September 17, 2021Keine Kommentare

210917

37

Sich an die Wand spielen bis es nicht mehr geht, darüber denkst du ziemlich oft nach. Du könntest schreiben auch mit einem anderen Ausdruck deiner Wahl ersetzen, darum geht es nicht. Hast zu oft Zitate gelesen, die du Jahre später aus heiterem Himmel wieder erinnerst und erst dann einschätzen kannst.
Du stehst mit K in einem Buchladen einer gefühlt kleinen Stadt, draußen Sonnenuntergang, musst beinahe sagen, dass es viel zu schön ist. Ihr geht die Buchrücken vor euren Augen durch, du siehst ein paar, ziehst den Schluss, dass es die eine oder andere schreibende Person im Regal stehend gibt, die die gleichen Konflikte immer und immer wieder beschreibt. K erwähnt, dass das die meisten machen; sie hat recht, irgendwie machst du das auch, macht exakt das jede Person. Bis es gut ist. Als würdest du einen Film sehen, in dem Matroshka um Matroshka auftaucht. Whack-a-Mole, nur krasser.
Du stellst dir fast jeden Tag eine Frage, verpackt als „wirf eine Münze“; deine aus der Antwort kommende Freude, Gleichgültigkeit oder Enttäuschung zeigt dir, wie sehr du eine gewisse Antwort mehr schätzt. Bis es gut ist. Eventuell ist es gut. War es schon immer, mindestens im Grund der Dinge. Du denkst an deine früheren Städte, da fiel wirklich sehr viel sehr gut an seinen Platz, trotz allem.

Nach dem Gang vor die Hunde.

Ruhe, dann, das Nachhaken, als hätte niemand von uns so richtig gewusst wie das geht. Hier einer, der tanzt: im Hintergrund Jazz, oder so ähnlich. Die Zwanziger, dann Dreißiger, im Theatereingang eine übrig gelassene leere Flasche. ICE, S-Bahn-Bogen, ein Mann ohne Obdach in einer Schneise aus Backstein.
Uringeruch peitscht durch die Nase. Gelegentlich sind 0,1µm zu wenig.

Das Grün hinter dem Haus der Eltern, du erinnerst? Diese Art der Stille, glaubst du, genau diese. Die Schächte und Bahnhöfe könnten die gleichen sein. Und manche Menschen ebenso, ja, so wie Schmirgelpapier nach außen und doch ganz viel Blut im Inneren; wie ich. Wie du.
Wie beschäftigt alles sein kann, wieder dieses viel zu laute Zerren auf Schienen. War das so, wie du es dir vorgestellt hast? Klingt es so, wie du dachtest, dass U-Bahnen klingen?
Ist es so wie an der engen, der furchtbaren Kurve an der Zwinglistraße? Stockt es gelegentlich noch so?
Der eine fährt in der beklebten Dunkelheit seinen eigenen Film, die andere schreit ins Telefon um verstanden zu werden, wenn schreiben einfacher wäre. Wieder ein anderer durchsucht die Stadt nach Kleinanzeigen.
Holz, nicht dunkel, VEB Deutsche Werkstätten Hellerau, gut erhalten. Die Ruhe, wenn etwas vorbei ist und das ohrenbetäubende Ziehen und Klirren der viel zu alten Neonröhren. In der Maske hängt ein paar Meter weiter fest, wie es nach Bratfett oder schlecht gedrehten Zigaretten gerochen hat.

Es will einfach nicht aus dem Kopf heraus. Verdammt nochmal, Erich. Du bist diese Sehnsucht nach deiner Geburtsstadt nicht mehr gewohnt.

