Mai 13, 2021Keine Kommentare

AWIS 002

all weather is process 002

Wie bereits erwähnt: seit Anfang / Mitte 2014 führe ich Skizzenbücher. Früher alles in mehreren gleichzeitig, seit Berlin ist alles zumeist in einem Buch. Erst sehr klein, Typ Reisepassgröße, später A5, seit einigen Jahren im Moleskine-Hybridformat kurz vor A4 (seit kurzem gibt es diese endlich auch tatsächlich als DINA4). Auf der einen Seite liegen da unfassbar viele Ideen verteilt auf mehrere Seiten Papier, auf der anderen Seite bemerke ich beim Durchblättern natürlich, welche verschiedenen Stadien ich durchlaufe(n habe), was mich interessiert (hat) und vor allem, wie viel ich schon komplett und fertig konzipiert habe, ohne das meiste davon fertigzustellen.
Serienansätze, vollkommen ausgearbeitet, Übungen, bei denen ich selbst noch mit Abstand sehen kann, wie viel besser ich in relativ kurzer Zeit geworden bin. Meinen Themen bin ich dabei meist sehr treu geblieben: Anwesenheit, Abwesenheit, Krankheit, Gesundheit, (neuro-)biologische Prozesse, fast alle Aspekte der Human Condition (Surprise). Neunundzwanzig Schatzkisten mit mindestens fünftausendfünfhundert Seiten. Das Sichten ist unfassbar inspirierend und auch wenn mir bewusst ist, dass das alles Arbeiten von mir selbst sind, ist es, als würde ich in ein ganz anderes Leben eintauchen als das, in dem ich mich momentan befinde. Unabhängig von den derzeitigen Umständen. Dazu kommt jedoch etwas, das ich zu Beginn des letzten Beitrags schon erwähnt hatte: Frust. Frust, Missmut, geringe Frustrationsschwelle - wie auch immer man das auch nennen mag. Perfektionismus beim Lernen und/oder Auffrischen von Skills ist nicht gerade eine hilfreiche Eigenschaft, ist aber hoffentlich eine, die ich zeitnah lernen kann zu relativieren.

Vor einigen Monaten habe ich mich in diesem Zug auch schon damit beschäftigt, wie andere Kreative mit Frust, Motivation und Projektarbeit umgehen. Bei einem David Bowie Feature, dessen Namen mir mittlerweile entfallen ist, kam im Rahmen der Arbeit mit Brian Eno und Tony Visconti an "Heroes" das Kartenspiel Oblique Strategies zur Sprache. Mit dem Untertitel Over One Hundred Worthwhile Dilemmas besteht es aus verschiedenen Prompts, die im weiteren und/oder engeren Sinn direkt mit kreativer Arbeit verbunden sind. Sie zielen darauf ab, Blockaden zu lösen, indem man aufgefordert wird, um die Ecke zu denken. Es gibt verschiedene inoffizielle Versionen davon mit unterschiedlichsten Iterationen und Erweiterungspacks, das Original gibt es direkt bei Brian Eno. Eventuell findet ihr eine Version, mit der ihr selbst gut arbeiten könnt. Da einiges davon Musiker:innen-spezifisch ist, habe ich für eigene Zwecke angefangen, abstrakte Prompts zu notieren, die für multidisziplinäre Künstlerinnen und Künstler passen, aber was am Ende daraus wird, ist eine andere Sache (siehe oben).

Um ehrlich zu sein waren meine letzten Wochen geprägter von anderen, prävalenteren Themen in meinem Leben als die Arbeit an meinem künstlerischen Output, siehe Diagnostik. So sehr ich mich auch weigere, "Produktion" (ist für mich Musikproduktion oder etwas in der Filmbranche) oder "Content" (sehe ich als beliebig in den Äther gespülten Inhalt, der auch als beliebig wahrgenommen wird, egal, wie viel Energie dort hineingesteckt wurde) in den Mund zu nehmen, was meine Illustrationen und andere Arbeiten angeht, merke ich schon, dass es mir sehr gut tut, etwas fertigzustellen und mit meinem Namen in Verbindung zu bringen. Fertigstellen könnte wiederum für den einen oder die andere etwas anderes heißen als für mich.
Fertiggestellt ist etwas - für mich - erst, wenn es entweder bei einem Kunden oder einer Kundin angekommen ist (innerhalb der Deadline) oder, wenn es sich um etwas handelt, das ich für mich gestalte, wenn ich eine Arbeit veröffentlicht habe. Das kann in Printform, digital hier auf dem Blog und/oder in dem Play- oder Portfolioteil (Spoiler und schon wieder "Surprise", wird Work heißen) meiner Website sein. Gelegentlich versuche ich mit Menschen aus meinem Freundeskreis verschiedene Deadlines auszumachen (funktioniert meist nicht, da dann keiner nach den Deadlines fragt) und diese Freundinnen und Freunde helfen mir in Gesprächen sehr, andere Perspektiven einzunehmen. Das ist vor allem dann für mich greifbar, wenn es um Ansätze geht, die ich für mich selbst verfolgt habe, was meine Ambitionen angeht. Dass es überhaupt erst eine Pandemie braucht, damit mir bewusst wird, was für und wie viele Skills, Assets und Talente ich eigentlich habe und was ich damit auch für andere anbieten kann, ist auf der einen Seite witzig, auf der anderen Seite stellt sich dann die Frage, warum man sich bisher herunterskaliert hat. Hoffentlich finde ich darauf irgendwann eine adäquate oder mindestens zufriedenstellende Antwort für mich.
Ich weiß noch, wie ich mir mitten im VK-Studium an der KH Weißensee vorgestellt hatte, mindestens zwei Monate im Jahr in einer anderen Stadt leben, arbeiten, illustrieren zu können und damit meinen Drang nach Reisen, das Aufsaugen neuer Orte und Stimmungen und (orts-)unabhängigeres Arbeiten zusammenbringen zu können. Auch hier hat die Pandemie gezeigt, dass es sehr wohl geht sich mit digitalen Hilfsmitteln abzusprechen. Nüchtern betrachtet könnte ich bereits an dem von mir anvisierten Punkt sein, auch wenn ich schon darüber lachen muss, wenn ich - alleine oder mit Freunden - verreise und gefühlt wie ein LKW "ein paar" für mich wichtige Dinge mitnehme (Skizzenbuch, einige Zeichenutensilien, mindestens zwei Kameras und Filme dazu), die mein Gepäck gleichzeitig beschweren. Jedoch ist das weiterhin ein Ziel auf das ich hinarbeite, denn so sehr ich es schätze, einen oder mehrere Orte als Homebasen zu haben, liebe ich es neue Eindrücke sammeln und verarbeiten zu können. Nur lasst mich dabei nicht zu sehr in Plattenläden abhängen, sonst braucht es tatsächlich einen Schwerlasttransporter um all das wieder zurück nach Hause bringen zu können.

