Mai 25, 2020Keine Kommentare

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Dear Past Me,

you’re safe now. You’re not lonely, you have a lot of friends who love you as much or more than your family. You’ve built a life for yourself that allows you to grow and connect. You do have a long way to go with all you want to achieve and while you may think that you’re slow af in reaching your goals, let me assure you that you’re on track with all of them. Maybe just cut down a little bit on procrastination, as it can only help you in the long run.

Yes, you still laugh the way you used to laugh when you were little. Most things are still a lot more enjoyable to you when your family is around, only that you’ve changed what the term family means to you. Your nose still turns red when you cry and yes, you still don’t make a single sound whenever you do shed tears. It’s neither as frequent nor as painful as it must have been for you throughout the years. In fact, you barely have a reason to cry at all nowadays. You laugh full-heartedly, you like the way the sun feels on your skin, you like hugs. You even go for walks, on your own, without any appointments lingering on the other end of the walk. You thoroughly enjoy your company and that of others. I know how scared you used to be of others, trust me. You’ve also learned that we all get a little bit anxious or sad or angry sometimes and that it's better to take care of yourself then. Dancing it out, writing it down and having a good night's sleep before settling on negative thoughts is the way to go but try tidying your desk before doing all of this. You still like your creative mess as it helps you connect a lot of dots but starting with a clean slate (= desk) is also quite the nice thing. It also makes for better portraits and less stressful spontaneous visits from friends.
You still love drawing, office supplies / stationary, reading, libraries, buying more books than you have space for, listening to music and going to the cinema. You did have to quit playing the guitar and piano because of your tendons but you'll get to learn how to play again some time in the future, step by step, beyond your favorite chord. I'll make sure of it (I'll try getting you that guitar you always wanted to have, just bear with me).
A lot of healthy coping strategies have found their way into your life. You actually do keep up the sketchbook thing. You know, that thing you failed doing in your teens, this diary keeping? Just like you’re able to keep plants alive now, you stick to what you say you’ll be doing. Changing your mind doesn’t mean you’ve messed up, it means you’re learning. Growth can come in the weirdest forms, disguised as humans, books, music or experiences that don’t need any word at all. At times, you still avoid tough talks or tough love for the sake of (false) harmony. Learn from this and be and become even better, you know you can.

Trust me, you didn’t have to disappear, you never did. You can forgive yourself for all the things you felt you weren’t enough for. You felt left out the day you started going to kindergarten to the day you finally met your first proper set of friends in grade eleven. We all like being seen for all that we are and we are allowed to mourn for the memories we couldn't make when we were kids. It makes you who you are and you've turned out just fine not because of but despite your upbringing.
Some things take time and you’ve proven that you have patience beyond belief. You’ve survived the grief of a lot of people close to you dying, just like you’ve survived wanting to die yourself for a long time. I’m very glad you’ve stopped wanting this five years ago, by the way.
You've survived a lot of things others may not have, considering the amount of "a lot of things." There's a lot of strength in vulnerability and openness, it fuels your way of connecting with people but damn, do you love a good laugh in between heaviness. Generally speaking, you like laughing a lot.
You’ve crawled out of emotional shitholes and worked hard on your self, mental health and the way you perceive the world. It’s not a dangerous place to you anymore, you’d rather do your bit to change it for the better, document it, record its quirks and good sides, all while being aware of the work that needs to be done to make it a good one for all of us.

I look forward to what you’re going to achieve in the next thirty years, you badass.

With love and a big thank you for everything,

your 32-year-old Me

P.S.: You managed to pull the whole ugly-duckling-beautiful-swan thing off without YouTube make-up tutorials, so don’t you worry about a thing. And no, you don't have to go to school reunions if you don't feel like it.

IDLES - MR. MOTIVATOR

Mai 6, 2020Keine Kommentare

200506

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Seit Wochen drücke ich mich vor den meisten dieser Worte, scheue mich vor einem Teilen dieser. Habe zu Beginn zu oft Zahlen aufgeschrieben, mich über die Unbeschwertheit einiger gewundert, dann aufgeregt. Dann die Sorge. Dann - noch vor Plattentektonik I - ein Nachhaken bei vielen, ein „pass gut auf dich auf“ und der Wunsch, einander trotzdem sehr bald wiederzusehen, den ich nicht geäußert habe. Ich konnte es einfach nicht. Morgen, danach, sehr bald, endlich, jetzt kann nicht früh genug kommen, vor allem, weil ich nicht weiß, wann ein Morgen uneingeschränkt ist.

