, während die Leute ihnen unter den Händen weggestorben sind. Ich verstehe nicht, wie man das maximale Leid anderer und volle Stationen als Maßstab nehmen kann. Ich verstehe nicht, wieso nicht verstanden wird, wie Wissenschaft funktioniert.

Letztes Jahr unterhielt ich mich mehrfach über die Frage, inwieweit die eigene Kunst politisch ist oder sein sollte. Ich wollte nie eine Angriffsfläche für Hass sein, und war deshalb nie so offen in meinen Arbeiten, aber vor allem, wenn man sie in die Zeit, in Kontext setzt, ist alles davon eine Reaktion auf Politik. Und damit politisch - bei mir nur eben meist auf gesundheitspolitische Themen bezogen. Oder wenn ich davon erzählt habe, wie mein Körper zu einem Politikum gemacht wird - vor allem von Fremden.
Sich grundsätzlich nicht politisch zu äußern ist in meinen Augen politisch. Wählen zu gehen, andere aufzufordern zu wählen, ist politisch. In dem literaturwissenschaftlichen Teil meiner Zeit in der Germanistik war die Beschäftigung mit den unterschiedlichen literarischen Epochen und Strömungen das, was mich erkennen ließ, dass auch Romantik und Biedermeier, wenn auch vermeintlich überhaupt nicht politisch, es eben doch sehr waren. Die vermeintliche Abkehr vom Weltgeschehen ist eine politische Entscheidung. In der Musik auf die eigene Lebensrealität zu reagieren oder sie zu beschreiben, ohne sich spezifisch mit Parteien zu beschäftigen, ist politisch, mindestens, wenn alles in den Gesamtrahmen gesetzt wird, in deinen Alltag. In welcher Zeit bist du aufgewachsen, welche Umstände haben dich geprägt, worauf genau reagierst du?
Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, mit dem ich in Regelmäßigkeit Bundestagsdebatten geschaut und diskutiert habe, ich saß in Sitzungen des Sächsischen Landtags, ich debattiere gern und viel über Politik. Seit London habe ich eine tiefe Abneigung gegen die Tories, und ich war lange Zeit viel mehr politisch im UK verwurzelt als in Deutschland. Umso mehr verstehe ich, wie oben beschrieben, nicht, was momentan schlichtweg nicht passiert. Wir könnten jetzt schon an einem anderen Punkt sein. Stattdessen werden zwei Monate verspielt und Eigenverantwortung™ propagiert. Eigenverantwortung™ first, Bedenken second. Ah ja. Wir sehen ja, wie gut das bisher geklappt hat. Wütend argumentiere ich voran.

Letzte Woche also erst Schüttelfrost, dann Fieber, dann Träume, die sich durch alle Bereiche meines Lebens wüten. Es lässt sich gut loslassen, ähnlich, wie in solchen Momenten die innere kritische Stimme ruhiggestellt ist und es sich dann erst recht lohnt zu schreiben. Auf einmal träume ich von der Endosymbiontentheorie oder der (nicht vollständigen) X-Inaktivierung ebenso wie von einem Gesicht an meiner Wange im Sommer. Ich stehe auf Kreuzungen, an denen ich viel zu lange nicht war, träume von Grundtönen, träume mich zu einer Zeit, wo die momentanen Umstände ein Präteritum sind. Die 33 wird wohl trotzdem flachfallen. Super.
Irgendwann muss ich wohl doch lieber zum Arzt. Da meine Symptome auch Symptome sein könnten, komme ich weder in die Praxis meines Hausarztes noch bekomme ich einen Termin für die spezielle Sprechstunde. Die Leitungen sind überlastet. Nach zwei Tagen gebe ich auf und lege mich lieber ins Bett und schlafe. Alle Selbsttests bleiben negativ. Fiebernd schlafe ich voran. No need to laugh and cry.

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Tristan Brusch - Fisch (Piano Version)

Die Rinnsäler, geronnen zu Flüssen in Tälern, stärker oder schwächer mäandernd. Da findet sich der Unterschied zwischen dem Behäbigen und dem Treibenden. Fahrt aufnehmen bis die Auen kommen. Vielleicht überträgt sich das Gegenteil dessen genau deshalb auf dich: Rastlosigkeit. Und da bist trotzdem du: am behäbigen Fluss.

In den Elbwiesen sitzen, müde beinahe verlorengehen, mitten im Zentrum. Ganz genau zuhören: Stadt und Atmen, das Poltern der schweren Gefährte, Stahl und Sandstein und der flaue Wind, der durch die Gräser fährt.

Bedřich Smetana - Má Vlast (My Country): II Vltava (The Moldau) as performed by James Levine & Vienna Philharmonics

How can anything be any thing at all? Wie kann ein Leben aus der Bahn geworfen werden, wenn es nie in geregelten Bahnen verlief? Seit Jahren geistern altmodisch klingende Namen durch deinen Kopf, du schreibst an einem mindestens ebenso lange. Du siehst die Figur hinter dem Namen in Fragmenten, du findest, dass das ein ziemlich gutes Format ist, das zur Zeit passt. Im Blick zurück entstehen die Dinge oder wie auch immer Tocotronic es meinten. Ein Überlegen, wie du diesem Charakter gerecht werden kannst, ob das bei den anderen Schreibenden auch so auf einmal kommt, ob sie gehen, ob sie bei ihnen bleiben oder wie viel davon sie selbst sind? Was hast du diese Frage immer gehasst. Wie viel bist du denn in Charakter X? Was von dieser Geschichte hast du denn selbst erlebt?

Du liebst es, wenn man nicht ganz genau weiß, was oder wen du beschreibst. Wie es irritiert, dass du hier viel zu oft du schreibst, aber ich, du, ihn oder sie meinen könntest. Wie du es spannend findest, etwas durch deine Augen, deinen Filter gesehen zu beschreiben und wie sehr es ansprechen kann, wenn du keine zusätzliche Trennschicht aufbaust. Wie das alles schon seine Richtigkeit hat, mindestens aber an mancher Stelle ein Augenzwinkern.

Katie Melua - Wonderful World // Day Wave - Potions

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

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