August 8, 2021Keine Kommentare

210808

31

Aber du hast so oft am liebsten nach oben gesehen. Irgendeine Formation muss da schon irgendwo zu sehen sein, Punkte, die sich verbinden lassen wie auf Haut, wie auf Papier, wie an Hauswänden. Da war auf einmal der Große Bär auf deinem Oberkörper, Brustkorb, Sternum, du weißt schon. Wer hat so wirklich hingeschaut?

Es ist irgendwie immer etwas zu finden, das es neu zu wissen gilt.

Nicht nur etwas anschauen sondern tatsächlich bemerken, was vor oder neben einem ist. Hinsehen, so richtig. Wiedergeben von Begebenheiten in Fragmenten, deine Lieblingsdisziplin. Sammelst scheinbares Trivia, das du in den Raum werfen kannst, wenn es dir angebracht scheint. Sternschnuppen, langgezogene, am Firmament. Irgendein Sitzen auf Holzbänken oder Bänken aus massivem Stein, sie strahlen noch die Wärme des vorhergegangenen Tages aus.

Es hätte dir gut gefallen können. 

Beginnen, wieder das erste Mal von irgendetwas. Als hättest du vergessen, als könntest du nicht überschreiben. Vielleicht würdest du generell bei einigem gern von vorn anfangen. Formationen, Pulsar. Pluto. So wirklich tote Punkte gibt es nicht, weder unter deinen Fingerspitzen, auf deinem Brustkorb, noch vor dir. Nicht nur das Gefühl, alles erneut und neu zu erleben, vielmehr der Wunsch danach. Wie viele Osteoklasten haben sich durch deine Knochen gearbeitet, wie viele Osteoblasten haben sie wieder aufgebaut?

Lass einfach so vieles und ein paar Menschen von Neuem kennenlernen.

Ora the Molecule - The Ball

Den Geruch von metallischem Staub hattest du lange nicht mehr in der Nase. Da war erst ein einsturzgefährdeter Kellerraum, oft unter Wasser oder nicht betretbar, weil dort unerwünscht. Später irgendeine Garage, dann irgendein leerstehendes Haus, dann bei manchen ein gut eingerichtetes Studio, vielmehr ein Teil Wohnraum.
Ein paar Jahre früher und Etagen weiter oben brüllt deine Musiklehrerin auf dich ein, weil du keine Geduld hast für die Tasten vor dir oder eher für das, was sie von dir hören will. Dich beruhigt all das schon, stellt dich emotional ein, aber eben nicht so sehr und unmittelbar wie Worte, von denen du denkst, dass du sie nicht so sehr erklären musst. Also hörst du auf auf Tasten zu starren. Nur was für ein Irrtum das mit dem Erklärenmüssen bleibt, egal in welchem Medium. Musik als für dich wichtiger Stimulus ohne Doppelbelegung. Arbeit mit Händen und Kopf, gelegentlich ist da noch ein Drang übrig. Du weißt, was du magst, warum du es magst, kannst das selbst aber nicht, du lässt Gefühle gern in dir auslösen und steuerst dich so, kuratierst, entscheidest, wie leicht du in deinen persönlichen mehrere Stunden andauernden Flow hineinkommen kannst. 
Das tatsächliche Machen überlässt du lieber denen, die gut darin sind oder sein wollen.

Jahrelang hast du stattdessen irgendwelche Interpretationen, Atemübungen, Chorfahrten mitgesehen und mitgemacht. Du fühlst dich meist viel zu laut. Konsequenterweise hältst du dir bei den Proben zuhause lieber Kissen vor den Mund, anstatt andere zu stören, und wählst Musik trotz Spaß und guter Note vorm Abi ab. Schließlich kannst du kein Instrument spielen. Du musst nicht in allem gut sein, nicht in allen Bereichen eine Jackie of All Trades. Das kann man sich heute auch öfter sagen. ii-V-I. Scheinbar priorisierst du anders.