Darüber hinaus gibt es natürlich ein paar andere Aspekte, die eventuell verstärkt werden durch die momentan geschlossenen Orte, an denen ich mich sonst bewegen würde. Mir fehlt schlichtweg eine Art Kollektiv, bei dem Menschen mitmachen (wollen), die ebenfalls multidisziplinär arbeiten, sich auf gemeinsame Deadlines für persönliche Projekte einigen können und der anderen Person auch Feedback geben. Natürlich sollte es mit diesen menschlich gut passen; bei Einzelnen habe ich das auch schon erwähnt. Der ominöse Begriff Accountability Buddy (oder gar Mentorship) lugt da wiederum aus einer dunklen Ecke hervor. Selbst gebe ich sehr gern Feedback, frage konsequent bei anderen Menschen nach wegen deren Deadlines, für mich selbst ist das mit verschobenem bis nicht vorhandenen Zeitgefühl eine Sache für sich. Auch hier hoffe ich, zeitnah ein paar Strategien erarbeiten zu können, die für mich funktionieren.


An sich lerne ich gerade wieder / erneut von der Pike auf und von/mit anderen Illustrator:innen und Gestaltenden, wie die Programme, mit denen ich sowieso schon arbeite, funktionieren, um das Impostor Syndrome zu vertreiben, um meine Arbeitsprozesse zu beschleunigen, eventuell sogar zu optimieren und um timen zu können, wie lange ich wofür brauche. Das tracke ich unter anderem mit Extensions, die direkt auf meinem Mac laufen, und die eigentlich für Zeiterfassung genutzt werden, um am Ende ordentlich aufgeschlüsselte Rechnungen erstellen zu können.
Ich arbeite mit einer Version, bei der ich für mich ein Projekt angelegt habe, das mit einem von mir vorher festgelegten Stundensatz arbeitet und mit dem ich für mich selbst und in Zukunft weiterarbeiten möchte. In diesem Projekt finden sich verschiedene Tasks, die ich u.A. unterteilt habe in: Research, Brainstorming, Skizze, Reinzeichnung (inkl. Koloration) und Skill Work. Skill Work beinhaltet alles, was das Erlernen neuer Fertigkeiten, sowie deren Auffrischen angeht und darüber hinaus gibt das Verknüpfen mit dem Stundenlohn dem ganzen eine neue Form von Wertigkeit. Damit meine ich wiederum nicht yay, Kapitalismus, sondern ich trickse mit sehr einfachen Mitteln mein Gehirn aus. Anstatt zu sagen "hab ein bisschen vor mich hingelernt" (die Früchte dieses Lernens kommen einem ja meist erst deutlich später zugute) sehe ich, wie lange ich Zeit in mich gesteckt habe.
Eine weitere - für mich - gute Geschichte ist dabei, dass ich wie weiter oben beschrieben, damit feststelle, wie lange oder eher wie kurz ich für gewisse Teilaspekte meiner Arbeit brauche. Mir ist bei all dem natürlich auch klar, dass die meiste Arbeit, also Denkarbeit, außerhalb der fixen Tätigkeiten geschieht, aber so wird das zumindest für mich deutlich greifbarer. Denn ohne ein wirkliches Zeitgefühl kann es nämlich schwierig sein, von vornherein Zeiten im Kalender zu blocken. Ihr wollt sonst auch nicht wissen, wie viel Geld ich schon aus dem Fenster geschmissen habe für spezialisierte Terminkalender, Planer, Termin Apps, nur um diese dann doch nicht zu nutzen.

Sonst brüte ich an meinem Logo, versuche immer noch mir selbst hinterherzuzeichnen - wir erinnern uns, 3 Jahre Illustrationen wollen erneut gezeichnet werden oder zumindest mein Grundstock an Assets will wieder aufgearbeitet werden. Mal funktioniert das besser, mal schlechter, aber ich nehme an, auch das gehört dazu. Denn das ist eines der Dinge, die ich davon gelernt habe, wieder umambitioniert Klavier zu spielen: kleine Schritte, dann große, am Ende belohnt man sich selbst. Vor einem halben Jahr hätte ich die Person schallend ausgelacht, die mir gesagt hätte, dass ich zu großen Teilen jetzt schon Merry Christmas, Mr. Lawrence von Ryuichi Sakamoto spielen werden kann. Nebenbei ist meine Hand-Augen-Koordination beim Zeichnen so viel besser geworden, dass ich selbst nur drüber staune. Und dann? Zeichnen macht mehr Spaß, Klavier spielen sowieso. Aber vermutlich wiederhole ich mich deswegen schon.