Victor Solf - I Don‘t Fit

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

September 11, 2021Keine Kommentare

210911

36

Ein Spätnachmittag, du bist in Begleitung deiner Mutter und Großmutter in der Gegend um das Familienhaus unterwegs. Ihr holt den Familienhund ab, der schwankt ein wenig, hatte zur Beruhigung etwas vom Hundesalon ins Leckerli gemischt bekommen, sonst hätte man ihm das Fell nicht scheren können. Ein schon immer zutiefst verängstigtes Tier, und aggressiv wenn verängstigt. Das kam alles durch Misshandlung der Vorbesitzer. Er beißt in jeden Staubsauger, hat Angst vor allen lauten Geräuschen, kann nicht gut mit anderen Hunden, ist ruhig um Mitglieder der Familie herum, legt sich über Jahre hinweg ruhig und um dich zu beruhigen an deine Füße, wenn du alleine leise vor dich hinweinst. 
Er war noch jung als er zu euch kam. Aus irgendeinem Grund nanntet ihr den Hund Bobby, er bestand wirklich nur aus Fell. Als ihr ihn zu euch gebracht habt, kotzte er das gesamte Auto inklusive Familienmitglied voll. Die Züchter hatten ihn Andy genannt; wie kann man einen Hund Andy nennen dachtest du dir immer.
Der Hund kippt beim Markieren seines Gebiets immer wieder auf dem unbefestigten Weg um, ihr lacht, etwas hilflos. Ihr richtet ihn wieder auf und geht fast im Schneckentempo den leichten Hang zu eurem Haus hinauf. Wie passend, die Häuser liegen in der Form eines Schneckenhauses angeordnet in einem Neubaugebiet. 
Es regnet, die Tropfen prasseln auf deinen Regenschirm, Bobby riecht nach Hundeshampoo, das du olfaktorisch kaum ertragen kannst. Dir ist schlecht. Du bist dreizehn Jahre alt und freust dich darauf, dass du nicht in der Schule sitzen musst und stattdessen gleich wieder das im gleichen Jahr erschienene Daft Punk Album hören kannst.

Du trittst durch die Haustür, hörst entfernt den Fernseher. Deine Mutter und du gehen ins Wohnzimmer, deine Schwester und dein Vater sitzen im Raum. Die Stimmung ist komisch. Ihr schaut alle auf den Bildschirm. Du siehst, wie ein Flugzeug ins WTC fliegt, einer der Türme brennt schon. Ein paar Minuten später eine Schaltung nach Arlington. Danach siehst du beim Kollaps zu. Es regnet weiter. Das Geräusch von Regen hat dich schon immer beruhigt, auch jetzt hörst du mehr auf dessen Prasseln auf die Überdachung der Terrasse. Du erinnerst nichts weiter von dem Tag außer dein ungläubiges Kopfschütteln.
Das alles war etwas, das du dir nicht hättest vorstellen können. Du erinnerst Gespräche Tage danach mit Mitschülern und Mitschülerinnen deiner Jahrgangsstufe, du erinnerst, wie du im Vorraum der Schule standest. Schulgebäude in H-Form, Durchgang, es riecht nach Herbst. Als würde etwas vor deinen Augen gären.

Ripple-Effekte. Das Banale überlagert in deiner Erinnerung Weltereignisse. Es kann sogar sein, dass deine Schwester gar nicht vor dem Fernseher saß und es nur dein Vater war.
Nichts ist wie es einmal war. Ab diesem Zeitpunkt wird in deiner Erinnerung Krieg live übertragen. Du erinnerst Nachtaufnahmen von den Attacken auf Baghdad.

2012 stehst du am WTC Memorial, du bist den Tag zuvor vierundzwanzig geworden und genießt die Stadt. Dieses merkwürdige Gefühl, diese Stadt mit Loch, der Kloß im Hals. Du bekommst auch da die Bilder von dem Spätnachmittag fast elf Jahre zuvor nicht zusammen mit dem Bild und Leben direkt vor deinen Augen.
Auch heute liebst du Regen, gehst am liebsten genau dann spazieren.

Placebo - Twenty Years

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

September 8, 2021Keine Kommentare

210908

35

Vielleicht ist es deshalb so wichtig die Worte abzufeilen bis nur noch die tragenden Elemente übriggeblieben sind. Mehr Substanz, mehr Authentizität; und dann siehst du dabei zu, wie Filter deine Haut weichzeichnen und dein Dentin fliesenweiß machen wollen. Sollen. Nein. Nein danke. Das hat nichts mit dir zu tun, du gibst nicht vor zu sein: du bist.

