September 4, 2020Keine Kommentare

200904

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Plattentektonik V

Ich glaube, irgendwo kann man für manches von der Frequenz der Dinge auf deren Besonderheit Rückschlüsse ziehen. Etwas Spektakuläreres hatte ich mir jedoch vorgestellt: alle fünf- bis sechstausend Jahre an der Erde vorbeiziehend, dieses Mal also während einer Pandemie, die dem Kometen da oben so ziemlich egal sein dürfte, wirkt es jetzt so, als würde dieser durch den Baum vor meinem Haus stürzen. Wie wir auf der einen Bank an der Kreuzung sitzen und mir Grashüpfer konstant aus der Kastanie in die Haare fallen, während mir der Trichter kommt, dass es nicht die beste Idee ist mit Kurzsichtigkeit und ohne Vergrößerung einen Himmelskörper beobachten zu wollen.
Sehr hänge ich in meinem Kopf. Dann viel nahes Phäomelanin und weiche Haut.

Björk - Cocoon

Das Sortieren und Ordnen von hier nach da. Es braucht meist ein wenig Zeit für mich und Schreiben, bis ich etwas so für mich verarbeitet habe, dass ich weiß, wie ich es für mich einordnen kann. Ein Kopf mit Gedanken auf Concorde-Niveau und mit Themen Ping-Pong spielend. Gil Scott-Heron kratzt in meinen Ohren. I'm new here, I think.
Ein paar Tage später prelle ich mir wieder diese eine Stelle am Unterarm, während an meinen Oberschenkeln blaue Flecke auftauchen und durch meine linke Hand abwechselnd Taubheitsgefühle und Missempfindungen toben.
Das mit dem Licht ändere ich schnell, verdunkle nun meine Fenster, schlafe auf einmal tiefer und erholter. Die Vorhänge sind so schwer wie der Sommer sich anfühlt und auf den Kreuzungen der Stadt liegt. Durchzug in der Wohnung, als wäre der Luftstrom ein tiefes und sehr langsames Ein- und Ausatmen des gesamten Seitenflügels.

Aus Häusern herausstieben als wäre man selbst Staub, der feine, nicht der grobkörnige, der schlagartig durch die Luft schwebt. Sich nach Regen sehnen und sich erinnern, wie es zu Orkanen im Park am schönsten ist. Denke wieder an J und ihre Worte und wie sie immer noch so sehr recht haben - manche haben einen unfassbar schönen Verstand.

IDLES - A HYMN

Es fühlt sich alles sehr nach Warten an, es ist etwas, das ich nicht mag, vor allem, wenn ich mich auf etwas freue, aber kann, wenn ich es muss. Viel zu lernen gab es über mich in den letzten Jahren, vor allem den letzten drei. Was hat aufgehört, wohin zieht es mich zu sehr, worin und wobei bin ich ungeduldig und warum?

Ich sehe meinem Daumen dabei zu, wie er zuckt. Erst an der rechten, dann der linken Hand, dort bleibt danach ein Gefühl von Reizung übrig. Als hätte man zu seichten Muskelkater nach zu viel Zerknüllen von Papierbällen. Oder als hätte ich gerade einen Baumwollpullover an meinen Haaren gerieben und hole mir beim Greifen nach einer Metalltür einen Schlag. Nur, dass es kribbelt und schmerzt, fast einen Tag lang. Dabei lerne ich synonym verwendete neue Fachbegriffe: Dysästhesie und Parästhesie.

The British Expeditionary Force - Back of the Hand

Mein Leben ist ein Leben auf achtzehn Quadratmetern, plus etwas Küche, Bad und Flur. So langsam schwärmt es aus, schleicht, nein, läuft, nein, rennt aus der Zimmertür, findet den gesamten Flur, das gesamte Bad, die gesamte Küche, die gesamte Wohnung mit dem freigewordenen Zimmer.
Schon hunderte Male in diesem Raum gewesen, im Prinzip als Gast, da war ein anderes Leben drin, da war immer etwas gefüllt mit Sein. Sich in Wellen freuen und zwischendrin anfangen zu lachen. Wie lange wird es dauern, bis dieser Raum nach mir riecht (und wie rieche ich eigentlich für jemand anderen)? Wie lange dauert es, bis er so ist, wie ich ihn mir vorstelle?
Wie eignet man sich also einen Ort an, wie verorte ich mich?

Talking Heads - This Must Be The Place (Naive Melody)

Das erste Mal seit drei Jahren führe ich nicht das gleiche Gespräch mit der Frau, die mir bei meinem Parfümeur die Nachfüllflaschen verkauft. Sie ist nett wie immer, aber ein großes Schweigen geht durch den Raum. Am Ende frage ich sie, wie es für sie ist, so als Person, die viel mit dem Geruchssinn zu tun hat (abgesehen von den Plastikblumen, die, wie ich beim Warten vor dem Eingang lerne, seit 1926 Teil des Firmenkonzepts sind). Roter Teppich, rotes Kordelabsperrband, alles als wäre Berlinale. Sie zieht schlussendlich die Schultern hoch wie ich und erzählt wie sie jetzt Proben auf Papierstreifen mitgibt. Wie immer aber wickelt sie meinen Flakon ein in Geschenkpapier, fragt mich wie jedes Mal, ob es für mich sei, ich antworte dieses Mal einfach ja, anstatt mir irgendeine Geschichte auszudenken, wie ich Freundinnen und Freunden etwas schenken will. Auch damit scheint sie zufrieden. Alles Gute für die Woche wünsche ich ihr und sie bleibt allein in dem aus der Zeit gefallenen Laden zurück, der in seinen Anfängen nicht in Charlottenburg war sondern um die Ecke von mir, in meinem Kiez.

Nation of Language - The Wall & I

Ich schwappe also in Leere hinein, das kenne ich sonst nur von Räumen, kurz bevor ich sie verlassen habe. Generell, fast immer dieses Wegwollen, Gehen-Wollen, Wegrennen-Wollen, eventuell war and suddenly I feel like running auch eine Version davon. Nun aber ein Bleiben-Wollen, Tiefer-Wollen, Eruieren-Wollen, an meinen Beinen wieder blaue Flecke.

