Januar 29, 2020Keine Kommentare

200129

4

Im ersten Waggon einer U3 gen Warschauer Straße sitzt jemand hinter der ersten Tür links, der dich an einen französischen Schauspieler erinnert. Einen, den du vor kurzem oder auch vor längerem in einem Film gesehen hast. Er schaut dich etwas verdutzt an, es erkennt sich kein Gesicht so wirklich im anderen; Glück gehabt. Ein paar Meter weiter steht sehr verloren und erschöpft ein Mann, der eine Zeitung mit dem Titel "Würde" in der Hand hält. Bevor du dir die Frage stellen kannst, ob er Hilfe braucht, steigt er aus und schlurft den Bahnsteig des Nollendorfplatzes entlang. Der Zug fährt erst langsam, dann schneller an und du bist dir sicher, dass er jede freundliche Geste hätte gebrauchen können.

Der Schlag in deine Magengrube ist noch spürbar, er hat sich aufgebaut über fast zwei Stunden, zwischendrin als hätte alles gebrannt. Ein sich nicht satt sehen können an Farben, Unbarmherzigkeit im Schlamm.
Du kannst die Treppe vom U-Bahnhof gar nicht so schnell hochrennen, wie du glaubst frische Luft atmen zu müssen. Im Europaparlament singen sie Auld Lang Syne und dir hängt dieses Gefühl hinter den Schulterblättern, das langsam nach vorne zu den Schlüsselbeinen klettert. Alles ganz dringend, du beeilst dich so schnell du kannst nach Hause zu kommen. Bleib in dem Modus, bleib da drin, nicht ablenken lassen; das muss alles raus, nicht nur alles auf einmal - vielmehr das, was selten aus deinen Fingerspitzen konnte. Es kann gar nicht so sehr drücken und schieben wie du fühlst, dass es das mit dir tut.
Der Fremde, der von der Polizei abgeführt wird, weil er auf einen anderen eingeschlagen hat, da an der Kreuzung, da, wo die Neonröhren schreien, da, wo sie vor der öffentlichen Toilette aufeinander warten. Der andere Fremde, der dich an der Kasse mit Worten versucht auszuziehen und dabei nur mit seiner Einsamkeit spricht.

Ein Gefühl, als würdest du gar nicht so schnell schreiben können wie du es willst. Linien dünn, du kannst das Rinnsal noch an den Wangen sehen.

Das hier ist ein großer Anfang, oder?

Codes in the Clouds - We Anchor in Hope & Thomas Newman - The Night Window

Text auf Soundcloud anhören.

Januar 22, 2020Keine Kommentare

200122

3

Im Dussmann sitzt ein älterer Herr, der einen Zettel voller Diagnosen in krakeliger Schrift in der Hand hält. Auf den ersten Blick wirkt er fit, auf den zweiten multimorbide. Du bist dir nicht sicher, wie hilfreich die medizinischen Lehrbücher vor ihm sind und setzt dich neben ihn. Er knickt ein paar Seiten beim Versuch etwas aufzuschreiben um, von anderen im Raum wird er nun angeknurrt. 
Langsam blätterst du durch ein neu erschienenes Lehrbuch. Der Textfluss solle nicht gestört werden, deshalb verwende man das generische Maskulinum und meine damit alle. Du fühlst dich schon lange nicht mehr mitgemeint, schaltest in solchen Momenten ab und fragst dich, wie sich Menschen an einen veränderten Textfluss gewöhnen sollen, wenn alles so bleibt wie es ist. Vor allem fragst du dich, ob es hilfreich ist, wenn in der Medizin weiterhin ein Geschlecht das ausschlaggebendere sein soll. Sprache ist wichtig, sie manifestiert. Du denkst an all die Jahre, in denen du mit der eigenen Sprache nicht gut zu dir warst und freust dich über die neuen Worte, die du für dich und alle anderen gefunden hast. Es ist ruhig und bebt gleichzeitig vor sich hin. Freunde mit Geburtstagswünschen vor Rührung zum Weinen bringen können.

Einige hunderte Meter weiter kannst du dort raven, wo sie als Gimmick Teile der Mauer aufgebaut hatten. Da, wo es eine Schneise gen Bundesrat treibt, da konnten sie gegen Geld Mauerstücke abhacken, mit Meißel in der Hand, Helm auf dem Kopf und Smartphonefoto als Beweis. Da standen die Touristen, dreißig Jahre später nicht mehr im Todesstreifen sondern im Streifen der Geschmacklosigkeit, da stehen sie heute und warten vor der Würstchenbude und mit treibendem Bass auf ihre Version Berlin mit Ketchup und Currypulver.