LCD Soundsystem - All My Friends (Franz Ferdinand Version)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

August 6, 2021Keine Kommentare

210806

30

Lange keine Nacht mehr mit Wetterleuchten, es bricht etwas auf wie angestaute Eisschollen auf einem Kanal. Es grummelt schon, obwohl vieles träge vor sich hin wiegt. Zumeist kommt zuerst der Regen. Im Hintergrund vermehrt Martinshorn. Be well, stranger. Heftigere Tropfen, am Anfang so, als könne da eine Wolke ihr Wasser nicht halten. Teppiche aus Wasser, die die Hauswände herunterkommen. 
Du liebst solche Nächte, die Luft ist danach anders, anders als nach normalem Regen. Durch die Ecken und offenen Fenster des Hauses zieht der Wind die Vorhänge mit sich. So langsam schließen sich die Fenster.
Blitze, du zählst die Sekunden. Das schlechteste Geschenk, das man seinen Lieben machen kann, ist einem Hoch oder Tief deren Namen zu geben; stell dir vor, du liebst zwar Sommerregen, aber statt nur zu regnen zerstört dein Namenstief ganze Landschaften. Auch deinen Namen gab es dabei bestimmt schonmal.

Zwei, drei, vielleicht auch vier Leben vergleichst du. Die Entwürfe, die sie hatten, von denen sie erzählten. Legst sie an ihr jetzt Gelebtes an, als wären es Baupläne auf Architektenpapier, das mal mehr, mal weniger auf das passt was du siehst.
Aber auch das gehört dazu, in allen Lebenslagen. Dich so wetterfest machen, dass selbst die stürmischste Nordsee nichts von dir abnagen kann. Sei wie die Halligen, trag dich immer wieder auf, wenn es sein muss. Lass dich auftragen, wenn du es selbst nicht kannst.

The Helio Sequence - Keep Your Eyes Ahead

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

Juli 30, 2021Keine Kommentare

210730

29

Du sitzt auf einem vollgestellten Dachboden und starrst aus der Höhe der obersten Sprosse einer alten Leiter den abendlichen Augusthimmel an. Im Radio, das in der Ecke auf dem ovalen Esstisch aus hellem Holz, für den es seit Jahren keine Verwendung mehr gibt, steht, läuft Mensch von Herbert Grönemeyer. Ein paar Etagen tiefer riecht es nach Wasser, lief es ein paar Stunden zuvor noch in einem Strahl unter deinem Zimmer hindurch in einen anderen Raum. Radonfolie, denkst du dir auf einmal, ohne, dass sie damit so wirklich etwas zu tun hat.
Deine Großmutter feiert heute eigentlich ihren Geburtstag. Sie ist so alt wie die Queen, denkst du dir seit du eine Vorstellung von Jahrzehnten hast immer wieder. Normalerweise gibt es Kaffee den du nicht gern trinkst, weil er Landkaffee, von ihr Muckefuck genannt, ist, und Kuchen. Meist etwas selbstgemachtes oder irgendetwas mit Sahne, vielleicht sogar mit Erdbeeren aus dem Garten. Meist hast nicht du diese gepflückt. Nein, Erdbeeren waren es nicht, das wäre sonst die Zeit um deinen Tag, den Ende Mai.

Grönemeyer also. Tropfen, kein Strom, lieber. Das Wasser, wie es schon in deiner Schule im Keller stand, unter deinem Spind. Wie du nach Hause gekommen bist, erinnerst du nicht, irgendwann warst du einfach da, durch den Regen hindurch. Einfache Strecke, mit dem Bus, Überland, mindestens fünfundvierzig Minuten, meist eher eine Stunde. Auch erinnerst du dich nicht daran, was du getan hast. Du warst einfach. Hast du angepackt, hast du dein persönliches Chaos Wasser aufsaugen sehen, mindestens in der Vorstellung? Nein. Wobei: du weißt es nicht. Momentan ist richtig, momentan ist gut. Ah ja.
Der Nachbar von Gegenüber starrt dir fast direkt ins Gesicht, einen Vorhang gibt es nicht. Du sitzt weiter auf der obersten Sprosse, starrst nach draußen.
Dabei ist an sich nichts passiert, das denkst du. Ein Ausmaß erkennst du nicht. Trotzdem schoss das Wasser in großem Bogen und mit viel Geschwindigkeit den Asphalt entlang und auch durch deine Schuhe hindurch auf eure Ecke. Ihr wart nicht die einzigen, die komisch schauten. Ein Berg und eine Überflutung, angestautes Wasser. Deine Großmutter, die nur Omi, nicht Oma genannt werden wollte, spricht über die Gemäldegalerie Alte Meister. Du denkst an den Physikalischen Salon. Die Vasen sind dir leider herzlich egal. Du hast sie sowieso alle jedes Jahr im Sommer gesehen und sehen müssen. Plötzlich denken an die Stufen vom Schloss und den Fußweg von der Straßenbahn zur Fähre: zu oft gegangen, zu oft nicht wertgeschätzt.