Es finden sich kleine Videoausschnitte der Stadt in meiner Mediathek, die wieder verworfen werden. Ich denke an Menschen, nur bringt ihnen das auch nicht viel. Stattdessen fange ich langsam an zu schreiben. Höre auf, weltweite Zahlen oder die meiner früheren Orte anzusehen, Lungen(-bläschen) zu zeichnen oder Nachrichten zu bingen als wäre es eine neue Staffel Bosch. Es geht nach oben, da sind ein paar Hügel, da sind kleine Tiefs, die ich gut regulieren kann. Früher hätte ich mich in ein Ohnmachtsgefühl geworfen, schlichtweg, weil ich es nicht anders kannte. Heute gestalte ich aktiv den Zugang zu mir, lasse das hinein, was mir gut tut und mich anregt und bleibe trotzdem informiert. Ich kann mich ob meiner Umstände glücklich schätzen, egal, welche Bereiche genau es betrifft.

Nun. Man muss sich eher Sorgen machen, wenn ich meine Sprache verliere als bei irgendetwas anderem, das ich eventuell nicht mehr tue. Als wäre der Mittelatlantische Rücken in mir, als würde er in mir mehr als 2,5cm pro Jahr wachsen. Es geht weiter mit dem Schreiben, ich habe mich innerlich wieder aufgerichtet.

Massive Attack & Young Fathers - Voodoo In My Blood

Plattentektonik II

Über den Kurven 3376 und 3379 steht ein Blutmond auf dem Rand des Tempelhofer Felds, die Brise weht deutlicher, als ich es erwartet hatte. In die Dämmerung strahlen Leuchtreklamen, an denen niemand vorbeifährt. Der Himmel über Berlin in übertrieben beißenden Farben, beinahe so intensiv wie die an richtig kalten Januarabenden.

Diese Wohnung und wie ich mit ihr die Jahreszeiten sehen kann, mag ich. Wie die Sonne immer höher über das Dach des gegenüberliegenden Hauses kriecht und dadurch Licht in Ecken bringt, die viel zu lange dunkel geblieben sind. Wie es an der Wand mit den teilweise offenliegenden Teilen von Trockengipsplatten entlangstreicht. Wie Schatten der Blätter der Pflanzen über die Rücken meiner Anatomieatlanten und Platten streichen. Holy Fire und wie es so wirklich brennt. Wie es mich wundert, dass das Grün im Zimmer schon so lange lebt, wie früher beinahe alles nach kurzer Zeit dahinstarb. Wie ich noch immer in einem Haus leben will, das auch von mir erzählen möchte.

// Stell dir das mal vor, dieses Absolute. Stell dir mal vor, wie es dich anschauen könnte, dieses Menschliche. Nicht die passenden Ausdrücke finden können für die richtige Situation. Bist du manchmal um Sprache verlegen? Ist da stattdessen ein Beat?
Kommt bei dir tendenziell eher etwas dazu? Fügst du hinzu? Bist du eine Kintsugi-Schale? Hast du aufgehört und wenn ja, womit? Ärgerst du dich darüber? Kribbelt es noch gelegentlich in deinen Fingern? Ist es wie ein Rauschen, ein inneres Antreiben, wie der erste Tritt in die Pedale im Frühling?

Was gibt dir Halt wie einer dieser an der Stange hängenden Griffe im Bus, in der U-Bahn und der Tram? Trinkst du gerade zu viel oder versuchst du, dein Gehirn mit anderen Drogen auszutricksen? Was gibt dir exakt genau jetzt Halt, was erdet dich, was ist deine Konstante? Ja, die in dir drin, die, die dich nicht verlassen wird, die, die immer da ist - deshalb auch Konstante - und mal lauter, mal leiser in dir an deine Tür klopft. Welche Zitate kommen dir in den Sinn? Womit lenkst du dich ab? Suchst du jetzt erst recht nach Bestätigung von außen? //

Dann stehe ich in Gedanken wieder Mitte Dezember an dieser Bushaltestelle in Tiergarten-Süd. Ich beobachte meinen Atem vor mir, vor ein paar Tagen noch Hoffnung und der große dunkle dreckige träge Fluss und gleichzeitig die Angst, die hochkriecht. Wie ich Angst hatte davor, dass manche sterben werden wegen Fahrlässigkeit, Class Politics, Überheblichkeit. Wie bis jetzt zu viele gestorben sind wegen Fahrlässigkeit, Class Politics, Überheblichkeit. Wie ich wie damals in die Nacht hinein weine, still, ganz leise, zu denselben Zeilen. I stand weeping at the train station 'cause I can see your faces.

