April 16, 2021Keine Kommentare

210416

16

Atherosklerose versus Arteriolosklerose, Knochen und Knorpel und Wirbelsäulen. Du zeichnest Hände, Referenzen überall. Rillen an den Nägeln und Pigmentnävi, die aus der Leistenhaut auftauchen.
Du musst dich nicht vor anderen profilieren, du willst Austausch.

Du wirfst wieder die Sprachen durcheinander. Willst etwas auf französisch schreiben und bringst schwedische Worte aufs Papier. Eingesprenkelt nur noch ein paar japanische Floskeln.

La Femme - Le sang de mon prochain

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 14, 2021Keine Kommentare

210414

15

Das hier ist ein Fiebertraum, verteilt auf mehrere Tage. Noch mehr als sonst, ein Becken voller verschiedenster Strömungen. Ganz so, als hätte es das gebraucht, als wäre es nie anders gewesen. Du hinterfragst die gängigen Karrierekonzepte, die, die aus Einzelsträngen bestehen; eine Art dünnes Seil, nein, eher mehr Faden als das. Nein, nicht der rote, den nur man selbst sehen kann.

Moneybrother - Blow Him Back Into My Arms // Bilderbuch - Taxi Taxi


Interlude. Ich.

Zeit mal wieder zurückgedreht. Es ist der dritte März, spät am Abend, und ich denke das erste Mal sie haben einfach resigniert, sie werfen uns vor und unter den Bus und dabei kennen sie die Modellierungen, sie kennen Langzeitfolgen, die jetzt schon übervollen Rehas. Nach einem Symposium, das direkt vor der MPK stattfand, habe ich viel zu lange auf etwas gewartet, das bis heute nicht kam: ein konkretes Ziel, konkrete Umsetzungen von Vorschlägen, Langfristigkeit, Verbindlichkeit. Stattdessen Kurzfristigkeit. Es heißt allerdings nicht Economy vs Health, das sagen nur die, die es noch immer nicht verstanden haben. Es heißt fucking Economy thanks to Health.
Die Wut kriege ich wochenlang nicht aus dem Kopf, eigentlich bis heute nicht.
Ich stelle mir vor, wie manche aus der Wissenschaft insgeheim irgendetwas auseinandernehmen wollen. Stattdessen arbeiten sie und forschen weiter. Ich war lange Zeit kurz davor eines dieser unsäglichen J. Schweizer Erlebnisse für mich zu kaufen, das mich Autos auf Schrottplätzen verprügeln lässt. Natürlich mache ich das nicht. Ein bisschen Stolz bleibt bei mir immer übrig.

Da ist mein Freundeskreis, der sich wie ich auch an Regeln hält, mit dem ich mich seit Monaten virtuell treffe. Nur das eine Mal, wir erinnern uns, bin ich im November in echt in den Armen meines besten Freundes zusammengebrochen. Ich, wie ich dank der Anpassungsstörung weinend nicht aufhören konnte zu sagen ich weiß nicht, was gerade mit mir geschieht. Das war eine der wenigen Umarmungen seit Mitte November. Dafür dusche ich derzeit länger und heißer.

Ich verstehe die bräsigen Emotionalisierungsversuche Level "aber die Ostereier" oder das Feiern angeblich guter Entwicklungen dank Feiertagen nicht. Ich verstehe nicht, wie kognitive Dissonanzen existieren können, die das Erleben von Menschen im Gesundheitswesen negieren und trotzdem die Endverantwortung bei ihnen abladen. Ich denke an Londoner Freunde, die nach der Zeit im Dezember mit PTBS vom Feinsten zu tun haben, die sich trotzdem die Schuld dafür geben, dass sie nicht helfen konnten, während die Leute ihnen unter den Händen weggestorben sind. Ich verstehe nicht, wie man das maximale Leid anderer und volle Stationen als Maßstab nehmen kann. Ich verstehe nicht, wieso nicht verstanden wird, wie Wissenschaft funktioniert.