Der absurde Gedanke an die Tage danach, deine Lehrer und Lehrerinnen werden später davon erzählen, wie sie von der Außenwelt abgeschnitten waren und das Wasser an ihren Häusern vorbeiziehen und in ihre Gärten und Geschosse fließen sahen. Du willst all das nicht erinnern, jahrelang. Keine Rückblicke, keine Familiengespräche über das, was da in diesem Sommer passiert war, was man im Fernsehen sah. Bei der alljährlichen Fahrradtour entlang der Elbe zeigt man dir noch das frühere Grundstück deiner Großtante, das in Stadt Wehlen auch komplett unter Wasser stand. Pirna, Wehlen, Rathen, wieder zurück nach Pirna. Man wird nicht über die Bilder von Weesenstein oder Dohna reden. Der Friedhof, den deine Großmutter regelmäßig besuchte, lag zum Glück relativ weit oben.
Jahre später wirst du, kurz vor Berlin, mit einer Exmatrikulationsbescheinigung in einem brauen DINA4-Umschlag in einer Straßenbahn sitzend über eine Hochwasser führende Elbe fahren, zurück in dein Zuhause, das ab 2011; Grönemeyer kriecht wieder deinen Rücken hoch. Wirbel für Wirbel steigt die Gänsehaut mit bis du dich nur noch schütteln kannst.

Dachboden, oberste Sprosse der Leiter, in die deine Hüfte immer gerade so hineingepasst hat nach der Pubertät. Das bleibt. Neuer Teppich, neue Tapete und ein paar Möbel später bist du wieder dort, wo du vor dem Tag warst, also Monate später, und du wirst nichts davon im Gedächtnis aufkochen lassen wollen. Dabei wart ihr nicht wirklich betroffen, eventuell waren es vor allem die Bilder, die du nicht mehr sehen wolltest. Und Mensch und dieses verdammte Eisbärenkostüm am Strand. Ich will nur dein Wort bleibt gelegentlich noch übrig, ebenso wie das Aufatmen deiner Großmutter wegen der Gemälde, der Kamelie und dem, was gut ging. Stufen am Schloss, seichtes Plätschern und die Sonne, die dir den Rücken durch deine Kleidung hindurch die Haut verbrennt. Wenigstens kein Regen, wie sehr du diesen sonst im Sommer auch liebst. Petrichor. Kein Schlamm.

Peggy Gou - I Go

Juli 11, 2021Keine Kommentare

210711

28

Du willst Gewitter, Wolken, ein Schmeißen von Elementen, Platzregen. Als könnte man seine Wut herausregnen, als wäre dein Lebenslauf kein Zick-Zack. Verlorene Zeit, verzögertes Starten.

Tag drei und du fühlst dich das erste Mal in sehr langer Zeit innerlich ruhig, ohne Rastlosigkeit wie sonst ausnahmslos immer.

The Whitest Boy Alive - Courage

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Juli 4, 2021Keine Kommentare

210704

27

Als hätte es das noch gebraucht. Freitagabend, du bist erst wieder viel zu spät zu ruhig, Power Naps aus der Hölle. Ein Ort, in dem es so heiß war wie noch nie, ist verbrannt. Ein Video. Das sind ziemlich krasse CGI-Effekte, denkst du dir. Das ist kein CGI, ein Teil vom verdammten Ozean steht in Flammen. Zurückdenken ans Stehen am Meer. Ruhe, bis die Ohren voll sind. He was waiting for the sea to drown.