Starrst du noch auf die Bögen, die du schlägst, bist du dir der Wellen und Teilchen bewusst? Das Fischen nach einem roten Faden vor lauter Gleichzeitigkeit. Auf einmal wieder dieser fast unstillbare Drang danach nach Hause gehen zu wollen. Sehnsucht, das hochgeschätzte, arg verfluchte Gefühl.

Eventuell liegt es daran: also dieses "sich nicht trauen". Diese Unterstellung dir selbst gegenüber, dass es nichts gäbe, das du erzählen könntest. Es kann eher sein, dass du dich noch nicht gewagt hast, die Geschichten in dir zu sortieren, zu verorten. Alle haben etwas zu erzählen, sei es "nur" ihre Geschichte. Kollidiert sie mit der Vorstellung eines ordentlichen Lebens? Überhaupt, was ist das? Wie viel Schneid gehört dazu zu erzählen, was du in dir trägst? Mit welchen Ausreden redest du dir das, dein, dieses Leben klein? Wie sehr bist du davon überzeugt, dass in deinem Alltag, deinem Leben nichts passiert? Ist es immer das Extravagante, sind es die Abenteuer, die du mit denen von Anderen, Fremden abgleichst? Welchen Maßstab legst du dabei tatsächlich an?
Dich interessiert umso mehr, was in den Momenten geschieht, die sonst keine Person sieht. Wie lange starrst du das Licht nach dem Aufwachen an, wie dehnst du dich, was musst du ganz dringend tun? Wie lange sitzt du schweigend neben deinen Freunden, oder mit dir? Oder hast du all das verlernt wertzuschätzen?

Da war dann dieser eine Text von vor Jahren. Hast geendet mit dem Schneider von Ulm, dir ein richtiges Hinlesen gewünscht, ein Wissen um die Bedeutung. Aber auch dieses Hinlesen will gelernt sein. Ähnlich ist es da mit dem, nach dem du strebst, was dich antreibt: Ausdruck. Eine, deine Form, eine voller Liebe und Wissen. Ein Berühren, ein tiefes in die Seele sehen. Alle wollen gesehen werden, so sehr, dass es im Inneren überschwappt. Du genauso. Wie unangenehm sich das allerdings erstmal anfühlt, wenn es unerwartet passiert, hat dir niemand gesagt. Das erfährst du für dich, wirst es erst so richtig genießen können, wenn du mal die Angst davor beiseite schiebst.

The Chemical Brothers - The Darkness That You Fear // Dead or Alive - You Spin Me Round (Like A Record)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

September 4, 2021Keine Kommentare

210904

34

J sagte vor einem Jahr, es reicht, etwas Kleines zu verändern um die gesamte Stimmung angenehmer, wohnlicher zu machen. Also hängst und arbeitest du seit einem Jahr. Fragst nicht um Hilfe bei Dingen, die nur deinen Wohnraum betreffen, denn am Ende hast in deinem Kopf nur du etwas davon. Dass du dich im Haushalt noch nicht schwer verletzt hast, grenzt an Wunder. Du lachst darüber.

Drei deiner Haare hängen noch an einem der Gelbsticker fest, die du in Pflanzenerde stecken sollst. Die, die man nutzt um diese kleinen Fliegen zu fangen, derer sich sonst die eine Spinne, die pro Zimmer zugelassen ist, habhaft machen würde.
Überhaupt, sich jemandes oder etwas habhaft machen. Als könnte da jemand einfach einen, ihren, seinen, deinen Namen an eine andere Person kleben und als wäre diese dann eine, ihre, seine, deine Person.

Eventuell hat man mit dir nichts anderes getan, hat dir einen Namen gegeben, dessen du habhaft werden solltest. Einen, dessen Klang deines Körpers habhaft wurde. So sehr, dass dieser mit dir gleichzusetzen ist. Was für ein absurdes Konstrukt: einen Körper zu haben und gleichzeitig einer zu sein. Einen Namen haben, für andere ein Name sein.

Leben, aber mit Reverb.