Du spiegelst dich im südlichen Viadukt, in den Balken, dahinter oder vor dir der Potsdamer Platz aus dessen Bahnsteig sie den Bahnsteig gerissen haben. Ein Ballett aus Baufirmen, alle Bänke auf einem Haufen. Beton. Jedenfalls siehst du die U2 durch die Kurven schlendern, ziehst wieder Linien, protokollierst Wege im Großen und im Kleinen. Irgendwann werden sie in Rahmen an viel zu weißen Wänden hängen.
Luft in den Lungen, kalt, den Mantel knöpfst du immer noch erst bei Minusgraden zu; deine Fingerkuppen betrachtest du beim Winterspiel längst nicht mehr. Im großen Saal, im Filmtheater in der Kantstraße, trifft es dich wie ein Schlag in die Magengrube, beinahe zwei Stunden lang. Das gleiche Gefühl noch Tage später.

Und nun?

"There's nothing wrong with a little push."
(De Lux - Cool Up)

(Text auf Soundcloud anhören.)

Januar 10, 2020Keine Kommentare

200110

2

Ist es so gekommen, wie du es wolltest? Fragst du dich manchmal bei all den Portraits, die es von dir gibt, was für ein Leben du jetzt bewohnen würdest, hätte dein Onkel andere Entscheidungen getroffen? Starrst du dir in die Augen? Blau, stechend, fast so stechend wie die Broschen, über die du persönliche Haltungen kommunizierst?
Wie oft hast du die Welt auseinanderfallen sehen nur um ihren Neuanfängen zuzusehen? Wie oft hättest du gerne etwas gesagt oder lieber geschwiegen, wenn es wirklich wichtig war? Warst du in den Bruchstellenstadien der Jahrzehnte am liebsten nah bei Menschen oder hast du dich in den großen Räumen hinter den altehrwürdigen dicken Mauern versteckt? Blumenmeere vor den Eingängen, Tragödien, irgendetwas vor Totalschäden, kolorierte Versionen früherer Fotografien von dir. Die Verkörperung des Establishments.
Ist es gerecht, dass wir in bestimmte Körper und Länder und Familien hinangeboren werden, diese, aus denen wir zeitlebens nicht herauswachsen können? Pflicht und Arbeit und Struktur und Flaggen, die deine Anwesenheit verkünden, Bankette, Kronleuchter, Presse, Politiker, die du wahrscheinlich nicht leiden kannst, Traditionen, Zeremonien und in die Welt übertragene Erinnerungen an dich. All unmarked swans in open water belong to you. Statutes dating back to 1324.

Nun, ist es so gekommen, wie du es wolltest? Siehst du der Geschichte dabei zu, wie sie droht sich zu wiederholen, telefonierst du dagegen an? Was wirst du ihnen sagen, bevor du gehst? Wirst du an das Protokoll denken, das den Namen einer Brücke trägt oder an all das, was du in diesem Leben lieber getan hättest?


Wird vergessen oder wird bald begonnen?

"Oh, here she comes."
(Lower Dens - Maneater)

(Text auf Soundcloud anhören.)

Januar 2, 2020Keine Kommentare

200103

1

Du schüttest dir zu viel Wein übers Gesicht und lachst, da auf dem Boden in der Runde, neben den Hefeteigwaffeln, neben dem Konfetti. In Gedanken sortierst du deinen Schreibtisch neu, neu für ein neues Jahr, nimmst Maß, nimmst Memorabilia von deiner Wand. Bald alles neu. Es hängen noch unvollendete Briefe hinter Illustrationen. T sagt, Malerweiß sei am besten, du fragst dich, ob die Risse in der Wand im Flur so sein müssen oder ob du sie einfach übermalen kannst. Später dann. Du weißt schon. Mit Leidenschaft denkst du an den Manuel Neuer Pappaufsteller von vor Jahren, der für irgendetwas warb, aber im Baumarkt an der Yorckstraße irgendwie immer nur in der Nähe der Toilettendeckel stand. Du wischst dir also den überschüssigen Wein aus den Haaren, aus dem Dekolleté, lachst weiter und fragst dich leise, wie du ins kommende Jahr hineinlachen darfst.