Kollektiv Turmstrasse - Tristesse

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Juni 29, 2021Keine Kommentare

210629

26

Im Hausflur wischen sie im Rechteck millimetergenau um den Fußabtreter. Erinnerungen an die Maler im Hotel, in dem du in London gearbeitet hast, wie sie millimetergenau um die an der Wand hängenden Bilder gestrichen hatten, nur um alles neu zu streichen, weil die Bilderrahmen gegen kleinere ausgetauscht wurden. Immer kleiner und kleiner, dann nichts. Du hast ihnen mindestens eine Woche beim erneuten Streichen zugesehen.

Du fragst dich, wann und warum die Augen mehr grün sind als grau, wann sich verwäscht, dass die eine Pupille immer größer ist als die andere. Es geschieht immer und immer wieder, und jedes Jahr aufs Neue wunderst du dich darüber.
Die Aura arbeitet sich dieses Mal mehr als sonst in Schichten durch zwei Tage, eine Art antikes Drama; die Hälfte deines Sehfeldes sieht aus wie ein Gemälde von van Gogh. Release. Du denkst an eine Frage zurück: sicher, dass es nicht doch ein Gehirntumor ist oder ein Schlaganfall? Natürlich gehst du in Regelmäßigkeit bei Migräne BE FAST durch. 
Natürlich würdest du einmal zu früh als einmal zu spät anrufen. Das vor neunundfünfzig Jahren geplatzte Aneurysma im Kopf des Großvaters, den du deshalb nie kennengelernt hast, das, seit du denken kannst, über einem Teil deiner Familie schwebt wie ein Damoklesschwert. Wenn auch nur in Erzählungen von damals.

Auf den Regen warten. Eine Sehnsucht, die dringender wird: wie eine vor sich hin schmelzende Benjamin Blümchen Torte.

Mount Kimbie - Made To Stray

Kleine Tests à vier Bilder pro Sekunde, zwei abstrahierte Erinnerungen an den letzten Sommer, eine davon eine Art Appell, inklusive Point of no Return, wenn manches zu lange im Körper wüten kann. Die andere Erinnerung nur eine Aufzählung: der Frust fremder Männer.

Portico - 101 (feat. Joe Newman)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Cinestill 800T, abgelaufen

Juni 20, 2021Keine Kommentare

210620

25

Du nimmst dir einfach die Zeit; das Wasser läuft wie ein Rinnsal deine Beine herab, an deinen Zehenspitzen vorbei in den Abfluss deiner Badewanne. Denken, wenn und wann etwas ist. Ein wenig ziept etwas an deinem Handgelenk, erinnert dich, dass du gleich weiter musst. Der Sommer klingt durch die Scheiben, nein, vorbei an der Dichtung des Fensterrahmens.
Springbrunnen, Unter den Linden, always burns, never tans. Du willst dich hinlegen, deine Haare haben deinen Bauchnabel passiert.
Stufen, Hauseingänge, die du noch erkennst, deine Lieblingskneipen sind zumeist die, die in Ecken wohnen. Du erinnerst dich an Fernseher, die über dem Eingang hingen und an Tresen, an denen Schriftsteller saßen, die nun nicht mehr sind. Du hast ihnen in Gedenken jedes Jahr einen Stift ans Grab gelegt.