GoGo Penguin - Murmuration // Flavien Berger - microsono

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

September 2, 2021Keine Kommentare

210902

33

Wie du früher einfach nur schwingen konntest in Buchstabenform, wie du es mit dir ausgemacht hast, wohin du gehen willst. Wie du für dich jetzt merkst: verdammt, alles davon ist greifbar, war es immer. Gelegentlich lohnt es sich, für sich selbst genauer hinzusehen. An manchen Tagen lohnt es sich nicht alles in sich zu genau zu betrachten. Alle wollen den Schmetterling, keiner die Raupe.

Dein Kopf eine Petersburger Hängung. Das wäre dann dein ausgelagertes Gehirn, eins in Papierform, durch das man sich arbeiten kann, wenn die Muße es zulässt.

Sind deine Gedanken mal ruhig, wollen sie nicht irgendwann auch mal etwas Neues entdecken, lernen, erfassen?
Wie ist es mit der Dünnhäutigkeit? Besucht dich von Zeit zu Zeit noch dieser oder jene kränkende Umstand? Kannst du auch in zehn Kilometer Entfernung den Unterschied zwischen Selbstironie und Self-Depreciation riechen? Hast du gelernt, dass der Raum, den du einnimmst, nur von dir so eingenommen werden kann? Weißt du um die Verletzlichkeit in allen und allem drin? Macht dich das weicher oder härter? Kapselst du ab, was dir unangenehm ist? Wie steht es um den Garten in dir? Um die Räume, in die nie jemand anderes gehen können wird?
Hättest du das früher als Anlass zur Panik gesehen? Ist dieser jetzt dem Wunsch gewichen, das alles nach außen zu tragen?

Aber wie lernst du dann das Vergessen? Wie lernst du das Aufhören? Wie tief sinkst du in deinen Morast ein, wenn du zulässt, dass er dich umkippen lässt wie einen See? Hast du dann doch lieber all den Staub in dir weggekärchert, die letzten dich drangsalierenden Splitter abgeschliffen, natürlich nur mit dem feinen, nicht dem groben Sandpapier? Kannst du denn jemals so richtig, so wirklich, so nachhaltig vergessen, oder gerät das alles nur in einen Hintergrund? Einen, den du im besten Fall gut bewältigen und im schlechtesten nicht aushalten kannst? Wer bringt dir all das bei, wenn nicht jede einzelne Begegnung, der du dich am Ende doch stellst?

Am Ende kannst du noch so viel planen, noch so viel kontrollieren wollen, perfektionieren wollen, beherrschen wollen - es fehlt das wichtigste Element, dein Zufall.

Auf einmal ist die Stadt. Und wütet (so) laut, schreit fast.

The Düsseldorf Düsterboys - Teneriffa // Robert Parker - Sweet Nothings

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

August 17, 2021Keine Kommentare

210817

Licht eines Sonnenuntergangs spiegelt sich in der inneren Wand des U-Bahnhofs Gleisdreick in Berlin.

32

Die einen reden von Kintsugi, du musst dir das bildlich vorstellen, als hätte da jemand Gold oder mindestens Goldfarbe in deine Schmisse und Risse gekippt. Als hätte dich jemand damit wieder zusammengeklebt.
Das Konzept der Sollbruchstellen; Verschleißteile und die fehlenden Ausbesserungsmöglichkeiten. Du verlierst mit jeder Teilung ein paar Stückchen deiner Telomere, gräbst dich ohne dein Zutun mehrfach im Leben um. Zugkraft, Trabekel, Knochen, Kanäle, du verstehst schon. Du hoffst es, du hoffst auf ein Messen deinerseits in Zellform.

Irgendwann hört das eine oder andere auf, du hast dieses fertige Bild, inklusive Atmosphäre und Gefühl direkt vor dir, kannst es fassen, siehst selbst den Staub durch das Licht fliegen. Du packst nacheinander die richtigen Schritte auf Papier. Braindump nennt sich das für dich, eine Art Herausbrechen deines Gehirns, keine richtige Halde, kein Abfall.