Metronomy - You Could Easily Have Me

Mai 10, 2021Keine Kommentare

210510

19

Eine Festung willst du sein. Keine, die nur bei Schönwetter schützt. Eine mit Graben, ohne Wasser, mit Zugbrücke. Einer Zugbrücke, die du nicht hochziehen musst. Eine Festung willst du also sein, eine mit Armen und Beinen, vor allem mit offenen Armen und Beinen, die nicht sofort wegrennen.

Da sind Rillen im Paperback-Buchumschlag, die du ähnlich oft mit deinen Fingerkuppen entlangfährst wie die Rillen mancher deiner Fingernägel. Es gibt Bücher, in denen du Sprache findest, die du immer um dich haben möchtest. Dabei geht es mehr darum wie etwas gesagt wird, nicht nur was beschrieben wird; du findest dich dann dort wieder, wo das Beschriebene und deine Erinnerungen, mindestens die gesicherten, eine Schnittmenge finden. Eine Art Venn Diagramm in Textform.
Erst denkst du, dass der Ort, in dem du aufgewachsen bist, in dem du dich befindest, etwas mit dir macht. Nur um festzustellen, dass es die ganze Zeit andersherum war. Das kannst du erst deutlich später sehen. Das ist so wie mit dem Wunsch, dass du nicht nur über die Häuser schreibst, in denen du wohnst sondern sie ebenfalls von dir erzählen. Oh, wie sie es bereits die ganze Zeit schon tun. So in etwa wie das Vorbeigehen an Orten, an denen du einmal warst, gewohnt hast oder gern öfter sein würdest. Sind deine Vorhänge zugezogen, steht das Fenster offen, und bist du im Innenhof, auf der Straße, auf dem Gehweg vor dem Haus zu hören? Hört man dich beim Singen in der Dusche? Stolperst du über die eine Treppenstufe, fällst du gegen viel zu wuchtige Eingangstüren, atmest du durch, wenn du im Hausflur stehst, auf dem Weg nach draußen oder nach Hause, je nachdem, wie es dir geht?

Du legst die Schultern nach hinten wie deinen Kopf, bis zum Anschlag, es knackt. Das war das Sternum, denkst du dir. Da hast du Resusci Anne vor Augen, wie sie vor dir auf dem Boden liegt und gar nichts richtig knacken kann, auch wenn du dich wie gefordert mit den Händen dreißig Mal auf ihre Brust stemmst. Dafür eine Art schnaufendes Geräusch, so wie es eben nur klingen kann, wenn man mit Plastik und etwas Widerstand CPR simuliert. Besser so als aus dem Stehgreif ein Knacken wie das, was dein Brustkorb macht.

Aber sag, fängst du irgendwann mal wieder an? Bist du irgendwann wieder da?

Metronomy - The Look

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

April 30, 20211 Kommentar

210430

Eine grüne Vase mit weißen Tulpen auf einem weißen Fensterbrett. Vor dem Fensterbrett steht eine Monstera deliciosa. Die Stimmung ist ruhig.

18

Ich schaue aus dem Fenster wie den meisten Teil des Gesprächs, der Himmel ist so blau. Ich sage ihm, dass ich lange auf den Termin gewartet habe. Fast fünf Monate. Dass es sich wie ein riesiger Berg oder eine zähe undefinierte Masse Zeit angefühlt hat zum Zeitpunkt des Buchens. Wie für immer und weit entfernt, aber dass auch das nicht fassbar war als so und so lange. Dass ich aber sowieso nicht sagen kann, ob das eine lange Zeit ist, jetzt erst recht nicht, wo ich in dem Termin sitze. Es hätten auch fünf Tage sein können. Wurden es eben fünf Monate. Er lacht kurz. Ich schaue den Vögeln zu, die hinter seinem Kopf wie wild über der Kreuzung vor der Praxis ihre Runden drehen.
Vor dem Termin hatte ich große Angst. Nicht vor dem Inhalt an sich, nicht wegen dem, wegen dem ich mich vorstelle, sondern wegen der Umstände. Nicht wegen der Umstände der Zeit, wegen früherer Erlebnisse. Wir schauen uns das gemeinsam an, er sieht die Indikation eine Diagnostik anzustoßen. Fast weinend und unfassbar erleichtert verlasse ich die Praxis. Es ist viel zu früh am Morgen und ich bin übermüdet, weil ich Nachts erst spät einschlafen kann. Schließlich ist es dann ruhig und es gibt weniger Ablenkung und die Ideen kommen.
Ich gehe nach Hause mit sehr viel Informationsmaterial zu ADHS und einem Fragebogen, einem weiteren Wochen entfernten Termin zur Diagnostik und einem neuen Grund - Laborwerte - zu meiner Hausärztin zu gehen.