Dir erschließt sich zunehmend erst jetzt, wie kurz die Wege zu Fuß waren und sind. Dreißig Minuten zur Siegessäule, Tiergarten, Wasser und Luft voller Rhododendren, den Geruch von Sommerregen dank Sprinkleranlage inklusive. Andere Stadt. Dreißig Minuten um zur Brücke zu kommen, die schon immer ewige Baustelle zu sein scheint, Wiesen, vertrocknet bei Niedrigwasser, gepflasterte Straßenzüge, die diesen speziellen Klang unter Autoreifen erzeugen; weite Fläche vor der Oper. Andere Stadt. Dreißig Minuten, um zum Fluss zu kommen, zu Betonwänden, die den Weg zum Kino säumen, Ankunfts- und Endpunkt für manche Züge, reges Treiben, dieses spezielle Geräusch der Buskolonnen; wie alles von Liedern vertont wird, die du seit früher Kindheit kennst. Das Licht ist ein anderes, das Level an behutsamer Konservierung früherer Dinge jeweils ein ähnliches.
Prachtstraßen, innere. Die, die du nicht traust zu oft zu zeigen, weil sie deine sind. Im Spiegel siehst du dich und dir dabei zu, wie die Orte, an denen du warst, wieder (sein) werden. Als wäre es eine Erinnerung an eine lang vergangene Geschichte, ein Jahr wie ein Jahrzehnt oder eine Woche. Als wärst du im Landurlaub nur kurz Brötchen holen gegangen und hattest dich verlaufen. Gänsehaut bei fünfunddreißig Grad, die auch eine vollgelaufene Badewanne hätten sein können.

Du nimmst dir einfach die Zeit; da hängt dir ein Satz noch immer im Ohr wie ein Gefühl. Es könnte so langsam wieder losgehen, denkst du dir, sitzend balancierst du über dem Boden, den Rücken gerade, den Bauch angespannt. Hände wie geformt wie Tassen.
Vielleicht ist ein großer Teil des Tricks, nur die Klangteppiche zu wählen, die ohne Worte, die, die dich innerhalb von Momenten dazu bringen können zu fokussieren (auf etwas, das du magst). Konzepte ausarbeiten, schreiben, so wenig Ablenkung und Stimulus-Overload wie möglich, damit das, was dich interessiert, seinen Raum bekommt.

15. Juni, 20:14
Tagesschau Beitrag zum Spiel der dt. Nationalmannschaft. Alles wie immer: hinter dem Reporter irgendein Dude, der hart angestrengt Deutschlandfahnen schwingt, irgendein anderer, der seine Bierflasche stolz in die Kamera hält und winkt, Person im Hintergrund, die Pfand sammelt.

16. Juni, 15:45
Endlich wieder Bibliothek, endlich wieder Staatsbibliothek. Was für ein verdammter, was für ein verdammt guter Zufall das im September 2013 war mit dieser Wohnung. Bald endlich wieder Neue Nationalgalerie. Oh Mies (van der Rohe). Wie war das mit Otto Piene? More Sky. More Sky. More Sky.

18. Juni, 22:30
Ich bin von der Hitze so durch, ich hätte mir statt Gliss Kur fast Meister Proper in die Haare gesprüht.

19. Juni, 19:13
Und dann sind sie einfach auf dem Landwehrkanal liegen geblieben, Plastik zwischen sich und dem Wasser.
Mir ist zu warm, also schaue ich lieber wieder Dark, da regnet es wenigstens fast immer und mir wird wieder kalt.

Verdammt, was habe ich eine Lust auf das, was kommen mag, was auch immer das sein wird.

Wolf Alice - How Can I Make It OK?

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Juni 13, 2021Keine Kommentare

210613

24

Da war früher die Entscheidung zum Sortieren mit Worten eher eine Notwendigkeit. Schreiben gelegentlich wie eine Blutblase an der Ferse. Irgendwann wurde das Teil deines Habitus, eine routinierte Tätigkeit, die tendenziell mit der Zeit mehr Text zur Folge hatte. Ein Einschnitt, du weißt nicht mehr wann, so halb hast du vergessen warum. Das Gegenteil: immer weniger Text, immer weniger Routine. Keine Notwendigkeit. War es ein Hinterfragen der Geschichte, die es zu erzählen galt? Die Art und Weise, auf die sich die Geschichten erzählen lassen, verschiebt sich. Die bevorzugten Medien ändern sich. Die Dichte der Fäden, die du zusammen webst, ändert sich ebenfalls.
Willst du etwas näher bringen, sodass andere Menschen es beinahe anfassen können?