Youth Group - Shadowland

Bibliographie:

Haynes, J. D. (2015). An Information-Based Approach to Consciousness: Mental State Decoding. Open MIND: 17https://doi.org/10.15502/9783958570276
Kitboga. (2020, August 3). Scammer Left Speechless When Caught ($4,200 Fail). YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=KuJsHVXCkJc
Kuhlen, A. K., Allefeld, C., Anders, S., & Haynes, J.-D. (2015). Towards a multi-brain perspective on communication in dialogue. Cognitive Neuroscience of Natural Language Use, 182–200. https://doi.org/10.1017/CBO9781107323667.009
Moalem, S. (2020). The Better Half: On the Genetic Superiority of Women. Allen Lane.
Sansom, P. (2020). Female Mosaicism: The Stronger Sex? https://itunes.apple.com/podcast/id527187069

Juli 7, 2020Keine Kommentare

200707

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Plattentektonik IV

Ich wühle mich weiter durch zehn Jahre Filmnegative, das sind also alle davon, einige absolut nicht gelabelt. Meist Farbfilm, meist Kleinbild, selten ISO 3200. Voll ins Schwarze getroffen nach dem zweiten Griff. Kann ich alten Arbeiten den passenden Raum über Archivierungsordner hinaus geben, wenn ich nicht ausnahmslos alles erneut sichte, scanne, bewerte, veröffentliche?
Es gab da früher ein Death to my Hometown, aber ich meinte wirklich eher Suburbia. Sich versöhnen können mit einer Stadt, die sich die Hänge hinaufzieht nach, bei, wegen, dank zweieinhalb Jahren, sechseinhalb Jahre später.

Otha - One of the Girls

Entfremdung ist ein Schwelbrand im Moor. Nicht alle können Glutnester gleich gut sehen.

Kraków Loves Adana - Faces Replaced

Zyklisch komme ich an exakt den gleichen Punkt mit fast exakt gleichem Gedanken. Ich hinterfrage, warum ich für Plattformen, die mir nicht gehören, täglich kostenlos Arbeit leisten, Inhalte gestalten und zeitgleich meine Stimmung potentiell in den Keller rasseln lassen soll. Wiederholt kann ich mich selbst zitieren. "Dann aber: dass man in dem Dilemma steckt, dass man als Künstler nur sichtbar ist, wenn Andere deine Arbeiten sehen. Das Dilemma, dass man nicht nur die eigene Arbeit ist sondern diese eine Ebene von einem darstellt - und nur das."

Das Medium, auf dem ich mich mitteile, ist meist nur Mittel zum Zweck, bestimmt schließlich jedoch potentiell zu viel durch seine Form. Zu Beginn gut zum Austauschen mit und Kennenlernen von Menschen hunderte Kilometer entfernt von mir (oder zwei Straßenecken weiter), sind soziale Netzwerke später und jetzt impliziertes FOMO, Dopaminkicks und Disconnect. Das Internet muss im Kontext von historisch-kritischen Ausgaben ein Albtraum sein.

Ich will, dass die von mir selbst geschaffenen und gestalteten Räume die sind, in denen meine Hauptarbeit sichtbar ist, ich will mich nicht weiter abhängig machen müssen von einem Algorithmus, der qua Konzeption biased ist. Lachen über die kleinen Dinge und Zeichnungen, hinterlassen als Notizzettel in den Bibliotheksbüchern, durch die ich mich gerade arbeite. Irgendjemand sagte mal du willst doch nur gefunden werden und ich musste nicken und dann hinterfragen, ob es etwas anderes ist, wenn ich in meiner Lieblingsbuchhandlung vor einer Wand aus Buchrücken stehe und ein mir fremdes Buch aussuche, dessen Inhalt ich unmöglich kennen kann. Ist das nicht etwas, das versucht werden kann mit den kleinen Nischen, die ich ausfüllen möchte, egal ob beruflich oder zum Vergnügen?

Ich denke an die Leben - Kunst - Lebenskunst Vorlesungsreihe von Professor Porombka, die ich mir an der UdK angehört habe. Frage mich, wo und wie künstlerische Praxis beginnt, wo sie endet und wieso sich manche früher sehr künstlerisch tätige Menschen von ihr entfernen - sofern das überhaupt so richtig nachhaltig möglich ist. Der Kreis schließt sich wieder zum Gedanken an das nicht leben wollen im Traditionellen, Konventionellen. Wie gesagt: zyklisch komme ich an exakt den gleichen Punkt mit fast exakt gleichem Gedanken.

The Kills - Goodnight Bad Morning

Lesen und Gehen und das Erzählen vom Tag. Aus der Literatur gelernt, ebenso wie aus früheren Krisen, Aufsätzen, dem Studium Generale. Wie du dich durch den Alltag bewegst, sagt mir genauso viel über dich wie deine Reaktionen auf die traurigsten und dramatischsten Dinge. Wie fühlt sich an, was dir gefällt?
Ist das der Moment, an dem du merkst, was das Eigentliche ausmacht? Hast du deshalb aufgehört? Hast du dir gedacht, dass es nichts mehr zu erzählen, zu sagen, zu singen, zu beschreiben gibt? Musst du denn so dringend ein Fontane sein oder deine Sätze so langgezogen wie in den Buddenbrooks?
Was ist erzählenswert? Was ist das, was du in Büchern liest? Ist es wirklich nur das Besondere, das mit den Ver- und Zerwürfnissen, ist es das Klischee, das sich durch die Feuilletons und überhypten Romane zieht? Entwickeln sich diese Romane ähnlich schnell zu Trivialliteratur wie die Bücher der Schriftsteller, die in den frühen 1900er Jahren mit dem Literaturnobelpreis bedacht wurden?