Hast du dich ertappt gefühlt? Wolltest du eigentlich etwas anderes sagen? Was sagst du, wenn dich andere Menschen versuchen zu lesen oder zu spiegeln? Rennst du weg? Stellst du dich dir? Kannst du dich selbst ohne das Erleben deinerselbst durch Menschen, die nicht du sind, fassen? Wo fängt dein Normal an, wo hört es auf?
Wie lang ist ein Jahr?

Home - Head First

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden

August 8, 2021Keine Kommentare

210808

31

Aber du hast so oft am liebsten nach oben gesehen. Irgendeine Formation muss da schon irgendwo zu sehen sein, Punkte, die sich verbinden lassen wie auf Haut, wie auf Papier, wie an Hauswänden. Da war auf einmal der Große Bär auf deinem Oberkörper, Brustkorb, Sternum, du weißt schon. Wer hat so wirklich hingeschaut?

Es ist irgendwie immer etwas zu finden, das es neu zu wissen gilt.

Nicht nur etwas anschauen sondern tatsächlich bemerken, was vor oder neben einem ist. Hinsehen, so richtig. Wiedergeben von Begebenheiten in Fragmenten, deine Lieblingsdisziplin. Sammelst scheinbares Trivia, das du in den Raum werfen kannst, wenn es dir angebracht scheint. Sternschnuppen, langgezogene, am Firmament. Irgendein Sitzen auf Holzbänken oder Bänken aus massivem Stein, sie strahlen noch die Wärme des vorhergegangenen Tages aus.

Es hätte dir gut gefallen können. 

Beginnen, wieder das erste Mal von irgendetwas. Als hättest du vergessen, als könntest du nicht überschreiben. Vielleicht würdest du generell bei einigem gern von vorn anfangen. Formationen, Pulsar. Pluto. So wirklich tote Punkte gibt es nicht, weder unter deinen Fingerspitzen, auf deinem Brustkorb, noch vor dir. Nicht nur das Gefühl, alles erneut und neu zu erleben, vielmehr der Wunsch danach. Wie viele Osteoklasten haben sich durch deine Knochen gearbeitet, wie viele Osteoblasten haben sie wieder aufgebaut?

Lass einfach so vieles und ein paar Menschen von Neuem kennenlernen.

Ora the Molecule - The Ball

Den Geruch von metallischem Staub hattest du lange nicht mehr in der Nase. Da war erst ein einsturzgefährdeter Kellerraum, oft unter Wasser oder nicht betretbar, weil dort unerwünscht. Später irgendeine Garage, dann irgendein leerstehendes Haus, dann bei manchen ein gut eingerichtetes Studio, vielmehr ein Teil Wohnraum.
Ein paar Jahre früher und Etagen weiter oben brüllt deine Musiklehrerin auf dich ein, weil du keine Geduld hast für die Tasten vor dir oder eher für das, was sie von dir hören will. Dich beruhigt all das schon, stellt dich emotional ein, aber eben nicht so sehr und unmittelbar wie Worte, von denen du denkst, dass du sie nicht so sehr erklären musst. Also hörst du auf auf Tasten zu starren. Nur was für ein Irrtum das mit dem Erklärenmüssen bleibt, egal in welchem Medium. Musik als für dich wichtiger Stimulus ohne Doppelbelegung. Arbeit mit Händen und Kopf, gelegentlich ist da noch ein Drang übrig. Du weißt, was du magst, warum du es magst, kannst das selbst aber nicht, du lässt Gefühle gern in dir auslösen und steuerst dich so, kuratierst, entscheidest, wie leicht du in deinen persönlichen mehrere Stunden andauernden Flow hineinkommen kannst. 
Das tatsächliche Machen überlässt du lieber denen, die gut darin sind oder sein wollen.

Jahrelang hast du stattdessen irgendwelche Interpretationen, Atemübungen, Chorfahrten mitgesehen und mitgemacht. Du fühlst dich meist viel zu laut. Konsequenterweise hältst du dir bei den Proben zuhause lieber Kissen vor den Mund, anstatt andere zu stören, und wählst Musik trotz Spaß und guter Note vorm Abi ab. Schließlich kannst du kein Instrument spielen. Du musst nicht in allem gut sein, nicht in allen Bereichen eine Jackie of All Trades. Das kann man sich heute auch öfter sagen. ii-V-I. Scheinbar priorisierst du anders.