Eines Morgens kurz vor sechs aufgewacht, hängt eine Frage, die du vor einigen Tagen gehört hast, in deinen Ohren. Was ist dein Lieblingsort? Schlaftrunken schreibst du die Antwort auf ein Stück Karton. Wieder einschlafen. Aufwachen, den Karton und die Antwort finden: my brain. Lachen. Im Ernst aber recherchierst du ein paar Stunden später Orte, überlegst, wie du was darstellen könntest, was genau du zeigen willst. Wie viel du dadurch von dir zeigst.
In deinem Kopf wohnt eine Elster. Ein Gedanke schöner als der andere, interessanter als der andere. Wurmlöcher, in Kombination mit dem fehlenden Verständnis für die Länge oder Kürze des Tages.

Joel Ray - River

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Juni 5, 2021Keine Kommentare

210605

23

Wo warst du vor exakt zwei Jahren? Schaust du gelegentlich noch durch die Fotos in deiner Mediathek, sind sie weit entfernte Erinnerungen an etwas, was du glaubst verloren zu haben? Was kommt wie wieder? Reflektierst du, was gern wiederkommen, was gern wegbleiben soll?

Du fährst in einem winzigen Shuttlebus zum Flughafen Tegel. An der Einfahrt, durch die du sonst nonchalant mit Taxi und Expressbus durchfahren konntest, Stacheldraht. Die Anzeigetafeln strahlen nichts mehr in den Tag.
Wie viele Menschen hast du hier abgeholt und wie viele zum Gate gebracht? Das Licht, das durch die Spalten im Beton fällt, das Licht, das durch die großen Fenster an den Gates von Terminal A fällt. Staub in der Sonne, der beinahe so aussieht wie Gold.

YACHT - You Fuck Me Up // YACHT - Psychic City (Classixx Remix)

Zwei Schlangen, eine davon so lang wie Terminal C. Ausnahmslos alle freundlich, die Sonne brennt durch die zu dunkle Kleidung hindurch. Manche mit extrem verstörendem Anspruchsdenken, du hörst ungewollt Gesprächen zu. Die meisten klammern sich an ihr Berechtigungsschreiben und ihren Personalausweis, als hätten sie mehr Krallen als Hände, die auch sanft sein können. Temperaturkontrollen, weitere Kontrollen, immer der pinken Linie folgen. Du wartest auf den ersten richtigen Checkpoint. Du sitzt und wartest auf einem Stuhl, über dem eine 5 hängt. Neben dir Plastikbambus, sich fein im Durchzug wiegend. Vor ein paar Jahren frühmorgens und angetrunken, direkt von einem Ausflug nach Dresden zurückgekommen, hast du schonmal hier gesessen, an exakt der gleichen Stelle, als du einen Ex-Partner zum Rückflug nach Skandinavien begleitet hast. Damals war es ein Restaurant. Du musst lachen.
Ab zum Gespräch, das deine Berechtigung abklopft. Sprechen über die ausgedruckten, ausgefüllten, unterschriebenen Anamnese- und Einwilligungsbögen. Dir wird nachträglich zum Geburtstag gratuliert. Das erste Mal seit längerer Zeit kommt dir der Trichter, dass, sollte irgendjemand mal über dich - unwahrscheinlich, aber ok - schreiben, dein Geburtsort mit Dresden, DDR, angegeben werden müsste. Auch wenn du keinen bewussten Bezug dazu über deinen alten Impfausweis hinaus hast, nur die Sozialisierung der Generationen vor dir um dich herum oder die Zusätze auf den Informationen der Rentenversicherung.
Linien auf den Böden, Hände sind wiederholt und oft zu desinfizieren, du beäugst ein paar Piktogramme und ziehst die Augenbrauen hoch. Schlangen. Vor dir ein sehr nervös umherlaufender Mensch, der nicht alleine sein kann. Heranwinken, lächeln mit vollem Gesichtseinsatz, Aufklärungsgespräch, Spritze. Weitere auf den Boden geklebte Führungslinien. Fünfzehn Minuten in einem großen Raum auf Stühlen mit Mindestabstand sitzen. Von Fremden mit Blicken ausgezogen werden wie auf einem verschwitzten Konzert. Betreten und mit augenrollendem Seufzen wegstarren. Neben dir weht wieder ein Plastikbambus im Wind.
Der winzige Shuttlebus bringt dich wieder zurück vor die Tore des früheren Flughafens. Du hörst beim Warten auf den Linienbus unfreiwillig einer älteren Frau dabei zu, wie sie über „die Jugend“ schimpft und zetert und pöbelt: warum solidarisch denen gegenüber sein, mir haben die noch nie was Gutes getan. Ein Mann pflichtet ihr bei, zieht sich hektisch durch drei Zigaretten in kürzester Zeit; ihr Rauch und Geruch zieht dank Windböen in deine Richtung, durch deine Maske. Er lasse sich das Rauchen nicht verbieten, es sei ja nicht schädlich, weil nicht alle deswegen an Lungenkrebs sterben. Du denkst an ihre Rente, anderweitige Generationenverträge, dein Recht auf körperliche Unversehrtheit und bist kurz davor wütend Feuerbälle in deine Maske zu kotzen. Egal, das ist es jetzt auch nicht mehr wert.