Und ist vor dem, was du liest, nicht ebenso ein Filter? Woher die Überzeugung, dass das Alltägliche nicht erzählenswert, teilenswert ist? Was erzählst du sonst deinen Freunden? Hält euch nur Drama zusammen und kennen sie dich ohne dieses überhaupt? Sind die Katastrophen deines Lebens das, was du als erzählenswert betrachtest? Oder geht es nicht vor allem darum, was du wie siehst und ist nicht das erst recht erzählenswert?

Mattiel - Keep The Change

Das Telefon vibriert, all das kenne ich schon. Ich beginne laut zu lachen, gehe duschen und sehe dabei dem Schatten des Laubs auf der Hauswand gegenüber beim Tanzen zu. Auf dem Fensterbrett schiebt sich ein neues Blatt aus dem alten Blattstiel. Man kann sehen, dass es wiederum schon ein neues auf dem Rücken trägt.
Eventuell ist das immer so und manche gefangen in einer Repeat 1 Schleife. Ich treffe Menschen lieber dort, wo sie gerade sind. Innen wie außen. Mehr als anbieten kann man es nicht.

Two Door Cinema Club - What You Know

Lektüre:

Johnson, Uwe. Mutmassungen über Jakob. Edition suhrkamp 1818, Suhrkamp, 1959, doi:9783518118184.
Rippon, Gina. The Gendered Brain: The New Neuroscience That Shatters the Myth of the Female Brain. The Bodley Head, 2019, doi:9781847924766.
Silbernagl, Stefan, and Florian Lang. Taschenatlas Pathophysiologie. 6th ed., Georg Thieme Verlag, 2020, doi:9783132429130.

Juni 30, 2020Keine Kommentare

200630

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Plattentektonik III

Als wäre alles ein Fiebertraum gewesen. Als hätte es die letzten Wochen, Monate nicht gegeben. Ein "Sense of Urgency," wie er sonst nur zu Jahrestagen durch die Gegend schleicht. Ich habe es mir so eingerichtet, dass ich immer wieder eine kleine Stelle in mir neu entdecke. Da werden die Fensterbretter freigeräumt, der Staub unterm Bett weggesaugt, da wühle ich mich durch alte Abzüge, besprühe meine Pflanzen. Eine Art Ritual. Zehn Minuten Yoga morgens im Bad und trotzdem bekomme ich den Druckschmerz unter dem einen Schulterblatt nicht mehr weg.

Mitte Mai lande ich auf einmal und unvorbereitet im Corona-Wartezimmer meiner Hausarztpraxis. Das Zimmer, in dem ich warten soll, hat mich selbst früher zum Arztgespräch begrüßt, mein Körper erinnert sich an die Hände, die inmitten von Koliken durch meine Flanke getastet haben. Unklarer Bauch als Lebensmotto. Jetzt höre ich so halb die Gespräche aus dem Nachbarraum; es erschrickt sich der Mann vor mir, der just am Empfang direkt neben mir stand.
Dann raschelt es ein Zimmer weiter: ich höre, wie sich der Arzt seine Schutzkleidung überzieht, Handschuhe überstreift, wie die Gummis, die die FFP3-Maske an seinem Gesicht halten sollen, gegen seinen Hinterkopf knallen. Das Geräusch von Schiebetüren, vor mir steht eine weiße Gestalt, so müssen doch auch Lackierer aussehen, denke ich mir. Wir setzen uns, ich versuche durch Maske und ohne Stimme zu schildern, was zu schildern geht. Vorsorge, aha. Alles aus meiner Krankenakte seit 2013 strahlt uns vom Monitor aus an. Er sieht den Vermerk zu meiner Depressionserkrankung, fragt, ob alles noch aktuell sei. Seit 2017 bin ich gesund und brauche keine Behandlung mehr. Ich huste, schildere die Symptome meines Infekts und wie das Fieber langsam sinkt. Er fragt, wie ich das wegbekommen habe. Mit Ibuprofen, sage ich, und Wadenwickeln. Die Depression meinte ich, erwidert er. Ich lache kurz, entgegne dann Therapie, Therapie, Therapie, Selbstkonfrontation, an sich arbeiten. Er finde das schön, murmelt er so leise, dass er es nochmal halb schreiend wiederholen muss, damit ich es richtig hören kann.
Die Probe nimmt er tief aus meinem Rachen. Dinge tief im Rachen kann ich nicht leiden - ich würge mir das Lachen also ebenso hoch wie die Ernüchterung über das Biohazard-Zeichen auf dem Probenbeutel. Gedanken an 28 Days Later.
Es ist Freitag, ich soll in Selbstisolation bis das Testergebnis da ist. Geht man jetzt noch einkaufen? Geht man noch irgendwo hin? Kann man die Briefmarke anlecken für den Briefumschlag für die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung? Kann ich Pakete annehmen? Geht der Lieferdienst? Wie mache ich diesem einen Paketdienst deutlich, dass ich dort wohne, wo ich wohne, seit sechseinhalb Jahren am Stück? Ich finde die Kilopakete Nudeln wieder, die ich von meiner Familie zu Weihnachten geschickt bekam, sehe all das Porridge, das Tiefkühlgemüseimperium, denke Wohngemeinschaft und schließe seufzend die Tür zu meinem Zimmer hinter mir. Selbstisolation mit Sagrotan als ständigem Begleiter.
Montag der Anruf: negativ. Ich freue mich an meinem Geburtstag vor die Tür treten zu können, ich werde sowieso nicht feiern. Ohne Familia ist es nur mein 11688. Tag auf der Erde, nicht mehr. (Ich werde nicht vor die Tür treten, dafür aber eine Benjamin Blümchen Torte essen, wie es zum Zweiunddreißigsten angemessen ist.)