// Was hält deine Erinnerungen zusammen? //

Wie sehr wir alle darauf angewiesen sind, dass die Dinge funktionieren, im besten Fall so wie wir es wollen. Ein Gedanke, der sich in Abständen in meinen Kopf schleicht. Meist aus Ver- und Bewunderung, wenn ich etwas an sich sehr fragilem dabei zusehe, wie es funktioniert. Momentan aus Ernüchterung.
Da sind die Rücken und Schultern und Hände von Fremden und Bekannten, da trägt sich, da zerbröselt etwas oder wiegt so schwer wie eine ganze Kiesgrube. Da trägt man manches gemeinsam.

Hallo, Geburtsmonat. Ich habe dich schon vor ein paar Tagen riechen können. Schwer in den Büschen voller Flieder, etwas träge bei den durch die Gegend fliegenden Pollen. Du hast schon Pirouetten gedreht, da am Eingang der U-Bahnstation, über den ich in den letzten Jahren viel zu viel und zu oft geschrieben habe. Du erinnerst mich an dieses kleine Gefühl, das sich einstellt, wenn etwas beginnt, sich ausbreitet. Vielleicht habe ich zu häufig Yoga gemacht am Morgen und am Abend, die Brust dort geöffnet und dabei meinen Brustkorb knacken gehört.
Du bist in den Wegen, wie Menschen schön sein können, wenn sie nicht wissen, wie schön sie sind. Nicht, weil sie konventionell und nach irgendwelchen Standards als schön gelten, sondern weil sie sind. Ich kann sehr zufrieden mit der Art sein, wie ich bin, wenn ich mein Spiegelbild betrachte und dem Spiegelbild trotzdem keine übersteigerte Bedeutung zuweisen. Das Finden von einem selbst in dem, was das Gegenüber einem spiegelt. Nicht mehr ganz Frühling sein und noch kein richtiger Sommer.

Ausstreckende Hände, Handflächen, die sich entfalten wie die Rose von Jericho bei Wässerung. Aus Krallen und Klauen werden feine Instrumente, mit denen sich etwas nachzeichnen lassen kann.
Da waren irgendwann vor langer Zeit Männerhände, die über meinen nackten Rücken fuhren, sich wunderten, wie dieser und der Hals so lang sein können. Da waren generell Hände, die sich um meine Taille gelegt haben um sich auf dem darüber liegenden Stoff zu fragen, ob sich die Fingerkuppen ihrer linken und rechten Hand beim Greifen um mich treffen. Da habe ich ihre Fragen gehört und verstanden und sie trotzdem nicht beantworten können. Wie sich mein Körper eben in die Proportionen legt, nicht besser oder schlechter als ein anderer. Da habe ich an meinen Schlüsselbeinen neue Konstellationen aus alten Windpockennarben und neu geformten Leberflecken entdeckt, da bereiten mir ein paar gewisse Muttermale auf den Schulterblättern Sorgen.

Ich sehe fast jeden Abend eine Person aus meinem Freundeskreis im Videochat, oft machen wir dann Screenshots, gelegentlich kochen wir, vorrangig lache ich viel. Den Druck als Kreative kreativ sein zu müssen, egal, was um mich herum passiert, spüre ich ebenso wie manche von ihnen. Was das mit mir macht, weiß ich noch nicht genau.