Im Volkspark am Weinberg dann ist es so, als wäre alles schon vorbei. Du kannst nicht aufhören mit dem Kopf zu schütteln: du dachtest, alle hätten gelernt aus den letzten Monaten. Dabei sehnst du dich selbst so sehr nach einem Sein ohne Maske, einem mit Reisen, Konzerten, und ein wenig Unvorsichtigkeit, die nicht direkt bestraft wird. Noch ein bisschen durchhalten, noch ein bisschen warten. No one is safe until everyone is safe. Vor einhundert Jahren haben sie es auch geschafft.

Jungle - Talk About It

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

Mai 28, 2021Keine Kommentare

210528

22

Ein Fallbeispiel bist du, eine Variation, eine Variante eines Themas, das eine Art Mosaikstein zum Gesamtbild beitragen kann. Womöglich hilft es, genau das wieder in der Konzeption deiner Arbeiten umzusetzen. Theoretisch einschränkende, aber deine Umsetzungen und Kreativität fördernde Elemente.

Es gibt ein paar Dinge, auf die dich wenige hinweisen, solltest du dich auf die Reise begeben wollen; du wirst beginnen sie für dich zu sammeln. Du wirst die Summe an Geld hinterfragen, die du über die Jahre in "kreative" Ablagesysteme, Kalender, Produktivitäts-Hack-Bücher, Apps, die dir dein Leben und deinen Kopf klarer sortieren sollen, und Büromaterial investiert hast. Du wirst in Büchern - die du gern hast - Sätze lesen wie make time for what matters; du wirst mehr den Begriff Zeit als den der Bedeutung hinterfragen. Du wirst alte Sätze von dir lesen wie ich will leben, ich will nicht nur in dieser Schwebe sein, dieses Beinahe-Leben, brauche keinen Brandbeschleuniger. Nie habe ich etwas anderes gemacht, immer gebrannt, es hat selten jemand gesehen. Du wirst Sätze von Freunden im Ohr haben, Sätze, die dich beschreiben, und Sätze, die du über dich seit Jahren sagst. Du denkst daran zurück, wie du dir immer gewünscht hast, es wäre möglich eine Art Diktafon für Gedanken zu haben, denn deine schießen mindestens mit Lichtgeschwindigkeit durch deinen Kopf.
An Besuche in Buchhandlungen, Buchtempeln beinahe, wirst du dich erinnern, an das Durchblättern von Büchern deiner Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Aus einem Roman von Sibylle Berg zwei Seiten lesen und dann ganz dringend das Buch zurück ins Regal stellen: dein Notizbuch herausholen, unbedingt jetzt schreiben müssen, das Gefühl haben, eine Stimmung greifen zu können. Du wirst dich nur vereinzelt an Sätze erinnern die Berg schrieb, vielmehr bleibt die Stimmung der ersten beiden Seiten als Ansetzen und Drang loszulaufen in dir zurück. Das Gefühl ist leider so plötzlich weg, wie es gekommen ist - auch, wenn du weißt, wie du wieder zu diesem zurück findest. Bei der Diagnostik wirst du nach Szenarien befragt, du hörst dich sagen, dass du in jedem Raum deiner Wohnung mindestens eine Schreibmöglichkeit liegen hast, für den Fall der Fälle; du siehst die MFA schnell mitschreiben.