LCD Soundsystem - Dance Yrself Clean

Freunde, die sagen, meine Umarmungen seien qualitativ hochwertig und würden ihnen fehlen. Die erste, die ich nach zwei Monaten bekomme, überwältigt mehr als ich dachte. Seit meiner früheren Bekanntschaft mit Depression weiß ich, dass Menschen Berührungen versuchen mit Wärme auszugleichen und mehr baden. Ich reihe mich bei der Gruppe ein, die, egal bei welcher Außentemperatur, selbst versucht Wärme durch heißeres kurzes Duschen zu regulieren (Studie hier), ähnlich wie Lichtwecker beim morgendlichen Aufwachen helfen oder wie sehr es hilft, von Pflanzen umgeben zu sein. Vielleicht entdecke ich meinen Nachnamen neu, den, den ich, seit ich mich erinnern kann, perspektivisch und langfristig loswerden wollte. Generell entdecke ich einiges über mich, lerne, dass ein Leben, das für andere verlockend klingt, eines, das traditioneller gezeichnet ist, für mich keines ist, das ich leben kann und will. Dieses Traditionelle sieht man nicht unbedingt umrandet mit rotem Stift und Grenzen und klarem Auftrag.
Kurz denke ich an den Mann zurück, der genau das wollte und als ich dem widersprach, den Wunsch äußerte, mir beide Handgelenke zu brechen. Ich bin froh, gegangen zu sein.

Morgens ist die Stimmung in der Wohnung am wenigsten greifbar, die Mauersegler fehlen und die Geräusche der Stadt über die Geräusche der U-Bahn hinaus. Es legt sich in die Kurve, hinter dem Haus sanieren sie eine alte Garage, hinter dieser war mal ein öffentliches Gebäude. Kräne umkreisen das, was jetzt Freifläche ist als wären es Krähen. Um die Ecke stehen die Raucher dicht an dicht um windgeschützt zu sein. Irgendjemand scherzt, dass das eher zwanzig Zentimeter als zwei Meter seien, ich drehe die Musik lauter, damit ich ihr betretenes Lachen nicht hören muss.
Die letzten Wochen verschwimmen zu einem großen Klumpen, ähnlich zusammengeknüllten Taschentüchern, die man nach der Wäsche in den Hosentaschen findet. Montag ist, wenn die Elster im Innenhof dir die frisch gefangenen Mäuse auf den Kopf fallen lässt.
Den Tritt wieder finden, die überreizte Lunge schonen, flacher atmen. Ich bin eine noch schlechtere Texterin als vorher schon geworden, die Benachrichtigungen sind zum größten Teil ausgeschaltet. Ich vergesse oft mich zurückzumelden. Als würde ich endlich dazu kommen, das Vergangene zu verarbeiten, als würde etwas in mir gären, als würde man wie bei neu gekauften Farbeimern erst die oben lose schwimmenden Lösungsmittel wieder mit der eigentlichen Farbe vermischen müssen. Das wird irgendwann wieder, im Zweifel braucht es einfach Zeit. Bisher bin ich immer wieder da gewesen.

Joy Division - Transmission

Stille als lautestes Geräusch. Im Innenhof plätschert der Regen vor sich hin, eine Antwort in den Blättern, keine wirkliche Sprache. In Worte zu schieben versuchen, was noch keine Beschreibung gefunden hat. Ich lege eine Liste an. Das Gefühl, als würde man ganz dringend beginnen wollen zu rennen. Als würde der Schnee unter den Schuhen nicht fürs Schlittenfahren reichen. Als würde gleich etwas wundervolles geschehen. Als würdest du gerade alles zum allerersten Mal sehen. Als würdest du Bruchstellen in allem erahnen können. Das Gefühl, dass ein Kapitel beginnt und du gleichzeitig vergessen hast, beim Kassettendeck auf Record zu drücken. Als würde dir etwas nicht greifbares durch die Finger rinnen.

Acht Minuten und sechsundvierzig Sekunden. Das Büchlein über das Böse neben meinem Kopfende.

Mutmaßungen über. Mutmaßungen zwischen den Zeilen. Aber was soll man auch erwarten: nicht alle Monate sind wie üppige Flügeltüren mit frisch geputzter Verglasung, durch die das Licht fällt, wie es das in Filmen von Roger Deakins macht.

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons - Summer 2

Wir werden einander verzeihen müssen - ich denke daran, wie manches sich so anfühlt, als wären wir alle viel zu lange im Urlaub gewesen. Oder ein Orkan hätte uns überrollt. Oder irgendetwas anderes greifbareres hätte hinter der Aussage von Spahn gesteckt.
Da ist der sommerliche Wolkenbruch, der so herrlich neu wirkt, als hätte ich wirklich gerade alles zum allerersten Mal gesehen. Normalerweise würde ich jetzt in den Park schaukeln gehen, aber sie haben die Sitzflächen von den Schaukeln entfernt. Nachdenken über das Wort normal. Ich gehe meine Notizen durch, frage mich, wie oft sich dort dieser Ausdruck findet (momentan finde ich ihn unerträglich). Stattdessen finde ich lose Texte ohne Datum, nur mit Zeit.

02:01
Schaue mir Pflanzenvideos an. Für alles gibt es eine Nische. Mir fehlt Linguistik. 

04:07
Flüsse, die im Hochwasser immer wieder zu ihrem alten Flussbett finden.

19:57
Ich sortiere alle Lesezeichen neu, die sich über die Jahre in meinem Browser angesammelt haben und ich seit 2008 mit mir mitschleppe. Mir fehlt meine alte Universitätsbibliothek und wie angenehm ich zwischen den Mediävistik-Regalen schlafen konnte.

02:47
Der Spam Ordner meiner Email ist gefüllt mit Angeboten für OP-Masken. Von aus Versehen gefundenen Millionen von Dollars aus Nachlässen auf irgendwelchen inexistenten Konten, die man mir großzügigerweise hinterlassen wollte, über Erpressungen wegen und mit Pornos und Malware zu unseriösen möglichen Großbestellungen von PPE. What a world. Irgendein Heinz-Christoph schickt mir immer einen Newsletter für Türzargen zu.

13:57
Sich zu jeder Jahreszeit neu daran gewöhnen, wie Fremde starren.

01:32
„Da wussten wir nämlich noch nicht, dass die Scheiße den Ventilator trifft.“ (Wahrscheinlich ein Zitat aus einem der Podcasts, die ich gelegentlich zum Einschlafen höre, wenn ich nicht zur Ruhe komme. Seit Domian beruhigen mich Stimmen im Hintergrund.)