LCD Soundsystem - All My Friends (Franz Ferdinand Version)

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

August 6, 2021Keine Kommentare

210806

30

Lange keine Nacht mehr mit Wetterleuchten, es bricht etwas auf wie angestaute Eisschollen auf einem Kanal. Es grummelt schon, obwohl vieles träge vor sich hin wiegt. Zumeist kommt zuerst der Regen. Im Hintergrund vermehrt Martinshorn. Be well, stranger. Heftigere Tropfen, am Anfang so, als könne da eine Wolke ihr Wasser nicht halten. Teppiche aus Wasser, die die Hauswände herunterkommen. 
Du liebst solche Nächte, die Luft ist danach anders, anders als nach normalem Regen. Durch die Ecken und offenen Fenster des Hauses zieht der Wind die Vorhänge mit sich. So langsam schließen sich die Fenster.
Blitze, du zählst die Sekunden. Das schlechteste Geschenk, das man seinen Lieben machen kann, ist einem Hoch oder Tief deren Namen zu geben; stell dir vor, du liebst zwar Sommerregen, aber statt nur zu regnen zerstört dein Namenstief ganze Landschaften. Auch deinen Namen gab es dabei bestimmt schonmal.

Zwei, drei, vielleicht auch vier Leben vergleichst du. Die Entwürfe, die sie hatten, von denen sie erzählten. Legst sie an ihr jetzt Gelebtes an, als wären es Baupläne auf Architektenpapier, das mal mehr, mal weniger auf das passt was du siehst.
Aber auch das gehört dazu, in allen Lebenslagen. Dich so wetterfest machen, dass selbst die stürmischste Nordsee nichts von dir abnagen kann. Sei wie die Halligen, trag dich immer wieder auf, wenn es sein muss. Lass dich auftragen, wenn du es selbst nicht kannst.

The Helio Sequence - Keep Your Eyes Ahead

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
(2007 abgelaufener gecrosster Fujichrome Provia 400F RHP III)

Juli 30, 2021Keine Kommentare

210730

29

Du sitzt auf einem vollgestellten Dachboden und starrst aus der Höhe der obersten Sprosse einer alten Leiter den abendlichen Augusthimmel an. Im Radio, das in der Ecke auf dem ovalen Esstisch aus hellem Holz, für den es seit Jahren keine Verwendung mehr gibt, steht, läuft Mensch von Herbert Grönemeyer. Ein paar Etagen tiefer riecht es nach Wasser, lief es ein paar Stunden zuvor noch in einem Strahl unter deinem Zimmer hindurch in einen anderen Raum. Radonfolie, denkst du dir auf einmal, ohne, dass sie damit so wirklich etwas zu tun hat.
Deine Großmutter feiert heute eigentlich ihren Geburtstag. Sie ist so alt wie die Queen, denkst du dir seit du eine Vorstellung von Jahrzehnten hast immer wieder. Normalerweise gibt es Kaffee den du nicht gern trinkst, weil er Landkaffee, von ihr Muckefuck genannt, ist, und Kuchen. Meist etwas selbstgemachtes oder irgendetwas mit Sahne, vielleicht sogar mit Erdbeeren aus dem Garten. Meist hast nicht du diese gepflückt. Nein, Erdbeeren waren es nicht, das wäre sonst die Zeit um deinen Tag, den Ende Mai.