Also geht die Reise los.
Sollte man darüber schreiben - in ich-Form - oder es sein lassen? Die Frage schwebt im Raum seit Wochen. Vor neun Jahren habe ich über meine Depression, die Diagnosestellung und die darauf folgende Therapie geschrieben. Die meisten meiner Freunde hatten bis zu dem Zeitpunkt, wo ich Hilfe brauchte, keinen Kontakt mit psychischen Erkrankungen. Ich bei anderen Menschen auch nicht bis fast gar nicht. Momente, vor dem Abitur und danach, wo es mir nicht gut ging, wo ich hätte schon einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren sollen, verstrichen, ohne, dass mich jemand beiseite nahm und darauf hinwies, weder Familie noch Freunde. Ich kann es niemandem vorwerfen und konnte es damals auch nicht. Ab 2011 passierte das Hinweisen - mit Menschen, die eben schon mit psychischen Erkrankungen in Kontakt kamen.
Das Schreiben darüber war Teil meines Verarbeitens, öffnete Verständnis und Austausch mit einigen, die wegen der Erkrankung den Zugang zu mir verloren hatten. Manchen gab es einen Haltegriff, so wie ich ihn mir damals gewünscht hätte. Groß aufgezogen habe ich das nie, wollte ich auch nicht. Das Label "depressiv", das zu oft disrespektierlich und stigmatisierend von nicht Betroffenen verwendet wurde und heute teilweise noch wird, hat mich angewidert. Ich hatte schlichtweg keinen Bock auf Stigma. Genauso wenig wie ich es heute einsehe, für andere Zwecke meine frühere Erkrankung instrumentalisiert zu sehen von Menschen, die sich sonst im Stil von "sei halt einfach glücklich" äußern. Die ihre Reichweite vorher nie genutzt haben für mehr Kassensitze für psychotherapeutische Behandlungen um die bei psychischen Erkrankungen gefährliche viel zu lange Wartezeit zu reduzieren (je länger man unbehandelt bleibt, desto schwerwiegender die Ausmaße des dann zu behandelnden). Die sich nicht dafür einsetzen, dass angehende Therapeuten und Therapeutinnen auch während ihrer Ausbildung und psychotherapeutischen Arbeit ein angemessenes Gehalt erhalten.

Auch jetzt habe ich keine Laune auf Label. Oder die Unterstellung, ich würde mich damit profilieren wollen. Das habe ich schon vor neun Jahren nicht und will ich jetzt erst recht nicht. Ich will kein „es ist schon wieder etwas“ oder überhaupt ein „schon wieder“ - ich will etwas beschreiben, von dem ich viel zu wenig Ahnung hatte, vor allem nicht insofern, was zu tun ist. Wo finde ich zuverlässige Informationen, gibt es Unterschiede bei der Manifestation zwischen Mann und Frau, an wen kann ich mich wenden, warum ist das alles so mit Nebel versehen? Und was resultiert daraus? Wo hat das angefangen?

Vor ein paar Monaten sprach ich mit einer Bekannten. Wir sprachen über die Psyche allgemein, dann über die allgemeine Stimmungslage, dann über ein Früher, dann über Diagnosen. Depression und soziale Phobie, Panikattacken unter Menschen (früher häufig, heute kaum) und meine von anderen als "bist ja nur kreativ" verklärten Schwierigkeiten. Dann sprachen wir über die Schwierigkeiten, über die ich mich oft geschämt habe zu sprechen. Meine Bekannte fragte mich dann, ob ADHS bei mir mal als Differentialdiagnose in Betracht kam, viele haben oft auch zusätzlich Erkrankungen, unter Anderem diese, die ich hatte. Ich lachte und meinte "ich und ADHS, ach was, ich war doch nur depressiv". Sie wies darauf hin, aus einer Familie voller ADHSler zu kommen, sie als einzige ohne Diagnose, dass ich ja nicht hyperaktiv sein müsse, vielleicht sei es ADS. Ich lachte nicht mehr, wehrte es aber eher ab, ich kannte nur ADHS, nicht ADS, aus eigenem Erleben. Sie legte mir nah, mich mal zu belesen. Wer mich kennt, weiß: sag mir das zu wissenschaftlichen Themen und ich lese.
Mein früheres verlegenes Lachen blieb mir relativ schnell im Hals stecken - spätestens bei der Adult ADHD Self-Report Scale der WHO. Dann lesen bei Selbsthilfenetzwerken, Fachgesellschaften, noch häufiger das frühere Lachen im Hals stecken haben, ich lese mich dort in Beschreibungen. Also abklären lassen. Psychiatrische Praxen, die sich auch auf ADHS bei Erwachsenen spezialisiert haben, zu finden, neue Patienten und Patientinnen aufnehmen und nicht zu lange Wartezeiten haben, gestaltet sich selbst in Berlin als unfassbar schwierig. Wenn, dann bin ich bisher so weit gekommen nicht wegen sondern trotzdem. Was auch immer herauskommt.
Also sitze ich eben Monate später im Sprechzimmer und erzähle und schaue dabei aus dem Fenster. Und nun sitze ich vor dem Fragebogen und finde mich wieder. Ich bin gespannt, wie die Reise weitergeht. Angst ist da nicht mehr.

Black Pumas - Colors

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

April 23, 2021Keine Kommentare

210423

17

Der Kopf als eine Kugel mit Keilen und feinem Geflecht. Zwei Linien, click, shift, click, make blend. Genau so sieht es dann aber auch meist aus, du könntest das auf den ersten Blick in den meisten Lehrbüchern herauspicken.
Die Körperlichkeit der Dinge, das Anfassen von Geräten wegen Krankheit, wann auch immer das Leben sie braucht.
Du hättest ebenso einfach loslaufen können, ein paar Steine vom Schotterweg in deinem Schuh. Manches verschwindet aus dem Gedächtnis, bis es sich mit Wucht wieder ins Bewusstsein katapultiert. Du reist noch immer durch Webcams an verschiedenste Orte der Welt. Dolomiten, Lofoten, der Strand von Genua, dann sitzt du fast schon wieder in La Barceloneta.