An SchriftstellerInnen hat mich schon immer mehr fasziniert, wie gut sie beobachten, was sie sehen und was sie davon aufschreiben, nicht zwingend, was für Geschichten sie konstruieren. Christa Wolf habe ich wegen ihrer sprachlich verdichteten Form der Einsamkeit geschätzt (siehe Kein Ort. Nirgends oder Nachdenken über Christa T.), Christoph Hein wegen seines Darstellens eines inneren Erstickens bei äußerlicher Unbewegtheit (siehe Der fremde Freund / Drachenblut), Sibylle Berg wegen der Offenheit, die fast schon eine Brutalität sein kann (siehe Vielen Dank für das Leben oder GRM: Brainfuck). Daraus resultierte, dass ich meine Form eines „Berlin-Romans“ schreiben wollte. Ich dachte, es braucht große Gesten und Charaktere, die für eine besondere Zeit stehen. Ich dachte, ich muss tief eintauchen in Milieus, mir Stereotypen herausarbeiten, ein gewisses Stadtgefühl in Klischees packen.
Mir fällt mittlerweile auf, dass ich exakt nichts davon machen muss. Die Städte schreiben sich zumeist selbst, beschreiben reicht aus. Alle fallen gelegentlich in Klischees, auch ich habe mich durch Nächte getanzt, passe an sich ganz gut in den Stereotyp einer Kreativen. Auch ich will lieben und geliebt werden und auch ich falle dabei gelegentlich mit dem Gesicht auf den Asphalt. Muss das nochmal schriftstellerisch durchgekaut werden, überzogen und klischeebeladen? Wo fängt das Triviale an, wo hört das Treibende auf? Ich will nicht so seicht sein oder Konstrukte vorgeblich seichter Menschen beschreiben wie manche in Pastell.

Kate Tempest - People's Faces

April 9, 2020Keine Kommentare

200409

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Plattentektonik I

Dies ist, dies wird, eine Erzählung in Etappen über ein paar Wochen im Jahr 2020, eines, das sich jetzt schon so anfühlt, als wäre seit Neujahr ein Jahrzehnt vergangen. Diese Worte werden vermutlich wachsen, je mehr Abstand alle von dieser Zeit gewinnen. Die Frage ist nur, wann genau ein Danach beginnt. So richtig.
In einer kleinen Ecke in mir liegen Sachen bereit, die schon länger darauf warten ans Licht zu treten. Der Wunsch, das du abzulegen und die dadurch sehr verwischten Aggregatzustände wieder klarer zu machen. Ein du nicht mehr als hybrides Sammelbecken für meine Erlebnisse, Fragen an Andere und Beobachtungen von Menschen. Schnipsel, Schatten, ganz viel Licht und ich, wie ich interpretiere.

Das hier ist das, was ich erzählen kann. Das, was ich sehe und mir passiert. Alles, was dir geschieht oder zustößt, gehört dir, sagte mal jemand, aber manches ist nicht Teil einer Geschichte, über die ich sprechen sollte. Es ist kein Erlebtes aus erster Hand, ich bin nicht darauf oder dagegen gestoßen wie ein Queue beim Billard auf den Spielball, habe dessen Ausmaße nicht gefühlt, habe mich nicht durch dessen Melancholie oder Wut oder Liebe oder Glückseligkeit gelebt. Schlichtweg: es gibt Dinge, die sind, aber sie sind und werden nicht meins.

M83 - Lower Your Eyelids To Die With The Sun

Meine erste Liebe war die Prosa höre ich mich sagen und komme nicht umhin zu lachen. Manchmaltage nannten die einen es, wenn ich meine Texte vorgelesen habe, die anderen erinnerten mich daran, nicht so schnell zu sprechen. Mitte März gerinnt mir mein in den Zwanzigern anerlebter, erlernter Tatendrang durch die Finger, will nicht greifen, kann nicht landen, Timing ist ein Schimpfwort. Wir haben alle unsere verschiedenen Lebenstempi.
Sich darauf besinnen, was mir immer Ventil und Decke zugleich war. Muss ich mich dafür noch ausbluten, muss ich mein Herz aus dem Brustkorb wüten so wie früher, damit ich künstlerisch tätig sein kann, muss ich überhaupt?

Verschiedene Zeitleisten, es könnten fast Parallelen sein. Ich höre und lese meinen Freunden und Freundinnen in Großbritannien und in Deutschland dabei zu, wie sie Angst um ihre Gesundheit haben, ohne das Wort Angst zu verwenden. Sie erzählen von ihren Alltagen in Krankenhäusern und von noch viel zu vollen Pubs in London an denen sie auf dem Nachhauseweg vorbeilaufen, während in ihren Kliniken PatientInnen sterben.