Grönemeyer also. Tropfen, kein Strom, lieber. Das Wasser, wie es schon in deiner Schule im Keller stand, unter deinem Spind. Wie du nach Hause gekommen bist, erinnerst du nicht, irgendwann warst du einfach da, durch den Regen hindurch. Einfache Strecke, mit dem Bus, Überland, mindestens fünfundvierzig Minuten, meist eher eine Stunde. Auch erinnerst du dich nicht daran, was du getan hast. Du warst einfach. Hast du angepackt, hast du dein persönliches Chaos Wasser aufsaugen sehen, mindestens in der Vorstellung? Nein. Wobei: du weißt es nicht. Momentan ist richtig, momentan ist gut. Ah ja.
Der Nachbar von Gegenüber starrt dir fast direkt ins Gesicht, einen Vorhang gibt es nicht. Du sitzt weiter auf der obersten Sprosse, starrst nach draußen.
Dabei ist an sich nichts passiert, das denkst du. Ein Ausmaß erkennst du nicht. Trotzdem schoss das Wasser in großem Bogen und mit viel Geschwindigkeit den Asphalt entlang und auch durch deine Schuhe hindurch auf eure Ecke. Ihr wart nicht die einzigen, die komisch schauten. Ein Berg und eine Überflutung, angestautes Wasser. Deine Großmutter, die nur Omi, nicht Oma genannt werden wollte, spricht über die Gemäldegalerie Alte Meister. Du denkst an den Physikalischen Salon. Die Vasen sind dir leider herzlich egal. Du hast sie sowieso alle jedes Jahr im Sommer gesehen und sehen müssen. Plötzlich denken an die Stufen vom Schloss und den Fußweg von der Straßenbahn zur Fähre: zu oft gegangen, zu oft nicht wertgeschätzt.

Der absurde Gedanke an die Tage danach, deine Lehrer und Lehrerinnen werden später davon erzählen, wie sie von der Außenwelt abgeschnitten waren und das Wasser an ihren Häusern vorbeiziehen und in ihre Gärten und Geschosse fließen sahen. Du willst all das nicht erinnern, jahrelang. Keine Rückblicke, keine Familiengespräche über das, was da in diesem Sommer passiert war, was man im Fernsehen sah. Bei der alljährlichen Fahrradtour entlang der Elbe zeigt man dir noch das frühere Grundstück deiner Großtante, das in Stadt Wehlen auch komplett unter Wasser stand. Pirna, Wehlen, Rathen, wieder zurück nach Pirna. Man wird nicht über die Bilder von Weesenstein oder Dohna reden. Der Friedhof, den deine Großmutter regelmäßig besuchte, lag zum Glück relativ weit oben.
Jahre später wirst du, kurz vor Berlin, mit einer Exmatrikulationsbescheinigung in einem brauen DINA4-Umschlag in einer Straßenbahn sitzend über eine Hochwasser führende Elbe fahren, zurück in dein Zuhause, das ab 2011; Grönemeyer kriecht wieder deinen Rücken hoch. Wirbel für Wirbel steigt die Gänsehaut mit bis du dich nur noch schütteln kannst.

Dachboden, oberste Sprosse der Leiter, in die deine Hüfte immer gerade so hineingepasst hat nach der Pubertät. Das bleibt. Neuer Teppich, neue Tapete und ein paar Möbel später bist du wieder dort, wo du vor dem Tag warst, also Monate später, und du wirst nichts davon im Gedächtnis aufkochen lassen wollen. Dabei wart ihr nicht wirklich betroffen, eventuell waren es vor allem die Bilder, die du nicht mehr sehen wolltest. Und Mensch und dieses verdammte Eisbärenkostüm am Strand. Ich will nur dein Wort bleibt gelegentlich noch übrig, ebenso wie das Aufatmen deiner Großmutter wegen der Gemälde, der Kamelie und dem, was gut ging. Stufen am Schloss, seichtes Plätschern und die Sonne, die dir den Rücken durch deine Kleidung hindurch die Haut verbrennt. Wenigstens kein Regen, wie sehr du diesen sonst im Sommer auch liebst. Petrichor. Kein Schlamm.

Peggy Gou - I Go

Juli 11, 2021Keine Kommentare

210711

28

Du willst Gewitter, Wolken, ein Schmeißen von Elementen, Platzregen. Als könnte man seine Wut herausregnen, als wäre dein Lebenslauf kein Zick-Zack. Verlorene Zeit, verzögertes Starten.

Tag drei und du fühlst dich das erste Mal in sehr langer Zeit innerlich ruhig, ohne Rastlosigkeit wie sonst ausnahmslos immer.

The Whitest Boy Alive - Courage

Dev & Scan: Foto Labor Service Görner, Dresden
Film: Fotoimpex CHM 400

© 2021 Anke Grünow / Impressum & Datenschutz