Mitten in der Nacht, die Stadt noch stiller, weil die U-Bahnen gerade nicht fahren. So ein Dreck; wo kommen auf einmal all deine Wurzeln her? Warum zieht es dich so sehr zum Boden, ein bisschen, nicht viel, nach Süden? Wie ein Aufflackern Zeilen aus Liedern, someone who knows the fields I knew like the back of the hand. Themenkomplex Heimatstadt, wie du die meiste Zeit des letzten Jahres damit beschäftigt warst, wie du dankbar bist, dass du das durcharbeiten konntest, wie die Verortung Haken schlägt. Jetzt, wo du nicht reisen kannst, kriechen Orte in den Kopf. Darunter einen, den du nie Heimat nennen wolltest und der es trotzdem im Nachhinein wurde, dann einen, den du immer Heimat nanntest, der auf absehbare Zeit keine sein kann. Du skizzierst das Eck schnell aus der Erinnerung, wunderst dich weiter über deine Wurzeln und hörst dich zurück an einen Sonntagmorgen im Februar 2019. Wie unterschiedlich die Orte klingen, wie du sie trotzdem wiedererkennst.

The Beloved - Sweet Harmony

Dev & Scan: Silbersalz35, Stuttgart
(Silbersalz35 (Kodak Vision3) 200T unterbelichtet)

Der Kopf als eine Kugel mit Quader und Keilen und feinen Linien, die auf den Muskeln wohnen. Eintauchen und abtauchen in grobkörnigem überlagertem Filmmaterial. Was wünschst du dir, das alles gut geht, wird. Dass beisammen ist, was gelernt hat zu beginnen anzufangen.
S schickt dir einen Arztbrief mit dem Kommentar enjoy, du scrollst durch Werte, verdammt fehlen dir Strukturen. Dann der zehnte Takt dieses einen Bach-Stücks. Du denkst an deine Großmutter, wie sie immer in diesem einen großen pastellgrünen Sessel mit Fenster im Rücken saß. Wie sie den schlechtesten Winkel, den sie hätte treffen können, gewählt hat um ihr Vinyl zu hören. Die alte Schrankwand mit den Bildern, von denen du auf keinem zu sehen bist. Ein Mann im Ledermantel an einem Flugzeug lehnend, jemand, den du nie kennengelernt hast, dessen Überlieferung aber schwerer in den Erzählungen seiner Witwe lag als Blei.

Das Holz in deinen Händen und die Hoffnung, dass es dir dabei hilft, das zu sehen, was bei dir bleiben will. Was bleiben will, sagt dir, dass es bleiben will. Vielleicht morgen, die Tage, in ein paar Monaten. Vielleicht findest du alles davon schon in dir, in deinen Skizzenbüchern, in dem, was du liest, hörst, beim Blumen gießen.
Und dann gibt es die Momente, in denen du dich fragst, warum manche Menschen, mit denen du nicht interagierst, die aber an deinem Leben Lesezeichen angebracht haben, dich kopieren. Appreciate people even if they're small, but don't just copy them.

Young Galaxy - Crying My Heart Out // Ménage à Trois - Memories

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 16, 2021Keine Kommentare

210416

16

Atherosklerose versus Arteriolosklerose, Knochen und Knorpel und Wirbelsäulen. Du zeichnest Hände, Referenzen überall. Rillen an den Nägeln und Pigmentnävi, die aus der Leistenhaut auftauchen.
Du musst dich nicht vor anderen profilieren, du willst Austausch.

Du wirfst wieder die Sprachen durcheinander. Willst etwas auf französisch schreiben und bringst schwedische Worte aufs Papier. Eingesprenkelt nur noch ein paar japanische Floskeln.

La Femme - Le sang de mon prochain

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 14, 2021Keine Kommentare

210414

15

Das hier ist ein Fiebertraum, verteilt auf mehrere Tage. Noch mehr als sonst, ein Becken voller verschiedenster Strömungen. Ganz so, als hätte es das gebraucht, als wäre es nie anders gewesen. Du hinterfragst die gängigen Karrierekonzepte, die, die aus Einzelsträngen bestehen; eine Art dünnes Seil, nein, eher mehr Faden als das. Nein, nicht der rote, den nur man selbst sehen kann.

Moneybrother - Blow Him Back Into My Arms // Bilderbuch - Taxi Taxi


Interlude. Ich.

Zeit mal wieder zurückgedreht. Es ist der dritte März, spät am Abend, und ich denke das erste Mal sie haben einfach resigniert, sie werfen uns vor und unter den Bus und dabei kennen sie die Modellierungen, sie kennen Langzeitfolgen, die jetzt schon übervollen Rehas. Nach einem Symposium, das direkt vor der MPK stattfand, habe ich viel zu lange auf etwas gewartet, das bis heute nicht kam: ein konkretes Ziel, konkrete Umsetzungen von Vorschlägen, Langfristigkeit, Verbindlichkeit. Stattdessen Kurzfristigkeit. Es heißt allerdings nicht Economy vs Health, das sagen nur die, die es noch immer nicht verstanden haben. Es heißt fucking Economy thanks to Health.
Die Wut kriege ich wochenlang nicht aus dem Kopf, eigentlich bis heute nicht.
Ich stelle mir vor, wie manche aus der Wissenschaft insgeheim irgendetwas auseinandernehmen wollen. Stattdessen arbeiten sie und forschen weiter. Ich war lange Zeit kurz davor eines dieser unsäglichen J. Schweizer Erlebnisse für mich zu kaufen, das mich Autos auf Schrottplätzen verprügeln lässt. Natürlich mache ich das nicht. Ein bisschen Stolz bleibt bei mir immer übrig.