Säkert! - Fredrik

Einer nicht kleinen Zahl an Menschen sehe ich aus der Ferne dabei zu, wie sie täglich viel Alkohol trinken. Langeweile, Abendritual, einfach so. Ich frage mich, ab wann man verpflichtet ist, mit Nachfragen einzuschreiten.

Es irritiert, wie schnell der Körper vergisst. Wie kalt es war, wie sich Stimmen anhören, wie es sich anfühlt, unter vielen Menschen zu sein. I Want It That Way von den Backstreet Boys als Social Distancing Live Version und auf einmal tanze ich stumm heulend und davon überrascht in dem Bad, dessen Wände ich gerade ganz dringend streichen möchte. Bisher war das Lied für mich eines, das auf Brexit passt wie der Rest der absurden Abwicklung. Was gäbe ich für eine Umarmung, die mir etwas bedeutet.

"When I want something, it gets physical."
Kraków Loves Adana - Young Again

Ich denke zwei Monate zurück. Volle Bars, irgendwo in Mitte und Neukölln wabert Licht schummrig durch Fensterscheiben auf den nächtlichen Gehweg. Aus einem Café an der Friedrichstraße strahlt nun it was all a dream in Neonröhrenform in eine fast komplett verlassene Seitengasse. Eine Art Sonntagmorgen, noch bevor die Bäcker öffnen - so ist es gerade in meiner Version Berlin. Eerie als das einzige Wort, das in den Kopf kommt und langanhaltend verbleibt.

San Cisco - The Distance

Seit ich mir angewöhnt habe, ohne Kopfhörer auf meinen täglichen Spaziergang zu gehen, fallen mir mehr als ohnehin schon die kleinsten Dinge auf. Im kleinen vernachlässigten Park der wohl die Abgase der B96 zu einem Teil kompensieren soll, sitzen vereinzelt Menschen mit ihren Kindern auf den Parkbänken, Eichhörnchen laufen die Bäume hoch. Zwei Krähen streiten sich um ein Stück Pizza, eine von ihnen starrt mich an, fast als würde sie sich ertappt und verurteilt fühlen und mich dabei ertappen und verurteilen, weil ich sie in einem delikaten Moment anschaue.
Hier und da finden sich Leute zusammen, auf Entfernung, an Regeln haltend, hier und da ist es, als würde ich Slalom laufen; einzelne Sprachfetzen an meinem Ohr, fast ausschließlich das gleiche Thema. Währenddessen sind leere Straßen vor mir, auf die ich mich legen könnte, ohne von einem Auto gestört zu werden.

Auf dem Rückweg meines täglichen Spaziergangs hole ich etwas ab und flute in den großen Park am Ende meiner Straße. Sie haben die Trampoline abgesperrt, mittlerweile auch die asphaltierte Fläche daneben über die gelegentlich in normalen Wochen eine Bulldogge auf einem Skateboard rollt und Mengen anzieht, die sie filmen. Nichts ist hier leer. Ein Jugendlicher kommentiert meinen Hintern, ein paar Meter weiter will mir irgendjemand etwas über die Länge meiner Haare und meine Tattoos erzählen.

Jordon Alexander - Objects of My Affection

Fast einen Monat lang keine Berührung, keine Umarmung, ich bin manchmal kurz davor, meine Freunde anzurufen und sie zu bitten, sich mit mir in einem Hauseingang zu treffen, damit ich sie in den Arm nehmen kann und umgekehrt. Stattdessen sind da meine Pflanzen, ganz viel Licht in der Wohnung und eine Ruhe in mir, die ich vor Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Diese Wirklichkeit als Gesunde zu erleben, nicht depressiv, ohne Stimmungsschwankungen, ohne lähmende Angst, ist weniger Herausforderung als ich es erwartet hatte. Es macht dankbar. Auch wenn sich gelegentlich Stress in mir aufbäumt, sich Trauer, weil ich manche Menschen übertrieben lange nicht gesehen habe, kurz in den Abend legt, ist alles gut. Ich habe früher viel darüber geschrieben, was sich tief in meine Knochen gelegt hatte, um das ich mich gekümmert habe. Seit meinem Dreißigsten ist für mich alles ein Extra, alles ein unerwartetes Plus, ich halte das weiter in meiner Hand, was sich gut anfühlt, bin auf eine Art gelassen, mir der der eine oder andere noch nicht zu tun hatte. Trotz der Umstände. Trotz der Erlebnisse. Man nennt das Resilienz.
Es ist wie beim Autofahren, wo einem in jeder Fahrschule gesagt wird, man solle dort hinschauen, wo man hinfahren will. Vor allem, wenn es um Kurven geht.