Marie Madeleine - Swimming Pool

Weniger schreiben, aber mehr davon. Skizzenbücher voll.
Ich sitze auf dem Sessel in der Küche, dem am Fenster, dem mit den Heizungsrohren im Rücken, schaue den Flur entlang. Vor ein paar Tagen habe ich das erste Mal alleine meinen Vorhang abgenommen. Höhenangst und viel zu hohe Decken. Das Licht also am Morgen. Ruhe, in mir drin. Viel davon, da kriecht doch eben alles in den letzten Extrazellularraum. Bald wird alles davon ein Ort für mich sein. Endlich ein Ort, von dem ich erzählen will, mein Ort zum Ankommen, zum Anfangen. Ich kann nicht aufhören mich zu freuen.

Maribou State - Beginner's Luck

Lektüre:

Eddo-Lodge, Reni. Why I’m No Longer Talking to White People About Race. Bloomsbury Publishing, 2019, doi:9781635572957.
Koolman, Jan, and Klaus-Heinrich Röhm. Taschenatlas Biochemie Des Menschen. 5th ed., Georg Thieme Verlag, 2019, doi:9783132417403.
McCulloch, Gretchen. Because Internet. Understanding the New Rules of Language. Riverhead Books, 2020, doi:9780593189566.
Swanson, Larry W. The Beautiful Brain. The Drawings of Santiago Ramón y Cajal. ABRAMS, 2017, doi:9781419722271.

Mai 25, 2020Keine Kommentare

200525

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Dear Past Me,

you’re safe now. You’re not lonely, you have a lot of friends who love you as much or more than your family. You’ve built a life for yourself that allows you to grow and connect. You do have a long way to go with all you want to achieve and while you may think that you’re slow af in reaching your goals, let me assure you that you’re on track with all of them. Maybe just cut down a little bit on procrastination, as it can only help you in the long run.

Yes, you still laugh the way you used to laugh when you were little. Most things are still a lot more enjoyable to you when your family is around, only that you’ve changed what the term family means to you. Your nose still turns red when you cry and yes, you still don’t make a single sound whenever you do shed tears. It’s neither as frequent nor as painful as it must have been for you throughout the years. In fact, you barely have a reason to cry at all nowadays. You laugh full-heartedly, you like the way the sun feels on your skin, you like hugs. You even go for walks, on your own, without any appointments lingering on the other end of the walk. You thoroughly enjoy your company and that of others. I know how scared you used to be of others, trust me. You’ve also learned that we all get a little bit anxious or sad or angry sometimes and that it's better to take care of yourself then. Dancing it out, writing it down and having a good night's sleep before settling on negative thoughts is the way to go but try tidying your desk before doing all of this. You still like your creative mess as it helps you connect a lot of dots but starting with a clean slate (= desk) is also quite the nice thing. It also makes for better portraits and less stressful spontaneous visits from friends.
You still love drawing, office supplies / stationary, reading, libraries, buying more books than you have space for, listening to music and going to the cinema. You did have to quit playing the guitar and piano because of your tendons but you'll get to learn how to play again some time in the future, step by step, beyond your favorite chord. I'll make sure of it (I'll try getting you that guitar you always wanted to have, just bear with me).
A lot of healthy coping strategies have found their way into your life. You actually do keep up the sketchbook thing. You know, that thing you failed doing in your teens, this diary keeping? Just like you’re able to keep plants alive now, you stick to what you say you’ll be doing. Changing your mind doesn’t mean you’ve messed up, it means you’re learning. Growth can come in the weirdest forms, disguised as humans, books, music or experiences that don’t need any word at all. At times, you still avoid tough talks or tough love for the sake of (false) harmony. Learn from this and be and become even better, you know you can.

Trust me, you didn’t have to disappear, you never did. You can forgive yourself for all the things you felt you weren’t enough for. You felt left out the day you started going to kindergarten to the day you finally met your first proper set of friends in grade eleven. We all like being seen for all that we are and we are allowed to mourn for the memories we couldn't make when we were kids. It makes you who you are and you've turned out just fine not because of but despite your upbringing.
Some things take time and you’ve proven that you have patience beyond belief. You’ve survived the grief of a lot of people close to you dying, just like you’ve survived wanting to die yourself for a long time. I’m very glad you’ve stopped wanting this five years ago, by the way.
You've survived a lot of things others may not have, considering the amount of "a lot of things." There's a lot of strength in vulnerability and openness, it fuels your way of connecting with people but damn, do you love a good laugh in between heaviness. Generally speaking, you like laughing a lot.
You’ve crawled out of emotional shitholes and worked hard on your self, mental health and the way you perceive the world. It’s not a dangerous place to you anymore, you’d rather do your bit to change it for the better, document it, record its quirks and good sides, all while being aware of the work that needs to be done to make it a good one for all of us.

I look forward to what you’re going to achieve in the next thirty years, you badass.

With love and a big thank you for everything,

your 32-year-old Me

P.S.: You managed to pull the whole ugly-duckling-beautiful-swan thing off without YouTube make-up tutorials, so don’t you worry about a thing. And no, you don't have to go to school reunions if you don't feel like it.

IDLES - MR. MOTIVATOR

Mai 6, 2020Keine Kommentare

200506

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Seit Wochen drücke ich mich vor den meisten dieser Worte, scheue mich vor einem Teilen dieser. Habe zu Beginn zu oft Zahlen aufgeschrieben, mich über die Unbeschwertheit einiger gewundert, dann aufgeregt. Dann die Sorge. Dann - noch vor Plattentektonik I - ein Nachhaken bei vielen, ein „pass gut auf dich auf“ und der Wunsch, einander trotzdem sehr bald wiederzusehen, den ich nicht geäußert habe. Ich konnte es einfach nicht. Morgen, danach, sehr bald, endlich, jetzt kann nicht früh genug kommen, vor allem, weil ich nicht weiß, wann ein Morgen uneingeschränkt ist.