Da ist mein Freundeskreis, der sich wie ich auch an Regeln hält, mit dem ich mich seit Monaten virtuell treffe. Nur das eine Mal, wir erinnern uns, bin ich im November in echt in den Armen meines besten Freundes zusammengebrochen. Ich, wie ich dank der Anpassungsstörung weinend nicht aufhören konnte zu sagen ich weiß nicht, was gerade mit mir geschieht. Das war eine der wenigen Umarmungen seit Mitte November. Dafür dusche ich derzeit länger und heißer.

Ich verstehe die bräsigen Emotionalisierungsversuche Level "aber die Ostereier" oder das Feiern angeblich guter Entwicklungen dank Feiertagen nicht. Ich verstehe nicht, wie kognitive Dissonanzen existieren können, die das Erleben von Menschen im Gesundheitswesen negieren und trotzdem die Endverantwortung bei ihnen abladen. Ich denke an Londoner Freunde, die nach der Zeit im Dezember mit PTBS vom Feinsten zu tun haben, die sich trotzdem die Schuld dafür geben, dass sie nicht helfen konnten, während die Leute ihnen unter den Händen weggestorben sind. Ich verstehe nicht, wie man das maximale Leid anderer und volle Stationen als Maßstab nehmen kann. Ich verstehe nicht, wieso nicht verstanden wird, wie Wissenschaft funktioniert.

Letztes Jahr unterhielt ich mich mehrfach über die Frage, inwieweit die eigene Kunst politisch ist oder sein sollte. Ich wollte nie eine Angriffsfläche für Hass sein, und war deshalb nie so offen in meinen Arbeiten, aber vor allem, wenn man sie in die Zeit, in Kontext setzt, ist alles davon eine Reaktion auf Politik. Und damit politisch - bei mir nur eben meist auf gesundheitspolitische Themen bezogen. Oder wenn ich davon erzählt habe, wie mein Körper zu einem Politikum gemacht wird - vor allem von Fremden.
Sich grundsätzlich nicht politisch zu äußern ist in meinen Augen politisch. Wählen zu gehen, andere aufzufordern zu wählen, ist politisch. In dem literaturwissenschaftlichen Teil meiner Zeit in der Germanistik war die Beschäftigung mit den unterschiedlichen literarischen Epochen und Strömungen das, was mich erkennen ließ, dass auch Romantik und Biedermeier, wenn auch vermeintlich überhaupt nicht politisch, es eben doch sehr waren. Die vermeintliche Abkehr vom Weltgeschehen ist eine politische Entscheidung. In der Musik auf die eigene Lebensrealität zu reagieren oder sie zu beschreiben, ohne sich spezifisch mit Parteien zu beschäftigen, ist politisch, mindestens, wenn alles in den Gesamtrahmen gesetzt wird, in deinen Alltag. In welcher Zeit bist du aufgewachsen, welche Umstände haben dich geprägt, worauf genau reagierst du?
Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, mit dem ich in Regelmäßigkeit Bundestagsdebatten geschaut und diskutiert habe, ich saß in Sitzungen des Sächsischen Landtags, ich debattiere gern und viel über Politik. Seit London habe ich eine tiefe Abneigung gegen die Tories, und ich war lange Zeit viel mehr politisch im UK verwurzelt als in Deutschland. Umso mehr verstehe ich, wie oben beschrieben, nicht, was momentan schlichtweg nicht passiert. Wir könnten jetzt schon an einem anderen Punkt sein. Stattdessen werden zwei Monate verspielt und Eigenverantwortung™ propagiert. Eigenverantwortung™ first, Bedenken second. Ah ja. Wir sehen ja, wie gut das bisher geklappt hat. Wütend argumentiere ich voran.

Letzte Woche also erst Schüttelfrost, dann Fieber, dann Träume, die sich durch alle Bereiche meines Lebens wüten. Es lässt sich gut loslassen, ähnlich, wie in solchen Momenten die innere kritische Stimme ruhiggestellt ist und es sich dann erst recht lohnt zu schreiben. Auf einmal träume ich von der Endosymbiontentheorie oder der (nicht vollständigen) X-Inaktivierung ebenso wie von einem Gesicht an meiner Wange im Sommer. Ich stehe auf Kreuzungen, an denen ich viel zu lange nicht war, träume von Grundtönen, träume mich zu einer Zeit, wo die momentanen Umstände ein Präteritum sind. Die 33 wird wohl trotzdem flachfallen. Super.
Irgendwann muss ich wohl doch lieber zum Arzt. Da meine Symptome auch Symptome sein könnten, komme ich weder in die Praxis meines Hausarztes noch bekomme ich einen Termin für die spezielle Sprechstunde. Die Leitungen sind überlastet. Nach zwei Tagen gebe ich auf und lege mich lieber ins Bett und schlafe. Alle Selbsttests bleiben negativ. Fiebernd schlafe ich voran. No need to laugh and cry.

Zurück zum Du.

Tristan Brusch - Fisch (Piano Version)

Die Rinnsäler, geronnen zu Flüssen in Tälern, stärker oder schwächer mäandernd. Da findet sich der Unterschied zwischen dem Behäbigen und dem Treibenden. Fahrt aufnehmen bis die Auen kommen. Vielleicht überträgt sich das Gegenteil dessen genau deshalb auf dich: Rastlosigkeit. Und da bist trotzdem du: am behäbigen Fluss.

In den Elbwiesen sitzen, müde beinahe verlorengehen, mitten im Zentrum. Ganz genau zuhören: Stadt und Atmen, das Poltern der schweren Gefährte, Stahl und Sandstein und der flaue Wind, der durch die Gräser fährt.