Was gäbe ich für eine Umarmung. Ich tanze dieses Bedürfnis momentan von innen nach außen.

März 30, 2020Keine Kommentare

200330

9

Aus der Ferne kannst du es gut kontrollieren, fast immer, denkst du. Aus der Ferne kannst du tatsächlich gar nichts kontrollieren, aber das sagt dir niemand so einfach. Denn sie wollen wahrgenommen werden, sich wertgeschätzt fühlen, Zeit ist eine Währung. Sie fragen sich, was los ist, wenn sich deine Fäden verlieren. Weißt du, worauf du deinen Fokus legst? Tendierst du dazu, dich ins Negative hineinzusteigern, wiegst du dich in Gleichgültigkeit oder bist du mit Leidenschaft in den Dingen und bei den Menschen?
Was verwendest du um Andere hochzuheben, welche Worte schreibst oder sprichst oder summst du? Welche Vokabeln liegen schwer wie Blei in den Ohren, welche flattern, welche gleiten sanft dahin?

Mall Grab - Hand in Hand Through Wonderland

März 17, 2020Keine Kommentare

200317

8

Im Augenwinkel kannst du das, was du willst und haben willst, erahnen. Du siehst Figuren beim Laufen zu, hast die gleiche Form so oft und wiederholt gezeichnet, dass alle ihre verschiedenen Versionen zu einer werden. Als hätte jemand Jahr für Jahr das gleiche Foto aufgenommen und aus ihnen ein Daumenkino erstellt.

Nach Jahren in der Stadt hast du dich verlaufen, hast du vergessen, dass es in der Mitte der Mitte einen Ort gibt, den es selbst in irritierenden Zeiten zu meiden gilt. Zwischen einem menschenleeren Straßenzug stehen zwei Wohnwagen, um funktioniert zu Wurstbuden. Die Betreiber sitzen in der Sonne, ab und an weht der Wind etwas kalt bis fad durch die Serviettenstapel. 
Die Busse fahren wie immer in Kolonnen, du denkst dir, dass manche nicht oft sprechen, dass du das magst. Dass jeweils genau das Richtige mit dem Leben angestellt wird, auch das kommt in den Kopf, dieses Zutrauen ist eine Sicherheit, die du in deinem Leben willst, brauchst, um langfristig glücklich zu sein. Zeitgleich schaust du Kurven dabei zu, wie sie exponentiell ansteigen, wie bei Plague Inc. Das schönste Frühlingsrot steht hinter den Kränen, alle um dich herum tun so, als wäre nichts, als könne niemandem etwas geschehen. Arbeit und Struktur, Herrndorf, du hast noch immer recht. In deinem Pass steht „für alle Länder“ und dir fallen ein paar ein, in die du bald gern reisen würdest. Du freust dich auf den Moment, an dem du dir in deinem Arbeitszimmer ein neues Land erarbeiten kannst. 

An deiner Wand hängt Apokalypse in Fraktur. Stell dir vor, wir würden uns nie wieder sehen. Was für eine Verschwendung, oder?

We've just wasted time, we need a catalyst.
Cajun Dance Party - Amylase

März 5, 2020Keine Kommentare

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Hast du Schnee gesehen? Hast du stattdessen auf den Staub der untergehenden Sonne gestarrt? Liegt alles in der Kurve, willst du so sehr ans Meer und hörst stattdessen dem Verkehr der Hauptstraßen zu, als wäre es Wasserrauschen? Wirst du seltener wiederkommen?

Hat es sich gelohnt? Wobei hast du dich ertappt?

UNKLE - Farewell (feat. Ysée, ESKA, Elliott Power, Keaton Henson, Liela Moss, Mïnk, Dhani Harrison & Steven Young)


Wie rigoros schneidest du Orte, entfernst ihre Verbindungen zu dir? Haben zweieinhalb Jahre die davor wettgemacht? Fehlt dir das Klingeln der Fahrräder auf Kopfsteinpflaster? Erinnerst du dich an die Art, wie das Licht in die Zimmer fiel? Wie haben dir die Leute gegenüber dabei zugesehen, wenn du halbnackt in der Küche standest?