Es finden sich kleine Videoausschnitte der Stadt in meiner Mediathek, die wieder verworfen werden. Ich denke an Menschen, nur bringt ihnen das auch nicht viel. Stattdessen fange ich langsam an zu schreiben. Höre auf, weltweite Zahlen oder die meiner früheren Orte anzusehen, Lungen(-bläschen) zu zeichnen oder Nachrichten zu bingen als wäre es eine neue Staffel Bosch. Es geht nach oben, da sind ein paar Hügel, da sind kleine Tiefs, die ich gut regulieren kann. Früher hätte ich mich in ein Ohnmachtsgefühl geworfen, schlichtweg, weil ich es nicht anders kannte. Heute gestalte ich aktiv den Zugang zu mir, lasse das hinein, was mir gut tut und mich anregt und bleibe trotzdem informiert. Ich kann mich ob meiner Umstände glücklich schätzen, egal, welche Bereiche genau es betrifft.

Nun. Man muss sich eher Sorgen machen, wenn ich meine Sprache verliere als bei irgendetwas anderem, das ich eventuell nicht mehr tue. Als wäre der Mittelatlantische Rücken in mir, als würde er in mir mehr als 2,5cm pro Jahr wachsen. Es geht weiter mit dem Schreiben, ich habe mich innerlich wieder aufgerichtet.

Massive Attack & Young Fathers - Voodoo In My Blood

Plattentektonik II

Über den Kurven 3376 und 3379 steht ein Blutmond auf dem Rand des Tempelhofer Felds, die Brise weht deutlicher, als ich es erwartet hatte. In die Dämmerung strahlen Leuchtreklamen, an denen niemand vorbeifährt. Der Himmel über Berlin in übertrieben beißenden Farben, beinahe so intensiv wie die an richtig kalten Januarabenden.

Diese Wohnung und wie ich mit ihr die Jahreszeiten sehen kann, mag ich. Wie die Sonne immer höher über das Dach des gegenüberliegenden Hauses kriecht und dadurch Licht in Ecken bringt, die viel zu lange dunkel geblieben sind. Wie es an der Wand mit den teilweise offenliegenden Teilen von Trockengipsplatten entlangstreicht. Wie Schatten der Blätter der Pflanzen über die Rücken meiner Anatomieatlanten und Platten streichen. Holy Fire und wie es so wirklich brennt. Wie es mich wundert, dass das Grün im Zimmer schon so lange lebt, wie früher beinahe alles nach kurzer Zeit dahinstarb. Wie ich noch immer in einem Haus leben will, das auch von mir erzählen möchte.

// Stell dir das mal vor, dieses Absolute. Stell dir mal vor, wie es dich anschauen könnte, dieses Menschliche. Nicht die passenden Ausdrücke finden können für die richtige Situation. Bist du manchmal um Sprache verlegen? Ist da stattdessen ein Beat?
Kommt bei dir tendenziell eher etwas dazu? Fügst du hinzu? Bist du eine Kintsugi-Schale? Hast du aufgehört und wenn ja, womit? Ärgerst du dich darüber? Kribbelt es noch gelegentlich in deinen Fingern? Ist es wie ein Rauschen, ein inneres Antreiben, wie der erste Tritt in die Pedale im Frühling?

Was gibt dir Halt wie einer dieser an der Stange hängenden Griffe im Bus, in der U-Bahn und der Tram? Trinkst du gerade zu viel oder versuchst du, dein Gehirn mit anderen Drogen auszutricksen? Was gibt dir exakt genau jetzt Halt, was erdet dich, was ist deine Konstante? Ja, die in dir drin, die, die dich nicht verlassen wird, die, die immer da ist - deshalb auch Konstante - und mal lauter, mal leiser in dir an deine Tür klopft. Welche Zitate kommen dir in den Sinn? Womit lenkst du dich ab? Suchst du jetzt erst recht nach Bestätigung von außen? //

Dann stehe ich in Gedanken wieder Mitte Dezember an dieser Bushaltestelle in Tiergarten-Süd. Ich beobachte meinen Atem vor mir, vor ein paar Tagen noch Hoffnung und der große dunkle dreckige träge Fluss und gleichzeitig die Angst, die hochkriecht. Wie ich Angst hatte davor, dass manche sterben werden wegen Fahrlässigkeit, Class Politics, Überheblichkeit. Wie bis jetzt zu viele gestorben sind wegen Fahrlässigkeit, Class Politics, Überheblichkeit. Wie ich wie damals in die Nacht hinein weine, still, ganz leise, zu denselben Zeilen. I stand weeping at the train station 'cause I can see your faces.

// Was hält deine Erinnerungen zusammen? //

Wie sehr wir alle darauf angewiesen sind, dass die Dinge funktionieren, im besten Fall so wie wir es wollen. Ein Gedanke, der sich in Abständen in meinen Kopf schleicht. Meist aus Ver- und Bewunderung, wenn ich etwas an sich sehr fragilem dabei zusehe, wie es funktioniert. Momentan aus Ernüchterung.
Da sind die Rücken und Schultern und Hände von Fremden und Bekannten, da trägt sich, da zerbröselt etwas oder wiegt so schwer wie eine ganze Kiesgrube. Da trägt man manches gemeinsam.

Hallo, Geburtsmonat. Ich habe dich schon vor ein paar Tagen riechen können. Schwer in den Büschen voller Flieder, etwas träge bei den durch die Gegend fliegenden Pollen. Du hast schon Pirouetten gedreht, da am Eingang der U-Bahnstation, über den ich in den letzten Jahren viel zu viel und zu oft geschrieben habe. Du erinnerst mich an dieses kleine Gefühl, das sich einstellt, wenn etwas beginnt, sich ausbreitet. Vielleicht habe ich zu häufig Yoga gemacht am Morgen und am Abend, die Brust dort geöffnet und dabei meinen Brustkorb knacken gehört.
Du bist in den Wegen, wie Menschen schön sein können, wenn sie nicht wissen, wie schön sie sind. Nicht, weil sie konventionell und nach irgendwelchen Standards als schön gelten, sondern weil sie sind. Ich kann sehr zufrieden mit der Art sein, wie ich bin, wenn ich mein Spiegelbild betrachte und dem Spiegelbild trotzdem keine übersteigerte Bedeutung zuweisen. Das Finden von einem selbst in dem, was das Gegenüber einem spiegelt. Nicht mehr ganz Frühling sein und noch kein richtiger Sommer.