Letztes Jahr unterhielt ich mich mehrfach über die Frage, inwieweit die eigene Kunst politisch ist oder sein sollte. Ich wollte nie eine Angriffsfläche für Hass sein, und war deshalb nie so offen in meinen Arbeiten, aber vor allem, wenn man sie in die Zeit, in Kontext setzt, ist alles davon eine Reaktion auf Politik. Und damit politisch - bei mir nur eben meist auf gesundheitspolitische Themen bezogen. Oder wenn ich davon erzählt habe, wie mein Körper zu einem Politikum gemacht wird - vor allem von Fremden.
Sich grundsätzlich nicht politisch zu äußern ist in meinen Augen politisch. Wählen zu gehen, andere aufzufordern zu wählen, ist politisch. In dem literaturwissenschaftlichen Teil meiner Zeit in der Germanistik war die Beschäftigung mit den unterschiedlichen literarischen Epochen und Strömungen das, was mich erkennen ließ, dass auch Romantik und Biedermeier, wenn auch vermeintlich überhaupt nicht politisch, es eben doch sehr waren. Die vermeintliche Abkehr vom Weltgeschehen ist eine politische Entscheidung. In der Musik auf die eigene Lebensrealität zu reagieren oder sie zu beschreiben, ohne sich spezifisch mit Parteien zu beschäftigen, ist politisch, mindestens, wenn alles in den Gesamtrahmen gesetzt wird, in deinen Alltag. In welcher Zeit bist du aufgewachsen, welche Umstände haben dich geprägt, worauf genau reagierst du?
Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, mit dem ich in Regelmäßigkeit Bundestagsdebatten geschaut und diskutiert habe, ich saß in Sitzungen des Sächsischen Landtags, ich debattiere gern und viel über Politik. Seit London habe ich eine tiefe Abneigung gegen die Tories, und ich war lange Zeit viel mehr politisch im UK verwurzelt als in Deutschland. Umso mehr verstehe ich, wie oben beschrieben, nicht, was momentan schlichtweg nicht passiert. Wir könnten jetzt schon an einem anderen Punkt sein. Stattdessen werden zwei Monate verspielt und Eigenverantwortung™ propagiert. Eigenverantwortung™ first, Bedenken second. Ah ja. Wir sehen ja, wie gut das bisher geklappt hat. Wütend argumentiere ich voran.

Letzte Woche also erst Schüttelfrost, dann Fieber, dann Träume, die sich durch alle Bereiche meines Lebens wüten. Es lässt sich gut loslassen, ähnlich, wie in solchen Momenten die innere kritische Stimme ruhiggestellt ist und es sich dann erst recht lohnt zu schreiben. Auf einmal träume ich von der Endosymbiontentheorie oder der (nicht vollständigen) X-Inaktivierung ebenso wie von einem Gesicht an meiner Wange im Sommer. Ich stehe auf Kreuzungen, an denen ich viel zu lange nicht war, träume von Grundtönen, träume mich zu einer Zeit, wo die momentanen Umstände ein Präteritum sind. Die 33 wird wohl trotzdem flachfallen. Super.
Irgendwann muss ich wohl doch lieber zum Arzt. Da meine Symptome auch Symptome sein könnten, komme ich weder in die Praxis meines Hausarztes noch bekomme ich einen Termin für die spezielle Sprechstunde. Die Leitungen sind überlastet. Nach zwei Tagen gebe ich auf und lege mich lieber ins Bett und schlafe. Alle Selbsttests bleiben negativ. Fiebernd schlafe ich voran. No need to laugh and cry.

Zurück zum Du.

Tristan Brusch - Fisch (Piano Version)

Die Rinnsäler, geronnen zu Flüssen in Tälern, stärker oder schwächer mäandernd. Da findet sich der Unterschied zwischen dem Behäbigen und dem Treibenden. Fahrt aufnehmen bis die Auen kommen. Vielleicht überträgt sich das Gegenteil dessen genau deshalb auf dich: Rastlosigkeit. Und da bist trotzdem du: am behäbigen Fluss.