Es wird Momente geben, in denen du unfassbar wütend sein wirst, jetzt schon. Vor einer Diagnose. Wütend wirst du sein auf den Schwebezustand, in dem du dich unweigerlich befindest, darauf, dass dir diese Fragen niemand vorher gestellt hat. Stinksauer wirst du sein darauf, dass es im Zweifel schon wieder etwas ist, das du erklären musst, obwohl es etwas ist, das vieles von dir erklärt.
In anderen Momenten wiederum wirst du das Konzept von Krankheit und Gesundheit noch mehr hinterfragen als ohnehin schon. Du wirst auf der anderen Seite in Wellen das Bedürfnis haben zu lachen: das Gehirn ist dein Steckenpferd, dein Lieblingsthema, das, was du am liebsten zeichnest, das, was du schon immer am dringendsten verstehen wolltest. Das, über das du dich am meisten beliest und dich in seinen Facetten fasziniert. Die Ironie darin.
Mehrere Bücher liegen auf der leeren Seite deines Bettes (ein paar weitere stehen im Regal), manche schon angestrichen, alle noch nicht zu weit gelesen:
- Matthew Cobb - The Idea of the Brain: A History
- David Eagleman - Livewired: The Inside Story of the Ever-Changing Brain
- Gina Rippon - The Gendered Brain: The new neuroscience that shatters the myth of the female brain
- Mark Solms - The Hidden Spring: A Journey to the Source of Consciousness

Dann denkst du an J zurück und wie sie dir sagte manche Menschen haben einen unfassbar schönen Verstand. Und dann denkst du an das Zitat zurück, das du für deinen in der Bella Triste veröffentlichten Bildteil gewählt hast, es ist eines von Anton Corbijn: your handicap is your biggest asset. Because that's what really determines your style - or what is called style - in the end. Es wird dir den Haltegriff geben, den du in manchen Momenten dringend brauchst: nichts war und ist umsonst.
Auch wenn es dich jetzt schon aufregt, hast du das Gefühl, bei einer Diagnose wieder gegen ein Stigma arbeiten zu müssen. Schreibend, illustrierend, gestaltend, animierend, fotografierend: was auch immer, wie auch immer. Wie genau, weißt du noch nicht. Es regt dich auf, weil es sich so anfühlt, als wärst du Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft, nur, dass diese hierbei in den Köpfen nicht betroffener Menschen stehen.

Es werden Fragen bei dir auftauchen, die in die Meta-Ebene gehen. Wie viel und wie sehr bist du dein Gehirn? Was bist du und was sind am Ende (gestörte) neurobiologische Prozesse? Du wirst keine zufriedenstellende Antwort darauf finden.

Was für ein immer noch irritierend klares aber unwirkliches Konzept das Altern und die Relation von dir selbst zum Vergangenen ist. Dreiunddreißig nennt man das also mittlerweile. Du sichtest nicht nur im Kontext der Diagnostik deine früheren Texte und Fotos. Ein Anschreiben gegen die Zeit, ein Festhalten von Eindrücken, Feststellungen und den kleinen Wetteränderungen in den Menschen um dich herum. Wie du es früher gleichgesetzt hast mit einem Ausbluten, wie du nicht mehr leiden wolltest nur um schreiben zu können. Wie du unveröffentlicht - ohne ISBN - bliebst, nur, weil du dich lieber fragmentiert ausdrückst und deswegen nie wirklich ein Leben-Wollen vom Schreiben forciert hast. Wie du jetzt ein du ansprichst, nur, weil du Lesende dazu bringen möchtest, andere Perspektiven mindestens in Betracht ziehen zu können.
Wie dir auffällt, dass du dich Berlin über drei Jahre lang genähert hast wie eine Person auf Durchreise, egal ob beim Schreiben oder Fotografieren. Die Dinge wieder wie zum ersten Mal sehen können, eventuell wird das das größte Geschenk der Pandemie.

Radiohead - High and Dry // Jóhann Jóhannsson - A Sparrow Alighted upon Our Shoulder

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

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