Ausstreckende Hände, Handflächen, die sich entfalten wie die Rose von Jericho bei Wässerung. Aus Krallen und Klauen werden feine Instrumente, mit denen sich etwas nachzeichnen lassen kann.
Da waren irgendwann vor langer Zeit Männerhände, die über meinen nackten Rücken fuhren, sich wunderten, wie dieser und der Hals so lang sein können. Da waren generell Hände, die sich um meine Taille gelegt haben um sich auf dem darüber liegenden Stoff zu fragen, ob sich die Fingerkuppen ihrer linken und rechten Hand beim Greifen um mich treffen. Da habe ich ihre Fragen gehört und verstanden und sie trotzdem nicht beantworten können. Wie sich mein Körper eben in die Proportionen legt, nicht besser oder schlechter als ein anderer. Da habe ich an meinen Schlüsselbeinen neue Konstellationen aus alten Windpockennarben und neu geformten Leberflecken entdeckt, da bereiten mir ein paar gewisse Muttermale auf den Schulterblättern Sorgen.

Ich sehe fast jeden Abend eine Person aus meinem Freundeskreis im Videochat, oft machen wir dann Screenshots, gelegentlich kochen wir, vorrangig lache ich viel. Den Druck als Kreative kreativ sein zu müssen, egal, was um mich herum passiert, spüre ich ebenso wie manche von ihnen. Was das mit mir macht, weiß ich noch nicht genau.

An SchriftstellerInnen hat mich schon immer mehr fasziniert, wie gut sie beobachten, was sie sehen und was sie davon aufschreiben, nicht zwingend, was für Geschichten sie konstruieren. Christa Wolf habe ich wegen ihrer sprachlich verdichteten Form der Einsamkeit geschätzt (siehe Kein Ort. Nirgends oder Nachdenken über Christa T.), Christoph Hein wegen seines Darstellens eines inneren Erstickens bei äußerlicher Unbewegtheit (siehe Der fremde Freund / Drachenblut), Sibylle Berg wegen der Offenheit, die fast schon eine Brutalität sein kann (siehe Vielen Dank für das Leben oder GRM: Brainfuck). Daraus resultierte, dass ich meine Form eines „Berlin-Romans“ schreiben wollte. Ich dachte, es braucht große Gesten und Charaktere, die für eine besondere Zeit stehen. Ich dachte, ich muss tief eintauchen in Milieus, mir Stereotypen herausarbeiten, ein gewisses Stadtgefühl in Klischees packen.
Mir fällt mittlerweile auf, dass ich exakt nichts davon machen muss. Die Städte schreiben sich zumeist selbst, beschreiben reicht aus. Alle fallen gelegentlich in Klischees, auch ich habe mich durch Nächte getanzt, passe an sich ganz gut in den Stereotyp einer Kreativen. Auch ich will lieben und geliebt werden und auch ich falle dabei gelegentlich mit dem Gesicht auf den Asphalt. Muss das nochmal schriftstellerisch durchgekaut werden, überzogen und klischeebeladen? Wo fängt das Triviale an, wo hört das Treibende auf? Ich will nicht so seicht sein oder Konstrukte vorgeblich seichter Menschen beschreiben wie manche in Pastell.

Kate Tempest - People's Faces

April 9, 2020Keine Kommentare

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Plattentektonik I

Dies ist, dies wird, eine Erzählung in Etappen über ein paar Wochen im Jahr 2020, eines, das sich jetzt schon so anfühlt, als wäre seit Neujahr ein Jahrzehnt vergangen. Diese Worte werden vermutlich wachsen, je mehr Abstand alle von dieser Zeit gewinnen. Die Frage ist nur, wann genau ein Danach beginnt. So richtig.
In einer kleinen Ecke in mir liegen Sachen bereit, die schon länger darauf warten ans Licht zu treten. Der Wunsch, das du abzulegen und die dadurch sehr verwischten Aggregatzustände wieder klarer zu machen. Ein du nicht mehr als hybrides Sammelbecken für meine Erlebnisse, Fragen an Andere und Beobachtungen von Menschen. Schnipsel, Schatten, ganz viel Licht und ich, wie ich interpretiere.

Das hier ist das, was ich erzählen kann. Das, was ich sehe und mir passiert. Alles, was dir geschieht oder zustößt, gehört dir, sagte mal jemand, aber manches ist nicht Teil einer Geschichte, über die ich sprechen sollte. Es ist kein Erlebtes aus erster Hand, ich bin nicht darauf oder dagegen gestoßen wie ein Queue beim Billard auf den Spielball, habe dessen Ausmaße nicht gefühlt, habe mich nicht durch dessen Melancholie oder Wut oder Liebe oder Glückseligkeit gelebt. Schlichtweg: es gibt Dinge, die sind, aber sie sind und werden nicht meins.

M83 - Lower Your Eyelids To Die With The Sun

Meine erste Liebe war die Prosa höre ich mich sagen und komme nicht umhin zu lachen. Manchmaltage nannten die einen es, wenn ich meine Texte vorgelesen habe, die anderen erinnerten mich daran, nicht so schnell zu sprechen. Mitte März gerinnt mir mein in den Zwanzigern anerlebter, erlernter Tatendrang durch die Finger, will nicht greifen, kann nicht landen, Timing ist ein Schimpfwort. Wir haben alle unsere verschiedenen Lebenstempi.
Sich darauf besinnen, was mir immer Ventil und Decke zugleich war. Muss ich mich dafür noch ausbluten, muss ich mein Herz aus dem Brustkorb wüten so wie früher, damit ich künstlerisch tätig sein kann, muss ich überhaupt?