In den Elbwiesen sitzen, müde beinahe verlorengehen, mitten im Zentrum. Ganz genau zuhören: Stadt und Atmen, das Poltern der schweren Gefährte, Stahl und Sandstein und der flaue Wind, der durch die Gräser fährt.

Bedřich Smetana - Má Vlast (My Country): II Vltava (The Moldau) as performed by James Levine & Vienna Philharmonics

How can anything be any thing at all? Wie kann ein Leben aus der Bahn geworfen werden, wenn es nie in geregelten Bahnen verlief? Seit Jahren geistern altmodisch klingende Namen durch deinen Kopf, du schreibst an einem mindestens ebenso lange. Du siehst die Figur hinter dem Namen in Fragmenten, du findest, dass das ein ziemlich gutes Format ist, das zur Zeit passt. Im Blick zurück entstehen die Dinge oder wie auch immer Tocotronic es meinten. Ein Überlegen, wie du diesem Charakter gerecht werden kannst, ob das bei den anderen Schreibenden auch so auf einmal kommt, ob sie gehen, ob sie bei ihnen bleiben oder wie viel davon sie selbst sind? Was hast du diese Frage immer gehasst. Wie viel bist du denn in Charakter X? Was von dieser Geschichte hast du denn selbst erlebt?

Du liebst es, wenn man nicht ganz genau weiß, was oder wen du beschreibst. Wie es irritiert, dass du hier viel zu oft du schreibst, aber ich, du, ihn oder sie meinen könntest. Wie du es spannend findest, etwas durch deine Augen, deinen Filter gesehen zu beschreiben und wie sehr es ansprechen kann, wenn du keine zusätzliche Trennschicht aufbaust. Wie das alles schon seine Richtigkeit hat, mindestens aber an mancher Stelle ein Augenzwinkern.

Katie Melua - Wonderful World // Day Wave - Potions

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

April 2, 2021Keine Kommentare

210402

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"Irgendwann" wird gestrichen. Es wird ersetzt mit "in sechs Wochen". Was braucht es noch?

Jungle - Keep Moving

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Bibliographie:

Glynn, J. (2012). Remembering my sister Rosalind Franklin. The Lancet379(9821), 1094–1095. 10.1016/S0140-6736(12)60452-8
Harari, Y. N. (2021, February 26). Yuval Noah Harari: Lessons From A Year Of Covid. Financial Times. https://www.ft.com/content/f1b30f2c-84aa-4595-84f2-7816796d6841
Harris, J. (2021, February 26). How Justin Timberlake Escaped #NippleGate. YouTube. https://youtu.be/jUTdeKJ4r-M
Miller, A. J. (2021). 302 - The 5 Creative Languages - How to Find Yours and Supercharge Your Arthttps://itunes.apple.com/podcast/id929743897
Schmidt, B. (2020). Eigenverantwortung haben immer die anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. In U. Wiesing (Ed.), Ethik in der Medizin. Ein Studienbuch (5th, revised and updated ed., pp. 558–560). Reclams Universal-Bibliothek.
Tempest, K. (2016). The Bricks That Built The Houses. Bloomsbury Publishing Plc.
The Guardian. (2021). Is this the worst year ever for the UK music industry?https://itunes.apple.com/podcast/id1440133626

März 26, 2021Keine Kommentare

210326

13

Du kannst manchem beim Zerfasern zusehen, scheinbar ist das leichter als du es erwartet hattest. Nicht das Zusehen ist leichter, das Zerfasern vielmehr. 
Ein Jahr also. Dringlichkeiten, Befindlichkeiten, Heimseligkeiten, Eitelkeiten der letzten zwölf Monate; du willst sie weder alle aufschlüsseln, noch so richtig Revue passieren lassen. Eventuell beginnt bereits das kollektive Vergessen, Verdrängen. Wieder irgendein Jahrhundertereignis für die Jahrhundert-, Jahrtausendliste. 
Auch du willst dich nachts wieder an Wärme schmiegen können, siehst stattdessen Geburtstage ziehen und wirst selbst liegengelassen. Das kennst du schon, alles davon. Du kannst eh nichts dran ändern, vor allem aber nichts an den neuen Leiden des jungen Jahrzehnts.