Im Netz teilen sie Vergleiche von vor zehn Jahren, wie sich Zeit niederschlägt, nicht im Negativen, eher, wie sie gelegentlich feiner auf Seelen fällt als Sommerregen. Und du? Gerade wünschst du dir, dass die Zeit sich ein wenig beeilt (aber bitte nicht als Hagel).
A fragt, wie es um deine Kunst steht, du brichst spontan in Lachen aus, denkst an all die Arbeiten, die du verloren hast und an die, die du daraufhin gelöscht hast. Du beginnst also neu, in Anfängen, an Eingängen zieht dich die warme Luft wohlig aus der Kälte hinaus; das könntest du auch illustrieren, du weißt schon, Systeme und Thermodynamik und so weiter. Viel lieber würdest du ganz in Ruhe Stimmungen aufnehmen und fotografieren und dich fragen, wieso es nicht möglich ist, Licht mitzunehmen über Fotografien hinaus. Alte Projekte klopfen an, Orte, Unorte, vorbeiziehendes. Hier also auch irgendwann, bald, alles neu. Altes aufarbeiten, eventuell muss es nie fertig sein.

Du sortierst also deinen Schreibtisch neu, findest eine Nachricht von dir an ein Zukunftsdu in deinem vorherigen Skizzenbuch, du sortierst deine Stifte und wischst den Staub der letzten beiden Jahre weg (der hinter dem Drucker). Variations of Static in Linienform interpretiert. Static nur noch als Stabilität, nicht als etwas, das wie ein Anker an dir hängt. Jetzt, neu, die Plattentektonik der Anfänge.

Lass es auch an deinen Eingängen frisch gestrichen sein.

"Oh, four, five, six, c'mon and get your kicks."
(Jet - Are You Gonna Be My Girl)

(Beitrag auf Soundcloud anhören.)

Dezember 26, 2019Keine Kommentare

191226

20

3/3

I'll always return to and for those who're not scared of others and otherness.
When will they understand that there's a difference between direct democracy as in referenda and representational democracy as in general elections with a first past the post system?

"You looked surprised."
(Versing - Tethered)


The Border Force Officer checks my passport, holds it next to my face, takes a look at my photograph, stares at me, stares at the photograph again and finally asks me how old I am. As I reply thirty one, he says "damn," hands me my passport and lets me enter the UK. My face must have turned into a question mark as I leave the passport checkpoint.
As S and I roam through the terminal before leaving for the city, the flight attendant I asked about his day when entering the aircraft keeps bumping into us. He keeps on asking whether or not the Duty Free bag filled with - supposedly - sweets is mine. I decline. Five minutes later he sees us again. I decline again. Not sure if this is some form of payback for kindness.

The Bundespolizist checks my passport, stares at me quietly as I'm trying not to choke on a strand of hair I managed to wrap around my neck, and then stares at my passport again. He says nothing, neither smiles nor has any kind of an emotion on his face as he hands me my passport and allows me to enter Germany.
It takes another thirty minutes or so before people are able to grab their suitcases from baggage claim. They sigh and begin to compare the size of Heathrow Airport with Tegel Airport, and while they moan about how old fashioned and broken TXL is, I wonder what it would be like had they decided to build the second terminal according to von Gerkan's plans. The light in the terminal building as you enter the gates, a faint leftover of the 1970s and a lot of triangles and octagons.

"She dances like she's got a beat in her brain."
(Pete & The Pirates - Bright Lights)

Dezember 15, 2019Keine Kommentare

191216

19

2/3

I want to add all of this to my personal, my own bibliography. Lists and lists of impressions, something close to an imprint. Eliasson, remnants of the Jenny Holzer exhibition. Windows that are way taller than me, The Shard just opposite of where I lay my head. Staring at the ceiling, a lot of concrete, I am indeed freezing.
Keep going, there's a view to be enjoyed upstairs. I can't tell anyone how mad I am at the Tories whenever I am here. I can't tell anyone how welcome and unwelcome they can make you feel at the same time. Do I mind? It seems to me that I still don't. Don't let them win.

"Be happy when then sun shines
but when it’s too bright, don’t close your eyes."
(Working Men's Club - Bad Blood)


They still have an ear for those tiny bits and pieces that reveal time lived in a certain city. Time travels fast. Meanwhile I can't help but think take me to a nice place. This is a nice place, too.

"In my relentless state of charm."
(The Murder Capital - Don't Cling To Life)

Dezember 9, 2019Keine Kommentare

191209

18

1/3

There’s this thing about the way a city makes you feel. Does it know you're trying to not want to care? Does it want to be loved? Does it mind? Does it ask you to leave it behind, for better or worse?
Are you really there? Have you ever really been there? Did you grasp it all? Could you? Did you feel loved by it? Did you spend (not) enough time on the internet while you were there? Were you able to take pictures of it that are enough to satisfy your memories? Could you still draw details of the streets you walked along?