Verschiedene Zeitleisten, es könnten fast Parallelen sein. Ich höre und lese meinen Freunden und Freundinnen in Großbritannien und in Deutschland dabei zu, wie sie Angst um ihre Gesundheit haben, ohne das Wort Angst zu verwenden. Sie erzählen von ihren Alltagen in Krankenhäusern und von noch viel zu vollen Pubs in London an denen sie auf dem Nachhauseweg vorbeilaufen, während in ihren Kliniken PatientInnen sterben.

Säkert! - Fredrik

Einer nicht kleinen Zahl an Menschen sehe ich aus der Ferne dabei zu, wie sie täglich viel Alkohol trinken. Langeweile, Abendritual, einfach so. Ich frage mich, ab wann man verpflichtet ist, mit Nachfragen einzuschreiten.

Es irritiert, wie schnell der Körper vergisst. Wie kalt es war, wie sich Stimmen anhören, wie es sich anfühlt, unter vielen Menschen zu sein. I Want It That Way von den Backstreet Boys als Social Distancing Live Version und auf einmal tanze ich stumm heulend und davon überrascht in dem Bad, dessen Wände ich gerade ganz dringend streichen möchte. Bisher war das Lied für mich eines, das auf Brexit passt wie der Rest der absurden Abwicklung. Was gäbe ich für eine Umarmung, die mir etwas bedeutet.

"When I want something, it gets physical."
Kraków Loves Adana - Young Again

Ich denke zwei Monate zurück. Volle Bars, irgendwo in Mitte und Neukölln wabert Licht schummrig durch Fensterscheiben auf den nächtlichen Gehweg. Aus einem Café an der Friedrichstraße strahlt nun it was all a dream in Neonröhrenform in eine fast komplett verlassene Seitengasse. Eine Art Sonntagmorgen, noch bevor die Bäcker öffnen - so ist es gerade in meiner Version Berlin. Eerie als das einzige Wort, das in den Kopf kommt und langanhaltend verbleibt.

San Cisco - The Distance

Seit ich mir angewöhnt habe, ohne Kopfhörer auf meinen täglichen Spaziergang zu gehen, fallen mir mehr als ohnehin schon die kleinsten Dinge auf. Im kleinen vernachlässigten Park der wohl die Abgase der B96 zu einem Teil kompensieren soll, sitzen vereinzelt Menschen mit ihren Kindern auf den Parkbänken, Eichhörnchen laufen die Bäume hoch. Zwei Krähen streiten sich um ein Stück Pizza, eine von ihnen starrt mich an, fast als würde sie sich ertappt und verurteilt fühlen und mich dabei ertappen und verurteilen, weil ich sie in einem delikaten Moment anschaue.
Hier und da finden sich Leute zusammen, auf Entfernung, an Regeln haltend, hier und da ist es, als würde ich Slalom laufen; einzelne Sprachfetzen an meinem Ohr, fast ausschließlich das gleiche Thema. Währenddessen sind leere Straßen vor mir, auf die ich mich legen könnte, ohne von einem Auto gestört zu werden.

Auf dem Rückweg meines täglichen Spaziergangs hole ich etwas ab und flute in den großen Park am Ende meiner Straße. Sie haben die Trampoline abgesperrt, mittlerweile auch die asphaltierte Fläche daneben über die gelegentlich in normalen Wochen eine Bulldogge auf einem Skateboard rollt und Mengen anzieht, die sie filmen. Nichts ist hier leer. Ein Jugendlicher kommentiert meinen Hintern, ein paar Meter weiter will mir irgendjemand etwas über die Länge meiner Haare und meine Tattoos erzählen.

Jordon Alexander - Objects of My Affection

Fast einen Monat lang keine Berührung, keine Umarmung, ich bin manchmal kurz davor, meine Freunde anzurufen und sie zu bitten, sich mit mir in einem Hauseingang zu treffen, damit ich sie in den Arm nehmen kann und umgekehrt. Stattdessen sind da meine Pflanzen, ganz viel Licht in der Wohnung und eine Ruhe in mir, die ich vor Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Diese Wirklichkeit als Gesunde zu erleben, nicht depressiv, ohne Stimmungsschwankungen, ohne lähmende Angst, ist weniger Herausforderung als ich es erwartet hatte. Es macht dankbar. Auch wenn sich gelegentlich Stress in mir aufbäumt, sich Trauer, weil ich manche Menschen übertrieben lange nicht gesehen habe, kurz in den Abend legt, ist alles gut. Ich habe früher viel darüber geschrieben, was sich tief in meine Knochen gelegt hatte, um das ich mich gekümmert habe. Seit meinem Dreißigsten ist für mich alles ein Extra, alles ein unerwartetes Plus, ich halte das weiter in meiner Hand, was sich gut anfühlt, bin auf eine Art gelassen, mir der der eine oder andere noch nicht zu tun hatte. Trotz der Umstände. Trotz der Erlebnisse. Man nennt das Resilienz.
Es ist wie beim Autofahren, wo einem in jeder Fahrschule gesagt wird, man solle dort hinschauen, wo man hinfahren will. Vor allem, wenn es um Kurven geht.

Was gäbe ich für eine Umarmung. Ich tanze dieses Bedürfnis momentan von innen nach außen.

März 30, 2020Keine Kommentare

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Aus der Ferne kannst du es gut kontrollieren, fast immer, denkst du. Aus der Ferne kannst du tatsächlich gar nichts kontrollieren, aber das sagt dir niemand so einfach. Denn sie wollen wahrgenommen werden, sich wertgeschätzt fühlen, Zeit ist eine Währung. Sie fragen sich, was los ist, wenn sich deine Fäden verlieren. Weißt du, worauf du deinen Fokus legst? Tendierst du dazu, dich ins Negative hineinzusteigern, wiegst du dich in Gleichgültigkeit oder bist du mit Leidenschaft in den Dingen und bei den Menschen?
Was verwendest du um Andere hochzuheben, welche Worte schreibst oder sprichst oder summst du? Welche Vokabeln liegen schwer wie Blei in den Ohren, welche flattern, welche gleiten sanft dahin?

Mall Grab - Hand in Hand Through Wonderland

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