IST IST - Drowning In The Shallow End


Du willst ans Meer, du willst in Steinbruchseen schauen, deine Schwester umarmen, den optimistischen Blick in die Zukunft manifestiert als BahnCard 2021 nutzen können. Du willst in die Berge, du hattest die ganze Zeit deine Ruhe, aber du willst andere Ruhe, ruhigen Trubel, oder mindestens Bodensee und Alpen und Föhn bei orangenem Sonnenuntergang. Aufsaugen, alles davon, abspeichern in den Filmen hinter deinen Augen, an einigen Stellen auf tatsächlichem Film. Du willst Menschen in echt sagen können, dass es schön ist, dass sie da sind, nicht nur wenn es urkundlich festgelegte Tage zum Feiern gibt. Es geht um die Möglichkeit.
Je mehr du eben in dieser Ruhe bist, desto mehr merkst du wie sehr du Menschen im Allgemeinen liebst, auch wenn sie sich gen Herbst und Frühling in Berlin gelegentlich aufführen wie Schwarze Witwen.

Still Corners - White Sands / Kraków Loves Adana - I Could Be Happy

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

März 22, 2021Keine Kommentare

AWIS 001

all weather is process 001

Ich habe im Kopf oft ein fertiges Bild davon, wie etwas, an dem ich zeichne, zu sein hat und bin dann frustriert, wenn es nicht sofort so aussieht. Mit Hilfe eines guten Freundes habe ich mir einen Guide verpasst um dem (und dem daraus resultierenden Impostor Syndrome) entgegenzuwirken. Auch werden hier in (un-)regelmäßigen Abständen endlich kleine Einblicke in meine Skizzenbücher, wie oben, kommen, was nicht nur zu Schritt 7, dem "Loslassen können", beitragen soll sondern auch zu einem größeren Verständnis für meinen künstlerischen Prozess und den Humor, der auch darin zu finden ist.

Mir ist bewusst, dass dieser Prozess bei allen künstlerisch Tätigen anders aussieht, die einen (gefühlt) geborene da Vincis oder Rembrandts sind, bei den Meisten aber einfach sehr viele Zwischenschritte dazugehören. Während ich mir beim Schreiben und Fotografieren all die oben beschriebenen Stufen schon längst erarbeitet habe und es für mich oft nichts ist, was ich krass finde, geht es mir beim Illustrieren und Animieren mit dem Veröffentlichen doch zu oft noch ein wenig anders.
In den letzten Jahren gab es sehr viele Momente in denen Fremde / Freunde / Bekannte in meinen Skizzenbüchern blättern wollten, um mehr Einblicke gebeten haben oder schlichtweg das Buch, in dem ich gerade arbeite, aus meiner Hand gerissen und durchgeblättert haben (PSA: macht das niemals ungefragt, bei mir ist es das Privateste, das es gibt). Auf YouTube gibt es Skizzenbuch-Reveal-Videos, andere füttern alles auf Instagram, andere wiederum zeigen nichts davon und bevorzugen es das finale "Produkt" vorzuweisen.