Wie sehr wissen sie, dass du weniger Wand und viel mehr Stargate bist? Was verarbeitest du, was lässt du damit hinter dir? Wo in der Seele von anderen findest, erahnst du Dehnungsstreifen? Welchen Wachstumsschmerz hältst du gerade aus? Wie erkennst du, dass dich etwas zu sehr langweilt?

Wollen sie, trauen sie sich? Traust du dich? Wann?

girl in red - bad idea!

Februar 17, 2020Keine Kommentare

200217

6

Du schaust ein wenig erschrocken oder zumindest überrascht - oder irgendetwas dazwischen. Du kannst nichts sehen, das ist das Glas vor deinen Augen, das kondensiert, das magst du gern abnehmen, wenn es zu warm wird. Du weißt schon warum und wann. An das Zitat mit dem in die Höhe fallen denkst du gelegentlich zurück. Musst du fallen? Kann es nicht so sein, dass du die Lider öffnest und das magst was du siehst? Kann es. Kannst du dabei nicht sehr ruhig sein, nicht unaufgeregt, aber nicht ängstlich? Kannst du. Es ist jetzt wohlig und angenehm, dabei war es draußen sehr kalt.

Sie kippen einander in altehrwürdige Einkaufstempel, sprudeln die Rolltreppen nach oben, ein wenig wie bei Arteriosklerose stockt es immer wieder und dann noch von Zeit zu Zeit. Gegenüber die Brandmauer.

Magst du mehr herausfinden, sehr bald?

Jungle - The Heat

Februar 5, 2020Keine Kommentare

200205

5

Wie viel Leben ist dir schon passiert? Hast du Teile davon in einen Messbecher gießen können; hast du sehen können, wie sich einige Schichten, Phasen voneinander abheben? Bist du dir deiner eigenen Skalen bewusst, können andere dich umrechnen oder braucht es dazu ein Tafelwerk?
Welches Experiment wolltest du schon immer sein? Erschreckst du dich, wenn an der Friedrichstraße die Mäuse zurück in die U-Bahnschächte rennen? Hast du auf einmal alles abstrahiert betrachtet, etwas zurückgesetzt, hast du dich am gleichen Tag mehrfach am gleichen Ort wiedergefunden? Beobachtest du dein Umfeld sehr genau, fast immer die Wand am Rücken? Welche Sprachen spuken abwechselnd durch deinen Kopf, teilweise im gleichen Gedanken?
Wärst du eigentlich gern mitgegangen? Welche Teile des Tages tun dir besonders gut? Lässt die Nacht dich aus der Reserve locken? Welche Momente hängen noch an deinen Händen?

Wie lange hast du am nächsten Tag nicht schlafen können?

"Waiting for some action."
The Strokes - Juicebox

Text auf Soundcloud anhören.

Januar 29, 2020Keine Kommentare

200129

4

Im ersten Waggon einer U3 gen Warschauer Straße sitzt jemand hinter der ersten Tür links, der dich an einen französischen Schauspieler erinnert. Einen, den du vor kurzem oder auch vor längerem in einem Film gesehen hast. Er schaut dich etwas verdutzt an, es erkennt sich kein Gesicht so wirklich im anderen; Glück gehabt. Ein paar Meter weiter steht sehr verloren und erschöpft ein Mann, der eine Zeitung mit dem Titel "Würde" in der Hand hält. Bevor du dir die Frage stellen kannst, ob er Hilfe braucht, steigt er aus und schlurft den Bahnsteig des Nollendorfplatzes entlang. Der Zug fährt erst langsam, dann schneller an und du bist dir sicher, dass er jede freundliche Geste hätte gebrauchen können.