Did the air taste the way you like it in the evenings? Did it make you remember that certain smell you used to chase after while running down the street, towards the river? Were you able to roam through your neighbourhood like you used to? If not, why not try doing it again next time?
Does a city feel less like home just because it's not your home anymore? It probably still speaks to you on an emotional level, in exactly the same way the sea does.

A brutalist tour, maybe not only on the outside but also on the outside. Fresh perspectives - it's all good - and reminders of the humans you want in your life, back at your actual home. You'll ask questions and reply to what it is they want to know.

"Come home with me and it'll be alright."
(Summer Camp - Round The Moon)

November 19, 2019Keine Kommentare

191119

17

Im Innenhof fallen die Blätter nach oben. Du denkst an das Hölderlin-Zitat, das du auf den Tüten der U-Bahnhof-Backshops findest. Vor zwei Jahren hast du es schon einmal vor Augen gehabt. Wie oft kann man sich eigentlich verpassen? Auf eine Windhose wartest du noch immer.

„The flame and moth got a sweetheart deal.“
(Les Deux Love Orchestra - The Moth and the Flame)

Die Stadt, die hell erleuchtet, noch nicht schlafend, an dir vorbeizieht. Menschen in Museen, Büros, Bibliotheken, auf Dachterrassen. Mal unter oder über dir, mal auf gleicher Höhe, selten treffen sich Blicke, wenn die S-Bahn in der Kurve liegt. Das heimelige, nicht dunkle, das sich um dich legen kann und darf. Wie ein Tuch, wie ein Briefumschlag.

"Watch out, you might get what you're after."
(Tom Jones - Burning Down The House (feat. The Cardigans))

Hast du noch eine Geschichte zu erzählen? Musst du sie aus dir herauszerren, als wäre es eine Qual; kannst du das, was du siehst, in Worte fassen wie der Boss?
Eventuell ist es notwendig deine Definition von "Geschichte" zu überarbeiten. Anekdoten, Klebezettel. Zu klein für etwas Großes, zu groß, zu neon, um übersehen zu werden.

"Oh, but please, please wake me."
(LCD Soundsystem - oh baby)

Am Eingang - dem, der immer frisch gestrichen ist - kurz vor der zweiten Treppe, zwei mit Streichern, eine Interpretation des Themas von Game of Thrones. Sie spielen beinahe um Sonnenlicht, ein paar Männer filmen alle und alles auf ihren Smartphones. Dann: sie sitzen auf ihren Stühlen als wären sie am Kurfürstendamm. Immer dem Verkehr, der Straße, zugewandt, sie starren in die Züge hinein. Sie sind die Zuschauer, geschmierte Brote auf dem staubigen Tisch. Das Publikum, das darauf wartet, in ruhige Schächte zu steigen, damit die U-Bahn wieder halten kann.

"Some drink for fun, some drink to never remember
But you're not the latter, cause we all know someone that is."
(Sam Fender - All Is On My Side)

November 4, 2019Keine Kommentare

191104

Du steigst an Namen vorbei und wirst das Schaudern nicht los; es soll niemals verschwinden dürfen, als Erinnerung, als Mahnung.
Wenn du es nicht aufschreibst, existiert es dann überhaupt? Wenn du niemandem davon erzählst, kann es überdauern? Wo sind die Stellen in dir, die von Anderen erzählen, welche Worte hast du übernommen, welche intertextuellen Bezüge rumoren unter der Oberfläche? Welche Primär- und Sekundärliteratur muss gelesen werden, damit es möglich ist, dich zu verstehen?

Warten auf den Ping, der eventuell kommt.

"That is all that I can offer at this time."
(Sylvan Esso - Uncatena)

Oktober 10, 2019Keine Kommentare

191010

15

070809 + 10

Sich wieder in die richtige Stimmung leben, schreiben. Du hast gelernt, dass es sich lohnt, manche Worte loszulassen. Dass wiederkommt, was und wer zurückkehren will. Wie ein Tau aus Seide, das dir aus den Fingern gleitet.
Dann aber auch: im Sommer kommen manche Menschen nie wieder zurück; du schaffst es nicht, zu ihrer Trauerfeier zu gehen. In deinem Nacken hängt E und das Gefühl, als wäre der gesamte ICE in Regen getränkt gewesen, damals, auf dem Weg zurück, raus aus Hamburg. Wie sie verbrannte und du zwei Wochen lang nicht reden konntest. Wie du es nicht zu ihrer Trauerfeier geschafft hast, ein paar tausend Kilometer entfernt. Wie das Licht trotzdem so unfassbar in die Wälder fiel.