Seit ich mich ausdrücke(n kann), springe ich während der Arbeit selbst oft zwischen verschiedensten Themen hin und her. Gelegentlich zirkle ich tatsächlich in Ringform zwischen mehreren Themen. Wenn ich Glück habe und mich wenigstens ein bisschen konzentrieren kann, sind es Unterthemen oder zumindest verschiedene Aspekte des Gesamtthemas. Wenn ich Pech habe, ist es so, als hätte ich 10 Browserfenster mit je circa 50 Tabs mit YouTube Videos auf voller Lautstärke offen und muss kleinste Teile eben dieser Informationen auf Papier unterbringen oder schaffe gar nichts, weil es immer etwas gibt, das interessanter ist als das, was ich gerade bearbeite. Oder ich lese etwas zu einem Thema, das mich nicht so interessiert, wie es das in dem Moment tun sollte, und starre am Ende nur noch auf die weiße Seite hinter den Worten und der Druckerschwärze, bis ich mich wieder gefangen habe. Im besten Fall aber bin ich auf das Thema und die Aufgabenstellung vor mir konzentriert, sodass ich sehr fokussiert und dann auch sehr schnell arbeiten kann.
Für mich ist das normal und ich kenne es nicht anders: ich bin schnell gelangweilt und profitiere insofern von meinen vielseitigen Interessen, Vorlieben und Ausdrucksformen. Man könnte auch sagen, ich kann mein Gehirn produktiv austricksen. An guten, den meisten Tagen.
Mehr oder weniger stark und abhängig von meiner Tagesform erkennt man das auch in meinen Skizzenbüchern. Seit 2014 fülle ich in Regelmäßigkeit unlinierte Moleskine XL Softcover Bücher (Nachfrage dazu kommt oft). Darüber hinaus verlasse ich das Haus grundsätzlich nicht ohne einen Reporterblock oder zumindest ein A6 Heft und zwei Stifte, um schnell etwas notieren oder skizzieren zu können. Seiten daraus finden dann wiederum ihren Weg in die großen Bücher, nebst Stoffsammlungen, täglichen Tagesschau Themen (sonst findet man in ihnen überhaupt keine zeitliche Einordnung) und Arbeitsprozessen.
Mittlerweile bin ich bei Skizzenbuch No XXIX angekommen, fülle zuverlässig und vollständig eines alle drei Monate. Es sei denn, ich brauche dringend einen Neuanfang - in solchen Fällen bleiben gern 30 Seiten frei. Dafür kann ich dann unbelastet neu anfangen.

Warum also all das hier? Warum darüber schreiben, wie man seine eigene künstlerische Praxis versteht, wie man sie auslebt? Weil es keine falsche Form davon gibt, und weil es fahrlässig sich selbst gegenüber ist, sich mit anderen Kreativen und deren Endergebnissen zu vergleichen, wenn man noch nicht einmal begonnen oder etwas beendet hat. Weil es momentan in meinem Leben einige Bereiche gibt, wo ich merke, dass es mir geholfen hätte, Informationen, die einigermaßen auf ein multidisziplinäres Arbeiten zugeschnitten sind, zu finden. Und auch, weil ich glaube, dass es anderen vielseitigen Kreativen ebenso helfen kann, Herausforderungen und Erfolgserlebnisse gleichwertig abgebildet zu sehen.
Zum Beispiel tue ich mich schwer damit, mich in eine Box zu packen oder mich mit einem eineindeutigen Label zu versehen. Bin ich jetzt "nur" medizinische Illustratorin, bin ich "nur" Künstlerin, bin ich doch auch Fotografin und Schriftstellerin, bin ich "Jackie of all Trades", muss ich "nur" eins sein?

Wie viele und wie tiefe Blicke ich in meinen Arbeitsprozess geben werde, weiß ich noch nicht ganz genau, nur bemerke ich auf jeden Fall seit einiger Zeit schon eins: es kann sehr befreiend sein, loslassen zu können.

GAPS - As It Is

März 19, 2021Keine Kommentare

210319

12

Mitten in der Nacht kommt dann die Ruhe mit Klarheit im Schlepptau. Du kannst das dann fassen, ordentlich auflisten. Oder gut finden, zwei Uhr am Morgen das Badezimmer zur Hälfte zu streichen. Das Skizzenbuch füllt sich, all die kleinen Teile darin formen langsam ein Mosaik, das sich ähnlich erweitert wie Amöben sich fortbewegen.
Du siehst, wie sich die Farben auf der Deutschlandkarte ändern - als würdest du eher Zugvögeln folgen als die Reise eines Virus nachzuvollziehen.