Der Schlag in deine Magengrube ist noch spürbar, er hat sich aufgebaut über fast zwei Stunden, zwischendrin als hätte alles gebrannt. Ein sich nicht satt sehen können an Farben, Unbarmherzigkeit im Schlamm.
Du kannst die Treppe vom U-Bahnhof gar nicht so schnell hochrennen, wie du glaubst frische Luft atmen zu müssen. Im Europaparlament singen sie Auld Lang Syne und dir hängt dieses Gefühl hinter den Schulterblättern, das langsam nach vorne zu den Schlüsselbeinen klettert. Alles ganz dringend, du beeilst dich so schnell du kannst nach Hause zu kommen. Bleib in dem Modus, bleib da drin, nicht ablenken lassen; das muss alles raus, nicht nur alles auf einmal - vielmehr das, was selten aus deinen Fingerspitzen konnte. Es kann gar nicht so sehr drücken und schieben wie du fühlst, dass es das mit dir tut.
Der Fremde, der von der Polizei abgeführt wird, weil er auf einen anderen eingeschlagen hat, da an der Kreuzung, da, wo die Neonröhren schreien, da, wo sie vor der öffentlichen Toilette aufeinander warten. Der andere Fremde, der dich an der Kasse mit Worten versucht auszuziehen und dabei nur mit seiner Einsamkeit spricht.

Ein Gefühl, als würdest du gar nicht so schnell schreiben können wie du es willst. Linien dünn, du kannst das Rinnsal noch an den Wangen sehen.

Das hier ist ein großer Anfang, oder?

Codes in the Clouds - We Anchor in Hope & Thomas Newman - The Night Window

Text auf Soundcloud anhören.

Januar 22, 2020Keine Kommentare

200122

3

Im Dussmann sitzt ein älterer Herr, der einen Zettel voller Diagnosen in krakeliger Schrift in der Hand hält. Auf den ersten Blick wirkt er fit, auf den zweiten multimorbide. Du bist dir nicht sicher, wie hilfreich die medizinischen Lehrbücher vor ihm sind und setzt dich neben ihn. Er knickt ein paar Seiten beim Versuch etwas aufzuschreiben um, von anderen im Raum wird er nun angeknurrt. 
Langsam blätterst du durch ein neu erschienenes Lehrbuch. Der Textfluss solle nicht gestört werden, deshalb verwende man das generische Maskulinum und meine damit alle. Du fühlst dich schon lange nicht mehr mitgemeint, schaltest in solchen Momenten ab und fragst dich, wie sich Menschen an einen veränderten Textfluss gewöhnen sollen, wenn alles so bleibt wie es ist. Vor allem fragst du dich, ob es hilfreich ist, wenn in der Medizin weiterhin ein Geschlecht das ausschlaggebendere sein soll. Sprache ist wichtig, sie manifestiert. Du denkst an all die Jahre, in denen du mit der eigenen Sprache nicht gut zu dir warst und freust dich über die neuen Worte, die du für dich und alle anderen gefunden hast. Es ist ruhig und bebt gleichzeitig vor sich hin. Freunde mit Geburtstagswünschen vor Rührung zum Weinen bringen können.

Einige hunderte Meter weiter kannst du dort raven, wo sie als Gimmick Teile der Mauer aufgebaut hatten. Da, wo es eine Schneise gen Bundesrat treibt, da konnten sie gegen Geld Mauerstücke abhacken, mit Meißel in der Hand, Helm auf dem Kopf und Smartphonefoto als Beweis. Da standen die Touristen, dreißig Jahre später nicht mehr im Todesstreifen sondern im Streifen der Geschmacklosigkeit, da stehen sie heute und warten vor der Würstchenbude und mit treibendem Bass auf ihre Version Berlin mit Ketchup und Currypulver.

Du spiegelst dich im südlichen Viadukt, in den Balken, dahinter oder vor dir der Potsdamer Platz aus dessen Bahnsteig sie den Bahnsteig gerissen haben. Ein Ballett aus Baufirmen, alle Bänke auf einem Haufen. Beton. Jedenfalls siehst du die U2 durch die Kurven schlendern, ziehst wieder Linien, protokollierst Wege im Großen und im Kleinen. Irgendwann werden sie in Rahmen an viel zu weißen Wänden hängen.
Luft in den Lungen, kalt, den Mantel knöpfst du immer noch erst bei Minusgraden zu; deine Fingerkuppen betrachtest du beim Winterspiel längst nicht mehr. Im großen Saal, im Filmtheater in der Kantstraße, trifft es dich wie ein Schlag in die Magengrube, beinahe zwei Stunden lang. Das gleiche Gefühl noch Tage später.

Und nun?

"There's nothing wrong with a little push."
(De Lux - Cool Up)

(Text auf Soundcloud anhören.)

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