Gelernt hast du also, dass manches wiederkommt, dass der Alltag weitergeht. Dass sich das schönste Licht nicht davon abhalten lässt, auf diese bestimmte Art und Weise in den Abenden zu liegen. C und der Notfallspaziergang am Kanal, kein einziger, kein verdammter Schwan an der Kottbusser Brücke wie sonst. Hitze und das Lachen über auf Stahldenkmale gesprühte Emojicons. Wie sonst auch: die traurigsten Momente über musstest du wegen der dümmsten Witze lachen, ein Festhalten am Trivialen.
Dann starrt eine Notfallpsychologin kurz und tief in deine Seele hinein, sie hat deine Ecken gesehen, am Morgen schon in der größeren Runde; es ist das frühere Sparring mit sich selbst mit Anleitung von Herrn C, das sich bemerkbar macht. Ein Mal reicht. Resilienz nennt sich das wohl. Sie bringt niemanden zurück.

"And it all comes down to you
Well, you know that it does"
(Fleetwood Mac - Gypsy)


Du sagst, du hoffst, Du bist nicht da. Es trifft kurz, du gehst die Treppe weiter nach oben. Du denkst, dass Du nicht weißt, was Du willst. Dazwischen liegen Seiten und Pixel, Blasen und der Wunsch danach, mehr aus der Laune heraus zu zeichnen. Das Skizzenbuch fest in der Hand. Manches ist dann doch unangenehm, du willst einfach deine Ruhe, für Wochen am Stück. Der schmale Grat zwischen Ruhe haben um künstlerisch tätig sein zu können und Input haben bei sozialem Austausch.

"If you come again
I'll be sure to send the tide to come meet you
And if I come again
Please be sure to send the moon to come meet me"
(Foals - Into The Surf)


Willkommen in deinem Kopf.
Aber wie kannst Du Dir der Sprache sicher sein, wenn Deine Worte etwas anderes für Dich bedeuten als deine? Wenn Dein Sommerregen mehr nach Lavendel riecht als deiner? Wenn Dein Schmerz sich nicht in Buchstaben und ihren Zusammensetzungen fassen lässt? Wie fühlt sich diese eine Sprache für Dich an oder ist es die, mit der Du aufgewachsen bist?

"Oh, keep on educatin', meditatin', anything to keep me up
Oh, keep on meditatin', activatin', anything to keep me up
If then, keep on renovatin', elevatin', anything to keep me up"
(Mark Ronson - Truth (feat. Alisha Keys & The Last Artful, Dodgr))


Dann wieder, nur als Erinnerung. Ist dir jemals aufgefallen, wer hier du ist und wer Du? Das Verschwimmen der verschiedenen angesprochenen Menschen, ein dein gemeint als mein, ein Du gerichtet an ein wirkliches Du. Dir dabei zusehen, wie die Person, die jetzt deinen Namen trägt, sich in einiger Zeit zu einer anderen weiterentwickelt hat. Trotzdem. Trotz dem. Du reibst dir so lange die Augen, so fest, bis das, was dein Gehirn aus den durch die Augenlider gelassenen Informationen macht, etwas von einem Nebel aus Quadraten hat.
Eventuell gibt es Randnotizen, Lesezeichen. Hat Peter Handke auch den Weg auf Dein Fensterbrett gefunden, ist es dort zugig, hast Du nach ein paar Seiten aufgegeben, obwohl Du das Gefühl hattest, Dich in Sprache hineinlegen zu können?

"Hey, when I throw my weight
I never throw it crooked
I always throw it straight"
(Mattiel - Keep The Change)


Du erinnerst dich an den einen November zurück. Die Züge gen Hauptbahnhof vorm Fenster und die Gänge in den Katakomben. Transporttrolleys, die nicht mehr als 4km/h fahren dürfen, Du lachst, während du dich nochmals verläufst. Intensivstation, die Beatmung Fremder und das Glück, deshalb Klarheit zu darüber zu haben, was du von deinem, mit deinem Leben willst. Du willst es noch immer, im besten Fall in Berlin, egal, wie lange es dauert.

"The clouds never expect it
When it rains
But the sea changes colors
But the sea 
Does not change"
(Stevie Nicks - Edge of Seventeen)


Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass in den letzten Worten kein Abschied enthalten war?

"The time has passed for luck
And now it's time for hope"
(Shame - Concrete)

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