1000 Robota - Mein Regen / Balthazar - Linger On

März 12, 2021Keine Kommentare

210312

11

Ist es durchsichtig genug? Kannst du deinen Finger dorthin legen, wo es nicht schmerzt? Weißt du, wo es nicht schmerzt? Kannst du abgrenzen, was Wunde und was Narbe ist? Weißt du um die Transparenz der Dinge? Weißt du um ihr Andenken? Warst du an den Orten, an denen du deinen Tribut zollen konntest?

Was genau hast du im letzten Jahr gelernt? Hast du dich berühren, anfassen lassen? Hast du die Änderungen der Jahreszeiten an deiner Augenfarbe erkennen können? Schaust du in und an den gleichen Orten nach unterschiedlichen Dingen? Suchst du am Ende überall nach dieser einen Sache? Erwartest du, dass die dritte gleiche Frage eine andere Antwort bringen wird?

Wie oft wolltest du? Bist du hin- und hergefahren mit deinen Gedanken, bist du vor deinem inneren Auge auf die Fresse geflogen? Hast du einen Abdruck hinterlassen? Bist du eine Person, die chronisch metaphorische Türen offen lässt?

Machst du mehr mit weniger oder nur mit dir allein, weißt du, was du willst? Was und wer du sein willst? Nun, hast du jemals geantwortet?

Kings of Leon - When You See Yourself, Are You Far Away

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Kodak UltraMax 400

März 5, 2021Keine Kommentare

210305

10

Du bist wie ein Schwamm, der so viel Zeit in sich aufsaugt, dass sie aus ihm wieder ausläuft. Nutze sie einfach mal.

Wir sind Helden - Wenn es passiert

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Februar 26, 2021Keine Kommentare

210226

9

Was ist das "anständige" Leben? Ist es stet und in festen Strukturen, ist es das ominöse "9 to 5"? Ist das automatisch das "gute" Leben? Kennst du deinen Biorhythmus? Hast du dich in der Komfortzone zu wohl gefühlt? Weißt du, wie du dir deinen optimalen Arbeitstag gestalten würdest? Warum hast du deine Ambitionen immer herunterskaliert?

Francis International Airport - Bug

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

Februar 19, 2021Keine Kommentare

210219

8

Du liest dich an die Leben mittlerweile verstorbener Musiker heran, sowie an ihre 100 Lieblingsbücher: unter Anderem mit deinen persönlichen Lieblingen, Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. und Silence: Lectures and Writings von John Cage. Sie selbst und Weggefährt:innen erzählen über sie, du liest über ihre Sexsucht, nickst und denkst so what; Frau S. erzählst du von diesem beschriebenen Berlin-Gefühl, das du selbst von dieser Stadt und in der Intensität von deiner Zeit in London kennst. I never felt freer than I did in Berlin. Romantisiert, idealisiert, wie alles Gute im Rückblick. Frau S. sagt, du könntest ihn vielleicht als Vorbild sehen, du nickst wieder und sagst bestimmt, denkst dir dabei in Teilen. Sich mit sich versöhnen, immer wieder von Neuem. Irgendwann glaubst du selbst an das Alter, das sich aus deinem Reisepass lesen lässt, irgendwann, noch nicht jetzt. Auch, wenn deine Rastlosigkeit nur selten Ruhe weichen will.
Wenigstens ist da der alte Postcode über deinem linken Handgelenk.

Auf dem Eis des Landwehrkanals, unter der Brücke, die du vor Witterungsbedingungen fast selbst in Richtung Kanal geschlittert bist, steht ein komplett in schwarz gekleideter Mann. Ein anderer schaut vom Fußweg her die auf die Befestigungsmauer montierte gelb lackierte Leiter hinab auf ihn. Der auf dem zugefrorenen Kanal Stehende kickt seine rechte Hacke minutenlang wiederholt mit voller Kraft ins Eis. Als würde er von einem sicheren Punkt aus nur testen, wie dick die Oberfläche ist, ob sie ihn auch wirklich trägt und ob sie ihn aushält. Der Mann, der herunterschaut, und du wechseln Blicke. In der Nähe ein Rettungsring, aus der Ferne kannst du das Martinshorn hören. Es passiert nichts, der Wind geht, die Fußgängerampel springt auf grün.
Fünfzehn Minuten später kommst du wieder an dem Mann auf dem Eis vorbei, er schleudert noch immer seine Hacke in den Untergrund, nur steht er dieses Mal mitten auf dem Kanal. Nichts passiert, kein wahrnehmbares lautes Knacken. Du gehst weiter. Der Mann auf dem Eis lacht laut vor sich hin.