Bedřich Smetana - Má Vlast (My Country): II Vltava (The Moldau) as performed by James Levine & Vienna Philharmonics

How can anything be any thing at all? Wie kann ein Leben aus der Bahn geworfen werden, wenn es nie in geregelten Bahnen verlief? Seit Jahren geistern altmodisch klingende Namen durch deinen Kopf, du schreibst an einem mindestens ebenso lange. Du siehst die Figur hinter dem Namen in Fragmenten, du findest, dass das ein ziemlich gutes Format ist, das zur Zeit passt. Im Blick zurück entstehen die Dinge oder wie auch immer Tocotronic es meinten. Ein Überlegen, wie du diesem Charakter gerecht werden kannst, ob das bei den anderen Schreibenden auch so auf einmal kommt, ob sie gehen, ob sie bei ihnen bleiben oder wie viel davon sie selbst sind? Was hast du diese Frage immer gehasst. Wie viel bist du denn in Charakter X? Was von dieser Geschichte hast du denn selbst erlebt?

Du liebst es, wenn man nicht ganz genau weiß, was oder wen du beschreibst. Wie es irritiert, dass du hier viel zu oft du schreibst, aber ich, du, ihn oder sie meinen könntest. Wie du es spannend findest, etwas durch deine Augen, deinen Filter gesehen zu beschreiben und wie sehr es ansprechen kann, wenn du keine zusätzliche Trennschicht aufbaust. Wie das alles schon seine Richtigkeit hat, mindestens aber an mancher Stelle ein Augenzwinkern.

Katie Melua - Wonderful World // Day Wave - Potions

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 2, 2021Keine Kommentare

210402

14

"Irgendwann" wird gestrichen. Es wird ersetzt mit "in sechs Wochen". Was braucht es noch?

Jungle - Keep Moving

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Bibliographie:

Glynn, J. (2012). Remembering my sister Rosalind Franklin. The Lancet379(9821), 1094–1095. 10.1016/S0140-6736(12)60452-8
Harari, Y. N. (2021, February 26). Yuval Noah Harari: Lessons From A Year Of Covid. Financial Times. https://www.ft.com/content/f1b30f2c-84aa-4595-84f2-7816796d6841
Harris, J. (2021, February 26). How Justin Timberlake Escaped #NippleGate. YouTube. https://youtu.be/jUTdeKJ4r-M
Miller, A. J. (2021). 302 - The 5 Creative Languages - How to Find Yours and Supercharge Your Arthttps://itunes.apple.com/podcast/id929743897
Schmidt, B. (2020). Eigenverantwortung haben immer die anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. In U. Wiesing (Ed.), Ethik in der Medizin. Ein Studienbuch (5th, revised and updated ed., pp. 558–560). Reclams Universal-Bibliothek.
Tempest, K. (2016). The Bricks That Built The Houses. Bloomsbury Publishing Plc.
The Guardian. (2021). Is this the worst year ever for the UK music industry?https://itunes.apple.com/podcast/id1440133626

März 26, 2021Keine Kommentare

210326

13

Du kannst manchem beim Zerfasern zusehen, scheinbar ist das leichter als du es erwartet hattest. Nicht das Zusehen ist leichter, das Zerfasern vielmehr. 
Ein Jahr also. Dringlichkeiten, Befindlichkeiten, Heimseligkeiten, Eitelkeiten der letzten zwölf Monate; du willst sie weder alle aufschlüsseln, noch so richtig Revue passieren lassen. Eventuell beginnt bereits das kollektive Vergessen, Verdrängen. Wieder irgendein Jahrhundertereignis für die Jahrhundert-, Jahrtausendliste. 
Auch du willst dich nachts wieder an Wärme schmiegen können, siehst stattdessen Geburtstage ziehen und wirst selbst liegengelassen. Das kennst du schon, alles davon. Du kannst eh nichts dran ändern, vor allem aber nichts an den neuen Leiden des jungen Jahrzehnts.

IST IST - Drowning In The Shallow End


Du willst ans Meer, du willst in Steinbruchseen schauen, deine Schwester umarmen, den optimistischen Blick in die Zukunft manifestiert als BahnCard 2021 nutzen können. Du willst in die Berge, du hattest die ganze Zeit deine Ruhe, aber du willst andere Ruhe, ruhigen Trubel, oder mindestens Bodensee und Alpen und Föhn bei orangenem Sonnenuntergang. Aufsaugen, alles davon, abspeichern in den Filmen hinter deinen Augen, an einigen Stellen auf tatsächlichem Film. Du willst Menschen in echt sagen können, dass es schön ist, dass sie da sind, nicht nur wenn es urkundlich festgelegte Tage zum Feiern gibt. Es geht um die Möglichkeit.
Je mehr du eben in dieser Ruhe bist, desto mehr merkst du wie sehr du Menschen im Allgemeinen liebst, auch wenn sie sich gen Herbst und Frühling in Berlin gelegentlich aufführen wie Schwarze Witwen.

Still Corners - White Sands / Kraków Loves Adana - I Could Be Happy

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

März 22, 2021Keine Kommentare

AWIS 001

all weather is process 001

Ich habe im Kopf oft ein fertiges Bild davon, wie etwas, an dem ich zeichne, zu sein hat und bin dann frustriert, wenn es nicht sofort so aussieht. Mit Hilfe eines guten Freundes habe ich mir einen Guide verpasst um dem (und dem daraus resultierenden Impostor Syndrome) entgegenzuwirken. Auch werden hier in (un-)regelmäßigen Abständen endlich kleine Einblicke in meine Skizzenbücher, wie oben, kommen, was nicht nur zu Schritt 7, dem "Loslassen können", beitragen soll sondern auch zu einem größeren Verständnis für meinen künstlerischen Prozess und den Humor, der auch darin zu finden ist.

Mir ist bewusst, dass dieser Prozess bei allen künstlerisch Tätigen anders aussieht, die einen (gefühlt) geborene da Vincis oder Rembrandts sind, bei den Meisten aber einfach sehr viele Zwischenschritte dazugehören. Während ich mir beim Schreiben und Fotografieren all die oben beschriebenen Stufen schon längst erarbeitet habe und es für mich oft nichts ist, was ich krass finde, geht es mir beim Illustrieren und Animieren mit dem Veröffentlichen doch zu oft noch ein wenig anders.
In den letzten Jahren gab es sehr viele Momente in denen Fremde / Freunde / Bekannte in meinen Skizzenbüchern blättern wollten, um mehr Einblicke gebeten haben oder schlichtweg das Buch, in dem ich gerade arbeite, aus meiner Hand gerissen und durchgeblättert haben (PSA: macht das niemals ungefragt, bei mir ist es das Privateste, das es gibt). Auf YouTube gibt es Skizzenbuch-Reveal-Videos, andere füttern alles auf Instagram, andere wiederum zeigen nichts davon und bevorzugen es das finale "Produkt" vorzuweisen.

Seit ich mich ausdrücke(n kann), springe ich während der Arbeit selbst oft zwischen verschiedensten Themen hin und her. Gelegentlich zirkle ich tatsächlich in Ringform zwischen mehreren Themen. Wenn ich Glück habe und mich wenigstens ein bisschen konzentrieren kann, sind es Unterthemen oder zumindest verschiedene Aspekte des Gesamtthemas. Wenn ich Pech habe, ist es so, als hätte ich 10 Browserfenster mit je circa 50 Tabs mit YouTube Videos auf voller Lautstärke offen und muss kleinste Teile eben dieser Informationen auf Papier unterbringen oder schaffe gar nichts, weil es immer etwas gibt, das interessanter ist als das, was ich gerade bearbeite. Oder ich lese etwas zu einem Thema, das mich nicht so interessiert, wie es das in dem Moment tun sollte, und starre am Ende nur noch auf die weiße Seite hinter den Worten und der Druckerschwärze, bis ich mich wieder gefangen habe. Im besten Fall aber bin ich auf das Thema und die Aufgabenstellung vor mir konzentriert, sodass ich sehr fokussiert und dann auch sehr schnell arbeiten kann.
Für mich ist das normal und ich kenne es nicht anders: ich bin schnell gelangweilt und profitiere insofern von meinen vielseitigen Interessen, Vorlieben und Ausdrucksformen. Man könnte auch sagen, ich kann mein Gehirn produktiv austricksen. An guten, den meisten Tagen.
Mehr oder weniger stark und abhängig von meiner Tagesform erkennt man das auch in meinen Skizzenbüchern. Seit 2014 fülle ich in Regelmäßigkeit unlinierte Moleskine XL Softcover Bücher (Nachfrage dazu kommt oft). Darüber hinaus verlasse ich das Haus grundsätzlich nicht ohne einen Reporterblock oder zumindest ein A6 Heft und zwei Stifte, um schnell etwas notieren oder skizzieren zu können. Seiten daraus finden dann wiederum ihren Weg in die großen Bücher, nebst Stoffsammlungen, täglichen Tagesschau Themen (sonst findet man in ihnen überhaupt keine zeitliche Einordnung) und Arbeitsprozessen.
Mittlerweile bin ich bei Skizzenbuch No XXIX angekommen, fülle zuverlässig und vollständig eines alle drei Monate. Es sei denn, ich brauche dringend einen Neuanfang - in solchen Fällen bleiben gern 30 Seiten frei. Dafür kann ich dann unbelastet neu anfangen.

Warum also all das hier? Warum darüber schreiben, wie man seine eigene künstlerische Praxis versteht, wie man sie auslebt? Weil es keine falsche Form davon gibt, und weil es fahrlässig sich selbst gegenüber ist, sich mit anderen Kreativen und deren Endergebnissen zu vergleichen, wenn man noch nicht einmal begonnen oder etwas beendet hat. Weil es momentan in meinem Leben einige Bereiche gibt, wo ich merke, dass es mir geholfen hätte, Informationen, die einigermaßen auf ein multidisziplinäres Arbeiten zugeschnitten sind, zu finden. Und auch, weil ich glaube, dass es anderen vielseitigen Kreativen ebenso helfen kann, Herausforderungen und Erfolgserlebnisse gleichwertig abgebildet zu sehen.
Zum Beispiel tue ich mich schwer damit, mich in eine Box zu packen oder mich mit einem eineindeutigen Label zu versehen. Bin ich jetzt "nur" medizinische Illustratorin, bin ich "nur" Künstlerin, bin ich doch auch Fotografin und Schriftstellerin, bin ich "Jackie of all Trades", muss ich "nur" eins sein?

Wie viele und wie tiefe Blicke ich in meinen Arbeitsprozess geben werde, weiß ich noch nicht ganz genau, nur bemerke ich auf jeden Fall seit einiger Zeit schon eins: es kann sehr befreiend sein, loslassen zu können.

GAPS - As It Is

März 19, 2021Keine Kommentare

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Mitten in der Nacht kommt dann die Ruhe mit Klarheit im Schlepptau. Du kannst das dann fassen, ordentlich auflisten. Oder gut finden, zwei Uhr am Morgen das Badezimmer zur Hälfte zu streichen. Das Skizzenbuch füllt sich, all die kleinen Teile darin formen langsam ein Mosaik, das sich ähnlich erweitert wie Amöben sich fortbewegen.
Du siehst, wie sich die Farben auf der Deutschlandkarte ändern - als würdest du eher Zugvögeln folgen als die Reise eines Virus nachzuvollziehen.

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