Sehnsucht wie ein plötzlicher, unvermittelter Regenschauer im Hochsommer, nur, dass es dieses Mal selbst das Glatteis schmelzen lässt. Nie wieder als selbstverständlich annehmen, was dich umgibt. Nie wieder vergessen, wie wichtig ist, was dich umgibt. Wenn du dich wieder so bewegen kannst wie vor zwei Jahren, wenn du reisen darfst, wann du willst und ohne die jetzigen momentanen Einschränkungen, wenn du dem Leben wieder dabei zuhören darfst, wie es vor sich hinrauscht. Das Besondere in Allem sehen können, erneut das Sehen und Hören lernen. Aktiv sehen, aktiv hören, über Tinnitus und deinen Atem hinweg.

Vielleicht muss man auch erst lernen, gesehen und gespiegelt zu werden, sagt Frau S., ja, vielleicht ist es wirklich auch das. An der Wand vor dir hängen Zitate, die einen erinnern dich, die anderen spenden Trost. Auch wenn so manche nicht vor sich und von sich selbst wegkönnen, es ist alles gut. Du schaust auf das Foto deiner Tante I. und auf die sechs Jahre alte Todesanzeige, die in den Bilderrahmen geklemmt ist. Bodensee, Föhn und die allsommerlich wieder auftauchenden und verschwindenden Berge im Süden. Der Geruch von Wald zum Geräusch der sich auf Kieselsteinen brechenden Wellen und sie, wie sie den aufkommenden Sturm im Wasser sieht. Zum Erinnern gehört das Vergessen, und manche Erinnerungen machen wir mit dem Erinnern größer als sie waren. Oh, all die Orte, an denen du bist und in denen du größer wirst, all die Orte, an und in denen du kleiner geworden bist. Die Frau, die dir beigebracht hat, wie wichtig es ist, ohne Vorbehalte liebevoll und gebend sein zu können, lächelt beruhigend und mit geschlossenen Augen in dein Heute. Ein Erinnern und Vergessen wie Kein Ort. Nirgends von Christa Wolf. Ach Christa.

Und dann verbrennt dir das Rotkraut in der Mikrowelle. Möglicherweise hast du aber auch nur an Kirchenmodi und die Arteria inferior posterior cerebelli gedacht und mal wieder die Zeit vergessen.

Paul McCartney - Every Night // Iggy Pop - Loves Missing

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fuji Pro400H

Bibliographie:

Barber, S. J., & Mather, M. (2012). Forgetting in context: The effects of age, emotion, and social factors on retrieval-induced forgetting. Mem Cogn40(6), 874–888. https://doi.org/10.3758/s13421-012-0202-8
Deutsches Hygiene-Museum Dresden. (2021, February 8). Corona Und Ethik: Wer Wird Behandelt Und Wer Nicht? YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=RM4yvcGGmYY
hooks, bell. (2005). The Will to Change: Men, Masculinity, and Love. Washington Square Press.
iHeartRadio. (2021). Chapter One: David Jones (1947–1962). iHeartRadio. https://itunes.apple.com/podcast/id1548212425
Jones, D. (2018). David Bowie: A Life. Windmill Books.
Jones, O. (2021). 12. James O’Brien on disillusionment with Keir Starmer, Brexit, Jeremy Corbyn and Andrew Neilhttps://itunes.apple.com/podcast/id1550331378
Mbowe, K. (2020, October 16). Why do all these influencers have the same face? YouTube. https://youtu.be/eYQcCZ5kHDs
struthless. (2021, February 11). Advice For Serial Procrastinators: The 2 Minute Rule. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=qkspxO8cOxI

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